Für die erste Nacht schwante mir Schreckliches. Ich habe zwar erst in den letzten Jahren, dafür aber umso heftiger Bekanntschaft mit meinem neuen Kumpel „JetLag“ gemacht. Vor meinem geistigen Auge sah ich uns, angetrieben von diesem kleinen Drecksack, schon gegen 02:00 Morgens aufschrecken und senkrecht in den Federn sitzen. Doch zu meiner großen Freude zeigt er sich nachsichtig. Wir sind zwar gegen 04:00 das erste Mal wach, aber erstaunlicherweise in der Lage uns noch einmal rumzudrehen und tatsächlich nochmal einzuschlafen. Somit startet der „richtige“ Morgen dann erst gegen 06:15 – eine durchaus anständige Zeit für die erste Nacht am anderen Ende der Welt.
Das geplante Tagwerk startet erst etwas später und somit haben wir genug Zeit für einen ausgiebig entspannten Start in den Tag. Den ersten Kaffee nehmen wir draußen vor dem Hotel. Die Luft ist frisch und warm, die Gemüter gleichermaßen entspannt und aufgeregt. Voller Tatendrang entern wir erstmal das Gym, um dem fiesen Flieger-Futter zu Leibe zu rücken – und vielleicht der hier üblichen, seltsamen Mangel-Überfluss-Ernährung ein wenig vorzubeugen.
Zwei ausgiebige Runden unter der Dusche später stehen wir, einen weiteren dampfenden Kaffee in der Hand, vor dem Hotel und warten auf unsere Freunde. Aden und Kylie entführen uns in einen wundervollen Tag. Auf dem Plan steht ein Ausflug in die Berge, der Besuch einer „Apple Farm“ und ein wundervolles Home-Cooked-Dinner. Aber alles der Reihe nach und nicht drängeln…!
Um punkt 09:30 rollen Aden und Kylie in die Hotelvorfahrt. Paul und ich haben das große Glück, heute chauffiert zu werden und nicht selbst fahren zu müssen. Breit grinsend öffnet Aden den Kofferraum. Was uns dort anlacht ist nicht weniger als ein knapper Kubikmeter Kühlbox – gefüllt mit einem halben Zentner Eis und gut einem Dutzend Dosen in allen Regenbogenfarben. Zwischen den Eiswürfeln klirren Wasser, Ginger Ale und Bier um die Wette. Einfach Wunderbar – das wird ein herrlicher Tag!
Aber auch der kann nicht ohne ein anständiges Frühstück in Angriff genommen werden. Ohne Mampf – kein Kampf! Da spielt es keine Rolle ob daheim oder hier. Und somit heißt der erste Spot des Tages: Die Bagel Factory!
Keine 10 Minuten später betreten wir zu viert ein kleines Etablissement, dass sich dem Zweck verschrieben hat, seiner Kundschaft mit 20 Sorten Bagels, ebenso vielen Sorten Cream-Cheese und einer Hundertschaft weitere Beläge und Sides den Entscheidungsprozess nahezu unmöglich zu machen. Bagels von Vollkorn über Sesam bis Rosine – Frischkäse von Erdbeere über Knoblauch bis Jalapeno – Käse von Swiss über Pepper Jack bis Cheddar – Beilagen von Pickles über Chips bis Coleslaw – die Karte nimmt einfach kein Ende. Und Alles nahezu unbegrenzt kombinierbar! Du meine Güte!!
Else schrubbt sich verzweifelt einen Wolf, bei dem Versuch das Angebot in eine mathematische Gleichung a la „15 hoch 26 hoch 7“ zu pressen. Völlig unmöglich. Da ist es fast recht, dass die Schlange vor uns gut 20 Meter lang ist -anders wären wir mit der Auswahl bis vorne zum Counter nicht annähernd fertig gewesen. Aber so haben wir ein paar Minuten später 4 Körbe mit knusprigen Bagels auf dem Tisch und eine Tüte mit ein paar Sandwiches fürs Picknick am Nachmittag in der Kühlbox. Satt und zufrieden plumpse ich in meinen „Sissy Seat“ und bin unendlich dankbar, heute nicht selbst fahren zu müssen.
Das erste Ziel lautet: Chimney Rock. Ein US Monument in Gestalt eines Granit Monolithen oben in den Apalachen – zum Selbstbestieg. Ist nach diesem Frühstück sicher nicht die schlechteste Idee. Die Fahrt führt uns schnell raus aus der Stadt. Rechts und links fliegen die ersten waschechten „Southern Homes“ an uns vorbei, die Sonne scheint durch das dichte, satte Grün der Wälder ins Panoramadach und in den zunehmend enger werdenden Serpentinen klirren die Dosen in Ihrem Eiswürfelbad.

Oben angekommen zieht Aden sein Auto in eine freie Parklücke und wir steigen aus. Sofort umgibt uns eine Wand aus Hitze. What the fuck…? Ich hatte mich bis dahin dem Glauben hingegeben, oben in den Bergen einen Pullover zu brauchen – aber weit gefehlt! Paul kann gar nicht so schnell schauen, wie ich mir den viel zu dicken Hoodie vom Körper reiße und mir wünsche, ich könnte mit dem T-Shirt umgehend das Gleiche tun. Scheiße – ist das heiß! Und noch heißer wird mir, als ich die Hundertschaften an massiven Stahltreppen sehe, die irgendwer ins Granitmassiv gekloppt hat. Da soll ich hoch? Bei 40 Grad…?? Grundgütiger! „Na – Wenigstens musste Dir dann keine Sorgen machen, dass der Strawberry-Creamcheese seine letzte Ruhestätte an Deiner Hüfte findet“ klugscheißt Else von weit hinten. Recht hat Sie ja irgendwie. Dann wollen wir mal.

Der Aufstieg ist in der Tat etwas beschwerlich. Wenngleich ich es gewohnt bin viel zu laufen, zu joggen oder die zwei Etagen zu meinem Büro immer zu Fuß zu gehen – Treppensteigen in Dauerschleife ist immer eine ganz eigene Herausforderung. Ich pruste und keuche mir also meinen Weg nach oben. Der Anstieg führt über endlose Holz- und Steinstufen entlang der 96 Meter hohen, mitunter senkrechten Felswand. Hier und da kommt man nicht umhin, tief gebeugt durch enge kleine Höhlen zu kraxeln. Es ist wirklich abenteuerlich – aber die schweißtreibende Plackerei soll sich lohnen!



Wir passieren den „Devils Head“ und den „Pulpit Rock“ und machen sogar Bekanntschaft mit einer Schlange. Der schwarz-schimmernde Hintern einer „Carolina Black Racer“ hängt entspannt neben uns aus einem Erdloch. Scheint auch ein Mittagspäuschen zu brauchen, die Gute – sie lässt jedenfalls nicht mit Zungenschnalzern zur irgendeiner Bewegung ermutigen. Wer könnte es ihr bei der Hitze verdenken?

Wir selbst sind mittlerweile oben angekommen. Irgendwer hat irgendwann mal eine kleine Bank in so etwas wie eine waagerechten Felsspalte oben am Gipfel gestellt. Die Aussicht ist in Worten kaum zu beschreiben. Während mir hinten regelrechte Sturzbäche meines eigenen Saftes die Wirbelsäule fermentieren, kriege ich vorne buchstäblich die Kinnlade nicht mehr nach oben. Weit unter uns windet sich der „Broad River“ glitzernd durch das Panorama. Die Häuser entlang seines Flussbettes sind von hier oben nicht mehr als kleine Stecknadelköpfe. Ein wenig Demut macht sich breit angesichts der hier deutlich spürbaren Bedeutungslosigkeit des eigenen seins. Es ist einfach atemberaubend!

Paul steht neben mir. Auch er ist sichtlich ergriffen vom gebotenen Panorama. Besonders, weil er es war, der sich gewünscht hat mal an den Rand des Apalachentrails zu gelangen. Hier steht er nun und genießt schweigend und glücklich den Ausblick. Es stimmt – Freude ist wirklich das Einzige was mehr wird, wenn man es teilt. Die Woge an Dankbarkeit, die mich in diesem Moment durchströmt wird noch verstärkt durch die Stimmen von Aden und Kylie, die sich hinter uns auf der Bank niedergelassen haben und sich ausgelassen unterhalten. Das Leben ist so schön!
Der Abstieg geht schnell von statten. Der Durst treibt uns an. Wieder zurück am Auto nimmt jeder eine grooooßen Schluck aus irgendeiner Wasserpulle und wir beschließen, das Mittagessen nicht hier oben am Parkplatz sondern weiter unten auf einem der vielen „BBQ Places“ neben der Straße einzunehmen.
Keine 10 Minuten später hat Aden den Wagen in einem kleinen Waldstück geparkt und wir besetzen den hölzernen Campingtisch. Heißhungrig werden die mitgebrachten Sandwiches und ein paar Dosen Ginger Ale vernichtet. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt derartige Köstlichkeiten zu mir genommen habe. Aber ich schätze, dieses Gefühl kommt zur Hälfte vom Panorama.
Satt und zufrieden besteigen wir ein weiteres Mal die Rücksitzbank – und ich bin einmal mehr unendlich dankbar, nicht hinters Steuer krabbeln zu müssen, so sehr ich Autofahren auch liebe: Hinten Platz nehmen und aus dem Fenster sehen zu dürfen ist heute der absolute Luxus!
Die Nachmittagsroute führt uns zu einer großen Apfelplantage in Hendersonville – die „Jeter Mountian Farm“. Das Ziel ist jedoch weniger die Inaugenscheinnahme der schier endlosen Reihen von Apfelbäumen, sondern der Genuss von fermentiertem Apfelsaft, dem hier so berühmten „Apple Cider“ – ein paar Umdrehungen natürlich inklusive. Zielstrebig entern wir die Bar, oder besser gesagt den „Cider Barn“ um uns 5 Minuten später, bepackt mit einem Probierbrett verschiedener Cider Sorten an einem der urigen Holztische niederzulassen.

Überflüssig zu sagen, dass es nicht lange dauert bis Aden, Paul und Ich schon die ersten Lämpchen an haben. Grundgütiger! Das Zeug schmeckt so ungefährlich – geht aber mal so direkt in die Blutbahn. Das muss der Zucker sein! Die arme Kylie – Sie hat die goldene Arschkarte des Fahrers für den Nachmittag gezogen und nippt daher an „nur“ einem normalen Apfelsaft.

Während wir nach dem halben Liter Tarngesöff noch kurz den Shop besuchen, ziehen draußen dunkle Wolken auf. SEHR dunkle Wolken! Der Weg zurück zum Auto geht im Sauseschritt von statten – keine Minute zu früh. Noch beim Angurten klatschen uns schon die ersten dicken Tropfen aufs Dach. Der Scheibenwischer muss abschnittsweise alles geben, um den Wassermassen Herr zu werden. Aber Kylie steuert den Hobel souverän über die schmalen Straßen zurück nach Hause.
Den Abschluss des Tages bildet ein „Home-Cooked-Dinner“, oder besser gesagt ein BBQ bei Aden und Kylie daheim. Die beiden sind erst vor ein paar Monaten aus Deutschland für 3 Jahre als Expats in die USA gezogen und haben uns eingeladen, Ihr neues Haus anzuschauen. Ein waschechtes US-Home erwartet uns. Eine große Pantry-Küche, mehrere Schlafzimmer und Bäder, eine Maisonette-Galerie und ein Fernsehzimmer – alles in Extra schön! Das Herzstück ist die Südstaaten-Terrasse, oder besser gesagt die beiden Südstaaten-Terrassen im großen Garten. Die Eine beherbergt Adens Grill-Armada, die Andere die Sitzecke und einen Schaukelstuhl. Ich kann einen kleinen Freudenschrei nicht unterdrücken als ich mich, bewaffnet mit einer Dose eiskaltem Bier, in Letzteren sinken lasse.
Paul sitzt mir gegenüber, ebenfalls glücklich und zufrieden an einer Dose Miller nippend. Und während wir gerade noch diesen wundervollen Tag Revue passieren lassen, gesellt sich Aden auf die Terrasse. In der Hand ein dickes Holzbrett, dessen oberfläche einen atemberaubenden Duft verströmt. Man muss wissen: Aden und Kylie sind waschechte „Foodies“. Die beiden kochen, backen und grillen auf einem Level, dass die Meisten von uns nicht mal in einem Restaurant erleben, geschweige denn selbst erreichen werden. In München wurde mir schon oft das Glück zu Teil, diese sagenhafte Küche erleben zu dürfen, wenn ich bei den Beiden zum Essen & Ratschn eingeladen war.
Vor uns auf dem Terrassentisch thront in diesem Moment ein dickes Holzbrett, dessen Ränder vollgelaufen sind mit duftendem Fleischsaft. Zwei herrliche Steaks, dick, saftig und rosa, glänzen aufgeschnitten in seiner Mitte. Aus einem Korb strömt der warme, würzige Duft von Kylies sagenhaftem Sauerteigbrot. Dazu gibt es selbst geschlagene Butter und und selbst gemachtes Baba-Ganoush. Ich muss im Himmel sein! Auch Paul ist mehr als beeindruckt und leckt absolut genüsslich den roten Steaksaft von seinen Fingern.

Für uns beide ist es ein Kunststück, sich nicht schon an diesen Köstlichkeiten satt zu essen – denn das alles ist nur die Vorspeise. Wenig später folgen selbst gegrillte Fisch-Burger und ein wundervolles Zitroneneis mit selbst gebackenem Baiser. Alles aus hauseigener Herstellung. Das ist „Craftsmanship“ – und zwar in der absolut finalen Ausbaustufe. Mich nicht vollends zu überfressen soll mir an diesem Abend einfach nicht gelingen. Es ist hoffnungslos. Wie zwei dicke, runde Murmeln wälzen Paul und ich uns wenig später absolut selig in unser Bett.
Was für ein Tag! Monumente, Panorama, ein leichter Schwips, unfassbares Essen – und unglaublich tolle Freunde. Mehr kann man aus Leben einfach nicht machen.
Einfach #MEMORABLE! ❤️