Es ist noch sehr früh am Morgen, als ich die Augen aufschlage. Die Sonne hat es gerade erst über den Horizont geschafft, aber der blaue Himmel kündigt einen weiteren, wundervollen Tag an. Meine Zehen spielen verträumt mit dem Licht, während Else noch mit Aufwachen beschäftigt ist und sich noch etwas schlaftrunken um einen klaren Dialog bemüht zum Thema, wie der letzte Tag hier vor Ort verbracht werden soll.
*refurbished for a reason* In Ijmuiden beginnt der Tag unverändert sonnig und für mich daher mit einer ausgiebigen Laufrunde. Dem gemütlichen Frühstück auf der Terrasse folgt, nach einem kurzen Verdauungsnickerchen, ein Spaziergang. Das Ziel: Die Strandbar am Ende von Ijmuiden. Ich wähle, wie letztes Jahr, den Weg durch die Dünen und über die Bunker Route, entscheide mich aber diesmal nicht für den befestigten Hauptweg, sondern für einen schmalen Trampelpfad.
Die nächsten 2 Tage in Berlin sind einigermaßen vollgestopft. Besonders der Dienstag hat es in sich. Zahlreiche Online Meetings mit München, zahllose E-Mails, Calls und ein paar weitere Meetings vor Ort. Ich lerne noch ein paar Leute kennen, die bei der Neubesetzung der Stelle etwas mitzureden haben – unter anderem meinen potentiell direkten Vorgesetzten.
Am Abend brennen meine Augen und in meinem Kopf rutscht die Kupplung. Körper und Hirn laufen nach 5h Schlaf und dem heutigen 17h-Tag nur noch im Notprogramm (und auf jeder Menge Kaffee und Red Bull).
I feel you, Bro!
Umso mehr freue ich mich auf den Abend: Ich habe mich mit einer Freundin verabredet – im Feuermelder. Rein optisch schon der Inbegriff einer typischen Berliner Kneipe: Ranzig und komplett abgefuckt. Nicht gerade die Piano Bar im Hilton – aber dafür leider geil!
Gott sei Dank ist es eine meiner geheimen Superkräfte, absolut mühelos zwischen den Gepflogenheiten unterschiedlicher Etablissements hin- und herschalten zu können. Während meine Mutter dankenswerterweise schon früh auf eine tadellose Erziehung mit „Bitte“, „Danke“ und den dazugehörigen Tisch- und Gesprächsmanieren geachtet hat, so hat mich mein schon immer stark maskulin geprägter, somit männlich-simpler und mitunter etwas rau angehauchter Freundeskreis zu besten Teenie-Zeiten in feinste Bauarbeitermanieren eingeführt. In der einen Minute kann ich Prinzessin, in der nächsten Minuten immer noch Prinzessin – nur eben vom Schlag „Fiona“, inklusive des leicht ranzigen Vokabulars einer schlecht gelaunten Hafennutte.
Im Feuermelder scheint mir letzteres eher angebracht, also schalte ich höchst erfreut in den „Sailors-Mouth-Mode“ und falle damit hier nicht weiter auf. Der Abend ist leicht, das Bier ist kalt und es ist schon früh am Morgen, bevor ich mich in meinem Hotelbett zusammenrolle.
Oh oh …
Wieder daheim in München heißt es dann: Abwarten. Egal wie gut das Gespräch gelaufen ist – Ich weiß, dass das nur die erste Hürde von vielen war. Abgesehen davon gab es auch noch andere Bewerber. Der Auswahlprozess scheint den Berlinern schwer zu fallen, denn die Prozessmühlen im Konzern mahlen zwar ebenso langsam wie unvorhersagbar, aber es sollen ganze drei Wochen vergehen, bevor mein Telefon klingelt.
Donnerstag, 14. November – 19:30
Schon als der erste Piepton ein fernmündliches Gesprächsersuchen ankündigt, schießt mein Puls auf 200. Ich erkenne die Nummer und mit zittrigen Fingern nehme ich den Anruf meines potentiellen Chefs entgegen. Nach kurzem Small Talk kommt er gleich zur Sache. Seine Nachricht ist ebenso simpel wie weltbewegend zugleich: „Sie haben den Job.“.
Den Freudenschrei, der sich meine Kehle nach oben windet, kann ich nicht unterdrücken – Chef am Ohr hin oder her. Wir müssen beide lachen und ich kann nicht anders als mit einem hörbar breiten Grinsen zu fragen: „Wie konnte das denn passieren?“
„Nun – Sie waren eine recht ungewöhnliche Kandidatin.“ – Got it.
„Zugegeben, es waren andere Bewerber dabei, die fachlich eine höhere Übereinstimmung zum Anforderungsprofil aufweisen konnten“ – That´s what I thought….
„Aber sie haben einfach absolut unmissverständlich und auf eine sehr erfrischende Art und Weise klar gemacht, dass sie diesen Job einfach unbedingt wollen – und das Sie sich das zutrauen. Das hat uns sehr beeindruckt.“ – In meinem Augenwinkel sammelt sich eine Träne.
„Ums kurz zu machen: Auch wir trauen Ihnen das ohne Weiteres zu.“ – Die Träne fällt.
Ich bemühe mich, das Gespräch ohne ein verräterisches Krächzen in der Stimme zu beenden. Danach starre ich etwa 5 Minuten über meinem Küchentisch ins Leere.
ICH. HABE. DEN. JOB.
ALLES. WIRD. GUT.
Most meaningful celebration ever
Freitag, 22.11.2024 – THE „LOOK & SEE“ WEEKEND
Nachdem der erste Schock verdaut ist und die Nachricht Ihre Runde macht, geht es wieder nach Berlin. Diesmal auf dem Plan: Wohnungssuche. Ich befürchte hier, nach allem was ich gehört habe, ein eher schwieriges Unterfangen. Nach der Jobzusage bekam ich von HR einige ebenso hilfreiche wie erschreckende Infos. Sollte ich nichts finden, könnte man mir einen Platz in einem Wohnheim anbieten. Das sei zwar seit einiger Zeit mit Asylbewerbern belegt, aber es sei günstig. Zitat: „Es gib ein Bett, einen Tisch und es regnet nicht rein“. Na Prost Mahlzeit! Ich mag zwar mitunter genügsam sein, was das betrifft – Dieses Wohnheim jedoch gilt es unter allen Umständen zu vermeiden.
Also habe ich bereits die letzten Tage damit zugebracht, stundenlang durch Immoscout zu scrollen, Vermieter anzuschreiben und ein paar Besichtigungstermine auszumachen. Um den ersten davon wahrnehmen zu können und dabei noch etwas Puffer zu haben, steige ich um 4 Uhr Morgens ins Auto. Es ist eiskalt, dunkel wie im Hühnerarsch und mir ist schon beim Zuziehen der Autotür klar: Ein schnelles Vorankommen fällt heute aus. Es beginnt nämlich just in diesem Moment zu schneien – und zwar heftig.
Auf der A9 verschwindet kurz hinter Nürnberg der Asphalt unter einer geschlossenen Schneedecke. Für 460PS – nur auf der Hinterachse – jetzt nicht der ideale Spielplatz. Irgendwie herrscht eine merkwürdige Ruhe auf der Autobahn. Der weiße Zauber entschleunigt ungemein. Alles tummelt sich rechts – wie die Lemminge. Die linke Spur ist schon lange nicht mehr existent. Irgendwer schmeißt mit Eiszapfen um sich. Hier und da beobachte ich einen kleinen Überholversuch. Keiner gelingt. Alle scheren schnellstmöglich wieder ein.
No country for 460 HP
Das Thermometer fällt immer weiter. Wir knacken die -10 Grad Marke. Der erste Tank-Stop kostet mich nicht nur beinah meine Fingerspitzen, sondern führt auch dazu, dass mir große Rotztropfen mangels Taschentuch von der Nase auf den Pulli triefen. Der Winter ist da. Herrje – Hätte die blöde Sau sich nicht mit ihrem ehrenlosen Start noch einen einzigen, gottverdammten Tag gedulden können? Muss das denn ausgerechnet JETZT sein? Ich hab jetzt wirklich keine Zeit für sowas! Aber mir bleibt nichts anderes übrig als mich wieder brav einzureihen. Rechts. Mit 50km/h.
Am Vormittag erreiche ich nach einer äußerst ermüdenden Fahrt endlich mein Ziel. Ich habe Hunger und erinnere mich an ein herrliches kleines Frühstückscafé in Friedrichshain, was auch umgehend angesteuert wird.
Friedrichshain. Mein alter Lieblingskietz. Zum Wohnen, dank der Entfernung zum Werk am anderen Stadtende, leider völlig ungeeignet, aber allemal weltklasse zum Seele baumeln lassen. Zumindest, wenn man mit „abgefuckt“ etwas anfangen kann. Der ganze Kiez ist alternativ, zumeist links. Der Trend zum Foku-HiLa ist hier schon vor 3 Jahren wieder zu Ende gegangen und der ein oder andere läuft auch bei 2 Grad heute Barfuß.
Gleich beim Aussteigen empfängt mich eine saubere Melange aus Marihuana, den unerledigten Aufgaben der Stadtreinigung und einer Schnapsfahne aus dem Späti vor meiner Nase. Cash only regiert das Viertel. Für mich als 100% „Card Only“ Kunde immer ein kleines Ärgernis. Ich meine – Leute bitte: 1995 hat angerufen und hätte gern sein Zahlungsmittel zurück…! In dem Wissen, dass ich die Gepflogenheiten hier jedoch nicht ändern werde, bemühe ich den ATM gleich um etwas mehr Munition (nicht ohne im Vorraum der Bank über 3 Penner steigen zu müssen) und genieße mein Frühstück.
Pünktlich um 14 Uhr stehe ich beim Besichtigungstermin. Die Anzeige war ohne Bilder, aber allein durch die „Fakten“ auf Platz eins gerutscht. Berliner Altbau. 4 Zimmer. > 3 Meter Deckenhöhe. Südbalkon. Erstbezug nach Sanierung. Küche – Elektrik – Bad. Alles neu. Perfekte Lage in Wilmersdorf mit gut fahrbarer Distanz zum Arbeitsplatz. Als die Dame von der Hausverwaltung die Wohnungstür aufschiebt bin ich einfach sofort schockverliebt. Da stört es auch nicht weiter, dass die Sanierungsarbeiten quasi noch in vollem Gange sind und überall Werkzeuge, Zement und Parkett-Pakete rumliegen. Ja genau! NEUES PARKETT! EICHE! FISCHGRÄT!
Beauty to be …
Ja gut – sie ist n bisschen ZU groß und n bisschen ZU teuer. Aber ich kann einfach nicht anders: Ich mache Else (die schon wieder dabei ist Ihre Bedenken ungefragt in die Umwelt zu entlassen) mundtod und gebe alles, um dem bestmöglichen Eindruck zu hinterlassen. Ich händige meine Mappe aus und verabschiede mich mit meinem schönsten Lächeln. Ich muss weiter – zur den nächsten Besichtigungen. Interessieren tut sie mich nicht mehr wirklich. Ich will genau das, was ich gerade gesehen habe.
Die letzte Besichtigung am Abend ist in Mitte. Die Wohnung ist ein ebensogroßer Reinfall wie das Wetter. Bis ich wieder am Auto angekommen bin, bin ich komplett durchgefroren und beschließe, den Abend in der Hotelbadewanne zu verbringen. Ich verschätze mich jedoch mit der adäquaten Menge Rotwein und torkele, versehentlich ziemlich besoffen (aber dafür immerhin zum ersten Mal an diesem Tag nicht mehr frierend) ins Bett.
Der Samstag Morgen startet, kleinem Rotweinschädel sei Dank, gemütlich, stilecht und in feinster Katerstimmung auf dem Balkon.
No. Words. Needed.
Wenig später habe ich mich soweit zusammengesammelt, dass ich mich aufraffen kann zum Frühstück zu gehen. Auf meinem Teller findet sich ein ordentlicher Katervertreiber aus Heringssalat, sauren Gurken und Rührei. Dazu Literweise Kaffee – und ein Gläschen Laune-Brause. Am Champagner konnte ich dann doch nicht vorbei gehen (Kater hin oder her). Immerhin kann ich mich gerade noch beherrschen, mir nicht gleich eine Bloody Mary zu mixen. Interessantes Angebot zum Frühstück.
Only in Berlin …
Den Rest vom Samstag verbringe ich damit, die Stadt ein wenig zu erkunden. Denn: Egal welche Wohnung es werden wird – hier werde ich hinziehen. Und das sogar schon ziemlich bald. Nachdem alle prozessualen Hürden genommen waren, kam die Abordnung. Man freut sich sehr auf mich – und ich darf gleich im Dezember loslegen – was soviel heißt wie: Übernächste Woche!
Ich kann das alles immer noch nicht glauben und auch Else schiebt Sonderschichten bei dem Versuch, die sich überschlagenden Ereignisse ordnungsgemäß im Oberstübchen zu sortieren. Es soll uns an diesem Wochenende nicht mehr so recht gelingen, denn bereits am Montag erhalte ich die nächste Nachricht aus Absurdistan: Ich bekomme die Wohnung.
Ja genau. DIESE EINE Wohnung.
Wieder sitze ich an meinem Küchentisch. Wieder starre ich sprachlos Löcher in Luft. Wieder schiebt Else Überstunden. Kann das wirklich sein?
Die Nachrichten sind immer wieder voll von Horrorgeschichten über die Wohnungssuche in Berlin. Wucher. Abzocke. Frustration wohin man schaut. Auch Kollegen aus dem Werk suchen seit über einem Jahr. Einige von Ihnen wohnen in besagtem Wohnheim. Und ich? Brauche am ERSTEN Tag bei der ERSTEN Besichtigung ganze 12 Minuten, um meine absolute Traumwohnung zu ergattern….
So langsam vermute ich irgendwo einen Prank, kneife mich alle 5 Minuten und frage mich ernsthaft, ob ich das nicht am Ende alles nur träume und Morgen knatschig aufwache.
Ich träume nicht.
Bereits am nächsten Sonntag fahre ich wieder nach Berlin. Zwar sind die Sanierungsarbeiten in meiner Wohnung noch nicht abgeschlossen und das Einzugsdatum somit erst auf den 16. Dezember festgesetzt, was bedeutet, dass ich mich die ersten 2 Wochen mit „Budget“ Hotelzimmern begnügen muss. Aber das stört mich für den Moment nicht weiter – Ich gehe ohnehin davon aus, dass ich die meiste Zeit im Werk sein werde. Und im Büro in München. Kleines Abschiedsgeschenk der Münchner Abteilung.
Nachdem man mich ja nun monatelang förmlich bedrängt hat zu gehen, war es jetzt dann doch alles „ein bisschen sehr kurzfristig“ / „So schnell kann das doch niemand übernehmen“ / „..ist zu wichtig..“ / blabla *Ach nee* Somit wurde ich also dazu verdonnert, neben der neuen Mammut Aufgabe in Berlin doch einfach bitte noch die alten Pflichten ein wenig weiter zu erfüllen. 2 Tage pro Woche bis Ende Februar. *Da fuck?* Physisch in München *WHAT?* Danke für Nichts! Aber gut – Faust inne Tasche und ab dafür.
Montag, 02.12.2024 – DER ERSTE ARBEITSTAG
Der Morgen bricht an und der Wecker klingelt um 05:00. Überflüssig zu sagen, dass ich da schon längst wach bin. Zum einen ist das Bett im Ibis-Hotel jetzt alles andere als eine Spielweise zum Träumen, zum anderen erwartet mich heute der aufregendste Tag der letzten Jahre. An Schlaf war also (wieder mal) nicht wirklich zu denken.
Ich schwinge die Beine aus dem Bett. Der Blick in den Spiegel offenbart ein kleines Ungemach, welches das 100% Polyester-Kissen auf meinem Haupt angerichtet hat. Das ganze Umhergewälze in der Nacht hat dazu geführt, dass die Haare, die mir nicht vollkommen senkrecht zu Berge stehen, als kleine Knotennester am Kopf kleben. Na toll! Ausgerechnet heute. Verzweifelt bemühe ich mich um Schadensbegrenzung, bleibe aber völlig erfolglos und steige – schon leicht genervt – in die Dusche.
Keine anderthalb Stunden später stehe ich, pünktlich um 07:00 Uhr, bei 2 Grad und Regen, vor der Werkseinfahrt. So – das ist es also. Hier wirst Du ab jetzt arbeiten. „Hübsch hast Du es hier“ flüstert Else.
There is a new kid in town.
Ich melde ich mich beim Werkschutz an, fülle ein paar Papiere aus, passiere zum ersten Mal die Schranke meiner neuen Wirkungsstätte und werde gleich dahinter von einem meiner fünf Teamleiter begrüßt. Er steigt ein und zeigt mir die Anfahrt zum Büro. Meine Güte – ich hoffe, den Weg zwischen den ganzen Hallen kann ich mir bis Morgen überhaupt merken. Das wäre ja hochnotpeinlich, wenn man sich zwischen den Stahlbunkern hier verfahren und jemandem um Hilfe und Abholung bitten müsste. Wir rollen auf *festhalten* meinen (!) Parkplatz. Ich bin nervös – Immerhin lerne ich heute gleich alle meine neuen Mitarbeiter kennen. Da ich nicht allein im Wagen sitze, ist es mir nicht vergönnt nochmal in Ruhe die Augen zu schließen und tief Luft zu holen, also erledige ich das unbemerkt im Aussteigen.
Und beim Wiedereinsteigen. Der Tag ist so unfassbar schnell an mir vorbei gerauscht, dass ich mich fühle, als hätte sich das Raum-Zeit-Kontinuum um mich herum zusammengefaltet. In den letzten 12 Stunden habe ich unzählige Hände geschüttelt, ganz großartige Menschen kennengelernt, viele interessante Gespräche geführt und meine neue Heimat – die Montagehallen – besichtigt. Kurzum: Ganz viele neue Gesichter. Ganz viele neue Orte. Ganz viele neue Eindrücke. Um nicht zu sagen: Ein völliger und absolut lupenreiner Overkill. Ich schaffe es gerade noch aufrecht ins Hotelzimmer bevor ich bäuchlings und todesfertig, dafür aber überglücklich, auf dem Bett zusammensacke.
Die nächsten Wochen kann ich rückblickend nicht mehr wirklich sauber auseinanderhalten. Dem ersten Overkill folgten zahlreiche Weitere, mein Gehirn fühlt sich angesichts der täglich neuen Inputs an wie eine Stopfgänseleber und die Stunden rauschen mir einfach nur so durch die Finger. Montags bis Mittwochs bin ich im Werk. Donnerstags & Freitags bin ich in München. An den Wochenenden bin ich abwechselnd in München, Stuttgart oder Düsseldorf. Der Kilometerzähler meines schönen neuen Wagens schrubbt sich einen Wolf und ich weiß mitunter nicht mehr, welcher Tag gerade ist.
Einen Tag jedoch kann ich noch genau abrufen:
16.12.2024 – DER EINZUG
Es ist soweit. Heute soll ich meine neue Wohnung übernehmen. Ich bin den ganzen Tag schon etwas hibbelig. Am Abend nehme ich zum allerersten Mal die neue Route von der Arbeit nach Hause. „Nach Hause“ – klingt in dem Zusammenhang irgendwie noch so herrlich unverbraucht, aufregend und vielversprechend. Bald schon stehe ich vor meiner neuen Haustür.
Der kleine Schlüsselbund in meiner Hand ist kalt und fühlt sich ungewohnt an. Das Klirren klingt noch fremd. Wieder ein tiefer Atemzug. Ich schließe die Tür auf, besteige den alten, knorrigen Aufzug und fahre in die 4. Etage. Ich suche den passenden Schlüssel für die Wohnungstür, die kurz darauf mit einem leisen Klick aufspringt. Ich betrete den Flur und schalte das Licht ein.
Freude durchflutet mich. Ein ganzer Kubikmeter Endorphine wird in meine Blutbahn geschwemmt. Die Wohnung ist, jetzt wo sie fertig ist und kein Baumaterial mehr rumsteht, noch viel schöner als ich sie von der Besichtigung in Erinnerung habe. Ich drehe eine ausgiebige Runde. Die Räume sind unendlich hoch und angefüllt mit dem herrlich hölzernen Geruch des neuen, wunderschönen Eichen-Parketts. Ich öffne im Salon die großen Fenster zum Hinterhof. Eine herrliche Klangkulisse aus Leben und Abendstimmung empfängt mich. Ist das schön!
Zum Auspacken habe ich nicht viel. Der „richtige“ Umzug mit der Spedition – wird erst im Februar stattfinden. Für heute begnüge ich mich also damit einen kleinen Kleiderständer aufzubauen, meine fünf Sachen darüber zu werfen, das neu angeschaffte Luft-Bett aufzupumpen (Gott sei Dank mittels integriertem Kompressor) und die Bettwäsche herzurichten.
Dreams about to come true.
Ich nehme eine lange heiße Dusche, mache mir ein Bier auf, drehe noch mehrere Runden durch mein neues Reich und setze mich schließlich, dick eingemummelt, auf den Balkon. Ich genieße noch eine ganze Weile den Ausblick auf die schönen Häuser gegenüber und seufze mehrmals leise vor mich hin, bevor ich kurz darauf ins Bett falle.
Das Fenster zum Hof ist einen Spalt breit auf. Ich spüre den kühlen Luftzug auf meinem Gesicht, schließe die Augen und lausche noch eine ganze Weile den Geräuschen meiner neuen Umgebung.
Ich erwache kurz nach dem Sonnenaufgang und kann mich nicht erinnern, jemals in einem so schönen Bett geschlafen zu haben. Größer? Ja. Dickere Matratze? Absolut. Aber – besseres Gesamtschlaferlebnis? Definitiv nicht! Und gleich dreimal nicht, wenn man den Ausblick mit einrechnet, der sich einem beim ersten Augenaufschlag bietet.
Mehr oder weniger auf den Tag genau vor 365 Tagen saß ich zuletzt hier. Der Ort: Holland. IJmuiden aan Zee. Die Kulisse: Absolut und gänzlich unverändert. Der Laden: Gerard van Es – Fischhandel & Restaurant. DIE Fischbrötchenbude am Platz für die Hafenarbeiter von IJmuiden. Die Sonne scheint. Eine gelbe Markise kämpft mit dem gleißenden Lorenz um etwas Schatten. In meinem Magen: Ein großes Loch. Vor mir: Delikatessen im Pappkarton. 2 Brötchen. Einmal Hering mit Zwiebeln – Einmal Krabbensalat. Fischbrötchen DeLuxe!
Beide in Begleitung einer golden schimmernden Hopfenkaltschale. Diesmal aber eine „Normale“. Ich muss etwas schmunzeln, als ich mich daran erinnere, wie ich letztes Jahr nach meinem Spaziergang über die Hafendocks hier ebenso hungrig wie durstig eingekehrt bin und mein Bier nicht nach Marke sondern (mangels irgendeines Wiedererkennungswertes) nach Etikett ausgewählt habe – nur um nach 2 Schlucken völlig besoffen in formschönster Halb-Acht-Schräg-Stellung auf der Bank zu hängen. Gierig wie ich war, hatte ich ein „Triple“ erwischt. Schöne Erinnerungen. Nicht ganz so schöner Heimweg. Das soll heute anders sein – denn ich komme gerade erst an.
Der Wiedereintritt in die Münchner Erdatmosphäre hätte härter kaum sein können. Der Flug war zwar angenehm (und obendrein pünktlich), die Einreiseformalitäten schnell erledigt und das Gepäck ohne Verluste am Start, nicht so jedoch die „äußeren Umstände“: Wetter spricht alles andere als ein Warm Welcome. Okay, dass der Sommer bei meiner Rückkehr vorbei sein würde war erwartbar und somit einkalkuliert. Diesbezüglich habe ich mir wenig bis gar nichts vorgemacht. Dass ich das Flughafengebäude jedoch bei lausigen 8 Grad, kräftigem Wind und dichtem Nieselregen von der Seite verlassen muss – darauf war ich jetzt nicht unbedingt vorbereitet (und bin entsprechend unbegeistert). Hier hat jemand eindeutig den Sommer etwas zu ruckartig ausgeknipst.
Der Morgen startet viel zu früh. Nach dem fulminanten Essen gestern Abend habe ich noch eine Weile draußen gesessen. Abschied nehmen fällt mir immer schwer, und so habe ich eben auf meine Art versucht, den letzten Abend maximal in die Länge zu ziehen. Das ist mir zwar geglückt, jedoch rächt sich das heute Morgen.
Der Morgen des letzten vollen Urlaubstages startet mit Regen. Schon als ich erwache, sehe ich kaum mehr als das trübe Grau eines tiefhängenden Wolkenbandes. Dicke Tropfen klatschen an die Scheiben. Na toll! Letzter Tag und dann sowas! Ich hatte doch so viel vor….!
Der Morgen startet mit einem Kaffee auf dem Balkon. Es ist frisch. SEHR frisch. Aber eingemummelt in einen dicken Fleece-Pullover, der auf Grund seiner Webart dezent an die Wollmatte eines schottischen Tweed-Schafs erinnert (und auch genauso warm hält) kann ich dennoch den Blick in den wolkenfreien Norden ausgiebig genießen.
Nach dem heißen Whirlpool und dem letzten Schluck aus der Flasche mit der Erkältungsmedizin habe ich geschlafen wie ein Baby und erwache einmal mehr recht ausgeruht. Nachdem die Kaffeemaschine fertig geblubbert hat, trete ich auf den Balkon. Eigentlich darf man dort nicht rauchen – aber das habe ich bereits gestern Abend beim Abkühlen nach der heißen Wanne ignoriert, aus gutem Grund.