Auch der zweite Morgen startet brauchbar was den JetLag angeht. So sehr uns der kleine Bastard auch Abends immer von den Füßen holt (Gestern Abend wären wir beinahe schon beim Dessert mit den Köpfen auf Adens und Kylies Tisch geknallt) – so gnädig lässt er uns die Nachtruhe zur Regeneration. Im Stockdunklen Zimmer zeigt der Wecker kurz nach sieben. Als ich mich langsam aufsetze gruschelt neben mir schon Paul mit der Decke. Auch er ist wach – und so steht dem gemeinsamen Kaffee an der frischen Luft nichts mehr im Weg. Es ist noch recht kühl draußen und obwohl man schon die drückende Feuchtigkeit in der Morgenluft spüren kann – die Hitze des heraufziehenden Tages kriecht nur langsam in diese frühen Herbsttage.

Ausgeschlafen und voller Tatendrang starten wir mit einer Runde durchs Gym in den Tag, gefolgt von einer Dusche und einem schnellen Frühstück. Bagels, Cream-Cheese und ein Retorten-Rührei müssen für heute reichen – alles auf Papptellern versteht sich. Das klassische Hotel-Frühstück in den Staaten in einem ebenso kalt klimatisierten wie unterkühlt eingerichteten Frühstücksraum hat noch nie besonders zum Verweilen eingeladen. Aber das ist uns nur Recht, denn der Tag winkt mit einem straffen Programm – heute gänzlich auf eigene Faust. Aden und Kylie gehen Ihrem Tagwerk nach, schließlich ist heute Montag und es ist ja nicht jeder mit dem Luxus des Urlaubs ausgestattet. Wir werden die Beiden jedoch am Abend wieder treffen, bei einem waschechten Südstaaten-BBQ. Aber bis dahin gibt es noch viel zu sehen.

Den Beginn markiert ein Besuch bei einem hiesigen „Classic-Car-Dealer“. Aden hatte uns darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Etablissement nach ein paar Dekaden das Business aufgibt und seine Pforten schließen wird, jedoch nicht ohne die Restbestände im „Sale“ feilzubieten. Das können wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Ich träume schon viel zu lange davon, mir eine Rutsche amerikanisches Blech mit nach Hause zu nehmen und hoffe beinahe jeden Urlaub hier auf einen der berühmten Scheunenfunde. Meine Gedanken schweifen ab, zu dem Tag, als ich vor 2 Jahren in Idaho auf einem Schrottplatz stand, der größer war als Bayern und ich mit dem Inhaber über ein „Batch“, bestehend aus 5 Autos für 2.000 US-Dollar, geredet habe. Im Paket befanden sich unter Anderem ein 0-8-15 Mustang, ein alter Porsche 944 und ein Dodge Challenger aus den späten 60ern. An die anderen Fahrzeuge erinnere ich mich nicht mehr. Woran ich mich aber erinnere ist, dass allesamt ein bisschen löchrig waren – und 2 davon ohne Papiere daherkamen. Zu gerne hätte ich zugeschlagen – aber Else hat immer lauter gequakt und schlussendlich musste ich Ihr Recht und noch dazu klein beigeben: 5 Seecontainer wären dann doch ein bisschen viel des Guten gewesen, von den nicht vorhandenen Stellplätzen in München damals mal ganz zu schweigen.

Pauls Tippen an meiner Schulter reißt mich aus meinen Gedanken. Beinahe hätte ich die Abzweigung verpasst. Ich steige kräftig in die Eisen und ziehe unser Gefährt in die Einfahrt des Autohändlers – wobei dieser Begriff mir hier ein wenig deplatziert zu sein scheint. Das hier ist weniger ein Händler, als vielmehr ein absolut authentischer US-Schrottplatz. Auf einem sehr weitläufigen Gelände gammeln die Restbestände der so genannten Geschäftsaufgabe in den schönsten Rostbrauntönen vor sich hin – farblich hervorragend abgestimmt zur braunen, abgestorbenen Wiese unter ihren zumeist platten Reifen. Was für ein Anblick!

Ich schwinge freudig erregt die Beine aus dem Truck und mache mich umgehend auf den Weg ins Office um uns anzukündigen und den Hausherrn um die Erlaubnis zu bitten, sich hier etwas umzusehen. Ein wenig Stolz und Rührung schwingen im Lächeln des alten Herrn mit, der freundlich nickt und uns gestattet, uns so lange überall umzuschauen wie es uns beliebt. OH – und WIE es das tut!

Als ich mit dem verbalen Passierschein zurück zum Auto komme ist Paul bereits von seinem Sitz gerutscht und steht, mit den Händen in den Hüften, vor unserem (hier sehr deplatziert wirkenden) Gefährt. Staunend schaut er sich mit offener Kinnlade um. Wir verschließen den Truck und machen uns auf den Weg, das Gelände zu erkunden. Hunderte Jahre kumulierter Autogeschichte liegen hier in der gleißenden Sonne vor unseren Füßen. Eine Reihe nach der anderen. Ein Jahrzehnt nach dem Nächsten. Trucks. Coupes. Limousinen. Cabriolets. Pontiac. Ford. Plymouth. Dodge. Cadillac. Lincoln. Oldsmobile. Alle sind sie hier – hergekommen um unter der gleißenden Sonne South Carolinas ihre letzte Ruhestätte zu finden. Mir geht bei derlei Anblicken immer das Herz ein Stück weit auf und gleichzeitig wird es mir schwer. So viel Schönheit – so viel Glanz der vergangenen Jahre. Einfach wunderschön und endlos traurig zugleich.

Es ist mittlerweile weit nach Mittag. Der Planet brennt unendlich heiß von oben auf uns herab. In jeder Karosse zirpen dutzende Grillen ein lautes High-Noon-Ständchen, unsere Beine jucken vom Rumstaksen in hohen Gräsern und ich kriege langsam Kopfschmerzen von der Hitze. Ich habe in der letzten Stunde die digitale Rolle meines Handys komplett vollgeknipst – und sicher dennoch nicht alles erfasst, als wir uns zum Gehen wenden. Am Auto angekommen, drehe ich mich ein letztes Mal um. Ein leises „Farewell Ladies!“ schleicht sich über meine Lippen, bevor ich die Autotür hinter mir schließe. Wie sehr ich solche Orte liebe!

Nach diesem Vormittag voller Eindrücke machen wir uns zunächst auf ins Adidas Outlet. Da das Angebot jedoch mehr als mäßig ist, sind wir alsbald schon auf dem Weg nach Downtown. Im Auto ist es schweigsam. Ich spüre die ersten Vorboten einer (wie üblich nach Langstreckenflügen) aufziehenden Erkältung, in meinem Kopf schwingen die Nachwehen der Gluthitze des Vormittags einen Vorschlaghammer und ich spüre eine einsetzende Entzündung am linken Auge. Muss irgendwie Zug dran gekommen sein. Klimaanlage sei Dank! Na großartig – da war ich wirklich schonmal besser in Schuss.

Der Besuch in Downtown ist dennoch schön. Auf der schattigen Mainstreet machen wir einen kleinen Schaufensterbummel entlang der vielen kleinen Shops und Cafes. Greenville hat sich in den letzten zehn Jahren zu einer wunderschönen (weil herrlich untypisch amerikanischen) Stadt gemausert – Sicher nicht zuletzt der viele Expatriats aus Deutschland wegen. Hier gibt es Parks, Grünanlagen, Fußgängerzonen und Hundertschaften kleiner Geschäfte. Die großen Ketten sucht man hier ebenso vergeblich wie die 4 spurigen Hauptstraßen. Wir genießen einen enspannten Spaziergang und einen Eiskaffee, bevor wir im „Society Sandwich Club“ ein fulminantes Mittagessen zu uns nehmen – Oder zumindest Paul. Ich habe dank der hämmernden Kopfschmerzen wenig Appetit – schaue aber über einem Side-Salat und einer kleinen Protion Fritten hocherfreut zu, wie mein Schatz heißhungrig sein „Hickory-Honey-Grilled-Chicken-Sandwich“ verspeist. Ich kenne den Laden hier schon lange und weiß um die gute Küche. Umso mehr freut es mich, wie genussvoll Paul an seinem saftigen Burger-Sandwich mümmelt.

Gerade als wir Besteck & Servietten auf die Teller legen, pingt mein Handy. Kylie ist von Ihrem Tagwerk heimgekehrt und offeriert eine Shopping-Experience der besonderen Art: Cosco – die amerikanische Variante der Metro. Jetzt fragt man sich sicherlich, was an „Metro“ jetzt so besonders sein soll?! Nun ja – denken wir daran, dass der normale Walmart hier für die amerikanische Standard-4-Kopf-Familie Gebindegrößen verkauft, die bei uns der Gastro vorbehalten wären. Aber Cosco setzt da nochmal Einen oben drauf. Da sind alleine die Einkaufswagen so groß, wie bei uns ein Kleinwagen. Das muss man mal gesehen haben – und da Paul dieses Vergnügen noch nicht zu Teil wurde, soll es heute soweit sein.

Keine halbe Stunde später stehen wir vor dem Einkaufs-Mega-Paradies und warten auf Kylie, die schon vom Parkplatz aus winkend auf uns zugelaufen kommt. Schatzi schnappt sich einen der dezent überdimensionierten Einkaufswagen und los geht’s ins Giga-Getümmel. Die Bauklötze, die er in der nächsten Stunde staunen soll, bleiben bisweilen unerreicht – insbesondere als Kylie eine Kürbis für Ihre Halloween-Deko anschleppt, der grob geschätzt die Hälfte Ihres Köpergewichts ausmacht. Mit einem tiefen Seufzer plumpst das Ding in unseren Wagen und wir machen uns auf, die Fleischtheke zu bestaunen. Neben ganzen Truthähnen in der Größe handelsüblicher Bowlingkugeln liegen hier stapelweise ganze Meter Rippchen. Auch Steaks, die Aussehen, als wären sie aus den Filets von Dinosauriern geschnitten füllen die Auslage. Weiter hinten gibt es Popcorn in Tüten, in denen man bei uns Gartenabfälle entsorgt und die Ketchupflaschen würden daheim zur Aufbewahrung von destilliertem Wasser taugen. Unsere Augen machen echt Überstunden bei dem Versuch, das alles zu erfassen. Da ist es fast erstaunlich, dass wir den Laden mit nur wenigen Beuteteilen verlassen. Ein Zehnerpack meines Deos, dass es nur in den Staaten gibt, schafft es ebenso in unseren Kofferraum wie diverse, schon lange für gut befundene Medikamente, die es hier günstig und rezeptfrei gibt, wo man bei uns ein Zettelchen vom Onkel Doktor braucht. Im 500er Pack versteht sich…

Die letzten Stunden des restlichen Nachmittags verbringen wir im Bett. Ob hier der JetLag, die Hitze oder die ganzen Eindrücke am Werk sind, erschließt sich mir nicht, aber ich bin angeschlagen und unendlich dankbar für eine Stunde Schlaf. Noch dankbarer bin ich, als ich beim Aufwachen das helle Zischen einer frisch geknackten Bierdose von der anderen Betthälfte vernehme. Neben mir sitzt Paul, ebenfalls ausgeruht, in der Hand ein eiskaltes Bier, auf dem Gesicht ein breites Grinsen und auf den Lippen ein leises „Cheers Darling“, während er mir strahlend die in kalte Kondenstropfen gehüllte Dose entgegenstreckt. Ich kann mich nicht erinnern, diesen Mann je mehr geliebt zu haben, als genau in diesem Moment.

Den Abschluss des Tages markiert das bereits erwähnte „Real southern BBQ“ bei Lewis, DEM Laden für alles, was im Smoker zu einem fein zerfallenden Genuss gegart wird. Schon auf dem Parkplatzt empfängt uns der allzeit präsente Geruch aus den großen Räucheröfen, die neben dem Hauptgebäude um die Wette dampfen. In der Auslage buhlen halbmeterweise Pork-Ribs, und ganze Rinderbrüste, die so genannten Briskets, um die Gunst der hungrigen Mäuler vor dem Verkaufstresen, die sich kaum entscheiden können, welche Menge sie von was bestellen sollen. Aber auch diese Aufgabe meistern wir erfolgreich und wenig später sitzen wir mit unseren Tabletts draußen auf der Veranda. Vor uns glänzen glasierte Rippchen & Briskett um die Wette, flankiert von Fries, und „Collard-Greens“, einer hier in den Südstaaten typischen Beilage aus grünem Kohl. Begleitet wird dieses famose Mahl von zwei großen Gläsern Michelada. Einem mexikanisch angehauchten Mix aus Bier, Tomatensaft, Tabasco, Limette und Chilli.

Komplettiert wird dieser herrliche, letzte Abend in Greenville abermals von unseren Freunden. Aden, Kylie und Tobi haben sich abermals eingefunden, um uns Gesellschaft zu leisten. Auch Ihre Tabletts biegen sich unter der Last der örtlichen Köstlichkeiten. Überfressen gehört hier zum Tagesgeschäft. Die Finger sind klebrig, die Stimmung ist ausgelassen und so gehen die letzten Stunden in dieser wundervollen Stadt dahin.

Zurück im Hotel spüre ich die Schärfe der Chiliflocken vom Glasrand noch ebenso auf meinen Lippen, wie ich die Wärme von Sonne & Freundschaft auf meiner Haut spüren kann.

Morgen geht es weiter Richtung Charleston. Aber für heute konstatiere ich: Greenville – viel zu lange überfällig, aber einfach wieder #MEMORABLE. ❤️

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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