Der Morgen startet ungemütlich. Der Vorschlaghammer in meinem Schädel ist zwar merklich zurückgegangen, aber zu dessen leisem Echo gesellt sich eine formvollendete Rotznase. Na wunderbar! Und das, obwohl ich mir gestern noch einen wohlbekannten Erkältungssaft geholt habe. Das Zeug hat mir schon auf der ein oder anderen Reise der vergangenen Jahre hier den Arsch gerettet. Wirkprinzip „Wick Medi Nait“ – aber angereichert mit allerlei bei uns verbotenem Zeug und dazu in einem leuchtenden Blutrot, dank der Geschmacksrichtung „Wild Berry“. Was auf der Packung so einigermaßen unschlimm aussah entpuppte sich jedoch gestern beim ersten großen Maul voll vor dem Schlafengehen als gruseliges Geschmackspotpourrie aus Hustensaft und Kirschkaugummi. Ich hätte einen Orden dafür verdient, es nicht gleich im hohen Bogen wieder auszuspucken.

Ich schlurfe zum Spiegel und bekomme dort postwendend das nächste Ungemach präsentiert: Mein linkes Ausgenlied ist mittlerweile zu der Größe von Gina-Lisa Lohfinks Lippen angeschwollen. Auch der Farbton erscheint mir ähnlich. Ein zweites „Na großartig“ kommt mir seufzend über die Lippen. Aber was soll´s – jammern hilft bekanntlich nicht, und so schmiege ich mich erstmal wieder ins Bett um noch eine halbe Stunde mit Paul zu kuscheln, bevor wir uns unseren morgendlichen Kaffee holen. Ins Gym schicke ich den Mann jedoch heute alleine. Vorsicht ist ja bekanntlich die Mutter der Porzellan Kiste.

Während Paul ein paar Gewichte stemmt, beginne ich, die Koffer zu packen. Das ist heute schnell erledigt, denn da wir kein Flugzeug, sondern nur unser Auto besteigen, spielt Gewichtsverteilung keine große Rolle. Eine Dusche und ein schnelles Frühstück später heißt es für uns Abschied nehmen von Greenville. Es geht weiter in den Süden: Charleston erwartet uns für ein paar Tage. In der 3-Tage-Vorschau: Geschichte & Südstaatenflair.

Für den Weg dorthin haben wir uns für die längere, aber landschaftlich schönere Route entschieden. Etwa 6 Stunden soll die Reise dauern – eine ausreichende Distanz um sich vorher noch mit ein wenig Proviant einzudecken. Zu den Basics gehören Knabberzeug, Käse, Möhrensticks und die obligatorischen Oreos ebenso wie ein paar Getränke. Letztere natürlich nicht ohne Eis und einen standesgemäßen „Cooler“. Um den zu besorgen lautet der erste Stop: Walmart.

Den Einkauf gestalten wir gemütlich, schlendern durch die Gänge und lassen uns durch den gigantischen Supermarkt treiben. Wir bestaunen die Gemüseauslage mit Auberginen in der Größe von Baseballschlägern ebenso wie die 20er Packung Bagels, die 4-Liter Milchkanister oder die nicht enden wollende Regalwand mit den 15-Liter Säcken Cerealien in allen Regenbogenfarben. Was hier an E-Zusatzstoffen vertreten ist, bereitet einem schon vom schieren Hinsehen Zahnschmerzen. Erst am Regal für die Kühlboxen machen wir einen längeren Halt. Klar – mit zurück nach Deutschland können wir das gute Stück nicht nehmen, aber in den letzten Jahren hat es sich mehrfach bewährt, einen größeren Cooler zu kaufen, Selbigen am Ende der Reise zu reinigen und einfach zu retournieren. Man hat hier eine sehr liberale Rückgabe-Politik. Schatzi zweifelt zwar mit einer weit hochgezogenen Braue an der Strategie, aber was bisher immer so wundervoll geklappt hat, wird auch dieses Mal seinen Zweck erfüllen. Bevor hier groß Widerworte gewechselt werden können, hab ich dem Mann eine größere 30-Liter-Box in die Hand gedrückt – Modell „gut und günstig“, falls meine Strategie diesmal doch nicht aufgehen sollte.

Nachdem auch die restlichen Wegzehrungsartikel und ein 40er Pack Wasser ihren Weg in den Einkaufswagen gefunden haben suchen wir uns eine Kasse, zahlen die Zeche und verlassen den Markt. Wieder am Parkplatz wird alles im Auto verstaut. Die Karre gleicht am Ende einem Warenlager: Zwischen allen 3 Sitzreihen türmen sich Wasserflaschen, Kartons mit Bierdosen, Kekse, Jacken, Koffer und natürlich der Cooler, der von Paul erstmal ausgiebig bestückt wird.

Ich fühle mich sehr an den großen Westküsten-Roadtrip mit meinen Eltern erinnert, als ich einen gigantischen Chevrolet Suburban gemietet habe, mit dem wir 3 Wochen Nevada und Kalifornien abgetourt haben. Das Schlachtschiff sah nach ein paar Tagen genauso aus wie unser Hobel heute: Vollgestopft mit Getränken, Klamotten und Proviant. Mit einem Grinsen muss ich daran denken, wie mein Vater in einem der drehbaren Captains Chairs in der zweiten Reihe seine Rolle als „Proviantmeister“ sehr ernst genommen und meine Mutter & mich zu jeder Tageszeit sehr liebevoll mit allerlei Köstlich- und Flüssigkeiten aus der Kühlbox versorgt hat. Eine wundervoll abenteuerliche Reise war das! Lächelnd schüttele ich den Gedanken ab, denn jetzt ist es erstmal an Paul und mir, unseren ersten gemeinsamen kleinen Roadtrip zu starten. Charleston – Wir kommen!

Die erste Etappe führt uns durch eher ländliches Gebiet. Wir lassen Newberry, Prosperity und Little Mountain hinter uns. Allesamt, ebenso wie die Route selbst, leider eher nichtssagend. Da bin ich aus den vergangen Jahren landschaftlich ganz andere „Kinnladenöffner“ gewöhnt – aber ab und an gibt es ein paar kleine Farmen zu sehen. Und auch die Beschilderung gereicht uns hier und da zum Schmuzeln. Die meiste Zeit liegt das erlaubte Tempo bei 50 MPH, was bei einer fast schnurgeradeaus verlaufenden Strecke kein Problem darstellt. Vor der ersten, auch nur leichten Andeutung einer Kurve jedoch gebietet das Schild nur noch lausige 20…. Kein Wunder, dass hier alle beim Fahren einschlafen!

Gegen Mittag steuern wir unseren ersten Stop an. Kaffeedurst regiert die erste Reihe und Google hatte ausdrücklich empfohlen, diesen bei „Bittersweet Alchemy Coffee“ zu stillen. Nur leider hat Google die Rechnung wohl ohne die Öffnungszeiten gemacht. Als wir kaffeedurstig auf den kleinen staubigen Parkplatz mitten im schönsten Nirgendwo abbiegen wollen, können wir schon von weitem sehen, dass der bunte Kaffee-Truck das Vordach geschlossen hat. So ein Mist! Ein wenig enttäuscht ziehen wir von dannen, aber großartig die gute Laune verderben kann uns nichtmal das. Kurzerhand wird das Mittagspäuschen eben zu einem Picknick im Auto umgelabelt. Paul kramt unter Verwindung seiner Wirbelsäule 2 Eiskaffees aus dem Cooler und reicht Chips und Oreos zum Lunch.

Danach geht es satt und zufrieden an den mittleren Abschnitt, den wir über den Highway abreißen um etwas Zeit zu sparen und nicht erst bei Dunkelheit am Hotel anzukommen. Wir tauschen die Plätze und Paul übernimmt das Steuer für eine Weile. Meine Erkältung meldet sich und ich muss unbedingt ein kurzes Nickerchen machen.

Für die nächste Stunde bin ich komplett aus dem Rennen und als ich erwache fühle ich mich, als hätte ich 2 Tage durchgeschlafen. Es dauert zwar ein paar Minuten, bis ich wieder zu Verstand gekommen bin, jedoch hätte meine eigene Reinkarnation nicht besser getimed sein können: Der Highway-Abschnitt neigt sich gerade dem Ende. Leider verhält es sich mit der Sonne ähnlich. Dicke Wolken schieben sich über den Himmel und tauchen die ohnehin schon so eintönige Landschaft in ein noch tristeres Grau. Wir verlassen die Autobahn und machen wieder einen Fahrertausch.

Auf der letzten Etappe ist jetzt deutlich zu spüren, dass wir nun wirklich im Herzen der Südstaaten angekommen sind. Das Bild am Wegesrand hat so einiges zu bieten. Tiefbegrünte Sümpfe wechseln sich ab mit Alleen voller Virginia Eichen – diesen, aus zahllosen Filmen bekannten, weit ausladenden Bäumen mit diesem merkwürdig langen Behang an jedem Geäst. In den Ausläufern dutzender Seitenstraßen tummeln sich Plantagen & herrliche Südstaatenvillen mit weißen Säulen, hölzernen Schlagläden und weit ausladenden Veranden, inklusive der berühmten Schaukelstühle.

In den weniger betuchten, meist etwas abgelegenen Gegenden erspähen wir die ersten, leider ebenso typischen „Junk Yards“: Billige, mobile Häuser in der Form eines länglichen Ziegelsteins, zumeist völlig marode und am Rande des Zusammenbruchs. Davor Grundstückteile, die unter einem Haufen Schrott beinahe nicht mehr zu erkennen sind. Hier vergammelt alles einfach im Vorgarten – vom Müllsack bis hin zur Sammlung von Schrottkarossen. Ein trauriges, aber leider nicht unbekanntes Bild – zumindest nicht für mich. Paul kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus und schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an. Der Zahn des Verfalls nagt hier, durch Armut gänzlich ungehindert, an Häusern, Autos, Gärten – und leider auch an den Menschen. Ein gruseliges Viertel, dass uns beiden Gänsehaut die Arme hochjagt und von dem keiner traurig ist, es hinter sich zu lassen.

Wir passieren Summerville. Hier erwischt uns der Regen ebenso derbe wie die örtliche Rushhour. Die Straßen sind gestopft voll, überall leuchten Bremslichter, deren rotes Licht durch die dicken Tropfen diffundiert, die uns auf die Scheibe klatschen. Ein absolut trostloses Bild, in dem wir leider eine ganze Weile feststecken bevor wir endlich auf die Ashley River Road abbiegen können – DIE Einfallstraße nach Charleston. Bei Regen zwar auch recht trostlos, aber dennoch beeindruckend, da sie sich über viele Meilen unter dem dichten, düsteren Geäst tausender Virginia Eichen entlangwindet.

Leider ist auch hier der Verkehr ebenso dicht wie der Blätterbaldachin – und so sind wir froh, als wir endlich die große Arthur-Ravenel-Junior Brücke erreichen, die uns über den Cooper-River nach Mount Pleasant, und damit zu unserem Hotel führt.

Als wir auf dem Parkplatz zum stehen kommen, hat der Regen zwar aufgehört, dafür hat aber der Wind kräftig aufgefrischt. Ich hatte den Wagen nichtsahnend unter einer großen Eiche abgestellt, fühle mich aber bemüßigt den Parkplatz nochmal zu wechseln, nachdem uns in den ersten 2 Minuten bereits zahlreiche, beinahe golfballgroße Eicheln lautstark aufs Dach geknallt sind. Ein erster Blick aufs Haus verheißt nicht unbedingt großen Luxus – was auch nicht weiter verwunderlich ist, hatten wir bei der Hotelauswahl mehr auf Ort und Preis, als auf Ausstattung geachtet. Wir würden eh nicht viel Zeit hier verbringen – daher war uns die Lage etwas abseits der Innenstadt, dafür in Spuckweite zur USS Yorktown wichtiger gewesen. Das soll sich böse rächen, als wir die Tür zu unserer kleinen Gruselbude aufmachen.

Ich schwöre seit vielen Jahren bei US Resien auf Best Western Hotels. Egal wie kürmelig die manchmal von draußen aussehen – innen sind sie immer blitzsauber, die Handtücher riechen niemals muffig und die Bettwäsche ist immer frisch. Über all das kann man auch hier und heute nicht meckern, allerdings hat man uns eine Kammer von der Größe eines Schuhkartons zugeteilt. Zudem ziert ein nur sehr kleines Fenster den ohnehin schon – dank der dunklen Holzeinrichtung – etwas düster daherkommenden Raum. Und zu ALLEM übel wohnt vor besagtem Guckloch auch noch die dichte Krone einer überaus stattlichen Palme. Tageslicht? Fehlzeige! Umgehende Depression? Aber sowas von!

Wir sind allerdings zu müde um uns noch groß aufzuregen oder an der Rezeption meinen, dank der vielen Aufenthalte in dieser Kette, erlangten „Diamond Status“ geltend zu machen. Wir sind uns weiterhin einig: Wir werden hier nicht genug Zeit verbringen um in der Gruselbude Depressionen zu bekommen. Also schaffen wir die Koffer ins Wohn-Klo und machen uns auf die Suche nach etwas essbarem. Und beide gelüstet es nach frisch frittierten Hähnchenteilen und keine halbe Stunde später steht ein ganzer Eimer dieser Köstlichkeit vor uns auf dem Bett. Zu unsern Füßen zeigt mein Rechner eine Netflix Serie und das knacken der Bierdosen aus dem immer noch eiskalten Cooler markiert das Ende eines weiteren, eindrucksvollen Urlaubtages. Etwas grauer als Andere vielleicht – aber deswegen noch lange nicht weniger #MEMORABLE ❤️

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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