Das Hotel an sich ist erwartungsgemäß sehr einfach, aber erfreulicherweise auch Best-Western typisch blitzesauber. Über die Neon-Deckenbeleuchtung lässt sich zwar streiten, aber alles in allem gibt es wenig bis nichts zu meckern. Dennoch entpuppt sich die erste Nacht als durchaus ernst zu nehmender Gegner. Ich war zwar todmüde, als ich gestern nach der langen Anreise ins Bett gefallen bin, konnte aber dennoch kaum schlafen – und zwar nicht nur dank der viel zu weichen Matratze. Mein persönlicher Störenfried in dieser Nacht: Ein Jetlag, der sich gewaschen hat. Seltsam – Früher hatte ich damit absolut überhaupt keine Probleme (und zwar völlig egal in welche Richtung). Aber schon auf der letzten Reise hab ich mich die erste Nacht nur schlaflos durchs Bett gewälzt, und heute war es nicht viel anders.
So ist es gerade mal 04:20 Uhr in der Früh als ich mich endgültig geschlagen gebe und mich entnervt aus dem Bett schäle. Wenn Kamerad Schlaf sich nicht blicken lässt kann ich auch ebensogut aufstehen und den Tag beginnen. Kommt mir ehrlicherweise sogar ganz gelegen, da gleich heute einer von insgesamt zwei kompletten Fahr-Tagen ins Haus steht.
Etwas gerädert schleppe ich mich ins Bad. Beim Blick in den Spiegel erschrecke ich kurz und frage mich, ob ich überhaupt mit Restaurierungsarbeiten beginnen oder den Schlamassel gleich komplett und Denkmalschutz stellen soll. Ich gebe der Antwort Zeit bis ich aus der Dusche komme. Die hält für mich allerdings gleich die erste Knobelaufgabe bereit. Auf der Mischbatterie finden sich zwei Piktogramme, die vom Anwender ein gleichzeitiges Drücken und Drehen fordern. Ich tue wie geheißen, blicke aber weiterhin nur in einen Staubtrockenen Duschkopf.
Ich mühe mich einige Zeit, drehe, drücke drehe fester, drücke weniger fest… nichts tut sich. Als ich kurz davon bin aufzugeben und den Waschlappen zu bemühen, fällt mir auf, dass ich eine einzige Richtung noch nicht ausprobiert habe: Ziehen. Ein beherzter Ruck am Hahn – und schon sprudelt mir die zunächst eiskalte Brühe über den Körper. Einen kurzen spitzen Schrei und scharfes Einatmen später ist dann aber auch wirklich alles an mir wach.
Nach meiner Morgenroutine begebe ich mich zum Frühstück. Eigentlich nicht meine Paradedisziplin, aber ich werde heute lange in etwas einsameren Gefilden unterwegs sein und habe noch nichts eingekauft. Da will ich es nicht riskieren hungrig zu bleiben. Das Buffet bietet: So gut wie gar nichts. Ein paar English Muffins, Marmelade *igitt*, Butter und Erdnussbutter. Aber was solls. Ich schnappe mir einen Pappteller und Plastikwerkzeug, schiebe eins der Muffins in den Toaster und versuche es anschließend zu bestreichen. Völlig erfolglos.
Das Plastik-Messer muss der kleine Bruder von meiner Matratze sein. Es ist so weich und instabil, dass es nichtmal annähernd geeignet wäre, die beinahe noch tiefgefrorene Butter zu verstreichen. Selbst an der deutlich weicheren Erdnussbutter scheitert das nutzlose Ding. So sehe ich mich am Ende gezwungen, das staubtrockene Teigwerk nur fleckweise benetzen zu können. Das rächt sich umgehend beim ersten Bissen, der mir sofort staubtrocken sämtlichen Speichel absorbiert und gleich mal oben am Gaumen festklebt. Entnervt schmeiße ich das ganze Trauerspiel in den Müll, nehme meinen Kaffeebecher und trolle mich zum Ausgang. Sachen ins Auto und ab dafür.
Mich erwarten heute knappe 500 Meilen und somit knappe 9h reine Fahrzeit auf der Interstate 90 East – dem Tor zu den Rocky Mountains. Auf dieser Quer Passage gibt es wenig zu sehen und so habe ich mich entschieden, sie in einem Rutsch zu nehmen um für die interessanteren Landstriche später mehr Zeit zu haben. Das im Vorfeld ergoogelte „nicht viel zu sehen“ soll sich jedoch als etwas untertrieben erweisen. Schon auf den ersten Meilen fällt mir wieder die Kinnlade runter angesichts des schier unendlichen Panoramas. Immer höher schraubt sich die Interstate 90 East hier durchs Gelände.

Knapp 45 Minuten nach Abfahrt erreiche ich den einzigen Punkt, den ich mir heute (neben einem Walmart auf halber Strecke entlang der Route) als kurzen, sehenswerten Stop auserkoren hab: Das „Wild Horse Monument“ oberhalb des Wanapum Lake im Columbia River. Ich stelle den Truck ab und steige bzw. rutsche etwas ungelenkt vom Fahrersitz. Bei derlei Gelegenheiten fällt mir immer wieder der unvergessliche Spruch meiner Mutter ein, als sie letztes Jahr in ähnliche eleganter Weise in Las Vegas aus unserem Suburban rutschte und ihr dabei ein leises „Meine Güte, da holt man sich ja einen Dammriss“ entfuhr. Ich muss lachen, schließe die Autotür und drehe mich zum Aussichtspunkt. Das erste was ich sehe, ist ein Schild, auf dem vor Klapperschlagen gewarnt wird. Na wunderbar…! Fällt Wildpieseln also aus.

Einmal umgedreht hab ich das Pinkel-Problem allerdings schon vergessen. Was sich hier zu meinen Füßen an Landschaft und Panorama ausbreitet ist mit Worten nicht zu beschreiben. Ein endlose Blick über den See und hinein in die Felsschluchten am Südufer.

Nur das Pferde-Monument kann ich nicht erspähen. Ich bin schon geneigt eine Schnute zu ziehen, als mein Blick auf eine Anhöhe hinter mir fällt. Aaaahh! Das Ding ist nochmal ne Etage höher!

Eigentlich wollte ich mir das ja aus der Nähe angucken – aber der Weg da hoch ist wirklich steil und darüberhinaus steinig und uneben. Ich bin ja nicht so der Bergmensch – und auf solchen Wegen daher nicht besonders (im wahrsten Sinne des Wortes) bewandert. Andererseits: Wie oft werde ich in diesem Leben noch hierher kommen? Außerdem ist es früh am Morgen, es ist keine Menschenseele weit und breit, die mich scheitern sehen könnte. Also los!
Es ist zwar nicht wirklich weit, dafür aber echt steil und der grobe Schotter ist mehr als rutschig. Einzig die kleinen Blicke über meine Schulter verraten mir, dass die Aussicht diesen Aufstieg in aller Herrgotsfrühe wert sein wird.

Und WIE er das ist! Alter Vatter! Da stehe ich nun, um nichtmal 8 Uhr Morgens, auf einem Berg am Arsch der Welt zwischen mannsgroßen, schmiedeeisernen Pferden und blicke noch etwas weiter über den See als schon vom durchaus exponierten Parkplatz.

Ich spüre wie das Herz in meiner Brust auf einmal mehr Platz einzunehmen scheint. Was sich da vor meinen Augen ausbreitet ist einfach nur unfassbar atemberaubend schön. Nur das, wofür ich eigentlich hier raufgestümpert bin …. Sah von unten besser aus.

Ich nehme ein paar tiefe Atemzüge, mache ein paar Bilder, wandere etwas zwischen den paar Dutzend Pferdestatuen umher und trete dann langsam den Rückweg an. Unglückseligerweise völlig alternativlos da lang, wo ich auch hergekommen bin. Da bin ich noch nichtmal 12h im Land – und schon so unendlich dankbar für meine Entscheidung die dicken Klopper an meinen Füßen mit herzuschleppen. Mit einfachen Sneakern wäre ich hier komplett aufgeschmissen gewesen.
Ich kämpfe mich den Weg abschnittsweise runter, muss mich hier und da an einem Felsen festhalten, wenn der Untergrund nur allzu rutschig wird und lege mich auch das ein oder andere Mal beinahe formvollendet aufs Maul (nicht ohne beim Rutschen immer kurz daran zu denken, wie lange es wohl dauert, bis hier ein weitere Besucher vorbeikommt, der mich findet, falls ich mir den Haxn brechen sollte…). Schlussendlich gelingt es mir jedoch mit nicht mehr als ein bisschen Staub am Pulli wieder wohlbehalten zum Auto zu gelangen und meine Fahrt fortzusetzen.
Die soll in den nächsten Stunden erwartungsgemäß eintönig von statten gehen. Auch die Sonne verzieht sich. Was bleibt sind endlose Meilen auf der Interstate – nur gelegentlich unterbrochen von durchaus beachtlichen Lastzügen.

Meine Gedanken gehen wie so oft auf Wanderschaft. Mit sich selbst alleine zu sein muss man aushalten können. Aber genau diese Trips, diese Stunden hinter dem Lenkrad sind für mich das, was für Andere die Frozen-Margerita an der Poolbar ist: Absolute Tiefenentspannung und Zufriedenheit in Regionen, wo Schlaf und Whiskey nicht mal annähernd hinkommen.
Irgendwann überquere ich die Staatsgrenze nach Idaho – das zählt aber heute auf dem kurzen Bypass noch nicht. Da werden wir später nochmal drauf zurück kommen. Langsam könnte ich mir mal wieder die Beine vertreten, jedoch habe ich erst gegen Mittag die nächsten Halt eingeplant. Ein kurzer Einkaufs-Stopover beim Walmart in Interstatenähe. Allerdings nur schnell das Nötigste besorgen – ohne die sonst so geliebt Bummelrunde durch die langen Flure voller Kuriositäten. Ich verlasse den Walmart also schleunigst wieder, im Gepäck: Ein Cooler, ein bisschen Proviant, meinen Sucht-Eiskaffee im 4-er Pack und 20 Liter Wasser.
Die nächsten Stunden gehen wieder ebenso ereignislos wie bewölkt dahin. Aber der Laune tut das dennoch keinen Abbruch, denn aus den Lautsprechern tönt herrlichste Country-Musik. Jeder Song erzählt eine Geschichte, und zwar so derart herzzerreißend, dass ich gleich versucht bin an der nächsten Bar anzuhalten und mir bei Bier und Whiskey den erstbesten knackigen Hintern eines bärtigen Cowboys aufzureißen und am Besten gleich standrechtlich mit ihm durchzubrennen.
Mit derlei Tagträumereien beschäftigt vergehen die Stunden wie im Flug. Am Nachmittag erreiche ich die Staatsgrenze von Montana. Jetzt ist es nicht mehr allzu weit bis zu meinem Hotel. Einen kleinen Zwischenstop habe ich noch eingeplant – allerdings neigt sich mein Benzinvorrat dem Ende. Und einen Kaffee könnte ich auch brauchen. Trifft sich gut, denn das Navi verkündet ohnehin das Verlassen des Highways um zu den „Historic Rails“ zu gelangen. Auch hier stapfe ich wieder durchs Gemüse für ein gutes Bild. Da ist bei dem Wetter und der vorherrschenden Einzäunung allerdings wenig zu machen.


Also ab zur Tanke. 100 Dollar später bin ich wieder auf der Straße. Grundgütiger – wenn das so weitergeht und ich jetzt jeden zweiten Tag knapp 25 Gallonen in den Boliden gluckern lasse, werd ich nach dem Urlaub wohl 2-3 Wochen Kartoffelpüree aus der Tüte essen, so wie früher in alten Studienzeiten. Else meldet sich mit einem kluggeschissenen „Ich habs Dir ja gesagt…!“ zu Wort. Aber dieses Problem schiebe ich einfach mal in Richtung Zukunfts-Necki. Für derlei Störgeräusche ist jetzt hier nun wirklich kein Platz.
Kurz darauf erreiche ich mein Hotel in Helena. Eine schöne Countrystadt in den Rocky Mountains. Check-In ist schnell erledigt, Auto umparken und dann schleppe ich den durchgesessenen Hintern noch eine ausgiebige Runde ins Gym , damit ich Morgen nicht komplett steif aufwache. Eine heiße Dusche und den Rest von meinem Mittags-Sandwich später gehe ich noch meine Gute Nacht Zigarette rauchen. Weiter als bis zur Hälfte komme ich jedoch nicht. Die Temperaturen sind alles andere als erfreulich. Hier herrschen die (angesagten) unfassbaren 3 Grad – begleitet von eisigem, stürmischen Wind in absoluter Dunkelheit. Bäh – ist DAS ekelhaft…! Da heißt es jetzt ganz schnell: Ab ins Bett und einmummeln bis zur Nasenspitze. Hoffentlich heute ohne Jetlag…
…wenn Du mit einem Cowboy durchbrennst wird das mit der Porsche Geschichte aber nix 😉…
Von meinem IPhone gesendet
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