Das Urlaubsidyll macht heute mal kurz Pause. Aber alles schön der Reihe nach und nicht drängeln.
Am Morgen reißt mich der Wecker viel zu früh aus einer Tiefschlaf-Phase. Einigermaßen desorientiert mache ich nur sehr widerwillig die Augen auf.
Als ich mich gestern Abend am Firepit unter Palmen in meinem Sessel zusammengerollt hab wie eine Katze und bei einem Bier meinen Gedanken nachhing, ist es spät geworden. Sehr spät. Dementsprechend todmüde bin ich heute Morgen, erhebe mich aber dennoch. Man hat ja schließlich einen Tagesplan.
Zu allem Überfluss streckt mir die Kaffeemaschine im Zimmer keinen Kaffee entgegen, sondern nur einen weit ausgestreckten Mittelfinger in Form eines kaputten Heizmechanismus. Okay?! Kein Kaffee also. Zauberhaft…! Viel schlechter kann für mich ein Tag kaum starten. Aber ich habe noch einen kalten Rest von Gestern im Auto, den ich hole. Von wegen Not und Teufel und Fliegen und so…
Irgendwie zieht sich dieses Dilemma durch den gesamten Vormittag. Das Laufband im Gym ist kaputt, was mich zwingt, auf den verhassten Stepper auszuweichen. In meiner Dusche hockt ne dicke Spinne und guckt mich blöd an, als ich den Vorhang beiseite ziehe und im Wetterbericht sehe ich wieder nur dichten Nebel an der Bucht von San Francisco.
Doch auch das Pech muss mal zum Pieseln – und so erlebe ich eine kleine, köstliche Atempause beim Frühstück. Es gibt überraschend nicht nur Porzellan (eine willkommene Abwechslung nach den letzten Tagen voller Pappteller) sondern auch ein etwas umfangreicheres Frühstücksbuffet als sonst. Und so findet sich auf meinem Teller eine seltene Delikatesse: French Toast. Eine Scheibe fluffigstes Weißbrot, getränkt in Milch und Zimt, dick wie ein Türkeil – dazu heiße Pfirsiche aus dem Steamer. Ich hab ja selten Bock auf süß – aber das hat mich heute Morgen irgendwie sehr unwiderstehlich angeflötet. Und was soll ich sagen? Es ist jedes schlechte Gewissen wert!
Danach geht´s aber erstmal weiter mit der Pechsträhne. Meine Zapfsäule an der Tanke streikt – wahrscheinlich angesichts der Spritpreise: Das Benzin kostet hier gleich mal doppelt so viel wie in den bisher durchquerten Bundesstaaten. Gott, was bin ich froh, dass ich den durstigen Truck bisher woanders tränken konnte. Der Supermarkt hat nicht alles, was ich brauchte und der Verkehr in Corte Nevada und in San Rafael ist hektisch und nervig. Als ich endlich alle Erledigungen durch habe und wieder auf dem Highway bin, komme ich nicht umhin, einmal ganz tief durchzutatmen, meinen eigenen Reset Knopf zu drücken und mich auf den Tag zu freuen.
Der markiert quasi so etwas einen komplett neuen Abschnitt. Es geht ab jetzt an der Küste entlang, ausschließlich über den berühmten „Pacific Coast Highway 1“ Richtung Norden, wieder nach Seattle. Der innere Kompass mag zwar mittlerweile jedes Gefühl für Uhrzeiten oder Wochentage verloren haben, aber er spürt nun deutlich erste Anzeichen von „Rückweg“. Vor mir liegen zwar weitere 5 Tage und jede Menge Dinge, die angeschaut (und vrsl. auch angefasst) werden wollen, aber die Tatsache, dem Ende der Reise in diesem letzten Drittel um ein Vielfaches näher zu sein als dem Anfang, drückt mir für den Moment erstmal deutlich aufs Gemüt.
Der dichte Nebel, den ich auch jetzt am Morgen schon wieder die Berge hinabkriechen sehe, macht es vorerst auch nicht besser. Schon von Weitem lässt sich erkennen: Das mit dem Foto von der Golden Gate Beidge kann ich mir heute Morgen genauso abschminken wie gestern Abend.

Ich ärgere mich jedoch nur ganz kurz, denn ich muss insgeheim gestehen, dass mir das gar nicht so ungelegen kommt. Bereits gestern sind mir (neben meinem ohnehin vorhandenen Wissen um die katastrophalen Zustände in SFC und Umgebung) die zahllosen Schilder, Leuchttafeln und Hinweise aufgefallen, die vor Autoeinbrüchen gewarnt haben.
Das bis auf Cooler und ein paar versprengte Klamotten leere Auto abzustellen war das Eine – Aber Heute Morgen, mit einem halben Hausstand (verpackt in zwei an sich schon nicht ganz wertlose Aluschälchen aus dem Hause Rimowa) auf der gut einsehbaren Rückbank, wäre etwas ganz anderes.
Ich lasse die Abfahrt in Richtung Golden Gate Vista also – im wahrsten Sinne des Worte – links liegen und halte mich geradeaus Richtung PCH und Küste. Auf den paar Meilen lichtet sich der Nebel natürlich Null und ich ahne schon, dass ich auch das „Tennessee Point Labyrinth“ knicken kann, fahre aber trotzdem – einem letzten Funken Hoffnung folgend – zum mittlerweile gut gefüllten Parkplatz. Leider auch hier: Dichter Nebel und kaum mehr als 15 Grad. Trotzdem steige ich aus (nicht ohne mir wieder das dicke Fleece von der Rückbank zu klauben) und laufe ein paar Meter zu Fuß an der Bucht entlang. Dank Wolken & Nebel allerdings ein eher trister Anblick an diesem Morgen.


Und dennoch: Der Moment, an dem ich zur Küste und damit ans Meer durchstoße, hat für mich immer etwas ganz Besonderes. Sosehr ich auch die Rocky Moutains, die Wüste, die Seen oder die Sierra Nevada bewundern oder genießen kann… Das Meer wird für mich der schönste Ort bleiben.
Auch wenn mir der Nebel mittlerweile in kleinen Rinnsalen den Hals hinabläuft, so nehme ich doch einen ersten, tiefen Atemzug, der ebenso unverkennbar wie wundervoll nach Salz duftet und schmeckt. Gestern Abend war mir das ja irgendwie nicht vergönnt weil mir der Sturm oben am Vista Point die eiskalte Luft gefühlt schneller am Mund vorbeigedroschen hat, als ich sie einsaugen konnte.
Ich mache noch ein paar Bilder und setze meinen Weg dann aber alsbald fort. Mit der Küstenstraße beginnt jetzt die Jagd nach meinen geliebten Leuchttürmen (noch so ne Faszination, die irgendwie nicht nachlassen will) und den ersten habe ich natürlich bereits im Vorfeld auf der Karte markiert. Der ist mit 54 Meilen auch gar nicht so weit weg. Dachte ich bis dahin zumindest.
Ich muss recht schnell feststellen, dass der PCH nördlich von San Francisco kaum etwas mit dem im Süden gemein hat. Die Straße ist vergleichsweise schmal und windet sich in endlosen, mitunter sehr engen Kurven durch Berge und Steilklippen.

Hier geht es keine 20 Meter geradeaus, die Topologie des Geländes würde zudem dem Nürburgring vor Neid erblassen lassen und die Geschwindigkeit ist – durchaus zurecht – allerorts auf max. 25mls begrenzt.

Somit beanspruchen die zunächst nur lächerlich anmutenden 54 Meilen über 2 Stunden und irgendwo auf halber Strecke muss ich zugeben: Für diese Gegebenheiten ist mein überdimensionierter, behäbiger Truck mit dem enorm ungünstigen Schwerpunkt (vorne oben) das völlig falsche Auto. Aber auf dieser Straße kämpfen auch andere Fahrer mit deutlich kleineren Gefährten um die Fliehkraft.
Es ist bereits weit nach Mittag, als ich den Parkplatz unterhalb der Steilklippe erreiche, auf der mein Ziel liegt. Der Ausblick entlang der Küste ist mal wieder absolut atemberaubend.

Zu meiner große Freude gibt es einen gut ausgebauten Pfad und sogar einen Zugang zum Leuchtturm. Ich schnüre die Stiefel fester und mache mich auf den Weg. Knapp eine Meile geht es zu Fuß bergauf zu einer Aussichtsplattform. Die Wolken haben sich für einen kurzen Moment verzogen und so breitet sich der Pazifik vor meinen Augen bis zur Unendlichkeit aus.
Ein Schild macht Besucher darauf aufmerksam, dass gerade Hochsaison für die Wanderungen der Grauwale ist. Eine kleine Ausstellung flankiert diese Information.

Und tatsächlich kann ich in der Ferne des Öfteren eine Finne, eine Fontäne oder auch eine Fluke erkennen. Es ist unendlich schön!
Was nicht ganz so schön ist, ist der Weg zum Leuchtturm, der mittlerweile unter mir liegt. Über 300 Stufen müssen hinab (und somit auch später wieder hinauf) gestiegen werden, wenn man das volle Erlebnis haben möchte. Und das möchte ich natürlich! Hätte ich das gewusst – ich hätte mir den Stepper am Morgen sowas von getrost sparen können.


Unten am Leuchtturm angekommen, erfüllt mich wie immer diese merkwürdige Ehrfurcht, vor den Dingern, die in grauer Vorzeit Schiffe davor bewahrt haben, an den felsigen Klippen zu zerschellen. Das hier ist an sich jetzt kein besonders hübsches Exemplar – Aber ich mache natürlich trotzdem ein paar Bilder und genieße die Aussicht. Recht lange sogar.

Aber irgendwann kann ich den Rückweg nicht weiter hinauszögern und kämpfe mich die endlose Steintreppe wieder empor. Das wird Morgen einen äußerst formschönen Muskelkater geben..!

Zurück am Truck leere ich zwei Wasserflaschen in einem Zug, zerre gierig meine Lunchbox aus der Kühltasche und verspeise genüsslich und zufrieden einen Rest Nudelsalat, eine Banane und eine handvoll Mandeln. Es geht doch nichts über Freiluft Picknick mit Panorama!
Danach bin ich ausreichend motiviert, mich wieder der arbeitsintensiven Straße zu widmen. Ich ahne schon, dass ich die Rechnung wieder ohne die tatsächlichen Gegebenheiten gemacht habe und bin daher wenig überrascht, als Google für die verbleibenden 160 Meilen eine Fahrzeit von 4 Stunden berechnet.
Ich überlege kurz zu kneifen und die Alternativroute über die besser ausgebaute 101 hinter den Bergen zu nehmen, aber zum Einen würde das (obwohl es ein enormer Umweg wäre) nur etwa 1h sparen und zum Anderen tönt Else lauthals, ob ich eigentlich noch alle Lichter auf der Kette habe, über Derartiges überhaupt nachzudenken. Ich muss Ihr vollkommen Recht geben. Wie oft werde ich in diesem Leben hier noch herkommen?
Ich starte den Motor und mache mich auf den Rückweg zum Highway 1, den ich dann bis zum Abend nicht mehr verlasse. Den ganzen Tag wechseln sich beeindruckende Wälder mit steilen Küstenabschnitten ab.

Am Nachmittag schleicht sich sogar mal die Sonne für einige Zeit durch den sonst weiterhin dichten Nebel. Dieses Stück ist an (Fahr)Eindrücken kaum zu überbieten. Leider kann ich nur wenige Bilder machen, denn ich fahre Richtung Norden – somit auf der Hangseite, an der es kaum Turnouts gibt – und die auf der Gegenfahrbahn sind zumeist zu klein um den Truck dort zu wenden. Noch dazu ist die Straße weiterhin so schmal und kurvig, dass man meistens beide Hände am Lenkrad braucht.
Erst als es dunkel wird erreiche ich in wieder brutal dichtem Nebel Fort Bragg. Der erste von zwei Orten, an dem ich zwei Nächte bleiben werde, da ich Morgen einen weiten Abschnitt am Strand zu Fuß erkunden möchte.

Viele Häuser entlang der so geschichtsträchtigen Hauptstraße sind – wie so viele andere des Weges – verlassen. Es scheint als habe der Bau des Highway 101 vielen Geschäften hier entlang des PCH einen Strich durch die Lebensrechnung gemacht und die Menschen gezwungen, woanders hinzuziehen. Diejenigen die da geblieben sind, leben jedoch nach wie vor das „Surfer Live“. Der noch belebte Teil der Straße ist gesäumt von Surfshops, Kajak- und Fahrradläden, sowie einladend beleuchteten Restaurants.
Nachdem ich mir heute für 200 Kilometer etwas über 4 Stunden am Steuer einen Wolf gekurbelt habe bin ich froh, es nachher zum Abendessen nicht mehr weit zu haben. Ich bringe nur eben die Koffer ins Zimmer und mache mich dann eigentlich gleich volley wieder auf den Weg. Den so sehnsüchtig erwarteten Sundowner wird es heute dank des immernoch verhangenen Himmels eh nicht geben. Und somit gibt es auch nichts, auf das ich warten müsste. Schade um das schöne Zimmer mit Meerblick.

Ich entscheide mich wieder für einen Mexikaner (schlicht, weil der am längsten aufhat) und setze mich an einen kleinen Tisch, gleich in einer Fensternische, und bestelle als erstes Mal wieder eine Michelada.
Während ich auf mein Essen warte watschelt am Fenster ein Pärchen vorbei. Recht ungepflegt schauen die beiden aus. Schlecht und billig gekleidet. Er: Shorts, die sich zwischen den Schenkel hochrollen. Sie: Zum Bersten gespannte Leggins. Beide: Obenrum zu wenig Stoff (Aber Hauptsache Neon) Gelbe Fußnägel blitzen aus ausgelatschten Flip-Flops. Nationalität – schwer zu sagen. Nur die schwere Adipositas gibt einen dezenten Hinweis… Hals und Nacken sucht man vergeblich, dafür nicht zu übersehen: Doppelkinn im Doppelpack – und zwar von der Größe einer ausgereiften Kochbanane. Die Finger sehen aus wie aufgeblasene Gummihandschuhe. Und Sie rägt voller Stolz eine Prall gefüllte Tüte einer Burger-Fast-Food Kette vor sich her.
Es ist weniger das Gesamt-Erscheinungsbild was mich schlucken lässt (da stumpft man hier überraschend schnell ab), sondern es ist das Alter: Die beiden sind maximal Mitte 20. Natürlich: Es kann und muss ja weiß Gott nicht jeder einen Körper wie Elle Macpherson (alias „The Body“) haben – hab ich auch nicht – aber, dass das alles nicht mehr gesund sein kann muss doch mittlerweile eigentlich jeder begriffen haben….?! Insbesondere, wenn eigentlich das ganze Leben noch vor einem liegt…
Meine Gedanken nachhängend schlürfe ich mein Bier-Tomaten-Gebräu, lecke genüsslich auch noch die allerletzte Chilliflocke vom Glasrand, bezahle meine Rechnung und mache mich auf den Weg ins Hotel. Mittlerweile ist es dunkel und mit gerade mal 10 Grad so kalt, dass meine Atem weiße Wölkchen schlägt. Noch dazu kriecht die feuchte Luft wirklich in jedes Kleidungsstück. Da bin ich froh, schnell unter die Decke schlüpfen zu können.
Der Tag endet schlussendlich so wie er angefangen hat: Mit Dingen die man brauchen kann wie ein Loch im Kopf: Die Rüsselpest hat sich zum Abend hin nochmal zurückgemeldet. Scheiße! Ich dachte, die hätte ich in Nebraska gelassen. Aber in zwei Tagen 2x durchfrieren und permanenter Sturm-Durchzug war wahrscheinlich n bisschen viel für die wackelige Genesung.
Ich nehme noch 2 große schlucke von der giftig leuchtenden Erkältungsmedizin, die seit Tagen ungenutzt in meiner Tasche steht und freue mich umso mehr, Morgen einmal ausschlafen zu können. Good Night..!