Der Morgen des letzten vollen Urlaubstages startet mit Regen. Schon als ich erwache, sehe ich kaum mehr als das trübe Grau eines tiefhängenden Wolkenbandes. Dicke Tropfen klatschen an die Scheiben. Na toll! Letzter Tag und dann sowas! Ich hatte doch so viel vor….!

Eigentlich wollte ich meine morgendliche Laufrunde am Strand machen. Blick aus dem Fenster: Gestrichen. Dann wollte ich zum letzten Leuchtturm der Reise: Erstmal verschoben – bei dem Wetter kann ich da oben auf den Klippen nix sehen. Und den langen Spaziergang am Meer, der eigentlich das Haupt-To-Do für heute war kann ich (nach einem kurzen Blick in die Wetter-App) wohl auch bestenfalls gegen Abend angehen. Ergo bliebt mir nur die Katastrophe vor dem Fenster erstmal mit Wetterunabhängigen To-Dos zu überbrücken.

Zunächst mal muss ich umpacken, Platz und Gewicht in den beiden Koffern austarieren, letzte Dinge aussortieren und schlussendlich dann auch die Kleiderspende wegbringen. Mein Plan mit weniger Gepäck zurückzufliegen als ich hergekommen bin, geht leider nicht ganz auf… Dank einiger ebenfalls schlechtwetterbedingter Shopping-Touren mit reichlich Beute sind die Koffer sogar schwerer als beim Hinflug. *hmpf* – das war so nicht der Plan.

Und apropos einkaufen fällt mir ein, dass ich noch einen kleinen Bestellzettel von den Daheimgebliebenen in der Tasche habe. Die muss ich auch noch besorgen – und auf dem Weg zum Walmart kann ich gleich den Wagen herrichten. Waschen und saugen muss ich den zwar nicht – aber wenigstens in einen Übergabeähnlichen Zustand muss ich ihn versetzen. Auch das wird ein paar Minuten dauern – das Auto war bis gestern noch eine heilloses Durcheinander samt mobiler Müllhalde. So sehr ich auch Anfangs noch versucht habe Ordnung zu halten – bereits in der ersten Woche habe ich den Kampf gegen leere Wasserflaschen, umherfliegende Kleidungsstücke, immer mehr Karten und Tagestickets und übriggebliebene Pizzakartons verloren.

Ich entscheide mich für die Reihenfolge Umpacken – Walmart – Thrift Store – Tanke. Und alles was danach kommt überlasse ich dem Wetter. Erstmal heißt es somit Regenjacke an und wieder ein paar Meilen nach Süden.

Beim Verlassen der „Halbinsel“ um Long Beach fahre ich an einigen RV-Parks vorbei. Da die mittlerweile in den gesamten USA an jeder Ecke vorkommen – quasi als stationäre Manifestation eines freiheitsliebenden Lebensstils – ist das mittlerweile gewohntes Bild. Und bislang hatte das auch durchaus immer einen semi-romantischen Charakter. Heute Morgen jedoch sehe ich zum ersten Mal live, was „RV Camping“ bei Regen bedeutet, als ich an einer kleinen Ansammlung solcher Camper vorbeifahre, die auf einem matschigen Parkplatz stehen. Vor einem der Fahrzeuge brennt ein Lagerfeuer – wobei „brennen“ nicht ganz der richtige Begriff zu sein scheint… Das Holz war wahrscheinlich nicht ganz trocken, weswegen es sehr stark qualmt. Davor sitzen unter einer kleinen aufgespannten Plane zwei Menschen. Mit hochgezogenen Schultern halten sie Ihre Kaffeetassen in der Hand. Es ist selbst aus der Entfernung nicht zu übersehen, dass sie frieren. Neben Ihnen hängen einige Kleidungsstücke – voraussichtlich zum Trocknen (Wie?) aufgehängt. So feucht wie die Luft ist, ist es im inneren des Fahrzeugs vrsl. nicht viel angenehmer Mir vorzustellen, ich müsste hier draußen im Regen meinen Kaffee trinken, bevor ich dann durchgefroren das nächste Chemieklo für Morgen-Käckerchen aufsuchen würde (oder noch schlimmer: Hinter einen nassen Busch verschwinden müsste)… In genau diesem Moment kommt dem Gedanken an Camping auch der letzte Funke Romantik irgendwie abhanden…

Die Fahrt über die großen Brücken war bereits gestern schon nicht unspektakulär und ich freue mich, mir das heute nochmal anschauen zu können – zumindest das Bisschen, was die Regenwolken so zulassen.

In Astoria gibt es alles was ich brauche, jedoch ist schlussendlich der gesamte Vormittag an mir vorbeigezogen bis ich wieder am Hotel ankomme. Aber wenigstens habe ich alle Erledigungen abhaken können. Ich schleppe die letzte Tüte mit den Einkäufen ins Zimmer und verstaue den Inhalt in den Koffern. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen, ist aber noch zu grau, als das ich wirklich Lust auf einen Ausflug hätte. Also beschließe ich, erst einmal meine Laufrunde zu absolvieren. Ich bin zwar nicht allzu motiviert, aber die Gegend ist wirklich schön und nachdem ich den Schweinehund besiegt habe, lacht mich sogar die Sonne vom Himmel an als ich eine Stunde später aus der Dusche steige. Zeit für den angenehmen Teil des Tages.

Ich mache mich auf Richtung Leuchtturm. Es ist nur eine kurze Fahrt. Nicht ohne etwas Wehmut lasse ich mir den Wind durchs offene Fenster um die Nase wehen, bevor ich den Wagen am Parkplatz abstelle und ein wenig das Gelände erkunde, auf dem der Leuchtturm – so schön er auch ist – beinahe zur Nebensache wird.

North Head Lighthouse

Ich entdecke nämlich noch einen kleinen Trail, der in entgegengesetzter Richtung den Berg hinauf führt. Oben angekommen, bin ich erstaunt nicht nur die üblichen Hinweistafeln zu finden, sondern obendrein auch noch zwei alte Bunker, die (von Grünzeug bewachsen) hier oben darauf warten, dass die Natur sich die beiden Betonklötze gänzlich wieder einverleibt. Ich fühle mich sofort und umfassend an die Bunker-Route in Ijmuiden erinnert, jedoch nimmt der blaue Himmel dem alten Gemäuer einiges von seinem Gänsehaut-Potential. Dennoch: Auch diese Bunker – insbesondere Ihr Ausguck hoch oben über der Küste – können den grausigen Zweck, dem sie einst gewidmet waren, nicht verbergen.

North Head Bunker.

Ganz oben gibt es noch eine Aussichtsplattform. Mit der Hoffnung auf ein paar gute Bilder spaziere ich natürlich dort auch noch hinauf. Von hier aus hat man einen herrlichen Ausblick über den „Long Beach“.

Terrace with a view.

Aber halt! Was sehe ich denn da? Ganz unten am Strand bewegen sich – von hier oben winzig kleine – Punkte unten im Sand. Ich lehne mich ein Stück vor, schirme die Augen vor der Sonne und … Ja! Kein Zweifel möglich! Da unten sind Autos am Strand.

WTF…?!

WHAT?? Im Bruchteil einer Sekunde habe ich mein Handy gezückt, doch Google antwortet nur schmallippig mit „sie sind offline“. So ein Mist! Im Eins-Fix-Drei bin ich wieder am Auto und sause den Berg runter. Hier gibt es wieder Netz. Jepp – das hier ist ein Auto-Strand. Jepp – da darf man drauf. Und Jepp – die Zufahrt ist keine Meile weit entfernt und ich somit 5 Minuten später da. Aufgeregt mache ich erst zu Fuß einen kleinen „Späher“. Tatsache! Hier gibt es sogar Beschilderungen mit Geschwindigkeitsvorgaben und „Benimmregeln“.

Einen Kompressor zum Luft ab- oder aufpumpen gibt es nicht. Ergo heißt es aufpassen und nicht zu weit in den tiefen Sand abdriften (so wie der Ford, der sich 200 Meter weiter schön tief eingegraben hat und nicht mehr von der Stelle kommt). Schön vorne am festen Rand bleiben. Das Gute ist: Der Strand ist hier ein „ganz normaler“ Verkehrsweg. Wie ich lerne, sogar ein Highway – nur eben mit max. 25 Meilen/Stunde. Hier ist also genug Verkehr. Falls ich stecken bleibe, wird mich schon irgendwer rausziehen. Und dann gibt es schlicht kein Halten mehr.

Let‘s Go..!

Schon auf den ersten Metern merke ich, wie mir das Adrenalin in die Blutbahn schießt, während der Truck sich durch den Sand schiebt.

Beach crousin‘

Mein letztes Erlebnis dieser Art auf den Outerbanks mündete ja – mangels Ausfahrt und durch einsetzende Flut – doch eher in einer gestrichen vollen Hose. Aber nicht heute. Durch 4 weit offene Fenster weht die Meeresbrise herein und mit Ihr das Rauschen des Pazifiks. Das Erlebnis ist unbeschreiblich. Meile um Meile nehme ich am Strand – das breiteste Grinsen der Welt auf meinem Gesicht. Ich könnte ewig so weiterfahren und vergesse ein wenig die Zeit. Die Sonne steht schon tief und ich merke, dass auch hier und heute die Flut im Anmarsch ist. Der für meine Reifen passierbare Streifen wird abschnittsweise sehr schmal – mitunter touchiert das rechte Vorderrad bereits die Wasserkante.

Kurz Käpt‘n volle Hose am Start…

Ich frage mich, wo das Risiko stecken zu bleiben wohl geringer ist: Im Schlamm der seichten Brandung oder in tiefer, trockener Sand? Ich entscheide mich für Letzteres. Sollte ich hier verrecken, muss ich wenigstens nicht auch noch einen Wasserschaden am Fahrzeug fürchten bevor jemand zur Bergung anrückt (So weit wie ich gefahren bin, ist hier nicht mehr ganz so viel Verkehr wie am Main-Beach).

Meine Sorgen erweisen sich jedoch als unbegründet und ich schaffe es problemlos den Truck zu wenden und ohne mich festzufahren zurück nach Long Beach zu gelangen. Überflüssig zu versuchen, diesen Weg in Worte zu fassen!

Take Away Moment. Priceless!

Hier stelle ich den Truck ab und mache noch ein paar Schritte zu Fuß am Strand – nicht zuletzt um mein immer noch wild pochendes Herz zu beruhigen und mir dabei noch den Sonnenuntergang anzusehen.

Ich staune nicht schlecht angesichts der vielen Menschen und Fahrzeuge, die sich gezielt zum Sundowner überhaupt erst auf den Strand begeben – Touristen ebenso wie Einheimische. Ein echtes Spektakel (obwohl wieder reichlich Wolken am Himmel einen ungestörten Untergang des brennenden Planeten zu verhindern wissen).

Noch mehr staune ich allerdings, als auf einmal ein Cybertruck an mir vorbeifährt. Ich bin so verdattert, dass ich das Handy fallenlasse und erst vom Sand befreien muss, bevor ich ein Beweisfoto schießen kann. Krass! So ein Ding hab ich live noch nie gesehen – nichtmal in Kalifornien. Ziemlich eindrucksvoll. Aber eben leider ein Tesla…

Schlussendlich wird es zu kalt am Strand. Da ich aber immer noch ziemlich aufgekratzt und obendrein hungrig bin, beschließe ich diesen bombastischen letzten Abend mit einem entsprechenden Essen zu krönen. Seltsamerweise habe ich da die letzten Wochen nicht so viel Wert drauf gelegt. Ein schönes Essens im Restaurant bereitet mir zwar zwar durchaus auch sehr viel Freude, aber eben von der Art, die ich in Gesellschaft mehr zu schätzen weiß. Alleine mache ich mir nichts daraus – und so waren meine kulinarisch eher leidenschaftslosen Begleiter in den letzten Wochen (mit Ausnahme des einen Steaks) Sandwiches, simple Salate oder Pizza. Aber nicht heute Abend!

Bereits gestern habe ich einen einladenden „Seafood-Place“ entdeckt. Rechts: Fischgeschäft. Links: Fischrestaurant. Ein sehr gutes Zeichen! Noch dazu schon länger am Platz der Laden. Nett hergerichtet ist es obendrein und so muss ich nicht lange überlegen, wo ich mich heute zur Nahrungsaufnahme einfinden möchte.

Good Sign!

Ich ergattere einen schönen Tisch am Fenster und bestelle ein IPA – zur Feier des Tages sogar mal aus dem Zapfhahn, und nicht aus der Dose. Es dauert für meine Verhältnisse ungewöhnlich lange bis ich mich auf der mundwässernden Karte entscheiden kann. Meine Wahl fällt auf das „Golden Trio“. Knoblauch-Scampi, gegrillter Heilbutt und ….. Guess what..?

Genau! Eine halbe „Doungeness-Crab“ – selbstverständlich in der Tool-Time-Heimwerker-Version zum selber pulen.

Heimwerker-Teller

Diesmal ist (im Gegensatz zu Florida vor 2 Jahren) das gereichte Werkzeug groß genug um dem Vieh zu Leibe zu rücken, was mich jedoch nicht davon abhält den Tisch (und mich selbst) in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

Das Essen ist einfach phänomenal! Satt & mehr als zufrieden sinke ich wenig später seufzend in die rote Kunstleder-Polsterbank. So gerne ich auch noch länger sitzen bleiben und ein weiteres Bier bestellen würde, aber ich merke, dass um mich herum die Stühle hochgestellt werden. Ist vielleicht auch nicht das Allerschlechteste hier nicht festzuwachsen. Morgen wird´s nochmal anstrengend.

Mit dem letzten Schluck IPA proste ich mir im Geiste selber zu. Wer hätte heute Morgen gedacht, dass sich dieser Tag so phänomenal entwickeln würde…?! Ich sicher nicht. WAS für ein Abschluss…!

So – let´s call it a day.

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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