*refurbished for a reason*
Ich erwache kurz nach dem Sonnenaufgang und kann mich nicht erinnern, jemals in einem so schönen Bett geschlafen zu haben. Größer? Ja. Dickere Matratze? Absolut. Aber – besseres Gesamtschlaferlebnis? Definitiv nicht! Und gleich dreimal nicht, wenn man den Ausblick mit einrechnet, der sich einem beim ersten Augenaufschlag bietet.

Ich muss mich einfach erst noch ein wenig durch diese Schönheit wälzen, bevor ich mich aus den Kissen schäle. Immerhin ist es erst halb acht. Aber die Aussicht auf Sonne & Terrasse treibt mich dann doch recht schnell aus dem Bett und bald schon duftet es nach Kaffee aus der French Press. Während ich mir eine heiße Tasse vom schwarzen Gold im Sonnenschein zwischen Schilf und Vogelgezwitscher schmecken lasse, überlege ich, wie ich die Berlin Story schreiben soll. Dabei formiert sich in meinem Kopf zunächst ein ReCap des vergangenen Jahres.
Begonnen hat 2024 ja bekanntermaßen ziemlich mies mit ner Trennung. Aber immerhin: Was so derart gottlos anfängt, kann eigentlich nur besser werden. Und das wurde es auch! Gefühlt bestanden die ersten neun Monate des Jahres aus einer fulminanten Aneinanderreihung von großartigen Erlebnissen. Ein herrlicher Spätwinter und ein bombastisches Frühjahr: Karneval, Noordwijk, Amsterdam mit Michelle, Ijmuiden zum Relaxen und Bergen aan Zee mit der Familien-Blase. Die ewige Plackerei mit den leicht ausgearteten Renovierungsarbeiten in meiner Wohnung erreichte bereits um Ostern herum Ihren Abschluss und Sommer und Herbst vergehen zwischen zahlreichen, grandiosen und zumeist benzingeschwängerten Events: Der Trackday am Lausitzring, die ADAC Truck Championships, mehrere Stippvisiten zum Nürburgring, die Brabus „Night of the Proms“, Motorboot fahren aufm Starnberger See, ein Wochenende auf der „Tuning Tirol“, der Besuch der 007-Filmfahrzeug-Ausstellung in Wien und natürlich zahlreiche Ausfahrten mit diversen gaskranken Geistesgenossen.
Allein der Gedanke an die Hitliste treibt mir noch Freudentränen in die Augen und jagt mir einen ordentlichen Entenpelz die Arme rauf! Die Nächte & Wochenenden vergingen mit guten Freunden, bei gutem Wein oder begleitet von wummernden Bässen in dunklen Clubs. Meine Haut zieren heute einige neue Tätowierungen und Ich wähnte mich absolut und mitten in meiner bisher besten „Zero Fucks Given“ Phase, die Ihren absoluten Gipfel im September auf meinem bislang längsten und atemberaubendsten US-Roadtrip erreichte. Man könnte meinen, alles sei in bester Ordnung.
Doch dann kam der Herbst, und das, was dem ganzen Jahr schon irgendwie einen faden Dauer-Beigeschmack gegeben hat, holt zum finalen Tiefschlag aus: Mein Job.
Kurz zusammengefasst: Man hat es mir ungemütlich gemacht – beruflich gesehen. Schon eine ganze Weile – genau genommen seit Ende 2023. Was folgte, war der bemerkenswert zügige Niedergang meiner bis dato knapp 17 Jahre andauernden Bilderbuchkarriere in vier recht kurzen, gleichmäßig über das Gesamtjahr verteilten, Akten. Im Spätherbst finalisiert die unvermeidliche Ansage, ich möge doch bitte irgendwem anders die Tage durch dauerhaftes und unverhohlenes Hinterfragen versauen das Drama. Im Klartext – wenngleich so nicht ausgesprochen: „Such Dir einen neue Spielwiese“.
Oktober 2024. Mein. Absoluter. Tiefpunkt.
Nachdem ich aber ja nun bekanntermaßen meinen Job immer geliebt und geblutet habe, gab es angesichts dieses Sackbahnhofs erstmal nur große Ratlosigkeit. Ich? Keine Fahrzeug-Produktmanagerin mehr? Was denn sonst? Ich begann, mich auf die Suche zu machen. Ich recherchierte im eigenen Laden: Keine passenden Stellen. Ich recherchierte beim Wettbewerb in Zuffenhausen: Nice – aber hab ich wirklich Bock nach Stuttgart zu ziehen? Weiß Gott nicht! Eine Stadt, die man Scheiße findet ist wirklich genug – da braucht es nicht gleich die Nächste. Ich recherchiere weiter, zunehmend „artfremd“: Rheinmetall – Panzer bauen in Kiel. Macht mich ja ehrlicherweise mega an – aber irgendwie waren die Konditionen eher so semi. Kurzum: So richtig vom Hocker gerissen hat mich das alles nicht. Insbesondere nicht genug, um auf diesen Aussichten irgendeine Art von Zukunft aufzubauen.
Donnerstag, 10.10.2024
Das Wetter ist trüb. Meine Laune steht dem in nichts nach. Ich wühle mich wieder einmal (mehrheitlich gelangweilt) durch den internen Stellenmarkt. Meine Suchfilter sind, angesichts der gähnenden Leere in den Sparten meiner Besoldungsstufe, über die letzten Wochen immer weniger geworden. Derart frei und ungefiltert scrolle ich durch ebenso zahllose wie uninteressante Stellenausschreibungen, bis mein Cursor auf einmal auf einer Vakanz hängen bleibt. „Leitung Technische Planung Montage“ steht dort schwarz auf weiß in schönstem Arial Narrow. „ BMW Motorrad / Werk Berlin“ Berlin?! Warum hab ich das bis jetzt nicht gesehen? „Weil Du nur nach BMW Automobil gesucht hast – und nicht nach Motorrad“ tönt Else leise aus meinem Hinterkopf. Recht hat sie. Ich spiele eindeutig und schon immer im Team „4 Räder“ – Aber Hey: In der Not – schmeckt die Wurst auch ohne Brot.
Keine 2 Sekunden später bekunde ich schriftlich mein Interesse an der Ausschreibung, hänge meinen frisch überarbeiteten CV an die Mail und drücke auf „Senden“. Wiederum Keine 10 Minuten später habe ich eine Einladung zu einem ersten Kennenlernen via MS Teams vom zuständigen Personalchef in Berlin. Wow – DAS ging zügig. Ich ermahne Else (und mich), nicht zu viel in die Blitzbeantwortung hineinzuinterpretieren, gebe meine Terminzusage, klappe den Rechner zu und lasse mich (wie so häufig in dieser Zeit) am Arsch lecken. Das Leben kann recht entspannt sein, wenn man seine innere Kündigung längst lautstark auf den Tisch geknallt hat.
Der erste Kontakt via Teams läuft überraschend smooth. So smooth, dass ich nach nicht einmal 20 Minuten die Frage beantworten muss, wie schnell ich denn nach Berlin kommen könnte – der Werkleiter möchte mich persönlich kennenlernen. Meine Antwort an den Herrn von HR, er könne Kaffee aufsetzen – ich hätte für heute nichts weiter geplant, sorgt für einen Lacher und wir einigen uns auf den darauffolgenden Montag.
Sonntag, 20.10.2024
Die ganze Woche schon habe ich mich auf diesen Tag gefreut. Am frühen Nachmittag besteige ich fröhlich pfeifend meinen Boliden und freue mich darauf, die 460 Pferdchen endlich mal galoppieren lassen zu dürfen. Die A9 nach Berlin ist unerwartet unbevölkert und lädt somit zu ungeniertem Geballer ein, dem einzig und allein die 240km/h Begrenzung der frisch montierten Winterreifen Einhalt gebieten kann.
Knappe 4,5h später rolle ich am Tiergarten entlang, winke der „Gold-Else“ zu und begrüße das Brandenburger Tor. Lang ist´s her – und nicht alle Erinnerungen sind gut (weil untrennbar mit meinem Ex verknüpft), aber der schaurige Flashback-Schabernack ist schnell abgeschüttelt. Für so einen mentalen Mumpitz habe ich jetzt wirklich keine Zeit!

Ich habe mich für die kommenden 2 Nächte im Hilton am Dom einquartiert und darf mich beim Check In als erstes über ein ordentliches Zimmerupgrade freuen. Den späten Nachmittag verbringe ich im Gym, wo ich einen lautstarken Lachflash nur schwer unterdrücken kann, als ich meinen ersten „Talahon“ in freier Wildbahn (und offensichtlich in seinem natürlichen Habitat) entdecke. Er ist so sehr mit Schattenboxen beschäftigt, dass er gar nicht merkt, was für eine Witzfigur er abgibt in seinem Vollpolyester-LV-Lookalike-Schlafanzug und seinen *festhalten* Badelatschen!

Nach einer ausgiebigen Dusche überlege ich zunächst in Bett zu gehen – aber ich bin zu aufgekratzt und außerdem bemerke ich ein leichtes Hungergefühl. Also nochmal anziehen und raus! Ein abendlicher Spaziergang und irgendwo etwas zum Essen ergattern. Die Kleiderwahl fällt leicht – entsprechend dem Dresscode der Stadt (und des anstehenden Gesprächs) habe ich eher einheitlich gepackt.

Es ist beinahe 22 Uhr, als ich an einem kleinen, aber sehr einladend wirkendem Vietnamesen vorbeikomme. Um diese Zeit hat in München nichts und niemand die Küche noch am Laufen. Das Einzige, was man dann noch gegen Hunger haben kann ist ´ne Bifi von der Tanke. Entsprechend unsicher bin ich, als ich vorsichtig den Kopf zur Tür reinstecke und frage, ob ich noch etwas Warmes zum Essen bekomme. Ich werde mit einem verständnislosen Blick belegt, nachdem der Kellner einen Blick auf die Uhr geworfen hat (Man versteht wohl die Frage nicht) und zu einem Tisch geschoben. Essen um diese Zeit scheint hier kein größeres Problem zu sein. Ich weiß schon, warum mir diese Stadt schon immer so sympathisch war!
Rund eine Stunde später liege ich nach einem vorzüglichen Mahl im Bett und versuche, Schlaf zu finden. Es dauert eine Weile. Die Aufregung ist einfach zu groß. Es steht ja nun ein bisschen was auf dem Spiel.
Montag, 21.10.2024 – 05:30 Uhr
Als der (heute völlig nutzlose) Wecker klingelt, starre ich schon eine ganze Weile an die Decke. Bereits jetzt hat mein Puls das letzte Set von Kalkbrenner im Sinne der bpm weit hinter sich gelassen. Auch Gym, Dusche & Elses beschwichtigendes Dauergelaber helfen der Pumpe nicht, sich zu beruhigen und an Frühstück ist erst gar nicht zu denken, ohne dass meine Gesichtsfarbe von weiß zu grün wechselt. Was´n da los? Ein bisschen Anspannung schön und gut – aber SO nervös kenne ich mich gar nicht (mehr)…?!
Montag, 21.10.2024 – 08:45 Uhr
Wenig später fahre ich, gut eine Stunde zu früh, auf den Parkplatz der BMW Motorradwelt. Ich hole mir einen Kaffee (grob geschätzt den Fünften heute) und lasse mich in eine fluffige Ledercouch sinken, wo mich der Herr von HR nachher abholen und zum Werkleiter bringen wird.
Ich gehe im Kopf alles noch einmal durch – zum ungefähr zweitausendfünfhundertsechsundvierzigsten Mal. Die Tatsache, dass in der Ausschreibung einige Qualifikationen gefordert werden, die ich gar nicht – oder bestenfalls nur sehr rudimentär – vorzuweisen habe, lässt meine Synapsen brennen. Immerhin: Ich habe den Bums hier mal studiert. Anlagen. Produktionsprozesse. Montage. Alles nicht neu – aber zugegeben nach 17 Jahren in Leichtbau und Produktmanagement für PKW n bisschen eingerostet. Und während ich schnell noch den imaginären Staub von meinen alten Vorlesungsskripten puste, höre ich, wie hinter mir jemand meinen Namen sagt. Es ist soweit.
SHOWTIME BABY!
Montag, 21.10.2024 – 10:00
Ich sitze an einem runden Konferenztisch. Vor meiner Nase: Kaffee Nummer 6. Mir gegenüber zur Linken: Der Herr von HR. Mir gegenüber zur Rechten: Der Leiter des Berliner Werks – mein potentiell zukünftiger ChefChef. Interessanter Typ: Groß, hager, nicht ohne Humor und ziemlich geradeheraus. In meinem Dafürhalten: Sehr sympathisch.
Das Gespräch läuft gut und in der Tonalität ähnlich wertschätzend, wie die erste Kontaktaufnahme letzte Woche. Jedoch wird schnell klar, dass man hier und heute keine Gefangenen zu machen gedenkt. Immerhin geht es um eine recht exponierte Funktion. Eine Leitungsaufgabe mit der anspruchsvollen Führungsspanne von 35 Mitarbeitern und im Kerngeschäft „Montage“. Dazu im Werk – weit weg von der Konzernzentrale und sehr viel mehr „Hands On“. Vollkommen anderes Terrain, als ich es gewohnt bin.
Es wird ein ausgewogener Dialog, ein offenes und faires Nebeneinander aus Fragen und Antworten – flankiert von einer Menge Neugier ob der Kandidatin aus München, die sich in die Hauptstadt vorgewagt hat. Scheint – zumindest in diese Richtung – nicht so oft vorzukommen. Mir wird eine lange vermisste Wertschätzung zuteil und ich komme nicht umhin zu konstatieren: Alles hier gefällt mir. SEHR!
Nach einer guten Dreiviertelstunde neigt sich das Gespräch dem Ende entgegen. Blicke werden ausgetauscht – zwischen HR und Leitung. Ein kurzes, beinahe unmerkliches Nicken. Mir wird standrechtlich warm und ich muss mich sehr bemühen, ein Grinsen zu unterdrücken. Der Abschlussdialog wird mir sicher auf ewig im Gedächtnis bleiben:
„Also – nur um sicherzugehen, dass ich das alles richtig verstanden habe: Ahnung von Motorrädern haben Sie Keine, so richtige Erfahrung im Kontext Werk haben Sie auch nicht und geführt haben Sie auch noch nie?“ – „Korrekt“ – „Und dennoch sitzen Sie hier?“ – *Schulterzucken* „Was soll ich sagen? Ich hab Bock für 15, an Commitment hat es mir noch nie gemangelt und am Ende wächst der Mensch nun mal mit seiner Hose.“ – *Grinsen gegenüber* – „Na, dann wollen wir doch mal schauen, ob wir hier nicht eine passende Hose für Sie haben.“
Ich traue meinen Ohren nicht, und dem Handschlag, der das Gespräch und meine neue Aufgabe wenig später besiegelt, traue ich fast noch weniger. Ich scheine ins Schwarze getroffen zu haben – und bin beinahe fassungslos.
Keine 10 Minuten später stehe ich wieder draußen. Meine Ohren klingeln, mir ist abwechselnd heiß und kalt, in meinem Kopf ist nur noch Watte und den Rückweg zum Auto bekomme ich nicht mal mehr richtig mit.
Was zur Hölle war DAS denn bitte?
„Das, meine Liebe“ flüstert Else „war Dein goldenes Ticket in die Zukunft“.
*to be continued*