Nach dem heißen Whirlpool und dem letzten Schluck aus der Flasche mit der Erkältungsmedizin habe ich geschlafen wie ein Baby und erwache einmal mehr recht ausgeruht. Nachdem die Kaffeemaschine fertig geblubbert hat, trete ich auf den Balkon. Eigentlich darf man dort nicht rauchen – aber das habe ich bereits gestern Abend beim Abkühlen nach der heißen Wanne ignoriert, aus gutem Grund.

Da die zahlreichen Mülleimer auf dem Hotel-Parkplatz ebenso zahlreiche Obdachlose anlocken, hatte ich wenig Lust mich dazu zu gesellen. Meinem Kontostand würde nach 16 Tagen USA sicher ein wenig Pfand sammeln nicht schaden, aber dann fällt mir wieder ein, dass es hier ja gar kein Pfand gibt und ich schaudere kurz bei dem Gedanken, was die armen Teufel stattdessen da in den Tonnen suchen.

Aber auch abgesehen von den heruntergekommenen Gestalten ist der Blick vom Balkon wenig erbaulich an diesem Morgen. Alles ist nass, die Sonne glänzt durch Abwesenheit und der Himmel ist wieder wolkenverhangen – Aber irgendwie passt es zu diesem Ort.

Dem Bestreben folgend, Eureka und diesen ganzen Bundesstaat so schnell wie nur irgend möglich zu verlassen, habe ich mein Zeug an diesem Morgen schon früh im Truck verstaut. Und jetzt ganz schnell: Abfahrt! Tagesziel: Florence in Oregon. Die Fahrt sollte knapp 6 Stunden dauern, somit trifft sich die frühe Abreise ganz gut.

Auf den ersten Kilometern Richtung Norden denke ich über Kalifornien nach. Ich verstehe mit jeder Reise weniger, warum ausgerechnet dieser Bundesstaat von außen und von vielen so gehyped wird. Ich war jetzt wirklich oft hier – Im Kopf überschlage ich 6 Reisen in 8 Jahren. Business Trips, Roadtrips und Mischungen aus Beidem. Von San Diego über Los Angeles, San Francisco, Palm Springs. Katastrophe! Sogar die kleineren Orte: Santa Barbara. Malibu Beach. Ventura. Santa Cruz. Sehnsuchtziele für Dutzende. Durch meine Augen betrachtet: Völlig abgerockt und heruntergekommen. Arm. Kriminell.

Und selbst hier, am allernördlichsten Ende, erscheint mir dieser Bundesstaat einmal mehr wie ein Fremdkörper im restlichen Amerika. Egal wo in den USA ich mich bislang rumgetrieben habe: Nur in Kalifornien hatte ich IMMER das Gefühl, einmal mehr über die Schulter schauen zu müssen als sonst wo. Sicher habe ich mich hier selten gefühlt.

Ja – natürlich gibt es Ausnahmen: Der Lake Tahoe, ein paar wirklich großartige Nationalparks, das Death Valley und natürlich allem voran Bombay Beach (mein winzig kleiner ewiger, geliebter Sehnsuchtsort) sind wirklich sehenswert. Alles andere….? Ich weiß es nicht. Früher vielleicht – heute sicher nicht mehr. Für mich steht jedenfalls fest: ICH muss hier nicht mehr hin. (Okay – vielleicht bis auf das „1x Helm lackieren“ im Napa Valley und dem „Cabin in the Woods“ in Tahoe….)

Mit diesen Gedanken im Kopf bin ich ganz froh, dass es bis zur Grenze nach Oregon nur knapp 2 Stunden fahrt sind. Ich muss die 101 North, die bereits gestern den Highway 1 als küstennächste Straße abgelöst hat, heute den ganzen Tag nicht verlassen. Daher habe ich beschlossen, das Navi erst gar nicht anzuschalten und mich (abgesehen von 3 markierten Leuchttürmen entlang der Route) einfach mal treiben zu lassen. Wann immer mir ein Schild zu einem Beach oder einem Redwood Park auffällt, werde ich spontan entscheiden, ob ich abbiege oder weiterfahre. Und diese Strategier soll den ganzen Tag aufgehen wie ein Hefeklößchen.

Beim ersten Stop entdecke ich einen wunderschönen Strand. „Clam Beach“ liegt versteckt hinter einer Art kleinem Sumpf, über den das County kurzerhand ein paar Bretter geschmissen hat, um die Besucher trockenen Fußes durch das Feuchtgebiet zum Strand zu bringen.

Board Walk

Hat man diese mitunter etwa wackelige Hürde genommen, säumt rosanes Seegras den Weg zu einem herrlich weitläufigen Strand mit viel Treibholz und tosendem Wellengang.

Flamingo Seagrass

Sogar die Wolken haben sich mittlerweile vollständig verzogen (bzw. sind weggepustet worden) und der Lorenz lacht vom blauen Himmel. ENDLICH! Leider ist es trotzdem mit 15 Grad und ordentlich Wind noch viel zu kalt um das hinreichend genießen zu können. Einen kurzen Spaziergang kann ich mir jedoch wie immer nicht nehmen lassen.

The Beach

Beim zweiten Stop in Trinidad suche ich eigentlich eine Toilette, finde aber stattdessen zunächst nur eine wirklich atemberaubende Aussicht auf die gesamte südliche Küstenlinie. Dabei stolpere ich über ein Schild, dass quasi nebenan im Rückgebäude eine winzig kleine, lokale und familienbetriebene Fischräucherei anpreist. Überflüssig zu sagen, dass ich an der natürlich nicht vorbei gehen kann ohne eine Portion „Woodsmoked Albacore“ zu kaufen, die ich wie einen Schatz auf das Eis im Cooler packe.

Als ich wieder zum Auto gehe sehe ich am Horizont wieder diesen dunkelgrauen Wolkenstreifen. Einem ersten Impuls folgend denke ich „Na hoffentlich regnet es nicht da, wo ich hinwill schon wieder“. Dann erst kommt mir in den Sinn ob das überhaupt Wolken sind. Da mittlerweile halb Kalifornien und auch weite Teile von Idaho lichterloh in Flammen stehen, könnten es auch die Rauchschwaden der Waldbrände sein.

Weather or Wildfire..?

Der dritte Stop, auf dem ich eigentlich nur eine Tankstelle gesucht habe, schlägt dem Fass dann endgültig den Boden aus. Beinahe wäre ich an dem Schild vorbei gefahren, das (gut getarnt unter einem Busch) auf einen „Scenic Route“ zwischen ein paar Redwoods hinweist. Eigentlich hatte ich heute nicht vor, einen weiteren Redwood Park zu besuchen – aber zusammen mit dem Hinweis „4WD Recommended“ kann ich dem Sirenen-Gesang des Allrad-Trails natürlich mal wieder null wiederstehen.

Es ist kaum mehr als ein schmaler, zweispuriger Trampelpfad, der sich steil und kurvig direkt – und mitunter zum Anfassen nah – zwischen gigantischen Redwoods hindurchschlängelt.

Verwunschner Zauberwald

Natürlich ordentlich bergauf. Dazu geschottert, matschig und voller Krater, die einem Offroad-Fan Freudentränen in die Augen treiben würden. Zu den ganz eingefleischten gehöre ich – nur mangels Material – natürlich nicht, aber ein breites Grinsen huscht durchaus auch über mein Gesicht, als ich den Allrad zuschalte.

Bloody Muddy

Was dann kommt, ist in Worten mal wieder kaum zu beschreiben. Ich kann es immernoch nicht wirklich glauben, aber hier darf – und soll – man tatsächlich mit dem Auto durchfahren! Wahnsinn!

Schon nach wenigen Metern komme ich mir vor wie in einem verwunschenen Zauberwald. Oder vielleicht auch ein bisschen wie in Jurassic Park. Ich muss zugeben: Neben diesen Giganten – besonders in solcher Vielzahl – erscheinen mir die Bäume von gestern nur noch wie eine Aufwärmrunde, maximal jedoch wie die kleinen Schwestern von denen hier (Okay – Vielleicht bis auf den auf dem Selbstauslöserexperiment)

Giants

Mitunter muss man wirklich fokussiert zwischen den Bäumen hindurch manövrieren. Als ich einmal kurz nicht aufpasse, weil ich damit beschäftigt bin, auf der Beifahrerseite den Abstand meines Kotflügels zu einem Baumstamm von der Größe eines Getreidesilos einzuschätzen, klatscht mit durch mein offenes Fenster auch erstmal ein nasser Farn mitten ins Gesicht – so nah steht das Grünzeug an der Durchfahrtschneise.

That was close..!

Der Trail hier mag zwar nur 2 Meilen lang sein, benötigt aber dennoch bei etwas mehr als Standgas dennoch eine knappe halbe Stunde für Auf- und Abfahrt (ist natürlich wieder ein Dead-End). Dennoch gehört diese halbe Stunde instant für mich zu den absoluten Highlights dieser Reise – auf seine Weise ähnlich beeindruckend wie der Yellowstone Park und ähnlich magisch wie der Salzstrand an der Spiral Jetty.

Wieder unten im Tal angekommen steige ich kurz aus um einmal rundum nach dem Rechten zu sehen. Ich muss beinahe losprusten als ich feststelle, dass der Truck und ich wohl auf der matschig-rutschigen Buckelpiste unser ganz persönliches Woodstock gefeiert haben. Wie – und vor allem wann – soll ich denn die Karre bitte wieder sauber kriegen? Andererseits: Dieses Problem werde ich aller Voraussicht nach und frei nach dem Motto „Dońt be gentle – It´s a rental!“ an die Mietwagenbude delegieren. Sollen die das Zeug wieder abmeißeln.

Zu meiner Bestürzung muss ich jedoch auch noch feststellen, dass das Verteilergetriebe des Allrads offensichtlich über sowas wie eine eigene Einspritzung verfügt. Ich hatte zwar schon zu Beginn des kleinen Exkurses kaum noch Sprit, aber auf den paar Metern im 4WD Modus scheint die Tanknadel nochmal überproportional stark abgesackt zu sein. Die Tankreserve leuchtet mir rot aus dem Instrumentenkombi entgegen. Verdammt – da wird´s jetzt aber höchste Eisenbahn! Is ja nicht so, dass in Gebieten wie dem hier an jeder Mülltonne ne Zapfsäule hängen würde. Aber ich habe Glück – nur wenige Meilen später gibt´s ne Tanke. Pinkeln und einen kleinen Mittagssnack to go für mich – Blubberndes Feuerwasser für den Truck.

Der frühe Nachmittag geht zunächst weiter auf der 101 dahin. Kurz nach dem Redwood Erlebnis erreiche ich die Grenze nach Oregon, und somit zum letzten Bundesstaat, der auf diesem Trip durchkreuzt wird. Wenige Minuten nach der Überquerung der Staatsgrenze drängt es sich förmlich auf, dass man Kalifornien nun endgültig verlassen hat. Beinahe augenblicklich (und ich meine wirklich keine 30 Meilen nach der Grenze) ist der Highway auf einmal wieder von zahlreichen SUV und Pick-Ups bevölkert. Ford F150. Dodge RAM. Toyota Tundra. GMC Sierra – Hemy. Heavy Duty. King Ranch – Alle sind sie wieder da! Und zwar inklusive der dazugehörigen, V8-verträglichen Spritpreise. Was dabei genau jetzt Henne und was Ei ist, vermag ich nicht zu sagen.…

Aber meine motorisierten Straßenkameraden sind nicht das Einzige, was sich bereits kurz hinter der Grenze ändert, sondern das ganze Umfeld schient mir um ein Vielfaches einladender zu sein. Die kleinen Ortschaften, an denen ich vorbei komme, sehen um ein Vielfaches hübscher aus als noch zwei Stunden zuvor. Überall leuchten farbenfrohe Häuser, gepflegte Vorgärten, einladend gestaltete Läden für Angel- und Wassersport, liebevoll hergerichtete Coffeeshops und kleine Souvenirgeschäfte, die nicht so aussehen, als würde man darin so schnell über den Tisch gezogen werden, dass man die Reibungshitze als Nestwärme empfindet. Auch Obdachlose sucht man hier vergeblich.

Während ich so dahintuckere und mit Straßenrandbeschau beschäftigt bin, wäre ich beinahe an einem weiteren Schild vorbeigefahren, dass den Weg nach „Whalehead Beach“ weist. Gut, dass ich den Truck gerade noch rumreißen kann – sonst wäre mir ein weiteres Tageshighlight durch die Lappen gegangen. Von hier oben kann man noch nicht wirklich etwas sehen – aber auch hier gibt es wieder eine Schotter-Piste und auch hier weist wieder ein Schild darauf hin, dass Allrad von Vorteil ist (20 Meter weiter steht ein weiteres auf dem einmal mehr „Rough Road“ zu lesen ist).

Die Piste ist zwar breit und – gemessen an dem, was ich hier sonst schon erlebt bzw. befahren habe) – nicht allzu steil, aber die Auswaschungen, Schlaglöcher und Fahrrinnen haben es derart in sich, dass meine Koffer auf der Rückbank Mühe haben, bei dem Geschaukel an Ort und Stelle zu bleiben.

Unten angekommen erwartet mich dafür nach einem kurzen Fußmarsch vom Parkplatz zum Beach eine äußerst spektakuläre Lagune – und da die Abfahrt leicht zu übersehen war, ist mal wieder kaum ein Mensch hier. Ganz weit hinten kann ich eine Frau mit Ihrem Hund spielen sehen. Sonst gibt es hier nur Meeresrauschen vom Allerfeinsten, Sonne und eine Wahnsinnsaussicht auf riesengroße Felsen, die den Wellen majestätisch trotzen.

Whale Head Beach

Ich lasse mir die Haare vom Wind zerzausen und mache einen ausgedehnten Spaziergang, den ich erst beende, als es wirklich Zeit wird weiterzufahren. Auf meinem Weg nach Florence möchte ich nämich noch an zwei Leuchttürmen vorbei.

Den ersten erreiche ich knapp eineinhalb Stunden später. Es biete sich das mittlerweile gewohnte Set-Up: Parkplatz, Trail bergauf, Leuchtturm. Man könnte ja meinen, dass würde auf die Dauer und bei der Wiederholfrequenz langweilig werden – aber irgendwie hab ich nunmal einen Spleen mit diesen Dingern, und so wandere ich auch diesen kurzen Trail zum „Cape Blanco Lighthouse“ rauf, begleitet von phantastischen Aussichten zu meiner Rechten und Linken.

Norden
Süden
Oben!

Weiter nördlich mache ich bei einem weiteren Leuchtturm halt. Dieser ist längst nicht so beeindruckend wie der Vorige. Dennoch mache ich wie immer ein paar Schritte über das Gelände und den Strand, halte mich aber nicht zu lange auf und lasse das etwas schmucklose Gebäude alsbald hinter mir.

Coquille River Lighthouse

Der letzte Fahrabschnitt des Tages führt mich dann noch zu den „Oregon Dunes“. Das ist nicht nur landschaftlich durchaus beeindruckend, sondern hätte auch das Potential gehabt, sehr spaßig zu werden… Eigentlich hatte ich vor, mit einem der Strandbuggies die es an jeder Ecke zu mieten gibt, über diese Monsterdünen-Landschaft zu hämmern. Da ich aber nicht genau wusste, wann ich hier sein würde, wollte ich im Vorhinein nichts reservieren. Und jetzt ist es bereits zu spät am Nachmittag. Also fällt dieses Vergnügen leider aus.

Stattdessen suche ich mir den Weg zum Hafen und von da aus zu einem Aussichtspunkt um die Dünen von oben überblicken zu können. Leck mich fett! Ist das wieder ein Ausblick von hier oben…!

Oregon Dunes
Oregon Dunes – with Pick-Up

Und ganz „zufällig“ ist hier oben dann auch der letzte Leuchtturm für heute zu finden: Quasi direkt hinter mir steht das „Umpqua River Lighthouse“. Leider liegt es eingezäunt in einer privaten Wohnsiedlung, weswegen man aus keiner Perspektive herankommt oder schöne Bilder machen kann. Aber der Blick nach vorne über die Dünen und in Richtung der Untergehenden Sonne entschädigt allemal!

Easter-Egg

Als ich am Abend an meinem Hotel vorfahre ist es bereits spät. Und da ich überhaupt nicht mehr motiviert bin, mich nochmal irgendwohin zu bewegen, mache ich etwas unfassbar amerikanisches: Ich bestell mir eine Pizza! Ich konnte mich nicht so wirklich entscheiden, ob mir der Sinn heute mehr nach Salat und Pizzabrötchen steht – oder eben nach einer Pizza. Also habe ich kurzerhand beides bestellt, in dem Wissen, mit den Resten dann auch gleich für Morgen mit vorgesorgt zu haben (es gibt nichts besseres als kalte Pizza!!!).

Womit ich allerdings nicht gerechnet habe ist der kleine Umzugskarton, den mir der Fahrer wenig später in die Hand drückt. Meine „Mini-Pizza“ gleicht der heimischen Familienversion, der Salat reicht auch für 2 Tage und als ich die Schale mit den Knoblauch-Pizzabrötchen öffne bekomme ich einen Lachanfall: In dem Karton liegen 10 je faustgroße Teigknoten. Dazu – ihr ahnt es – 3 Dosen Ranchdressing.

Obwohl ich Hunger bis unter beide Arme habe, strecke ich bereits nach einer halben Pizza und zwei dieser köstlichen Knoblauch-Parmesan-Teigknollen die Waffen. Den Salat habe ich nichtmal angerührt. Ich schiebe die Reste in den Kühlschrank, freue mich, dass ich mich Morgen schonmal nicht mehr ums Essen kümmern muss und mache mir ein Bier auf, Den Abend lasse ich auf dem Balkon mit Blick auf Florence ausklingen. Let´s call it a day!

Florence

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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