Am Morgen erwache ich frisch und ausgeruht – ohne Wecker und (vorerst) ohne verstopfte Nase. Manchmal frag ich mich ja schon, was genau die Amis da so an Drogen in Ihre Erkältungsmedikamente mischen – aber für den Moment bin ich einfach nur froh, dass der Plan aus heißer Dusche, Rotznasenschnaps und Bett funktioniert hat.

Weniger froh bin ich allerdings über den Blick aus dem Fenster. Der Himmel ist nach wie vor wolkenverhangen, der Horizont nicht zu sehen. Ich hatte noch nicht einmal meinen ersten Kaffee und möchte schon schreien. Hotel gleich am Strand. Zimmer mit Meerblick. Und einen ganzen Tag „frei“. Präzise: Genau DIESEN einen Tag frei um ausgiebig am Meer spazieren zu gehen und einfach mal absolut gar nichts zu tun. So wie es aussieht, muss ich mich aber jetzt um ein anderes als das geplante „Nichts“ bemühen.

Also vertrödle ich den Morgen, trinke einen zweiten Kaffee zur Zigarette, gehe erst auf den letzten Drücker zum Frühstück, stecke danach die Nase nochmal für ein Stündchen in mein Buch. Alles in der Hoffnung, die Wolken würden sich irgendwann verziehen. Tun sie nicht.

Da ich trotz des beschissenen Wetters nicht vorhabe, den ganzen Tag in meinem Zimmer zu verbringen, raffe ich mich Mittags schlussendlich auf, doch mal an die frische Luft zu gehen. Da ich einen längeren Spaziergang geplant habe, packe ich ein paar Notwendigkeiten in meinen Rucksack und verbringe dann nochmal 10 Minuten mit der Frage was ich anziehen soll – Weniger der Optik als vielmehr den voraussichtlich wankelmütigen Temperaturen und Windstärken geschuldet. So richtig warm ist es hier oben an der Küste nämlich nicht. Die Tageshöchsttemperatur soll heute so semi-geile 15 Grad betragen. Also entscheide ich mich für den guten alten Zwiebellook: Tanktop. T-Shirt. Softshell. Dazu Flip-Flops, Fleece und Regenjacke im Rucksack. Müsste passen.

Da ich nicht mehr zu tun brauche, als die Straße zu überqueren um den Strand zu erreichen, sinken meine Füße alsbald in tiefen weichen Sand. Das übliche Wohlgefühl bleibt dabei jedoch irgendwie aus. So grau in grau ist das alles nur der halbe Spaß. Die, die mich ein bisschen besser kennen wissen ja, dass meine Laune in weiten Teilen vom Wetter abhängt. Ist es beschissen, werde ich ganz schnell knatschig. Da macht dieser Tag hier – trotz Küste – keine Ausnahme.

Schon nach zwei Minuten halte ich an, weil mir der Sand in die Schuhe rieselt. Also: Socken & Schuhe aus, Flip Flops an. Aber der Sand ist zu weich und zu tief. Das flapperige Schuhwerk taugt hier zu wenig mehr, als einzusinken und den Sand dann wie mit kleinen Schaufeln durch die Gegend zu werfen. Nennenswert vorwärts kommen tu ich damit nicht. Also: Flip Flops aus. Barfuß weiter. Geht genau so lange gut, bis mir eine kleine Muschelscherbe einen spitzen Schmerz verursacht. Ich KOTZE! Also: Schuhe wieder an. Da das eben schon nicht funktioniert hat und ich grundsätzlich bei unveränderten Prämissen keine anderen Ergebnisse erwarte, lasse ich diesmal die Socken weg. Vielleicht bringt das ja was. Tut es.

Dankbar, das blöde Schuhproblem endlich gelöst und meine Fußbekleidung nun optimal an die sandigen Gegebenheiten angepasst zu haben, stapfe ich Richtung Wasserlinie und will eigentlich die große Gesteinsformation zu meiner Linken umrunden, um nach Süden zu gehen. Leider muss ich feststellen, dass es da – zumindest bei Flut – nicht weitergeht. Die ganze Bucht ist ein „Dead End“. Zum zweiten Mal an diesem Tag bin ich kurz versucht zu schreien, kann mich aber beherrschen und brummel mir nur ein leises „Scheiße“ zusammen.

Dead End

Gefrustet laufe ich den ganzen Weg wieder zurück, klettere die Böschung hoch und laufe eine knappe halbe Meile an der Straße entlang zur nächsten Abzweigung und damit dem nächsten „Coast Access“. Natürlich ziehe ich aber vorher die Socken wieder an.

Bis ich also endlich mal am „richtigen“ Strand bin ist ganz bequem die erste Stunde verstrichen. Wobei „richtiger Strand“ hier auch keine ganz zutreffende Beschreibung ist. Die ganze Küste in dieser Gegend ist ein zerklüfteter, steiniger und mit großen Felsen durchzogener Abschnitt. Mal geht der Weg oben durch eine Art Heideland – mal kann man unten zwischen Steinen rumklettern.

Ich bleibe erstmal oben auf dem gut ausgebauten Weg, denn ich habe gerade keine Lust auf eine weitere Runde „Bäumchen wechsel Dich“ mit meinen Schuhen. Das Theater, was ich mit Jacke und Sonnenbrille am Start hab reicht mir völlig. Jacke an – Jacke aus. Sonnenbrille auf – Sonnenbrille ab. Es ist echt zum davonlaufen. Aber wie bereits erwähnt: Ich bin knatschig. Kommt eher selten vor, aber wenn – dann halt richtig.

Missmutig stapfe ich den Pfad entlang, als mir zum ersten Mal auffällt, dass hier oben ganz schön was los ist. Zahlloses Fell- und Federvieh ist zugegen und darüber hinaus scheinen alle schwer beschäftigt. Überall raschelt, quiekt oder zwitschert es. An einem Abhang entdecke ich ein paar kleine Höhlen – und dann sehe ich endlich die Quelle des Quiekens: Es sind Eichhörnchen. Oder besser gesagt „Strandhörnchen“. Zu hunderten wuseln sie um mich rum. Besonders scheu sind sie nicht. Als ich stehenbleibe um eins zu filmen, schleicht sich von hinten ein anderes neugierig an mich heran. Zum ersten Mal an diesem Tag huscht mir ein Lächeln über die Lippen.

Ich gehe weiter, wähle einen schmalen Trampelpfad runter zum Strand und traue meinen Augen nicht, als direkt vor meinen Füßen eine kleine gelb-rote Schlange meinen Weg kreuzt. Verdutzt halte ich inne (froh, jetzt gerade nicht die Flip-Flops anzuhaben). Eine Schlange hab ich in freier Wildbahn wirklich noch nie gesehen! Leider ist das Vieh viel zu schnell und schon im nächsten Strauch verschwunden, bis ich die Kamera gezückt habe. Also setze ich meinen Weg fort und frage mich, was für eine Schlange das wohl gewesen sein mag. Die Antwort liefert Google: Was sich mir da eben vor die Füße geworfen hat war eine West Coast Garter Snake.

Nachdem ich ein paar Felsen runter geklettert bin, stehe ich in einer der vielen, kleinen Buchten. Fast augenblicklich stolpere ich über einen Haufen des hier so typischen überdimensionalen Seegrases. Quasi so eine Art gigantische, glitschige Schwimmnudeln. Die kenne ich schon, bin aber trotzdem jedes mal wieder fasziniert. Bisschen eklig sind die ja zugegeben schon, wie sie da so rumliegen – beinahe so wie ein Haufen Tentakel. Bäh.

Plants – or Aliens..?

Da die Bucht sehr klein ist, gibt es hier nicht viel zu sehen und ich klettere wieder nach oben. Ich bin schon eine Weile unterwegs und nehme daher mal so langsam Kurs auf mein eigentliches Ziel: Den „Glass Beach“. Eine ebenfalls winzig kleine Bucht, die die Besonderheit aufweist, dass sich zwischen dem Kies eine Vielzahl kleiner, bunter Glaspartikel angesammelt hat.

Glass Beach / Fort Bragg

Als ich auch diese Bucht abgehandelt habe melden sich – quasi synchron – meine Blase und mein Magen. Über Letzteren bin ich sehr erstaunt. Klar – Bewegung an der frischen Luft macht bekanntlich hungrig, aber üblicherweise käme jetzt von unten die Forderung nach einem Käsebrötchen, einem Stück Wurst oder von mir aus auch nach einer Pizza. Das bleibt heute aus – dafür verspüre ich einen beinahe unbändigen Heißhunger auf etwas Süßes. Pancakes oder so.. Komisch – So kenne ich mich gar nicht. Verdammt! Das ist bestimmt der French-Toast von gestern schuld. Anyway – das muss bedient werden, sonst werd ich gleich nochmal knatschig, wo ich es doch gerade geschafft habe, die erste Runde vom Vormittag bei Seite zu legen. Ich erinnere mich, weiter vorne an der Hauptstraße ein Diner gesehen zu haben. Dann mal los.

Keine 20 Minuten später sitze ich an einem Tisch am Fenster, vor mir dampft eine heiße Tasse Kaffee und ich bestelle auf Empfehlung den „Strawberry stuffed Cream-Cheese French Toast Sampler“, zu dem auch wie üblich zwei Spiegeleier, zwei Würstchen und zwei Scheiben Bacon gehören. Sweet & Salty & Strawberries. Genau MEINS!

Als die Bedienung kurz danach mit gleich zwei großen Tellern anrückt bin ich erst etwas eingeschüchtert, aber dann schnell begeistert.

Sweet‘n Salty Sins

Das Ensemble ist absolut köstlich – die Portion kann ich allerdings nicht ansatzweise bezwingen. Ich lasse mir den Rest einpacken, zahle und spaziere satt und zufrieden zum Hotel zurück.

Ich verbringe noch eine Weile in feinsten Fresskoma und mit einfachen Tätigkeiten wie umpacken oder lesen. Am frühen Abend jedoch lockern die Wolken ganz hinten am Horizont nochmal ein klein wenig auf. Ich habe den Haufen Süßkram und den Bacon gut anverdaut und bin somit durchaus motiviert mein Nichtstun zu unterbrechen, um doch noch eine Laufrunde einzuschieben (das war nach der French-Toast-Völlerei gänzlich undenkbar).

Gesagt – getan. Diesmal entscheide ich mich für die andere Richtung und bekomme noch ein paar wundervolle Eindrücke und schlussendlich doch noch einen sichtbaren Sundowner. Ende gut – Alles gut!

Eveningrun

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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  1. Avatar von wilhelmlessmann

1 Comment

  1. Schön das du dir auch durch mäßiges Wetter deine Neugier und Entdeckerlust nicht nehmen lässt, Wie immer sehr schön geschrieben. Das mit der Laune kommt mir bekannt vor.

    Papa

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