Nach dem eindrucksvollen gestrigen Tag, der seinen Abschluss in fulminanter Völlerei gefunden hatte, kam uns die Dunkelheit unserer kleinen Gruselbude gar nicht so ungelegen. Ob es an den Unmengen frischer Luft lag, den immer 5-stelligen Schrittzahlen oder der umfassenden Tiefenentspannung nach den letzten Wochen vermögen wir nicht zu sagen, aber die perfekte Bettgehzeit hat sich hierzulande etwa gegen 21 Uhr eingependelt. Aber angefüllt mit bleierner Müdigkeit und einem noch bleiernerem Essen sind wir gestern Abend um gerade mal kurz nach acht Uhr völlig erledigt ins Bett gesunken. Somit haben wir an diesem Morgen beinahe 12 Stunden Schlaf intus, als wir gegen 07:30 die Augen aufschlagen. Zu dieser frühen Stunde können wir noch nicht ahnen, dass der gestrige Gewaltmarsch durch die Decks der USS Yorktown nur so etwas wie ein kleines Vorspiel sein sollte, zu dem was unsere Füße heute erwartet.

Ein Gym hat das doch eher einfache Hotel nicht zu bieten und die immer noch dicken, grauen Wolken laden jetzt auch nicht unbedingt zu einer Laufrunde ein. So ist die Morgenroutine aus Kaffee und Dusche heute schnell erledigt und wir befinden uns alsbald wieder auf der Veranda von Ruby´s Bagel Laden. Schatzi hat sich wieder für dieses Monstrum aus Bacon, Ei & Käse entschieden, während ich mich heute an der vermeintlich leichteren Variante mit Thunfisch abmühe. Von wegen „leicht“ – der Thunfischsalat ist frisch, kalt und überaus köstlich – aber die auf dem Bagel verstrichene Menge hätte auch locker für 6 Personen gereicht. Wissend, dass ich meine Reste heute nicht wie üblich mitnehmen und zum Mittag verspeisen kann, ich aber gleichermaßen nicht gewillt bin von dem guten Zeug etwas wegzuschmeißen, verputze ich das ganze Ding in einem Rutsch. Ich werde das später noch böse bereuen, aber für den Moment lecke ich mir selig den Rest Thunfisch von den Fingern, leere meinen Kaffee und schaue in Schatzis ebenfalls mehr als zufriedenes Gesicht, bevor wir uns aufmachen, den Tag zu starten.

Auf dem Programm steht heute ein Besuch in der historischen Altstadt von Charleston. Den alten Sklavenmarkt wollen wir ebenso ansehen wie die großen Piers vor den Toren der Stadt, den City Market, die vielen kleinen Parks und natürlich die altehrwürdige Battery Street mit Ihren eindrucksvollen Südstaatenvillen. Schon als wir wieder über die große Brücke von Mount Pleasant Richtung Downtown fahren, macht sich im Auto einiges an Vorfreude breit. Wir stellen das Auto in einem zentral gelegenen Parkhaus ab (die engen Straßen der Altstadt sind alles Andere als geeignet, sie mit dem Auto zu durchfahren) und machen uns zu Fuß auf Richtung Pier.

Leider ist auch heute das Wetter wieder alles andere als freundlich. Grau und schwer hängt der Himmel immer noch voller Wolken aber immerhin ist in den – für amerikanische Verhältnisse – kleinen, engen Gassen noch nichts von der steifen Brise zu spüren, die uns später am Hafen ordentlich um die Ohren pfeifen soll. Für den Moment schrankeln wir windtechnisch unbehelligt durch die Straßen und bestaunen ausgelassen die farbenfrohe Auslage in den Hundertschaften der ebenso farbenfrohen, kleinen Geschäfte. Coffeeshops, Läden für Designermöbel & feine Stoffe, Kleidung und jede Menge Galerien, Kunst und eine wahre Artenvielfalt an Antiquitäten gibt es zu bestaunen.

Ein wunderbares Potpourri was uns problemlos in ein kleines Paralleluniversum hätte entführen könnte, wäre da nicht unser kleines, fieses Fresskoma. Tonnenschwer scheint mir die kleine dicke Futterpocke am Rumpf zu ziehen und für den Moment wünsche mir sehnlichst ein Bett statt einer Ladenzeile voller Nippes. Meine Beine sind bockig und mit der Aussicht auf stundenlanges Laufen kann ich gerade so gar nichts anfangen. Ein Blick in Pauls Gesicht erzählt mir eine ähnliche Geschichte. Aber Jammern hat noch nie geholfen – also straffen wir die schwer gebeutelten Oberkörper und freuen uns auf die großen Holz-Schaukeln am Pier.

Dort angekommen müssen wir jedoch feststellen, dass wie diese Beine-Baumel-Rechnung ohne den Wind gemacht haben. Was oben in Downtown noch ein laues Lüftchen war, ist hier unten eine wirklich steife Brise – und recht kühl ist sie obendrein. Ich muss mir die Kapuze meines Hoodies eng um den Kopf ziehen, um nicht (trotz Zopfgummi) an meinen eigenen Haaren zu ersticken und selbst Schatzi zieht sich den Reißverschluss von seinem Fleece bis zum Kinn. DAS will schon was heißen! Derlei eingemummelt lassen wir uns auf einer der großen Holzschaukeln nieder und hängen eine Weile – im wahrsten Sinne des Wortes – träge in den Seilen.

Recht schnell pustet der Wind das Fresskoma fort und unsere Lebensgeister wieder an Ort und Stelle. Recht beschwingt – ob vom Wind oder oder kurzen Ruhepause wissen wir nicht zu sagen – machen wir uns auf, unseren Weg fortzusetzen. Die historischen Gebäude von Charleston warten! Der erste Stop ist ganz in der Nähe: Die „Pineapple Fountain“, gleich auf der Ufer Promenade.

Wir durchstreifen den Park und suchen danach den zentralen, alten Marktplatz. Wo früher einmal vorrangig Gemüsehändler und Korbflechter Ihre Waren feilbaten, füllen heute zahllose Souvenirshops und Kunsthändler die alten Markthallen. Ein endloser Strom von Touristen schiebt sich durch den EINEN Gang in der Mitte. Mein Versuch, einmal kurz stehen zu bleiben um ein kleines, sehr kunstvolles Aquarell näher in Augenschein zu nehmen verursacht beinahe eine menschliche Massenkarambolage. Irgendwo weiter hinten quengelt ein Kind nach einem Eis und vor uns staut sich die Masse hinter einem Rentner, der versucht, mit dem allgemeinen Trott Schritt zu halten. Grundgütiger! Solche O-Beine habe ich lange nicht gesehen! Auch Schatzi tippt mir auf die Schulter und flüstert mir etwas von „Der muss aber seeehr viel Fußball gespielt haben“ ins Ohr.

Das allgemeine Tohu-Wa-Bohu ist ja ganz nett, aber nach der dritten Halle haben wir die Schnauzen gestrichen voll – Händler und Ware wiederholen sich ebenso wie Kindergeschrei oder ehrenamtliche Stauführer mit Kinderwagen oder Krücken. Ein gequälter Blick von Paul – Zwei von mir. Also scheren wir vor der vierten Markthalle aus menschlichen Schwarm und verdrücken uns – weg vom Marktplatz, hinein in die Nebenstraßen. Gleich hinter der erstbesten Kreuzung umgibt uns eine Stille, in der wir uns nach der letzten halben Stunde erstmal akklimatisieren müssen.

Wie es der Zufall will, scheinen wir genau am geschichtsträchtigsten Teil der Stadt gelandet zu sein – wenngleich in einem eher unrühmlichen Kapitel. Ein Schild markiert das alte Zentrum der Grausamkeit.

Wir gehen weiter und stehen kurz darauf mitten in einem kleinen Wohngebiet. Der Trubel der allzu belebten Hauptstraße ist hier nicht mehr als ein kaum noch wahrnehmbares Gemurmel. Über uns rauschen die Blätter der allgegenwärtigen Virginia-Eichen. Zu unserer Linken und rechten erstrecken sich kleine Wohnhäuser – eins schöner als das Nächste. An wirklich jedem noch so kleinen Fenster hängt ein Blumenkasten – und aus jedem dieser Kästen quellen gefühlte Kubikmeter sattgrünen Blattwerks.

Das Grün ist so leuchtend und saftig – es würde jedem Gärtner Tränen der Freude in die Augen treiben. Es scheint, als wäre jede Palmenart der Welt in dieser Straße vertreten, gelegentlich unterbrochen von fremdartigen Pflanzen in allen Farben des Regenbogens – manche sogar in abenteuerlich farblicher Abstimmung zu den hölzernen Schlagläden.

Die Häuser selbst sind klein, gepflegt und scheinbar uralt. An den meisten findet sich eine kleine Infotafel über die Erbauung oder ehemalige Besitzer – zumeist ansässige Handwerker oder Kaufleute. An jedem Eingang hängen wunderschöne alte Petroleumlampen und in jeder dieser Lampen flackert, auch bei helllichtem Tag, eine kleine, echte Flamme. Eine leichte Gänsehaut schleicht sich über meine Unterarme. Dieser Ort ist so wunderschön und wirkt dennoch komplett verwunschen und aus der Zeit gefallen – beinahe so, als würden die Geister der einstigen Hausbesitzer noch auf den Veranden in den Schaukelstühlen sitzen.

Wir lassen uns eine ganze Weile einfach so durch die kleinen Straßen treiben. Unsere Augen machen auch heute wieder Überstunden bei dem Versuch, das alles auch nur ansatzweise zu erfassen. Je weiter wir Richtung Süden gehen, umso eindrucksvoller werden die Häuser, die Palmen, die Portale und die Fackeln.

Auch das Kopfsteinpflaster wird Meter für Meter immer huggeliger. Mitunter muss man wirklich aufpassen um nicht schon beim Balancieren vom einen zum nächsten Stein einen Bänderriss zu bekommen. Die Kutschen damals müssen unfassbar flexible Blattfedern gehabt haben – sonst wären Ihre gut betuchten Insassen sicher seekrank gewesen, bis sie zu Hause ankamen.

Am Ende des Wohngebietes erreichen wir wieder einen Promenadenabschnitt im Südwesten der Stadt: Den alten Kanonenpark an der „Battery Street“. Was sich hier entlang der Straße an Villen auftürmt hat absolut nichts mehr mit der bescheidenen Beschaulichkeit des kleinen Arbeiterviertels nebenan zu tun und es wird sofort klar: Hier hat das Geld gewohnt. Privatbankiers. Richter. Plantagenbesitzer – Offenbar alle mit dem Wunsch ausgestattet, die dickste Villa am Start zu haben. Was hier geboten ist, ist nicht weniger als die Holz, Säule & Immobilie gewordene Form von „Wer hat den Längsten“ – Absoluter Wahnsinn! Quasi das Blankenese des Südens.

Es dauert sicher eine weitere Stunde bis wir dieses mächtig Eindruck schindende Viertel hinter uns gelassen haben und uns wieder Richtung Norden wenden. Ich hatte schon vor einer ganzen Weile so etwas wie Bierdurst signalisiert und so kommt es, dass wir wenig später in einer kleinen Bar einfallen und diese mit zwei Flaschen Miller wieder verlassen, um sie draußen an einem kleinen Bistrotisch zu trinken.

Eigentlich wollten wir zum krönenden Abschluss des Tages in einem fancy Restaurant in Oldtown noch ein traditionelles Südstaaten-Menü zu uns nehmen. „Cajun (Sea)Food “ oder besser gesagt: „Shrimp´n Grits“. Aber es ist erst 5 Uhr Nachmittags und das Restaurant öffnet erst um 6. Um eine weitere Stunde rumzulaufen fehlt uns die Lust – um hier weiter Bier zu trinken ist das Wetter zu schlecht – außerdem muss ich noch fahren. Noch dazu steht uns Beiden immer noch das etwas zu dicke Frühstück bis unter die Nasenlöcher. Also beschließen wir, nach diesem langen Tag voller Eindrücke den Rückzug anzutreten. Keine Minute zu früh wie sich rausstellt. Als wir die halbe Stunde Fußmarsch zurück zum Parkhaus hinter uns haben klatschen uns die ersten dicken Tropfen auf den Kopf – just in dem Moment, in dem wir unser Ticket zahlen.

Der Schrittzähler bringt es an diesem Tag auf unfassbare 18.000 Schritte – was in etwa einer Distanz von 13 Kilometern entspricht. Keiner von uns hat Lust auf irgendeine weitere Unternehmung. Ein Blick in den Wetterbericht verheißt keinerlei Besserung in den nächsten Stunden und so fällt die Entscheidung sehr, sehr leicht, uns im Supermarkt mit ein paar frischen Snacks & Bier einzudecken und den restlichen Abend kuschelnd auf dem Bett bei ein wenig Netflix zu verbringen.

What another remarkable day! Der Inbegriff von #MEMORABLE ❤️

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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