Vom Bett aus ist am Morgen kaum zu unterscheiden, ob es noch Nacht ist, oder schon Morgen – so sehr verdunkelt die Palme vor dem winzigen Fenster das Tageslicht. Während sich langsam der Schlaf aus unseren Gesichtern schleicht liegen wir noch eine Weile unter der Decke. Das Spiel aus Dämmerlicht und Blattwerk wirft hektische Muster über das Bett und im Karussell aus Licht und Schatten kreisen meine Gedanken um die Frage, ob die grünen Wedel da draußen bei dem hoffnungslos unterdimensionierten Fenster überhaupt einen so großen Unterschied machen..?!
Wir beschließen, das rauszufinden. In dem Wunsch die Dunkelkammer schnellstmöglich zu verlassen, schälen wir uns aus dem Bett. Auf der Jagd nach dem dringend benötigten ersten Kaffee treffen wir in dem trostlosesten Frühstücksraum gleich die erste wichtige Entscheidung des Tages: Fürs Frühstück werden wir uns ein etwas lebensbejahenderes Plätzchen suchen als das hier ansässige Plastikgestühl.
Wir verziehen uns mit unseren dampfenden Pappbechern auf den Parkplatz und lassen uns für ein paar Minuten und die erste Kippe auf einer kleinen Mauer nieder. Mittlerweile ist auch klar: So viel Tageslicht gab es gar nicht zu verdunkeln. Der ganze Himmel ist schwer von dicken, dunklen Wolken. Regnen tut es zwar nicht mehr – aber Sonne suchen wir ebenfalls vergeblich. Stört uns aber nicht weiter, denn heute war eh eine größere Indooraktivität geplant. Da kommt das formvollendete Mausgrau am Himmel gar nicht so ungelegen. Muss man sich wenigstens nicht mit einem schlechten Gewissen angesichts bei Sonnenschein drinnen verbrachter Stunden rumschlagen.
Während wir noch darüber beraten, welches der zahlreichen Bagel-Cafes wir gleich überfallen bricht Paul plötzlich in schallendes Gelächter aus und deutet Richtung Mülleimer. Ich folge seinem Zeigefinger und muss mich umgehend zusammenreißen, dass mir der Kaffee nicht gleich vor Lachen wieder durch die Nase schießt: Aus dem Mülleimer lugt eins der zahlreichen Eichhörnchen, die wir schon gestern Abend hier in den Bäumen beim Spielen beobachtet haben. In seinen winzigen Pfoten hält es einen – gemessen an seiner Körpergröße – riesigen Knochen. Es muss den Eimer mit den Resten unseres Hühnchens vom Bett-Picknick gefunden haben, den Paul gestern Abend noch runter gebracht hat, damit die Bude nicht so nach Essen riecht. Die dicken Backen des Hörnchens glänzen vom Kauen und wir bilden uns ein, auf dem kleinen, haarigen Gesicht tiefe Zufriedenheit so lesen. Der Anblick ist wirklich zu putzig und es gelingt mir gerade noch ein schnelles Foto zu erhaschen, bevor es flüchtet, weil Paul sich auf den Weg gemacht hat in den Mülleimer zu spähen.

Fassungslos konstatiert er: „Alter! Das Ding hat wirklich den kompletten Eimer leer gefressen. Der ist blitzeblank!“ Das ist wirklich erstaunlich, denn wir hatten am Abends kurz vor Ende die Waffen gestreckt. Ich nehme an, A-Hörnchen hat sich entweder den Wanst so richtig vollgeschlagen, oder seinen Kumpel B-Hörnchen um Hilfe gebeten. Wie dem auch sei – der erste Lacher des Tages hallt noch nach, als wir uns aufmachen uns zu duschen und den Tag zu starten.
Eine knappe Stunde später manövriere ich unser Gefährt auf den Parkplatz einer kleinen, sehr gepflegten Ladenzeile unweit vom Hotel. Hier gibt es „Ruby´s NY Style Bagels“ und genau die haben wir zum Frühstück auserkoren. Bereits geübt in der nicht ganz einfachen Bestellung verlassen wir wenig später den Laden mit zwei kleinen Tabletts, setzen uns an einen der kleinen Bistrotische vor dem Schaufenster und genießen ein ganz gar wunderbares Frühstück. Während ich genüsslich Ei, Avocado und Frischkäse von meinem Bagel lutsche beobachte ich Paul, der sichtlich genüsslich sein Gebirge aus Bagel, Bacon und Spiegelei verdrückt. Wir sind noch nicht ganz fertig mit der Mampferei, da haben wir schon entschieden: Der Laden wird´s auch die nächsten beiden Tage fürs Frühstück werden.

Satt und zufrieden besteigen wir alsbald wieder unser Gefährt und machen uns auf den Weg zu unserem „Spot of the Day“ – heute in Gestalt, der USS Yorktown. Ein alter Flugzeugträger aus dem zweiten Weltkrieg, der hier in Charleston vor Anker liegt und zum Museum umfunktioniert wurde. Ich selbst habe dieses Monster 2023 schon einmal ausgiebig besichtigt und war tief beeindruckt – sowohl von der Größe, als auch von dem Erlebnis, zu dem man dieses Schiff unter Zuhilfenahme von vielen Artefakten umgebaut hat. Umso mehr freue ich mich heute, meinen Schatz mitzunehmen auf diese abenteuerliche Reise in die Vergangenheit.

Bevor ich das allerdings machen kann, sehen wir uns mit einem kleinen, unliebsamen Problem konfrontiert: Dem Parken. Was sonst in den Staaten immer und überall dank reichlich Platz kein Problem und obendrein meistens kostenfrei ist, sorgt heute für Unmut angesichts der Tatsache, dass man uns mit 24 Dollar für einen Stellplatz schröpfen will; wohlgemerkt auf einer Fläche, die ungefähr so groß ist wie Dortmund und noch dazu völlig leer. Das kommt ja mal gar nicht in Tüte! Da wir im Gegensatz zu den Amis alles Andere als fußfaul sind, wenden wir den Wagen, fahren die 1.5km zurück zum Hotel, stellen das Fahrzeug ab und tun das für US-Bürger absolut undenkbare: Wir LAUFEN!

Der Spaziergang ist nach dem doch eher reichhaltigen Frühstück in der Tat nicht unwillkommen. Noch dazu führt er an einem Golfplatz und ein paar sehr gepflegten Appartementhäusern vorbei – fürs Auge ist also durchaus auch etwas geboten. So verfliegt die halbe Stunde im Nu.
Unten am Dock lösen wir die Tickets – mit 30 Dollar pro Person auch nicht gerade zierlich bepreist – und betreten den Bauch der Bestie. Gleich hinter dem Eingang liegt das gigantische Hangardeck und Paul bekommt schon beim Betreten umgehend die Kinnlade nicht mehr nach oben. Schon dieses Deck ist vollgestopft mit Flugzeugen, Kanonen & Flak-Geschützen. Dazu allerlei Luft- und Seefahrtsartefakte und jede Menge Gedenk- und Infotafeln. Ein Mekka für den Mann! Allein der Rundgang durchs Basisdeck nimmt fast eine Stunde in Anspruch und das Leuchten ins Pauls Augen ersetzt die Sonne für den restlichen Tag.



Dann geht es an den (meiner Meinung nach) spannenderen Teil: Insgesamt vier verschiedene Touren führen die Besucher durch ganz unterschiedliche Bereiche immer weitere ins Innere des Schiffs. Zu sehen gibt es die Gemächer der Besatzung, die Versorgungsstationen von der Kombüse über die Krankenstation, das Schiffsgefängnis oder den Barber-Salon bis hin zur Wäscherei oder dem alten Bord-Store. Des Weiteren kann man die Maschinenräume, die Navigationszentrale uns schlussendlich die Kommandobrücke samt Flugdeck besichtigen. Überflüssig zu sagen, dass wir alle vier Touren ablaufen bevor dieser Teil des Tages zu Ende geht.
Alles ist mit sehr viel Hingabe und Liebe zum Detail beinahe original zeitgetreu wiederhergestellt. In der Kombüse liegen Kartoffeln in den Schälbecken, im Barbershop mariniert ein Pinsel in Rasierschaum und im Offizierskasino ist der Tisch mit weißem Leinen bespannt. In beinahe jedem Raum stehen lebensgroße, uniformierte Wachsfiguren und widmen sich Ihren damaligen Tätigkeiten. Vervollständigt wird das Erlebnis von einer Vielzahl an Lautsprecher, die durch die Verbreitung zeit- und ortsüblicher Geräuschkulissen eine authentische, akustische Untermalung des Gesehenen bieten und die mitunter schaurigen Räume mit Leben füllen. Hier hören wir das Klappern von blechernem Kochgeschirr, im Gemeinschaftsraum tönt ein altes Grammophon und in der „Dentist Station“ jagt uns das ekelhafte Geräusch eines Zahnarzt-Bohrers Gänsehaut über die Arme. Letztere ist ohenhin – zumindest mir – an diesem Ort ein beinahe ständiger Begleiter. Ich finde diese Tour auch heute wieder ebenso bemerkenswert wie schaurig.
Noch dazu kommt, dass all diese alten Museumsschiffe ganz speziellen Geruch verströmen. Ich war schon auf vielen Schiffen dieser Art: London. Bremerhaven. San Diego. Charleston. U-Boote. Schlachtschiffe. Flugzeugträger. Der Geruch ist überall der Gleiche. Eine Mischung aus Metall, altem Tuch und Moder. Sosehr ich diese Touren spannend finde – so dermaßen knödelt mir jedes Mal dieser spezielle Geruch in Kombination mit der Hitze im aktuell sechsten Unterdeck den Kreislauf zusammen, dass ich froh bin, als wir zwischen Tour 2 und 3 einmal kurz zurück ins Hangardeck kommen und ich an den weit geöffneten Toren etwas frische Luft schnappen kann.
Als meine Gesichtsfarbe sich wieder etwas mehr von dem leichten Salbeigrün der Bordwände abhebt, machen wir uns auf den Weg den Maschinenraum und die Navigations- und Radargeräte zu bestaunen. Kessel so groß wie LKWs, Dampfleitungen so dick wie Röhrenrutschen im Wasserpark – alle verschlungen und verwunden um ja keinen Millimeter Platz zu verschwenden. Was mir bei derlei Ingenieurskunst immer besonders die Sprache verschlägt, ist die Menge an Instrumenten, Knöpfen, Anzeigen und kleinen Hebeln, die in diesen Schiffen verbaut sind.

Von den Zig Millionen Kilometern an Kabeln einmal ganz zu Schweigen. Ich tue mir immer schwer, mir vorzustellen, wer das einmal alles entworfen und am Ende sogar bedient haben soll. Ganz besonders leid tut mir immer das arme Elektriker-Schwein, dessen Aufgabe es war, einen Kabelbruch irgendwo in den endlosen Windungen über endlose Flure und mehrere Decks zu identifizieren. Selbst oben auf der Brücke hänge ich diesen Gedanken noch nach.

Schatzi macht sich noch auf, die ausgestellten Flugzeuge zu begutachten. Ich selbst lehne ermattet an der Reling und lasse mir den mittlerweile stark aufgefrischten Wind um die Nase wehen. So beeindruckend diese Touren auch immer sind – so ermüdend sind sie auch. Wir sind seit Stunden auf den Beinen, haben alle Decks erforscht und endlose Eindrücke gewonnen. Es dauert nicht lange, bis Paul sich zu mir gesellt und verkündet, er sei ebenfalls langsam etwas fußfaul. Also treten wir den Rückweg zum Hotel an.

Den Nachmittag verbringen wir treibend in einem nahen Outlet. Wir holen uns einen Eiskaffee und schlendern durch zahlreiche Shops bis uns der Hunger zum Abendessen treibt. Für selbiges, haben wir uns heute das „Outback“ ausgesucht. Es gelüstet uns nach Steak und ich freue mich, auf eine „Blooming Onion“, das absolute Highlight und darüber hinaus absolutes Alleinstellungsmerkmal dieser soliden Steak-House Kette: Eine handtellergroße Gemüsezwiebel, aufgeschnitten, in Backteig gewälzt und – wie sollte es anders sein – goldgelb frittiert.

Als die Bedienung zwei große eiskalte Bier und dieses Monstrum aka Vorspeise samt des hauseigenen, scharfen Dips vor uns abstellt, blickt sie in gleich vier große leuchtende Augen. Es ist ein absoluter Genuss! Gefolgt von einem großen New-York-Strip Steak samt Brokkoli und Folienkartoffel rekapitulieren wir glücklich die endlosen Eindrücke des Tages.
So könnte das Leben immer sein! Einfach nur #MEMORABLE.