Der Morgen startet mit einem Kaffee auf dem Balkon. Es ist frisch. SEHR frisch. Aber eingemummelt in einen dicken Fleece-Pullover, der auf Grund seiner Webart dezent an die Wollmatte eines schottischen Tweed-Schafs erinnert (und auch genauso warm hält) kann ich dennoch den Blick in den wolkenfreien Norden ausgiebig genießen.
Über bzw. hinter mir schleichen sich nämlich schon wieder dicke Nebelschwaden von der Küste heran. Aber es wäre doch gelacht, wenn wir denen nicht davon fahren könnten…!

Keine Stunde später bin ich wieder auf der 101 North. Nach dem obligatorischen, morgendlichen Tankstop erwarten mich heute 200 Meilen nach Long Beach, was das letzte Übernachtungsziel vor der Heimreise sein wird. Unfassbar, wie schnell die Zeit vergeht!
Letzteres wird mir beim Blick aufs Thermometer nochmal schmerzlich bewusst. Schmale 10 Grad Celsius zeigt das Bord Thermometer. Die Luft ist feucht. Letzte Schwaden des Morgennebels ziehen sich gerade aus den Wiesen zurück. Auch wenn der Himmel blau ist, lässt er doch keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Sommer sich verabschiedet und der Herbst mit großen Schritten auf dem Vormarsch ist.
Daheim stehen schon die ersten Spekulatius in den Supermärkten – und hier zu Lande sind die Vorbereitungen auf Halloween in vollem Gange. Sämtliche Geschäfte sind vollgestopft mit Kinder-Kostümen, auf jeder freien Palette im Land stapeln sich Kürbisse in jeder Form und Größe, die Regale bei Walmart, Target & Co biegen sich unter 20-Liter Süßigkeiten-Säcken und die ersten Häuser sind mitunter reich bestückt mit einem lustig-gruseligen Potpourri. Den König der Halloween-Deko allerdings, den entdecke ich auf der 101. Der gute Manns scheint es sich zum Ziel gesetzt zu haben, seine Nachbarschaft mindestens bis Neujahr mit Alpträumen zu versorgen. Im Antlitz eines sonnigen Morgens mag das ja alles halb so wild sein – aber des Nächtens möchte ICH diese Einfahrt nicht hinaufgehen müssen.



Der vor mir liegende Abschnitt ist gesäumt von verschiedenen Sehenswürdigkeiten. Von Höhlen über ein paar Leuchttürme und ein Schiffswrack sollte allerlei geboten sein. Jedoch ziehe ich gleich beim ersten Stop eine Niete: Die „Florence Sea Lion Caves“ sind zwar geöffnet, jedoch fehlen die Tiere. Die haben es sich zu dieser Jahreszeit turnusmäßig irgendwo anders gemütlich gemacht, und da ich keine Lust habe den Eintritt für ein paar leere dunkle Steine zu bezahlen, fahre ich unverrichteter Dinge weiter – natürlich nicht, ohne ein paar Minuten die Aussicht auf die Küste zu genießen.

Mit dem Entfall der Höhlenforschung habe ich immerhin beim nächsten Stop etwas mehr Zeit. Mich erwartet: Ein Leuchtturm! Das „Yaquina Lighthouse“ liegt in Mitten eines wunderschönen und weitläufigen Naturschutzgebietes. Ich parke den Wagen an der Rangerstation, schnappe mir meine Windjacke und mache mich auf den Weg.

Schon von weitem kann ich sehen, dass ich es hier mit einem überaus hübschen Vertreter seine Art zu tun habe. Es ist ein schöner Spaziergang und ich genieße den Wind, der mir um die Nase weht und mit dem Haargummi um meine Strähnen kämpft. Es ist noch nicht allzu viel los, was mir Gelegenheit gibt, alles in Ruhe anzusehen und ein paar Aufnahmen von dem hübschen, alten Gemäuer zu machen.

Auf dem Rückweg zum Auto entdecke ich einen weiteren Trail und eine alte, breite Holztreppe die sich in mehreren Etagen zum einem merkwürdigen, schwarzen Steinstrand hinabwindet. Als ich sie betrete empfängt mich sofort ein intensiver Geruch nach Moder. Kein Wunder – hat sich ihr Holz über die Jahrzehnte mit dem Salzwasser einer jeden Sturmflut vollgesogen. Aber sie ist massiv, bewegt sich keinen Millimeter und geleitet mich ohne größere Anstrengungen sicher nach unten.
Der Strand hier ist anders als die, an denen ich bislang zu rumgetalpst bin. Der Boden besteht weder aus Muscheln, noch aus Sand, noch aus Glas, noch aus Felsen. Vielmehr sind es abertausende schwarze, glatte runde Steine von der Größe eines Tennisballs, die sich hier angesammelt haben. Sie liegen recht lose aufeinander, was das Laufen einigermaßen schwierig macht. Dennoch ist auch das hier ein wirklich schöner Ort.

Mein Magen beginnt zu knurren und so lasse ich den Strand und die Treppe hinter mir und begebe mich den schönen Küstenweg zurück zum Auto, wobei ich meinen Gedanken ein wenig nachhänge. Menschen die hier leben und die vielleicht Ihre Joggingrunde am Abend oder den Gassigang mit dem Hund im Sundowner an solch einem Ort machen können – Sie müssen glücklicher sein, als der Rest der Welt.
Während ich mir noch überlege, ob ich mir ein Leben hier vorstellen könnte werde ich von einer Unterhaltung aus meinen Gedanken gerissen. Einigermaßen unsanft, denn was sich da an mein Ohr schleicht ist … Deutsch! Oder besser gesagt etwas entfernt ähnliches. „Ei gugge ei do! Mei is dähr scheen! Schackeline – Määhndi (KEIN Scherz!), jetz lauf mo zuuh!“ Direkt vor meinen Augen wälzen sich Dinkel Dörthe und Tofu Thomas samt Nachwuchs den Berg hinauf und mit Ihnen die Verkörperung eines jeden Klischees von deutschen Touristen. Dabei sind die noch gar nicht so alt! Gefühlt aber begegnet mir hier Generation Golf, gefangen im Körper von Mittdreißiger Hipstern.
Die ganze Familie ist von oben bis unten in schlecht sitzenden Outdoorklamotten gewandet. Die Füße stecken in umbrafarbenen Socken, diese wiederum in Trekkingsandalen. 3 Paar Lycra Hosen haben Hosenbeine zum Abnehmen. Fischerhüte samt Safari-Schleppe. Tofu Thomas trägt eine Bauchtasche, die seinen Ranzen mehr als unvorteilhaft zur Geltung bringt. Ich muss mich wirklich beherrschen, mir mein Entsetzen nicht an der Visage ablesen zu lassen, denn mich durchzuckt ein starker Impuls von „Fremdschämen“. Erst als mir einfällt, dass hier ja keiner weiß, dass ich mir mit diesen Menschen die Nationalität teile, beruhigt sich der Krampf in meinen Augenbrauen. Die Familie ist längst an mir vorbei, da hängt das breite sächsisch noch lange in der Luft.
Auf den Schreck muss ich erstmal was essen. Frische Luft, Treppensteigen und Schock – das gibt Kohldampf! Was bin ich froh, dass in meinem Cooler die Reste von gestern warten. Und selbst ich als begeisterter Vernichter italienischer Speisereste bin heute nicht ganz sicher, ob jemals ein Stück kalte Pizza so gut geschmeckt hat wie dieses hier.
Die Fahrt geht weiter bis zum nächsten Leuchtturm, dem „Cape Meares Lighthouse“. Der Turm an sich gehört zu den kleinen Exemplaren und ist somit was seine Dimension angeht jetzt nicht sooo beeindruckend. Jedoch trägt das unscheinbare Ding eine wirkliche beeindruckende Linse, zu Ihrer Zeit eine der Stärksten die es gab.

Aber nicht nur der Leuchtturm ist an diesem Stop ein kleines Must-See. Ein paar Schritte weiter kann man auch noch den „Octopus Tree“ bestaunen. Das Ding ist ein Moster. Ganz anders als die Redwoods – aber deswegen nicht weniger eindrucksvoll. Ein gigantischer Zusammenwuchs von mehreren, dicken Stämmen, die sich gebogen in den Himmel recken – jeder von ihnen mit etwa einem Meter Durchmesser.

Ich mache mich langsam wieder auf den Weg – es sind noch ein paar Meilen und der Nachmittag bricht bereits an. Eigentlich wollte ich mir weiter nördlich noch das „Tillamook Lighthouse“ und Wrack der „Peter Iredale“ am Strand anschauen, doch zu meiner großen Enttäuschung hat die Schlecht-Wetter-Wolke vom Vormittag mich wieder eingeholt. Es gießt wie aus Kübeln und im Bruchteil einer Sekunde weiß ich: Die beiden Stops (samt den dazugehörigen Umwegen) kann ich mir komplett schenken. So schade! Weniger um den Leuchtturm, als vielmehr um das alte, hölzerne Schiffsgerippe. Das hätte ich mir gerne angeschaut.
So statte ich jetzt ersatzweise einer kleinen Shopping-Mall in Astoria eine Besuch ab. Leider eskaliere ich hier etwas gedankenlos beim Kauf von Denim und Sportklamotten, was dazu führt, dass ich mehrere prall gefüllte und obendrein schwere Einkaufstüten zum Auto schleppe. Wie gut, dass ich meine Taktik mit den alten Klamotten für die Kleiderspende durchgezogen habe – sonst hätte ich jetzt ein kleines Problem.
Letzteres bei Seite schiebend nehme ich die letzten 20 Meilen (und auf Ihnen die Staatsgrenze nach Washington) zu meinem Hotel in Long Beach. Hier werde ich nochmal für 2 Nächste bleiben und den morgigen Tag am „längsten Strand der Welt“ verbringen, bevor es dann übermorgen wieder nach Hause geht.
Ich bin recht gespannt auf den Ort. Auf der Karte nichts besonderes – aber es gab ein Best Western am Strand und ein paar schöne Cafes und jede Menge Sea-Food-Restaurants. Letzteres habe ich mir für Morgen vorgenommen. Für heute mache ich nach dem Check-In noch eine Runde im Gym. So sehr es mich schmerzt, aber bei dem Wetter taugt einfach kein Lauf im Freien und am so nahe gelegenen Strand.
Später am Abend hört es vorerst auf zu Regnen. Immerhin! Das gibt mir die Möglichkeit, noch einen kleinen Abendspaziergang entlang der Main Street zu unternehmen. Zu meiner großen Freude muss ich feststellen, dass der Ort noch viel schöner ist, als ich gehofft hatte. Die Geschäfte, Coffeeshops und Restaurants sind hier wirklich ausnehmend liebevoll gestaltet. Noch dazu ist es unfassbar friedlich.

Somit freue ich mich auf Morgen und auf einen wundervollen letzten Entspannungs-Urlaubstag bevor am Sonntag der Heimreise Wahnsinn an der Tür klopft.
Für heute heißt es: Let´s call it a day!