Das Klingeln des Weckers reißt mich unbarmherzig aus der viel zu kurzen Nachtruhe. Auf Alexas Display blinkt eine 3 – gefolgt von zwei Nullen. Was für eine gottlose Uhrzeit! Weniger als 4 Stunden Schlaf gereichen dann doch nichtmal mehr mir zum einigermaßen ausgeschlafen sein. Ich kam schon immer gut mit wenig Schlaf zurecht – aber auch ich schäle mich nach solchen Nächten zunehmend schwerfällig aus dem Bett. Muss das Alter sein. Neben mir bewegt sich die Decke und ein ziemlich zerwühlter Paul schaut zu mir empor – nicht weniger muffelig. Auch ihn haben die letzten Wochen und das gemeinsame Projekt „Zusammenziehen“ sichtlich mitgenommen.

Jede freie Minute – egal ob am Tag oder spät am Abend, wochentags wie am Wochenende – war angefüllt mit Ausräumen, Umräumen, Aussortieren, Einsortieren, Kisten packen, Kisten entpacken oder Entsorgungsfahrten. Von den flankierenden Tätigkeiten wie Malerarbeiten, Wohnungsübergabe, Papierkram, Behördengängen, Adressänderungen bei gefühlt 1.000 Institutionen oder allgemeiner Koordination ganz zu schweigen.

Der Abschluss all der Plackerei, final manifestiert in Form eines Stempels vom Einwohnermeldeamt auf Pauls Papieren und gefeiert mit einer Flasche Rose´ Champagner in vormals meiner, nun gemeinsamen Wohnung, hätte zeitlich nicht besser ausfallen können: Einen Tag vor unserem Urlaub ist alles erledigt und ich kann den süßen Geschmack der Freiheit, die in knapp 4 Stunden auf dem Berliner Flughafen starten soll, beinahe schmecken. 3 Wochen USA. Ostküste. North & South Carolina. US Geschichte & Beach Life. Eine probate Mischung aus Fahren & Sein. Und das Alles zum ersten Mal seit 7 Jahren nicht alleine. Ich könnte nicht gespannter sein – und glücklicher auch nicht.

Bevor wir jedoch ins Taxi steigen, sind die letzten Reste der Pack-Orgie noch ab- und die Koffer noch zuzuschließen. Ich selbst verfolge auch dieses Mal wieder die Strategie, meine über 2 Jahre gesammelten, aussortierten Klamotten mitzunehmen, dort ein letztes Mal zu tragen und anschließend zu entsorgen um den frei werdenden Platz im Koffer mit neuer Beute zu füllen. Das Set-Up hat sich bei den letzten Reisen mehr als bewährt. Mit dem Unterschied, dass ich in den vergangenen Jahren immer alleine durch die Einsamkeit der Staaten getourt bin. Den Kakteen war es egal (und mir gleich zweimal), ob mein Shirt ein Loch oder meine Hose einen Fleck hat oder ob beides zusammenpasst. Dieses Mal sehe ich mich jedoch mit dem Umstand konfrontiert, mein Antlitz einem weiteren Reisenden zumuten zu müssen. Aber Paul hat mehrfach betont, dass es ihm egal sei, ob ich an seiner Seite im feinsten „Homelesslook“ rumlaufe. Ich hatte, dieser Aussage zum Trotz, dennoch ein paar Tage auf dem Gedanken rumgekaut – aber schlussendlich final enschieden: Da musser durch, der Mann.

Paul selbst verfolgt natürlich keine Strategie dieser durchaus speziellen Art, sondern stapelt Shorts und Shirts für mehrere Wochen, konstatiert etwas von zwischendurch waschen (whaaat??) und klappt den Koffer zu. Ich kann die stabilen Schlösser der Alu-Rimowas beinahe unter dem Zug ächzen hören – aber am Ende ist alles verstaut. Das Gepäck kullert Richtung Flur und wir bummeln, nicht ganz unaufgeregt, im alten Aufzug nach unten. Das Taxi wartet schon.

Eine kurze, unaufgeregte Autofahrt später stehen wir am BER. Der Himmel leuchtet glutrot im nahenden Sonnenaufgang. „Wenn Engel verreisen“ tönt Else (offensichtlich ausgeschlafener als ich) angesichts der Neonfarben am Firmament.

Ich lösche die letzte Kippe für die nächsten 12 Stunden und der Tross setzt sich in Bewegung Richtung Baggage-Drop-Off – im unbemannten Help-Yourself-Modus natürlich.

Nach diversen Bodenkämpfen mit Scannern, Labeldruckern und widerspenstigen Koffer-Tags passieren wir den Security Check und lassen uns alsbald, Priority Pass sei Dank, in 2 flauschige Sessel in der Flughafenlounge plumpsen.

Keine 2 Sekunden später perlen zwei große Gläser Schampus auf unserem Tisch. Der Dauer-Maximal-Stresspegel der letzten Wochen sinkt quasi proportional zum Füllstand der Sektflöten und kaum geht die dritte Runde zur Neige, können wir auch schon zum Gate wo wir – leicht angebrütet Morgens um halb neun – den ersten Flieger entern.

Ich verschlafe den kurzen Katzensprung von Berlin nach München gänzlich an Pauls Schulter und wache erst zur Landung wieder auf. In München angekommen wiederholen wir das Spiel aus Lounge und Sekt bis die nächste (und letzte) Etappe zum Einsteigen bittet.

Die Langstreckenmühle ist leider bumsvoll und so dauert es eine ganze Weile bis Boardinggruppe 5 in der Holzklasse auflaufen darf. Meine Hoffnung, der dritte Platz in unserem Mittelschiffchen könnte vielleicht unbesetzt bleiben, pulverisiert sich schon in Annäherung. Aber wenigstens thront auf dem Sitz zu meiner Linken kein Zwei-Zentner-Mensch, sondern ein „Normalo“, ein schüchterner noch dazu. Das dürfte also eine ruhige Nachbarschaft werden in den nächsten 9 Stunden. Einigermaßen zufrieden gurte ich mich also zwischen Paul und dem stillen Herrn fest. Den Gangplatz überlasse ich meinem Liebsten. Er hat ja nun doch ein wenig mehr und längere Gräten als ich.

Da wir zur vorletzen Boarding-Gruppe gehören, ist das Einsteigen bald beendet und die Mühle tuckert los, bleibt jedoch keine 100 Meter hinter dem Gate schon wieder stehen. Der Captain wendet sich galant ans Volk und tönt etwas von einem Defekt an einem der Computer, die für die Treibstoffversorgung nötig sind. (Gut – ohne die wirds nicht gehen). Man müsse den Vogel nochmal neu booten – na großartig. „Bitte keinen technischen Defekt und alle Mann wieder aussteigen“ konstatiert Else schon halb beleidigt. Ihre Sorge soll sich als unbegründet herausstellen. 20 Minuten später rollern wir Richtung Startbahn und kurz darauf verschwindet der Vogel in den Wolken.

Paul und ich haben uns bereits dem Board-Entertainment zugewendet. Wie immer gibt es mehr gute Filme als Flugzeit und so geht die erste halbe Stunde stumm von statten. Wenig später reicht uns eine Stewardess (gefangen im Körper eines Stewards) einen sehr schmackhaften Apperitiv und kurz darauf ein Tablett mit den erlesenen Köstlichkeiten der Lufthansischen Bordküche. Zugegeben: Das Essen ist besser als der verschweißte Alu Container äußerlich vermuten ließ und so verstreicht die nächste Stunde schweigend, mümmelnd und ein weiteres Glas des Apperitivs leer zuppelnd.

Der Alkohol und der volle Magen schmieden alsbald eine Allianz und schicken mich recht zügig wieder ins Traumland. Schlaf kann man es nicht wirklich nennen, aber ich döse dauerhaft vor mich hin, gelegentlich unterbrochen von kleineren Positionswechseln um meinen Nacken am Durchbrechen zu hindern. Überflüssig zu sagen, dass „Haltung bewahren“ in dieser Presspassung nicht möglich ist. Das Glück des Dösens ist Paul leider nicht vergönnt. Er tut sich schwer im Sitzen zu schlafen und ist daher verdammt, die gesamten 9 Stunden live und aufrecht abzusitzen. Aber er verlässt keine Sekunde seine Rolle als wahrer Gentleman und bietet mir Schoß und Schulter für mein 3-Sterne-Schläfchen. Meinen ersten und einzigen Film strecke ich somit über den gesamten Flug und wache erst auf, als die Gangway vom Duft frischen Kaffees durchströmt wird. Ich setze mich aufrecht hin und schaue auf ein mehr als zerknittertes Paulchen. Es war ein sehr langer Flug für ihn, aber er macht gute Miene und bald schon freuen wir uns über zwei Bechern Kaffee auf das, was vor uns liegt.

Die Rechnung haben wir allerdings vorerst ohne die Immigration gemacht. In Charlotte – dank zahlloser Dienstreisen ins hiesige BMW Werk quasi mein Haus- und Hofflughafen der letzten Jahre – haben nur 2 Schalter geöffnet. Was sonst immer nur 20 Minuten in Anspruch genommen hat, dauert heute eine gute Stunde bis zwei frische Stempel in unseren Pässen prangern. Auch die Koffer sind alle wohlbehalten angekommen und drehen schon einsam auf dem Gepäckband Ihre Runden. Jetzt heißt es: Ab zur Mietwagenbude.

Da wir dieses Mal nicht ganz so lange Strecken und schon gar nicht täglich so viel fahren wie sonst, haben wir uns im Vorfeld für ein etwas „dezentere“ Buchungsklasse entschieden. Mein kurzes Zähneknirschen bei der Reservierung, mit der Aussicht keinen V8-Pick-Up durch die Staaten zu schubsen habe ich bis hierhin bereits vergessen. Heute heißt es: Midsize – SUV – Allrad. Gebucht war ein Toyota 4-Runner. In die Hand drückt man mir den Schlüssel eines Volvo XC60. Ein VOLVO! In AMERIKA! Ich glaube, Paul hat noch nie einen so schnellen & formvollendeten Moodswing bei mir beobachten dürfen wie jetzt gerade. Meine Kinnlade samt aller meiner fröhlichen Gesichtszüge saust so schnell in den Keller wie ein dickes Kind auf ner Wippe.

Der sonst so geliebte Mann versucht sich in tröstenden Worten während er das Gepäck in den Kofferraum wuchtet und schwadroniert etwas von „Ist doch nicht so schlimm“ – „Guck mal, der sieht doch nett aus“ – „Das reicht doch“. Tut es nicht. Ich bin gerade dabei, klein beizugeben und die Parklücke zu verlassen, als meine traurigen Augen einen Toyota Tacoma erblicken, den gerade jemand zurück gegeben hat. Ich schaue bettelnd zu Paul. Er kann es gerade so vermeiden mit den Augen zu rollen – aber das Seufzen kann er nicht unterdrücken als er sich schlussendlich seinem Schicksal ergibt: „Na dann geh halt fragen“ – ich glaube er ist einfach zu müde für mehr Gegenwehr.

Ich trolle mich wieder zum Schalter. Der junge Mann schaut dezent irritiert aus seinem Glaskasten, als ich ihm was von einem „mehr amerikanischen Auto“ erzähle und auf den Pick-Up zeige. Seine Miene hellt sich auf. Ich hab den Patriotennerv getroffen. Meine Chance witternd schiebe ich zügig mein schönstes Lächeln hinterher und erzähle was von Ford und USA und so. Das zieht. Keine zwei Sekunden später greift der Herr zum Funkgerät und fordert ein anderes Fahrzeug an. Ford Explorer. Größer. Höher. Anständigen Allrad-Antrieb. Und voll amerikanisch. Zwar kein V8 – aber damit kann ich leben. Eine halbe Stunde später wird uns das frisch gewaschene Fahrzeug vor die Füße gestellt und Paul macht sich sogleich daran, das Gepäck umzuladen.

Ich entere den Fahrersitz und wir verlassen das Parkhaus. Es ist knapp 19 Uhr Ortszeit – 01:00 Nachts in Deutschland. Meine Miene ist fröhlich und taufrisch – Paulchens hingegen quasi nicht mehr vorhanden. Der arme Kerl hatte letzte Nacht 3 Stunden Schlaf und ist jetzt schon seit über 20 Stunden auf den Beinen. Der arme Mann braucht was Starkes. Starbucks Ice-Coffee-Double-Energy. Mein Suchtgesöff in den Staaten, wie die Meisten von Euch wissen. Der halbe Liter. In eiskalt. Die nächste Circle-K ist unsere.

Paul nippt dankbar an seiner Dose. Für die vor uns liegenden 1,5 Stunden Fahrt nach Greenville rate ich ihm zu einem Powernap. Ich habe es noch nicht ganz ausgesprochen, da dringt schon leises Schnarchen vom Beifahrersitz an mein Ohr. Gut so – denn sobald wir in Greenville ankommen, wartet noch nicht das Bett auf uns, sondern ein Bier mit Freunden. Jetlag-minimierungs-Strategie quasi.

Eine gute Stunde später ziehe ich unseren Boliden auf den Parkplatz des „Twin-Peaks“: Eine große, hölzerne Sportsbar mit Grill, in der es – wie der Name schon sagt – vornehmlich um zwei Dinge geht: Halb gefrorenes Bier und halb freigelegte Möpse. Die Anderen sind schon da und die Begrüßung ist fröhlich und ausgelassen. Ehrliche Freude über unsere Ankunft und die Wärme von Freunden, die man viel zu lange nicht gesehen hat, schwappen ebenso über den Tresen wie das Bier mit den Eiskristallen im Glas.

Ein Teller voller Briskett-Tacos kompletttiert den Zauber des Abends. 7.382 km Anreise – 24 Stunden wach. Der ganze Organismus voller Endorphine. Wir sind da!

Let´s call it a day…. ❤️

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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