Mehr oder weniger auf den Tag genau vor 365 Tagen saß ich zuletzt hier. Der Ort: Holland. IJmuiden aan Zee. Die Kulisse: Absolut und gänzlich unverändert. Der Laden: Gerard van Es – Fischhandel & Restaurant. DIE Fischbrötchenbude am Platz für die Hafenarbeiter von IJmuiden. Die Sonne scheint. Eine gelbe Markise kämpft mit dem gleißenden Lorenz um etwas Schatten. In meinem Magen: Ein großes Loch. Vor mir: Delikatessen im Pappkarton. 2 Brötchen. Einmal Hering mit Zwiebeln – Einmal Krabbensalat. Fischbrötchen DeLuxe!
Beide in Begleitung einer golden schimmernden Hopfenkaltschale. Diesmal aber eine „Normale“. Ich muss etwas schmunzeln, als ich mich daran erinnere, wie ich letztes Jahr nach meinem Spaziergang über die Hafendocks hier ebenso hungrig wie durstig eingekehrt bin und mein Bier nicht nach Marke sondern (mangels irgendeines Wiedererkennungswertes) nach Etikett ausgewählt habe – nur um nach 2 Schlucken völlig besoffen in formschönster Halb-Acht-Schräg-Stellung auf der Bank zu hängen. Gierig wie ich war, hatte ich ein „Triple“ erwischt. Schöne Erinnerungen. Nicht ganz so schöner Heimweg. Das soll heute anders sein – denn ich komme gerade erst an.

Vor mir liegen 5 Tage in meinem geliebten „Basecamp“. Diesmal in einem besonders winzigen, aber dafür traumhaft schönen und beinahe ekelerregend romantischen Tiny House. Eher am Rand des Camps, direkt hinterm Deich und gleich am See, komplett aus Glas und mit Schilf- und Wasserpanorama – Sogar vom Bett aus. So verhießen es zumindest die Bilder auf der Buchungsplattform. Else und ich sind sehr gespannt, ob die Realität da mithalten kann.
Der Plan für die nächsten Tage ist ebenso simpel wie nötig: Kollektiv-umfassendes „Sich vom Rest der Welt am Arsch lecken lassen“. Heißt präzise: Ausschlafen, lange Strandspaziergänge, n bisschen Sport. Die etwas lädierte Großhirnrinde bestenfalls im Notstrom-Modus laufen lassen. Vielmehr ist von der Guten auch nicht mehr zu erwarten, denn die letzten Monate waren so ziemlich das absurdeste, wundervollste aber auch ganz ohne Zweifel anstrengendste, was ich je erlebt habe.
Obendrein, also mal ganz abgesehen vom Krimi der letzten Monate, diskutiere ich mit zunehmendem Alter gleichermaßen zunehmend häufig mit Else über angemessene Ruhe- und Pausenzeiten. Oft sind wir uns da nicht unbedingt einig – aber bei dieser Auszeit gab es ausnahmsweise mal keinen Knatsch.
Ein Windstoß reißt das leere Brötchenpapier vom Tisch und mich somit aus meinen Gedanken. Nicht der schlechteste Moment, denn langsam ist es Zeit für den Check-In. Ich sammle meine Gedankenfetzen zusammen, bitte den Kellner um die Rechnung und nehme den letzten Kilometer zum Basecamp. Schon weit vor dem Parkplatz sehe ich die zwei „bumsenden Roboter“, die mich jedes Jahr wieder zum Lachen bringen. Wer bitte denkt sich sowas eigentlich aus? Wer auch immer das war – er muss genauso urlaubsreif gewesen sein wie ich.
Ich stelle den Wagen ab, stapfe über den Schotterparkplatz, checke ein und kann es kaum noch erwarten, endlich mein Häuschen zu betreten. Keine 5 Minuten später stehe ich – einen Bollerwagen voll Gepäck hinter mir herziehend – endlich davor. Die Fassade ist, von der Rückseite betrachtet, eher unscheinbar. Neugierig stecke ich den Schlüssel ins Schloss und als die Vordertür mit einem leisen „Klick“ aufspringt bekomme ich augenblicklich den Mund nicht mehr zu.
Ich stehe in einem (von außen vollverspiegelten) Glaskubus – neben mir ein sehr hübsch hergerichtetes Bett, auf der anderen Seite eine kleine Spüle, eine kleine Sitzecke, dahinter das Bad. Alles komplett aus Glas – alles mit Seeblick, sogar die Dusche.


Unterbrochen wird das Panorama einzig und allein von meiner privaten Terrasse im Schilf. Ich kann mein Glück kaum fassen. SO sieht das also aus, wenn Bilder auf Urlaubsportalen mal ausnahmsweise NICHT lügen!
Wie immer kann ich mich überhaupt nicht entscheiden, was ich zuerst machen soll. Und während noch Nickerchen, Kaffee und Strandspaziergang um die Pole-Position buhlen, sehe ich ein kleines Kondenswasser-Rinnsal aus der Einkaufstüte laufen. Hätten wir das schonmal geklärt: Als Erstes wird mal ausgepackt.
Danach folgt ein Kaffee auf der Sonnen-Terrasse, danach ein (kurzer) Spaziergang am Strand und dann natürlich das obligatorische Glas Weißwein in meiner geliebten Strandbar. Es wird niemals aufhören …
Es ist noch nicht mal 17 Uhr – doch irgendwie zieht es mich heute zurück. Der Lockruf einer langen, heißen Dusche mit Blick aufs Wasser und dieser herrlichen weißen Laken ist einfach zu laut. Also gebe ich (für heute kampflos) auf und mache mich auf den „Heimweg“. An sich recht ungewöhnlich für mich, aber ich wollte diese Tage ja – neben aller Erholung – auch nutzen, um mal wieder ein wenig zu schreiben. Der Blog braucht eindeutig mal wieder etwas Liebe und die Story der letzten Monate muss ja nun auch mal irgendwo hin.
Zurück an meinem Häuschen richte ich mir jedoch zunächst ein kleines Picknick auf der Terrasse. Bewegung an der frischen Luft macht ja bekanntlich hungrig. Da trifft es sich hervorragend, dass Mama mich wieder mit Ihren absolut einzigartigen, mundwässernden Schnitzeln und einem Rhabarberkuchen versorgt hat. Dazu gesellen sich 2 Stullen aus frischem Sauerteig und ein Tomatensalat. Satt und zufrieden beende ich das exklusive Mahl mit einem sonoren Rülpser (ist sie nicht wieder Ladylike heute?!) und lasse mich noch für einen kurzen Moment in die Kissen sinken.
Keine Stunde später liege ich, frisch geduscht und semi-eingewickelt in weißen Frottee-Flausch, auf meinem Bett und tue? Einfach mal gar nichts! Der Abend ist angebrochen, das Licht wird weicher und die Aussicht ist einfach nicht in Worte zu fassen. Diese Ruhe!

Die Augenlider sind schon auf halb zwei als mir einfällt, dass ich irgendwo mal gelesen habe, dass Faultiere ihren Puls beim Entspannen so weit runterfahren können, dass sie quasi „aus Versehen“ sterben. Um derartiges zu vermeiden (ich bin sicher, weit wäre es bis dahin nicht mehr gewesen) befreie ich mich aus meiner Kissenburg und setze mich erstmal wieder anständig hin.
Lust nochmal rauszugehen habe ich eindeutig keine – aber zum Schlafen ist es noch zu früh. Also schnappe ich mir meinen Rechner. Das WiFi erinnert sich an letztes Jahr und verbindet sich automatisch. Ich öffne den Blog und checke den letzten Eintrag: USA. Dieser unfassbare, letzte Roadtrip. 20 Tage. 10 Bundesstaaten. Mehr als 8.000 Kilometer. Über 1.500 Liter Benzin. Absolut zahllose Erinnerungen…. September 2024.
Ungläubig und meinen äußerst überschaubaren Fähigkeiten im Kopfrechnen misstrauend benutze ich meine Finger zum Nachzählen – Am Ergebnis ändert es nichts: Über 7 Monate sind seit dieser letzten Reise vergangen. ÜBER! SIEBEN! MONATE! Ich staune Bauklötze und auch Else macht große Augen. Nicht nur angesichts des bloßen zeitlichen Abstands, sondern auch im Hinblick auf die Reise, die zwischen damals und heute stattgefunden hat. Dagegen wirkt USA beinahe wie die langweilige, klitzekleine Schwester.
Unglaublich, wie so wenig Zeit so viel verändern kann. Nichts ist mehr so, wie es „damals“ war. Die Wohnung nicht. Die Stadt nicht. Der Job nicht. Die Menschen um mich herum nicht. Vielleicht nicht einmal mehr ich?!
Meine Gedanken schweifen noch etwas weiter zurück. Zum letzten Aufenthalt hier in Ijmuiden – vor einem Jahr. Ich erinnere mich an endlose Kilometer Spaziergang am Strand, an meinen Kampf mit der damals noch vergleichsweise frischen Trennung und an das, was ich damals hier festgehalten habe:
„…Ich bin mit einer Aufgabe hergekommen – oder wenigstens einem Ziel: Aufräumen…! Irgendwie das abzuschließen, was mir in den letzten Wochen den Schlaf ebenso geraubt hat wie die mir sonst so ureigene, ständige Lebensfreude. Das hinter mir zu lassen, was ich nicht mit in die Zukunft nehmen konnte und das zu umarmen was vor mir liegt. Irgendwie aus dem Scherbenhaufen wieder ein Gefäß zu formen, dass darauf wartet gefüllt zu werden, mit neuen Erinnerungen, neuen Herausforderungen, neuen Eindrücken und neuen Begegnungen. Ich erinnere mich an meine eigenen Worte:
„…Und genau jetzt, genau in diesem Moment, hier zwischen Salz, Sand und Sonnenuntergang fühlt es sich so an, als würde irgendwie diese eine letzte Scherbe in das Puzzle zurückgesetzt werden. Das letzte Teil – schlussendlich wieder an seinem Platz. Ist es so wie vorher? Sicher nicht. Aber ….. ist es ganz? THE. FUCK. YES!!!!…“
Heute – mit sehr viel mehr Abstand betrachtet (emotional wie zeitlich) kann ich darüber nur in schallendes Gelächter ausbrechen. ***Jeeeesus – how little did she know!*** Die, wie es neudeutsch so schön heißt, „Healing Journey“, die ich seinerzeit für einigermaßen abgeschlossen hielt, hatte mir schön in den mentalen Vorgarten geschissen und gerade erst so richtig Fahrt aufgenommen, Else hatte ungeahnt viel Recht mit Ihrem „Es ist noch lange nicht vorbei“ und weite Teile des Jahres 2024 sollten sich als echt räudige Endgegner entpuppen. Schlussendlich hatte ich nicht einmal den blassesten Schimmer, worauf ich da langsam aber unaufhaltsam zugeschlittert bin.
Wieder im Hier und Jetzt greife ich nach meinem Weinglas, strecke die Beine aus, schiebe mir ein Kissen hinter den Rücken, lasse meine Finger einmal knacken und beginne zu tippen.
Oh boy – this will be #MEMORABLE!