*FLASHBACK* / Ijmuiden / Donnerstag 15. Mai 2025

Es ist noch sehr früh am Morgen, als ich die Augen aufschlage. Die Sonne hat es gerade erst über den Horizont geschafft, aber der blaue Himmel kündigt einen weiteren, wundervollen Tag an. Meine Zehen spielen verträumt mit dem Licht, während Else noch mit Aufwachen beschäftigt ist und sich noch etwas schlaftrunken um einen klaren Dialog bemüht zum Thema, wie der letzte Tag hier vor Ort verbracht werden soll.

Es wird ein nur allzu kurzes Zwiegespräch, da ich bereits eine sehr genaue Vorstellung davon habe, wie dieser Tag ablaufen wird. Genau genommen weiß ich das eigentlich schon seit dem Tag im vergangenen Jahr, wo ich diese Segel-Go-Karts am Strand entdeckt habe, aber leider wegen Kurzfristigkeit keinen Slot mehr ergattern konnte. Das soll mir heute nicht passieren, denn bereits am Anreisetag habe ich meine Buchung für dieses Spektakel platziert.

Allerdings habe ich noch etwas Zeit. Die Tatsache, dass es gerade mal 07:30 ist, ich aber erst gegen Mittag das so genannte „Blowkart“ besteigen werde, gibt mir Gelegenheit, mich für die nächste Stunde noch ein letztes Mal ausgiebig durch dieses Wunderwerk aus Plümo und Panorama zu wälzen.

Wenig später trete ich, nach einem ausgiebigen Frühstück auf meiner Terrasse, meinen Weg zum Blowkarting an. Ich entscheide mich für Shorts (ein folgenschwerer Fehler, wie sich später herausstellen soll), schnappe mir meine Windjacke und verlasse das Camp Richtung Strand. Bereits auf den ersten Metern hinter der Hecke wird deutlich: Meine ebenso sonnige wie windgeschützte Terrasse hat wohl ein etwas beschönigtes Bild der heutigen Großwetterlage gezeichnet. Das was auf meinem Gartensofa nicht mehr war als ein laues Lüftchen ist hier draußen eine ordentliche, steife Brise. Schon nach den ersten Schritten über den Deich kann ich mir gleich den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Kinn hochziehen und bekomme quasi umgehend ein kostenfreies Peeling. Meine Fresse! DAS ist aber ein mal ein ordentlicher Wind! Da wird das Karting sicher gleich zu einer Herausforderung der besonderen Art.

Erstmal hinkommen! Ich muss mich auf dem breiten Strand mit aller Gewalt gegen den Wind stemmen um überhaupt einen Meter vorwärts zu kommen. Meine Schuhe füllen sich ebenso mit Sand wie meine Zahnzwischenräume und ich bin mitunter schon beinahe versucht umzukehren – schwant es mir schon, dass das heute eine Aufgabe für Fortgeschrittene oder Menschen mit Segelerfahrung sein wird.

Schon von Weitem kann ich eine Gruppe Menschen mit den Blowkarts über den Strand brausen sehen. Gott sei Dank! Ich hatte schon Sorge, das Event würde wegen des Windes eingeklappt werden. Aber die Jungs da unten sehen aus, als hätten sie Dinger gut im Griff. Die Geschwindigkeit ist jedoch (auch aus dieser Entfernung) einfach nur als „abartig“ zu bezeichnen. Wie gut, dass ich von Haus aus eine gewisse Freude an Speed und kleinen bis mittelgroßen Adrenalinschüben habe. Dennoch: Was von weiter weg so einfach aussieht, soll mich in den nächsten 60 Minuten so ziemlich an meine Grenzen bringen – und zwar an ALLE.

Ich stapfe die letzten Meter durch den Sand, melde mich beim Guide, werde mit einem Helm ausstaffiert (oha!) und bekomme eine denkbar kurze Einweisung in die Handhabung des Gefährts, welches selbst bei näherer Betrachtung aus nicht mehr besteht, als einem Rohrrahmen, einem kleinen Sitz, einem ziemlich großes Segel und ein paar Leinen. Eine Bremspedal sucht man ebenso vergeblich wie ein Lenkrad. Ich klettere etwas ungelenk in das rudimentäre Gestühl, lasse mich anschnallen und noch bevor ich eine letzte Frage loswerden kann, schiebt mich der Guide in den Wind, der mir sogleich die noch nicht sortierten Leine aus der noch nicht ganz geschlossenen Hand reißt. Okay – dann wollen wir mal: Showtime, Baby!

Der Gerät.

Es ist einfach irre, mit welcher Gewalt der Wind am Steuerlappen rupft. In der Sekunde, in der ich zum ersten Mal versuche, das Segel wirklich auszurichten (gar nicht so einfach, wenn man im Lenken mit Kordeln so gar keine Erfahrung vorzuweisen hat) nimmt das Gefährt umgehend volle Fahrt auf. Auf der Geraden ja alles ganz schick – aber in nicht allzu großer Entfernung markiert ein rot-weißes Hütchen den ersten Wendepunkt. Was genau musste ich jetzt nochmal machen? Ich kann das Knotenchaos in meinen Händen nicht schnell genug sortieren (Elses Panik-Gekreische in meinen Hinterkopf ist hier wenig förderlich). Ich verpasse den Bremspunkt – aka: lasse nicht schnell genug Spannung von der Leine – und nehme die erste Kurve statt sauber angebremst versehentlich mit Vollgas (Filmreifer Drift inklusive). Das Ergebnis: Das immernoch unter Spannung stehende Segel reißt den ganzen Hobel um (mich eingeschlossen) und wir krachen auf den Boden. Ich fresse ein Maul voll Sand und liege samt Gefährt wie ein fetter Käfer am Strand – unglücklicherweise auf der Seite. Ich hänge in den Gurten wie ein Schluck Wasser in der Kurve, versuche mich zwischen Strand und Himmel zu orientieren. Ich spucke mehrfach aus und spüre einen brennenden Schmerz. Mein rechtes Knie ist komplett aufgeschürft und meine Schulter hat auch einen Deut mehr abbekommen, als Ihr gut tun würde. Allen Blessuren zum Trotz sehe ich vor meinem geistigen Auge das Bild, welches dieser kleine unfreiwillige Stunt potentiellen Betrachtern geboten haben muss und kann den aufwallenden Lachflash beim besten Willen nicht unterdrücken. Dennoch: Mein Ego ist etwas angekratzt, als der Guide kommen muss, um mich abzuklopfen und wieder aufzurichten. Selbiges in Eigenregie zu regeln ist dank der strammen Gurte und des Verbots, das Gefährt zu verlassen leider nicht darstellbar und so ist man leider auf entsprechende Hilfe von außen angewiesen…..

Dieses kleine Malheur soll mir noch 2 weitere Male passieren – aber ich bin mit dieser Misere nicht allein: Der Wind hat nochmals ordentlich aufgefrischt – man könnte durchaus von einer kleinen krawalligen Küstenbrise sprechen – und in den mittlerweile doch sehr heftigen Böen krachen um mich herum auch die anderen Kutscher mit Ihren Karts im 5 Minuten Takt auf den Sand. Der arme Guide weiß gar nicht, wo er zuerst hinrennen soll, aber alle nehmen es mit Humor. Man schüttelt sich – man rappelt sich auf – man lacht. Das Leben ist schön!

Das herausfordernde Gegenteil des – nennen wir es in Ermangelung eines besseren Wortes einfach mal – „Hochgewindigkeitsumkippens“ bildet das „Wenden gegen den Wind“. Ein absolut beschissenes Manöver, in dem man nicht umhin kommt, einen klitzekleinen dynamischer Totpunkt zu kreuzen, an dessen Ende man stillsteht, wenn man nicht schnell genug das Segel neu ausrichtet – was mir natürlich mangels Segel-Erfahrung ebenfalls nicht auf Anhieb gelingt. So stecke ich mehrfach in diesem Totpunkt fest und muss das Kart selbst aus ein paar weichen Sandwehen befreien. Heißt konkret: Arme aus dem Gefährt strecken und mit den Händen und aller Kraft an den kleinen Rädern drehen – wie bei einem Rollstuhl – um das Gefährt wieder frei zu schieben. Eine Schinderei vom andern Stern! Noch dazu Eine, die ich leider mehr als einmal machen muss, da ich für das Wendemanöver wirklich zahlreiche Anläufe benötige bis es mir – so einigermaßen – gelingen will. Aber irgendwann habe auch ich das Chaos aus Leinen, Lenker und meinen Gräten weitestgehend im Griff und hämmere über den Strand wie eine Gestörte.

Adrenalin in Reinstform.

Am Ende ertönt der Schlusspfiff viel zu früh – die Stunde ist buchstäblich vergangen wie im Flug. Schon beim Aussteigen empfangen mich die schmerzhaften Vorboten eines fieses Muskelkaters in Bauch und Armen, ich habe Sand an Stellen, wo man (idealerweise niemals!!) Sand haben sollte und ich blicke auf mittlerweile zwei recht unschön aufgeschürfte Knie. Kurzum: Ich bin völlig fertig, aber dafür mal wieder bis unters Dach voll mit Adrenalin. Was für eine Fahrt! Ein wunderbarer Abschluss am letzten Tag meiner kleinen Auszeit.

*FLASHBACK ENDE*

Etwas ungläubig starre ich auf den vor mir liegenden Kalender. Der heutige Tag markiert den 31. Dezember 2025. DE-ZEM-BER!!! Den geneigten Lesern unter Euch wird nicht entgehen, dass seit den Tagen in Ijmuiden und somit seit der Veröffentlichung der ersten 3 Berlin-Kapitel einiges an Zeit ins Land gezogen ist.

Ein kleines Zischen ertönt aus Elses Richtung, die etwas zu scharf ein Maul voll Luft einsaugt. Meinen letzten Artikel betrachtend muss ich, nicht ganz ohne Entsetzen, konstatieren: Ijmuiden war im Mai. Somit sind volle SIEBEN Monate an mir vorbei gerauscht! Mehr als ein halbes Jahr. Dazu ein ganzer Sommer! Der Herbst! Weihnachten. Alles schon vorbei…?! Für einen kurzen Moment traue ich weder meinen Augen, noch Else, noch dem Kalender. Kann das wirklich sein?

Ein Blick aus dem Fenster im Hier und Jetzt: Der Himmel ist trüb. Seit ein paar Tagen herrschen Temperaturen wie im Tiefkühlschrank. Die ersten, dicken Schneeflocken des Jahres rieseln leise vom Himmel und überziehen meine Straße mit einer dicken Schicht Puderzucker. Es ist Sylvester.

Ziemlich genau ein Jahr ist vergangen, seit ich voller Stolz zum ersten Mal die Schlüssel zu dieser Wohnung in den Händen hielt. Ich erinnere mich an den Jahresausklang. Der Urlaub um den Jahreswechsel. Die endlosen Tage auf der Leiter mit der Malerrolle in den blasenübersähten Fingern. Zum Schlafen nicht mehr als eine Luftmatratze für den geschundenen Kadaver. Ich muss schmunzeln bei der Erinnerung an einen Abend (der muss auch irgendwo um Sylvester gewesen sein), wo ich meine TK-Pizza mangels Teller auf einem Stück IKEA-Karton auf die Luftmatratze geschleppt habe um sie dort, begleitet von einem Dosenbier, vor einer Folge von irgendwas auf Netflix am Laptop auf meinem Schoß, zu verspeisen. So einfach es war – so wundervoll war es auch.

Back to the roots.

Es fühlt sich an wie gestern – und gleichzeitig, als wären mir seit dem Dekaden durch die Finger gerauscht. Ich habe so viel neues lernen und altes ablegen dürfen. Durfte mein Leben und meine Umgebung gänzlich neu gestalten. Ich habe so viele neue Menschen getroffen und durfte neue Freunde finden.

Freundschaft.

Die erste Jahreshälfte war geprägt von Aufbruch und Aufbau. Der neue Job an einem neuen Ort mit neuen Leuten und neuen Inhalten. Meine Fresse – was hatte ich keine Ahnung! Dazu die neue Wohnung, die mit weißen Wänden und zu vielen Möglichkeiten des Einrichtens eines neuen „zu Hause“ und zu wenig Zeit durchaus zu einer Aufgabe für Fortgeschrittene hat werden lassen. Aber auch diese Aufgabe war irgendwann – zumindest mehrheitlich – erfüllt.

Feels like a home now.

Dann kam der Sommer. Zugegeben: Der Juli startete etwas unschön verregnet, was die Freizeitgestaltung und das Entdecken der neuen Stadt um mich herum mitunter doch stark eingeschränkt hat – schlechte Laune ob des mitunter mehrwöchigen Dauerregens durchaus inklusive.

Im Rückblick war es jedoch auch genau dieser Sommer, der eine weitere wundervolle Facette meines Lebens in Berlin freigeschaltet hat: Im August wurde mir das ebenso unfassbare wie wundervolle Glück zu Teil, eine neue Liebe zu finden – ohne sie überhaupt zu suchen (Hätte mich jemand gefragt, ich hätte beim besten Willen nicht gewusst, wo ich das noch hätte unterbringen sollen). Die Anstrengungen der ersten Jahreshälfte, dieses schier endlose „Geplacke“ – entweder im Büro oder in der Wohnung – wurde abgelöst von der Leichtigkeit eines nochmals erweiterten Lebensgefühls. Der Zauber des Neuen. Erste gemeinsame Gehversuche. Unternehmungen zu Zweit. Ziemlich schnell sogar die erste gemeinsame Reise.

Alserkal Ave. / Dubai

Dieser unglaublich wundervolle Weichzeichner, den diese absolut einmalige Verbindung seit diesem Sommer über jeden einzelnen Moment legt, gibt mir das Gefühl, von Januar bis August nochmal ein gänzlich anderes Leben gelebt zu haben als von August bis heute. In meiner Traum-Stadt, in einem Traum-Job, mit einem Traum-Mann. Mitunter erwische ich mich – dieser Tage zunehmend häufig – tagträumend in einem gewissen Gefühl der Surrealität. Kann das wirklich alles wahr sein? Wie unfassbar schön und voller Freude kann das Leben bitte sein, wenn man endlich wieder das Gefühl hat, genau an dem Ort zu sein wo man hingehört.

Einfach nur Lebensliebe.

Und selbst wenn es sich anfühlt wie 10 – Schlussendlich bleibt es nur genau ein Jahr – und zwar das aufregendste, herausforderndste und mit Sicherheit anstrengendste, das ich je erlebt habe. Aber auch das erstaunlichste, abwechslungsreichste und definitiv das schönste Jahr seit sehr langer Zeit.

Am Ende kann ich für diese atemberaubende Reise, keine besseren Worte finden als Frank Sinatra: “ Yes – there were times, I´m sure you knew / When I bit off more then I could chew / But through it all, when there was doubt / I ate it up and spit it out / I faced it all, and I stood tall / and did it my way.“

Farewell 2025 – Du warst definitiv das mit Abstand #MEMORABLEste Jahr ever.

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

Hinterlasse einen Kommentar