Der Morgen startet viel zu früh. Nach dem fulminanten Essen gestern Abend habe ich noch eine Weile draußen gesessen. Abschied nehmen fällt mir immer schwer, und so habe ich eben auf meine Art versucht, den letzten Abend maximal in die Länge zu ziehen. Das ist mir zwar geglückt, jedoch rächt sich das heute Morgen.

Und als wäre wenig Schlaf nicht schlimm genug, war das bisschen was ich hatte auch nicht besonders gut. Ich habe immer eine gewisse, nicht von der Hand zu weisende, innere Unruhe vor Hin- und Rückreisetagen. Ob alles so läuft wie geplant und man kein Transportmittel verpasst. Diese Unruhe legt sich in der Regel erst, wenn ich im Flieger sitze (bei Flügen mit Umstieg auch wirklich erst in der letzten Maschine). Jetzt muss ich auf dem Rückweg zwar nicht umsteigen und der Flieger geht auch erst am Abend, was mir eine Menge Puffer ermöglicht, aber dennoch: Gute drei Stunden Fahrt zum Flughafen, Auto zurückgeben. Transferbus fahren mit ordentlich Gepäck, Einchecken mit Ungewissheit (dazu später mehr)… Da kann ne Menge schiefgehen und egal wie unwahrscheinlich das alles ist – so hält es mich – oder zumindest mein Unterbewusstsein – dennoch von einem erholsamen Schlaf ab.

Dementsprechend zerknittert wanke ich zur Kaffeemaschine. Tatsächlich braucht es heute zwei Tassen bis ich auf Betriebstemperatur angekommen bin und mich in meine Laufklamotten schäle. Da heute Morgen die Sonne vom Himmel lacht, habe ich beschlossen noch eine letzte Runde am Strand zu drehen.

Es ist noch früh, die Sonne gerade erst hinter den Dünen aufgegangen und abgesehen von ein paar Hunden samt Herrchen ist noch niemand unterwegs. So kann ich die Ruhe am Strand noch einmal in vollen Zügen genießen.

Sunrise in Long Beach.

Danach läuft alles wie nach Drehbuch. Dusche, Frühstück, restliche Einzelteile in die Koffer packen, Auto beladen, Auschecken und vom Hof fahren – etwa eine Stunde zu früh. Während ich die Main Street nach Norden fahre um Long Beach zu verlassen muss ich kurz anhalten. Ein Blick auf die Uhr – massig Zeit. Ich kann nicht anders. Ich drehe um und fahre nochmal zum Strand. Ein – diesmal wirklich – letztes Mal stelle ich den Truck ab und mache einen Spaziergang. Ich sauge noch einmal die salzige Luft in meine Lungen, bis diese bald zu platzen drohen. Ich kann mich einfach nicht losreißen. Von diesem Anblick nicht. Von diesem Geruch nicht. Und von dieser ganzen Reise nicht…

One last walk. One last pic.

Schlussendlich habe ich jedoch keine andere Wahl, wenn ich nicht Gefahr laufen will meinen Stau-Puffer gedankenlos hier am Strand zu verballern. Ein letzter Blick, ein letztes Farewell – und dann geht es wirklich ab nach Hause.

Zum Flughafen sind es noch 165 Meilen. Die gut dreistündige Fahrt vergeht ohne Hindernisse oder sonstige besondere Vorkommnisse, sodass ich pünktlich an der Mietwagenrücknahme auflaufe. Diese geht ebenso problemlos von statten.

Jetzt kommt der Teil, der mir persönlich immer am allermeisten verhasst ist: Der Transferbus von der Rental-Car-Facility zum Terminal. Wie die Ölsardinen stehen die Fahrgäste im Bus – und ich mitten drin, verzweifelt darum bemüht meine 3 Gepäckstücke (plus Rucksack) mit 2 Händen davon abzuhalten durch den Bus oder anderen Fahrgästen über die nur mit Flip-Flops beschuhten Füße zu rollen. Hier wiederum kommt mir der Füllgrad des Busses zwar entgegen – angenehm wird die Nummer trotzdem nicht.

Am Terminal angekommen spuckt der Bus seine Fracht unbeeindruckt auf den Gehsteig und fährt ab zur nächsten Runde. Das hätten wir also auch geschafft. Jetzt kommt der spannendste Teil der heutigen Ganztagsveranstaltung: Das Einchecken.

An sich keine große Sache, jedoch hatte ich gestern notgedrungen ein interessantes Gespräch mit dem Lufthansa Call-Center. Hintergrund: Ich hatte seit 2 Wochen versucht ein Upgrade in die Premium-Economy zu buchen. Da aber jedes Mal die Website beim Check-Out einen „technischen Fehler“ geschmissen hat, habe ich das immer weiter vor mir hergeschoben. Bis dann vorgestern überhaupt gar kein Upgrade mehr angezeigt wurde und ich im Umkehrschluss gezwungen war, den Hörer in die Hand zu nehmen. Das traurige Ende des Gespräch: Man entschuldigt sich für das Technik Problem (es sei bekannt) und schiebt manuell mein Anliegen in die Warteschleife (Na toll!). Der Online-Check-In vorab sei damit leider auch nicht möglich. (Großartig *nicht*!) Die Dame beim Check-In würde mich dann über die nächsten Schritte aufklären (Wird ja immer besser!). Der abschließende Hinweis, der Flug sei überbucht, und zwar in ALLEN Klassen (Zauberhaft!), hat sicher dazu beigetragen meine innere Unruhe über Nacht zu befeuern.

Jetzt stehe ich endlich am Schalter und bin gespannt wie ein Flitzebogen. Dank meines Lufthansa-Status muss ich mich wenigstens nicht ganz hinten an den Hundertschaften beim EcoCheck in anstellen, sondern kann selbstbewusst den Business-Check-In mit meinem Anliegen nerven. Allerdings werde ich hier vorerst auch nur weitervertröstet. Ob mein Upgrade durchgeht, würden mir erst die Kollegen am Gate mitteilen – der Flug sei so überbucht, man müsse abwarten. Das ist jetzt nicht nur unerfreulich sondern bringt mich auch in die doofe Situation für mein Gepäck zahlen zu müssen, da mein Status in der gebuchten Reiseklasse nicht zieht. War mir auch neu bis ich den Paragraphen in Schriftgröße 3,5 unter der Buchungsbestätigung gelesen habe… Somit brauche ich dieses Upgrade. Nicht nur für mein Seelenheil, sondern auch um das Gepäck jetzt nicht zahlen zu müssen. Aber es hilft nichts. Trotz des Wissens mache ich eine letzten Versuch im Modus „Doof stellen“. Ich verweise auf meinen Status (wissend, dass der mir hier eigentlich nicht weiterhilft) und kann mein Glück kaum fassen, als mir die nette Dame meinen Pass samt Bordkarte und 2 Gepäckaufklebern unter die Nase hält. Immerhin.

Die nächste Stunde verbringe ich in der Sicherheitskontrolle. Hier ist die Hölle los – aber immerhin verfügt der SEA-TAC Airport auch über moderne Scanner und verschont mich so damit, Flüssigkeiten und elektronische Geräte aus dem in bester Tetris Manier gepackten Rucksack zu zerren. Danach ziehe ich noch eine Runde durch den Duty Free bevor ich mich in die Lounge begebe. Da ich immer noch nicht weiß, ob ich den 10-Stunden-Nachtflug jetzt nun aufrecht sitzend oder wenigstens entspannt sitzend verbringen werde, scheint es mir durchaus angeraten, mich vorsichtshalber ein wenig zuzulöten.

Champaign-Shower

2 Stunden, eine halbe Flasche Champagner und gefühlte 2.436 Aktualisierungen der Bordkarte in der App später mache ich mich leicht genervt und etwas weniger leicht angebrütet auf den Weg zum Gate. Während ich auf den Aufruf der Boarding-Gruppe 6 warte, höre ich meinen Namen blechern über die Lautsprecher schallen. „Juchuu – Wir werden ausgerufen!“ tönt es von Else, die mit diesem Aufruf unweigerlich das ersehnte Upgrade verbindet. Sie verstummt jäh, als sie hört, dass wir nur ausgerufen wurden, weil man festgestellt hat, dass das Gepäck nicht gezahlt wurde. *Hmpf* Blick auf die App: Immer noch nix. Mangels Upgrade einer jeden Diskussionsgrundlage beraubt, schiebe ich zähneknirschend die Kreditkarte über den Tresen.

Dann beginnt das Einsteigen. Missmutig gebe ich mich der Aussicht auf „10 Stunden bei schlechtem Essen aufrecht sitzen“ final geschlagen und ziehe lustlos meine Eco-Light-Bordkarte über den Scanner. Das Gerät leuchtet rot und gibt ein garstiges Piepsen von sich. Aber man winkt mich einfach hektisch weiter. Höäh? Einen letzten Strohhalm greifend ziehe ich mein Handy aus der Tasche, wische den Bildschirm der App nach unten – und traue meinen Augen nicht. DA IST ES!!! Buchstäblich auf den drei aller letzten Metern der Gangway, quasi im Endspurt zur Kabinentür poppt meine neue Premium-Economy-Bordkarte auf!! Reihe 14 statt Reihe 38. 3-Gang Menu statt Folien-Futter. Beinfreiheit statt Extremitäten-Origami. Elses Seufzer kann ich buchstäblich fühlen.

Ich verstaue mein Handgepäck, mache es mir gemütlich, greife nach meiner Chipstüte und starte den ersten Film. Da ich nicht umsteigen muss und somit in dieser Maschine meine letzte Station erreicht habe, gibt es keinen Treibstoff mehr für meine innere Unruhe.

Völlig entspannt und zufrieden lasse ich mich im Sitz zurücksinken. Wenig später gieße ich den bereits abebbenden Champagner-Rausch aus der Lounge nochmal mit etwas Rotwein und einem guten Whiskey auf, bevor mir – quasi mit dem Ablegen des Bestecks nach dem Essen – die Augen zufallen.

*THE END*

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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