Überflüssig zu sagen, dass wir an diesem Morgen kaum etwas Anderes im Sinn haben, als die kleine Gruselbude möglichst schnell zu verlassen. Auf dem Plan steht die nächste Fahretappe an deren Ende der erste kleine Vorgeschmack von „Beachlive“ schon eifrig mit der Zielflagge winkt. Dementsprechend schnell sind Kaffee & Morgentoilette erledigt und besonderen Wert auf „ordentliches Kofferpacken“ scheint uns heute auch völlig überbewertet. Als Schatzi das Gepäck ins Auto wuchtet scheint auch zum ersten Mal der Lorenz wieder durch die nur noch dünnen, weißen Wolkenfetzen. Ein herrlicher Tag zieht auf – und mit Ihm der morgendliche Hunger.
Bevor wir also für die nächsten Stunden den überwiegend schnurgeraden Highway entern, statten wir unserer lieb gewonnen Bagel-Butze zum dritten und (leider) letzten Mal einen Besuch ab. Nach der Völlerei vom gestrigen Morgen und dem Snack-Picknick am Abend gelüstet es mich nach etwas „frischem“ und während Paul seinem Geschmack in Form des Bacon-Ei-Monsters treu bleibt, baue ich mir heute einen Salt&Pepper-Bagel mit Frischkäse, Tomaten, Zwiebeln und Kapern.

Schon beim ersten Bissen draußen in der Sonne klopfe ich an die Pforten des Futter-Himmels. Das Monster aus Tomaten und Frischkäse wehrt sich etwas gegen das gegessen werden, aber am Ende steige ich als Sieger aus dem Ring, wenngleich es mir im wahrsten Sinne des Wortes „mit dem ganzen Gesicht“ geschmeckt hat. Der Tomatensaft rinnt an meinen Fingern herab, den Frischkäse hab ich beinahe bis zu den Augenbrauen und einige Kapern konnte ich nicht davon abhalten, einen Umweg über meine Hose zu nehmen – Aber was soll´s! Am Ende des Massakers sehe ich zwar aus wie eine Sau, bin aber glücklich wie ein kleines Ferkel. Genau der richtige Mood um sich auf die lange (und voraussichtlich etwas eintönige) Fahrt Richtung Norden zu machen. Tagesziel: Surf City am Topsail Beach.
Die ersten zwei Stunden ziehen recht ereignislos am Fenster vorbei. Aber angereichert durch Eiskaffee aus dem frisch bestückten Cooler und Countrymusik aus den Lautsprechern gereicht uns sogar die schnurgerade Straße zu allerbester Laune. Hier und da passieren uns ein paar Trucks oder Biker und das Gefühl vom „American way of life“ flutet durch unser Führerhäuschen.

Irgendwann ändert sich die Landschaft vor dem Fenster. Wo eben noch dichte Baumwipfel die Straße gesäumt haben ist es jetzt eher Farmland. Grüne Wiesen, jede Menge Heuballen, endlose Feldreihen voller Kohl, Mais, jeder Menge Kürbisse, Erdnüsse und später auch Baumwolle säumen die Straße bis zum Horizont, nur gelegentlich unterbrochen von kleinen bis mittelgroßen Farmhäusern oder den klassisch dunkelroten „Barns“. Hier und da markiert eine Staubsäule am strahlend blauen Himmel saisonale Erntetätigkeiten mit schwerem Gerät am Boden. Auch wenn der „Indian Summer“ die bisweilen weiterhin grünen Baumkronen noch nicht ganz erreicht hat ist nicht zu übersehen: Der Herbst hält langsam Einzug und mit ihm das typische Farbenspiel aus warmen Gelb-, Gold- und Purpurtönen.
Am frühen Nachmittag neigt sich die erste Etappe des Tages dem Ende. Wir passieren Myrtle Beach und biegen ab in Richtung des Landesinneren. Im örtlichen Industriegebiet beherbergt diese Stadt eine kleine, aber feine Sehenswürdigkeit, auf die wir uns schon den ganzen Vormittag freuen. In einer äußerlich eher schnöden Scheune versteckt sich ein Juwel der Südstaaten: Wheels of Yesteryear.

Eine in Ihrer Form einzigartige, private Sammlung von mehr als 100 klassischen, amerikanischen Automobilen und einer Vielzahl von Vintage-Pop-Kultur Artefakten. Hier, im absolut unscheinbaren Industriepark von Horry County hat das Ehepaar Paul & Carol Cummings ihrer privaten Autosammlung ein zu Hause und Besuchern aus aller Welt die Möglichkeit gegeben, Ihr Lebenswerk zu besichtigen. Was von außen so unscheinbar daherkommen mag ist im Inneren einfach nur absolute Reizüberflutung im Endstadium.
Gleich hinterm Eingang empfängt uns der nur allzu eigene und allzu bekannte Geruch solcher Orte: Eine Mischung aus 70 Jahren Motoröl, Lederpflege und Benzin – komplettiert durch Essenzen von Chromputzpaste, Gummi und einem winzigen Hauch Moder. Ein Geruch, den ich mit geschlossenen Augen zu jeder Tages- und Nachtzeit immer und überall wiedererkennen würde. Anders als im Museumsschiff ist dies jedoch kein Odeur, was mir meine letzte Mahlzeit bis an die Einflugschneise meines Zäpfchens treibt – nein – ganz im Gegenteil! Nur allzu gierig saugen meine Lungen die in der Luft gefangene Geschichte ein – und ebenso gierig schauen meine hungrigen Augen nach den ersten Artefakten.
Lange müssen sie nicht suchen: Kaum hat man die erste Tür passiert, steht man quasi mittendrin im Lebenswerk von Paul & Carol. Zu Dutzenden aufgereiht stehen die Edelkarossen an den Wänden des ersten großen Ausstellungsraums (derer gibt es 4!).

Und da, wo kein Auto mehr hingepasst hat, komplettieren Autoteile, Poster, Radkappen oder ganze Zapfsäulen dieses Schnappatmung verursachende Ensemble automobiler Leidenschaft. Und wie immer: Augen – Überstunden – Ihr wisst schon. Einfach ein gigantisches, begehbares Wimmelbild…!

Überflüssig zu sagen, dass auch Pauls Kinnlade einmal mehr nicht in der Lage ist, in der geschlossenen Position zu verharren. Wir können uns überhaupt nicht sattsehen – insbesondere nicht, da in jedem weiteren Raum den wir betreten immer mehr kolossale Karossen zum Vorschein kommen.


Wieder einmal sind sie alle versammelt: Cadillac. Dodge. Chevrolet. Oldmobile. Pontiac. Lincoln. Plymouth. Ford. Massige Straßenkreuzer, sagenhafte Trucks, meterlange Cabriolets mit eindruckschindenden Heckflossen und ein paar Rennwagen bestücken diese Ausstellung. Sogar ein echter „General Lee“ steht hier.
In allen Farben von Zuckerwatte bis Regenbogen leuchten und funkeln sie um die Wette – manche komplett restauriert, manche einfach nur gepflegt gealtert.


Staunend schrankeln wir eine ganze Weile durch die Verkaufsräume, bevor uns der rostige Zeiger einer alten Werkstattuhr daran erinnert, dass wir weiter müssen. Das Tagesziel ruft – und ein wenig Hunger macht sich obendrein breit. Also verlassen wir dieses wundervolle Meisterwerk und machen uns auf den Weg, die zweite Etappe anzugehen.
Diese soll nicht so leicht vom Gaspedal gehen wie die Erste. Es ist Rush-Hour in Myrtle Beach und auch hier sind die Straßen am späten Nachmittag gestopft voll. Zu der roten Welle gesellen sich heute noch eine Vielzahl von kleinen bis mittelgroßen Baustellen. Immer wieder führen Bau- oder Mäharbeiten zu kleinen Verkehrsinfarkten und bringen den ohnehin schwer angeschlagenen Verkehrsfluss gänzlich zum Erliegen.
Als wir einmal ganz vorne an einer der Baustellen stehen, können wir eine weiteres US-Spezifikum bei der Arbeit beobachten: Die menschliche Baustellenampel. An Ein- und Ausfahrt der einspurigen Baustelle steht jeweils ein Mann und wendet ein Stop-Schild in den Händen wie ein Waffeleisen. Stop – Go – Stop – Go. Immer schön beide Männer im Wechsel. Paul staunt nicht schlecht. Das, was bei uns ein paar Kabel und ein Lichtsignal erledigen, übernehmen hier zwei Gelbhütchenträger. Ob das hier eine Maßnahme gegen Arbeitslosigkeit oder frei gewähltes Schicksal ist, können wir in der Kürze der Zeit nicht rausfinden – aber uns fällt beiden gleichzeitig ein synchrones „Augen auf bei der Berufswahl“ aus dem Gesicht. Wir müssen lachen – so lange bis das Ampelmännchen das grüne Go in unsere Richtung dreht und wir an der Reihe sind, die Baustelle zu passieren.
Am frühen Abend erreichen wir Topsail Beach und unser Hotel – Natürlich wieder ein Best-Western, aber diesmal ein deutlich lichtdurchfluteteres Etablissement als beim letzten Mal. Das Zimmer ist riesig. Neben dem überdimensionalem Bett in frischer weißer Baumwolle lädt ein Sessel samt Fußhocker unter einem großen Fenster zum Verweilen ein. Der Ausblick wird dieses Mal nicht durch eine Baumkrone behindert und die Abendsonne wirft lange, goldene Streifen auf den Teppich. Zustimmendes Nicken beider Köpfe. Wir nehmen eine Dusche und machen uns auf, den Abend bei einem großen Haufen Chicken-Tenders und einer adäquaten Menge scharfer Sauce im nahen „Bojangles“ ausklingen zu lassen – ausgiebiges Revue-passieren-lassen der heutigen, zahlreichen Eindrücke inklusive.
Was für ein außergewöhnlicher Tag das heute gewesen ist! Absolutely #MEMORABLE ❤️