Der Wiedereintritt in die Münchner Erdatmosphäre hätte härter kaum sein können. Der Flug war zwar angenehm (und obendrein pünktlich), die Einreiseformalitäten schnell erledigt und das Gepäck ohne Verluste am Start, nicht so jedoch die „äußeren Umstände“: Wetter spricht alles andere als ein Warm Welcome. Okay, dass der Sommer bei meiner Rückkehr vorbei sein würde war erwartbar und somit einkalkuliert. Diesbezüglich habe ich mir wenig bis gar nichts vorgemacht. Dass ich das Flughafengebäude jedoch bei lausigen 8 Grad, kräftigem Wind und dichtem Nieselregen von der Seite verlassen muss – darauf war ich jetzt nicht unbedingt vorbereitet (und bin entsprechend unbegeistert). Hier hat jemand eindeutig den Sommer etwas zu ruckartig ausgeknipst.
Beim Heraustreten aus dem Sicherheitsbereich bietet sich mir das übliche Bild: Wiedersehensfreude wohin man auch schaut. Hier fallen sich Paare in die Arme (mitunter ist mal gleich versucht zu sagen „Nehmt Euch ein Zimmer“), dort wirbeln Väter Ihre Kinder herum und selbst Geschäftsreisende werden freudig und mit einem kräftigen Handschlag von Ihren Fahrern begrüßt. Nur auf mich … da wartet niemand. Der Blick zu genau der Säule wo in den letzten Jahren Clyde immer auf mich gewartet hat: Nie-fucking-mand. Natürlich nicht! Wer denn auch?
Das ist jetzt natürlich nicht unbedingt eine Überraschung und selbstverständlich hatte ich mir – in Erwartung genau diesen Moments – so etwas wie eine imaginäre, emotional kugelsichere Weste übers Herz zu streifen versucht, bin in dem entsprechenden Moment dennoch zumindest mal irritiert. Mit entsprechend hängendem Kopf schleiche ich nach draußen, verziehe mich in eine Ecke, zünde mir erstmal eine Zigarette an und versuche mich kurz zu sammeln. Bis ich ins Taxi steige bin ich quasi einmal komplett schock-gefrostet. Scheiße, ist das kalt!
Eine knappe Stunde später finde ich mich vor meiner Wohnungstür wieder. Waren das wirklich 3 Wochen, seit ich diese Tür zuletzt hinter mir zugezogen habe … ? Um meine Füße und die Rollen meiner Koffer bildet sich bereits ein kleiner See, während ich umständlich meinen Schlüssel aus der Tasche fische. Einatmen, kugelsichere Weste festzurren, dann klackt das alte Schloss und gibt den Weg frei in eine kalte, dunkle und natürlich leere Wohnung.
Nachdem ich die Koffer erstmal eilig zum Abtropfen ins Bad geschafft habe mache ich – wie immer – einen Rundgang durch alle Zimmer, schaue nach dem Rechten, drehe die Heizungen auf und schalte die Kaffeemaschine an. Und wie immer fühle ich mich auch dieses Mal bei diesem Rundgang ein wenig wie ein Fremdkörper in meinen eigenen vier Wänden. Nur … heute mischt sich noch ein anderer kleiner Bastard unter die Irritation: Einsamkeit. WOW!
Bis eben war ich noch der Meinung, ich hätte mich adäquat vorbereitet (kugelsichere Weste und so). Stellt sich raus: Einen Scheißdreck hab ich! Da stiehlt man sich eine nicht unerhebliche Zeit zum anderen Ende der Welt um den ganzen Rotz daheim zu vergessen – und kaum schließt man die Wohnungstür auf, schon begrüßt Dich der alte Ballast, als wärst Du nur eben Kippen holen gewesen.
Nach meiner letzten Reise (und in den Jahren davor) war da ja noch Clyde. Zusammen gewohnt haben wir zwar nicht – dennoch war er da wenn ich nach mehreren Wochen heimkam. Ja sicher – der ist jetzt schon eine ganze Weile weg (acht Monate sind es mittlerweile) und somit war natürlich klar, dass es diesmal anders sein würde. Es ist auch nicht der besagte Mensch als Solcher, der mir fehlt. Nicht zuletzt auch, weil ich mir schon vor einer ganzen Weile (und nach seeeehr viel Zoff mit Else) ehrlich eingestehen musste, dass ich in dieser Beziehung mental und emotional oft viel einsamer war, als ich es mit mir selbst je hätte sein sein können.
Somit war „Just Bonnie“ ein gutes „New Normal“ und man sollte meinen, ich hätte mich daran gewöhnt. Was also ist heute anders? Es ist irgendwie diffus … Vielleicht ist es die Stille? Die Leere? Die Abwesenheit von menschlicher Wärme und Wiedersehensfreude? Was immer es ist – es trifft mich wie ein Vorschlaghammer, und zwar einer mit Spikes! Wow! DAS habe ich in dieser Intensität nicht erwartet und bin ehrlich etwas neben der Spur.
Auch eine lange, heiße Dusche, der Lieblings-Hoodie in XXL und eine große Tasse Kaffee entfalten nicht unbedingt die gewünscht entspannende Wirkung. Danach bin ich zwar wieder einigermaßen wach, aber die Stimmung ist nach wie vor ebenso trüb wie der Himmel und es soll mir tatsächlich den gesamten restlichen Nachmittag nicht mehr gelingen, das Gefühl der Einsamkeit abzuschütteln.
Den Abend verbringe ich lustlos mit Auspacken. Ganze 6 Maschinen Wäsche sortiere ich zusammen, von denen ich die ersten zwei auch gleich durchjage. Zum Einkaufen kann ich mich heute nicht mehr aufraffen, also müssen Reste aus der TK herhalten, die gleichgültig verspeist werden. Nichtmal Else hat dazu noch etwas zu sagen und so beschließe ich, diesen unangemessen elenden Tag zu beenden und früh ins Bett zu kriechen. Sogar das kommt mir heute kälter vor als sonst. Während mein Körper versucht, den kalten Daunen etwas Leben einzuhauchen hat mein Hirn Gelegenheit, die letzten Stunden zu sortieren. Es verfasst eine Notiz an mich selbst: Alleine Reisen ist das Eine – Alleine nach Hause kommen … etwas GANZ anderes!
Über diesen Gedanken muss ich schlussendlich eingeschlafen sein. Am nächsten Morgen fühle ich mich zumindest einigermaßen ausgeruht. Der Jetlag hat die Nacht zwar arg zerklüftet aber immerhin musste ich nicht allzu früh raus. Ich hatte mir den Tag bewusst noch frei genommen. Den gleichen Fehler wie letztes Jahr, nach einer längeren Reise mit so viel Zeitverschiebung gleich am nächsten Tag ins Büro zu gehen, mache ich nicht nochmal! Derart zeitlich frei durfte ich also ausgiebig vor mich hin dösen. Der andauernde Regen war mir dabei ein willkommenes weißes Rauschen. Die Geister des gestrigen Abends konnte ich weitestgehend abschütteln, und die kümmerlichen Reste werde ich heute in einer ToDo Liste ersäufen, die ungefähr so lang ist, wie die Strecke von hier bis zum Mond. Also raus aus den Federn.
Ich schlurfe in die Küche, stelle die nächste Maschine Wäsche an und sitze wenig später mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon. Es scheint alles wie immer zu sein, doch in meinem Kopf bin ich wieder zurück in den USA. Die Erinnerungen an die letzten 3 Wochen sind natürlich noch taufrisch und sprudeln entsprechend geräuschvoll und farbenfroh an meinem inneren Auge vorbei.
Zehn Bundesstaaten habe ich durchquert.

Unfassbare 8.061 Kilometer habe ich zurückgelegt und dabei gute 400 Gallonen (1.500 Liter) Benzin durch den V8 gejagt.

Eine schier endlose Abfolge von Highlights habe ich erleben dürfen – jeden Tag aufs Neue. Meine Favoriten bleiben aber unbestritten (nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge) das Rodeo, der Abend im Saloon, die Redwoods, der Yellowstone National, der Great Salt Lake und der Schrottplatz. Und natürlich die Fahrten über die 4WD-Routen, das Minenfeld und natürlich „first and foremost“ über den Strand….!






Vom Aufwand der Planung wollen wir ebensowenig reden wie von der Menge an verblasener Kohle. *grundgütiger* Aber für mein Dafürhalten habe ich das Optimum rausgeholt: Hektoliterweise Endorphine und tonnenweise Erinnerungen – MEHR kann man aus Geld einfach nicht machen. Klar ist: Diese Runde würde ich – mit zwei kleinen Anpassungen (Goodbye Mt. Fucking Merchandise & Bye bye California) – jederzeit nochmal genauso wieder machen.
Die Welle der Dankbarkeit, die mich durchschwappt für das, was ich erleben durfte, ist noch lauwarm, da meldet sich schon wieder das Fernweh – Sicher befeuert durch die zahllosen Kubikmeter Wasser, die nach wie vor ununterbrochen vom Himmel strömen. Mich beschleicht der Gedanke, dass mir die Zeit knapp wird. Die Lust auf und die Freude an solchen Reisen hat mich erst vergleichsweise spät gepackt – dafür jedoch umso heftiger. Und nun habe ich irgendwie Sorge, dass mir die Jahre & Sommer ausgehen, um alles zu sehen was ich noch sehen will. Budget und vor allem Zeit fallen ja nun nicht unbedingt in die Kategorie „grenzenlos nachwachsende Rohstoffe“.
Was hinter mir liegt ist mit Worten kaum zu beschreiben. Es sind Take-Away-Moments, die ich, so lange ich lebe, nie wieder vergessen werde. Und es war genau das, was ich dringendst gebraucht habe: Die Festplatte ist frisch formatiert, die Vitamin D Speicher sind aufgefüllt und ich bin quasi wieder auf Werkseinstellung zurückgesetzt.
Na gut – dann wollen wir mal das restliche Jahr durchreiten. Die kommenden Wochenenden sind schon wieder beinahe ausnahmslos verplant. Graz. Düsseldorf. Wien. Nochmal Düsseldorf. Stuttgart.
Die Waschmaschine piepst mich aus meinen Gedanken. Ich stelle den Kaffeebecher in die Spüle und mache mich ans Werk.
This will remain forever. Far beyond #MEMORABLE ❤️