Der Morgen startet fröstelig. Über Nacht ist es erheblich abgekühlt und ein wenig von der Nacht-Feuchte hat sich durch die, Kalifornien-typisch nicht 100% dichten Fenster, in mein Zimmer geschlichen.

Entsprechend unmotiviert bin ich, das Bett zu verlassen. Aber es hilft ja nicht und so stehe ich schließlich auf – nicht ohne Gänsehaut. Der Blick aus dem Fenster stimmt mich jedoch milde, denn hinter dem Waldrand geht die Sonne an einem blauen Himmel auf.

Ich koche Kaffee, setze mich nach draußen und genieße die Wärme auf meinem Gesicht. Ich freue mich auf den vor mir liegenden Tag. Auf dem Programm steht die Jagd nach weiteren Leuttürmen und das Bestaunen von Redwoods.

Da ich zweit Tage hier gehaust habe, dauert es etwas länger, bis ich meine verstreuten Klamotten eingesammelt habe. Das holt der eingesparte Weg zum Frühstück allerdings locker rein. Ich habe noch die halbe Portion French Toast von Gestern, die ich einfach noch schnell in der Sonne verspeise.

Danach bin ich abmarschbereit. Die Dame an der Rezeption fragt beim Check-Out noch, wohin meine Reise als nächstes führt. Als ich antworte, ich würde weiter gen Norden fahren, blitzen ganz kurz zwei hochgezogene Augenbrauen. Sie verabschiedet mich mit dem Hinweis, die ersten 45 Meilen seien das schwierigste und anspruchsvollste Stück des gesamten Highway 1. Mit leicht indischem Akzent sagt sie schlicht: „Veeery curvy, veeery windy, veeery narrow – but also veeeeeeeery beautiful.“ Na dann mal los!

Es dauert keine 15 Minuten bis ich genau weiß, was sie gemeint hat. Dieses Stück ist wirklich noch atemberaubender als das Gestrige. Mal geht es an der Steilküste entlang, mal durch den Wald, mal durch die Berge. Was es allerdings nie geht ist länger als 200 Meter geradeaus. Den Truck hier auf und in der Spur zu halten grenzt beinahe an Arbeit, jedoch wird man für die Plackerei am Lenkrad wirklich allerfürstlichst mit herrlichen Bildern vor der Windschutzscheibe belohnt.

Ja! Die Bäume sind so schief…!

Auch gibt es mal wieder eine neue Kategorie Warnschilder an den Steilküstenabschnitten. Wo gestern noch die Kojoten der Kassenschlager waren, sind heute Tsunami-Warnungen die „Danger du Jour“.

Als ich kurz darauf mal auf einem der weniger kurvigen, dafür aber sehr exponierten Stück Straße sehr viel Weitsicht genießen kann, sehe ich weit draußen am Horizont leider schon wieder die nächste, dichte Wolkenfront heraufziehen.

Ich hatte mich ohnehin gewundert, die Sonne überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Gerade gestern Abend habe ich noch kurz den Wetterbericht für die kommenden Tage gescannt und mit Bestürzung festgestellt, dass es ein einheitliches Mausgrau bleiben soll – genau wie gestern. Ich hab im Strahl gekotzt. Das ausgerechnet auf DEM Abschnitt, auf dem ich eigentlich recht viel Zeit draußen und am Strand verbringen wollte. „Wuuuuza“ und Ohrläppchen reiben hab ich zwar am Abend noch versucht – hat aber nicht viel geholfen.

Die Fahr geht immer weiter in die Berge und immer dichter in den Wald. Langsam tauchen unverkennbar die ersten Redwoods im Gehölz auf. Zwar noch vergleichsweise klein – aber das ändert sich spürbar mit jedem Meter. An einer Abzweigung erspähe ich ein Schild mit einem Hinweis auf einen „Drive Through Tree“.

Eigentlich stand die Wanderung durch den großen Redwood Park erst am Nachmittag an – aber DAS will ich mir auf keinen Falle entgehen lassen und biege ab, obwohl Else und das Navi sofort und beinahe synchron zur Weiterfahrt auffordern.

Der Umweg beträgt allerdings nur wenige hundert Meter. Der Besuch des Baums kostet zwar Eintritt, ist aber mit 5 Dollar noch moderat bepreist. Immerhin verrät mir die nette Dame im Kassenhäuschen gleich, dass mein Auto zu groß sei um durchzufahren, aber man könne auch durchgehen und / oder das Auto davor parken und ein Bild machen – es sei zu dieser Uhrzeit noch nicht viel los. Ich bedanke mich für den Hinweis und fahre die immer schmaler werdende Einbahnstraße in den Park hinein. Schon hier säumen rechts und links Giganten den Weg, bei denen man sich beinahe die Augen reiben muss. (Dachte ich da zumindest noch…)

What a Monster..!

Den berühmten Dauergast hier muss man nicht lange suchen. Mehr als majestätisch thront der „Chandelier Tree“ in der Mitte einer großen Lichtung, unten im Stamm ein großes Loch. Ich parke den Wagen und gehe ein paar Schritte zu Fuß. Eine Infotafel weist darauf hin, dass dieser Baum 96 Meter hoch ist, der Stamm einen Durchmesser von knapp 6,5 Metern hat und der Koloss ca. 2.400 Jahre alt ist. Nochmal in Worten, damit sich das alle laut vorlesen und auf der Zunge zergehen lassen können: ZWEITAUSENDVIERHUNDERT. Um´s mal einzusortieren: Da hat Maria vielleicht gerade Ihre unbefleckte Empfängnis bemerkt, da war der Kollege hier schon älter als die meisten deutschen Eichen. Wahnsinn!

Da wirklich noch kein Mensch im Park ist, setze ich den Truck rückwärts vor die Durchfahrt und mache ein paar Fotos. Leider kommen auf keinem davon die Größenverhältnisse auch nur annähernd zur Geltung.

Dann widme ich mich wieder meiner eigentlichen Route zum Leuchtturm, als ich plötzlich ein kleines, aber nicht unwichtiges Schild am Straßenrand entdecke: Hier endet der Highway 1. Nochmal: Das Ende des Highway 1! Was bedeutet, dass ich den jetzt – über mehrere Reisen verteilt – einmal KOMPLETT gefahren bin, abschnittsweise sogar mehrmals. Ich krame meine imaginäre Bucketlist hervor und mache ein dickes Kreuzchen an der entsprechenden Stelle. Check!

Highway 1 – Mission accomplished.

Groß Zeit, darüber nachzudenken oder andere Reisen Revue passieren zu lassen habe ich nicht. Die Straße fordert einmal mehr volle Konzentration, wie sie sich da so durch den Wald in schwindelerregende Höhen schraubt. Es fängt an zu regnen und dichter Nebel kriecht durch die Bäume. Der Asphalt endet. Hier gibt´s wieder nur Schotter – zwar plan, aber in Kombination mit Regen und engen Kurven rutscht mir der Truck mehrfach ein wenig weg. Zeit, den Allrad mal wieder zuzuschalten.

Herrje… Wie weit geht das denn noch rauf? Ich muss doch gefühlt bald oben aus der befahrbaren Regenwolke rausschauen können…?! Immerhin endet alsbald der Schotter, aber dank des mittlerweile starken Regens ist der Asphalt jetzt auch nicht unbedingt griffig.

Endlich erreiche ich den Scheitelpunkt. Erster Gedanke: Das muss ich jetzt auch alles wieder runter, und nachher auch alles wieder rauf. Zweiter Gedanke (beim Blick aufs Navi und der Erkenntnis, dass ich in ein paar Meilen mein Ziel erreichen werde): Wie – schon da..? Mist – dann wird da unten kein anderes Wetter als hier. Ja gut – Vielleicht halt noch n bisschen mehr Wind als im Schutz der Bäume. Zauberhaft!

Leider bestätigen sich wenige Augenblicke später all meine Befürchtungen als ich auf den Parkplatz fahre. Es hat 11 Grad, die Sicht liegt bei Null und im hier ungeschützt über die Ebene pfeifenden Wind werden die Regentropfen quasi waagerecht an meinem Seitenfenster vorbeigedroschen. Ich bin unendlich gefrustet und versuche ein paar Minuten rauszuschinden, indem ich meine Lunchbox aus dem Cooler krame und erstmal einen Bagel verdrücke. Überflüssig zu sagen, dass sich in den 10 Minuten keine Änderung der äußeren Umstände eingestellt hat. Was soll´s gekniffen wird nicht. Ich gebe mir ein kurzes „Wuuuzaaa“, klaube die Regenjacke von der Rückbank und öffne die Tür, die mir vom Sturm beinahe aus den Händen gerissen wird.

Kaum, dass ich den Wagen verlassen habe ist die Luft erfüllt von Vogelgeschrei. Aber auch ein anderer bekannter Laut mischt sich ins Getöse: Seelöwen! Sie müssen zu hunderten unten in der Bucht rumturnen. Ich entdecke einen kleinen Trampelpfad hinab zum Strand – leider völlig aufgeweicht und unbrauchbar, aber auch von hier kann ich in der Ferne die speckigen Schreihälse auf den Felsen erkennen.

Speckige Schreihälse

Etwas weniger in der Ferne ist die Luft – neben der recht ordentlichen Geräuschkulisse – aber auch noch von etwas anderem erfüllt: Einem mehr als unangenehmen Odeur. Der Urheber: Ein fast komplett vollgeschissener Nistfelsen gleich unter mir. Der Gestank von Ammoniak und Vogelkacke ist so beißend, dass er mir trotz Sturm Tränen in die Augen treibt und mich selbst somit zurück zum Aussichtspunkt.

Hier findet sich auch der Leuchtturm. Ein wenig trist schaut er ja schon aus bei dem Wetter, aber man hat um ihn herum einen kleinen, netten Park errichtet, den heute bei dem Wetter natürlich niemand nutzen kann. Aber da ich eh schon nass bin gehe ich ein paar Schritte, mache ein paar Bilder und suche abschließend noch schnell die Toiletten auf.

Cape Mendocino Lighthouse

Schon witzig – Während ich die letzten Tage Mittags immer zu meinem Eiskaffee gegriffen habe, hoffe ich hier inständig, mein Kaffee im Thermobecher sei noch heiß, als ich nass und durchgefröstelt vom Pieseln komme (Ist er!) Zudem muss ich zum allerersten mal überhaupt die Heizung im Auto aufdrehen. Ich lasse den Leuchtturm hinter mir und mache mich auf in Richtung meines nächsten Ziels: Der Humboldt Redwood State Park wartet. Aber erstmal muss ich den ganzen, langen kurvigen Waldweg zur 101 wieder zurück.

Da ich den aber jetzt schon kenne, habe ich Zeit, bei der Fahrt mal wieder meinen Blick rechts und links entlang des Weges streifen zu lassen. Als erstes fallen mir merkwürdige, weiße Gebilde auf, die zu Dutzenden in einer bestimmten Sorte Baum hängen. Sieht aus wie eine Art dichtes Spinnennetz, oder überdimensionale Kokons oder so. Ich halte an und beschaue mir das genauer. Ich habe jedoch auch bei näherem Hinsehen keine Ahnung, was das nun wieder für eine eklige Ausgeburt der Insekten-Hölle sein mag.

WTF…?!

Später fällt mir auf, dass hier unfassbar viele Kreuze am Straßenrand stehen. Mal vor einem Abhang – mal gleich vor dem Stamm eines Redwoods. Die Straße scheint Ihren Tribut zu fordern. Oder die Einsamkeit und der Whiskey in Kombination mit dem Heimweg nach dem Pub. Ja, hier gibt es zwar ein paar winzig kleine Ortschaften und das Gebiet ist allemal etwas dichter besiedelt als Wyoming, aber viel zu tun gibt´s hier am Abend sicher nicht – außer saufen.

Kaum, dass ich oben wieder den Kamm erreiche blitzt die Sonne durch die Wolken. Na schönen Dank auch! Hättest Du Dir auch mal 30 Minuten früher überlegen können. Die Straße fängt fast augenblicklich an zu dampfen und zum ersten Mal an diesem Tag kann ich meinen Pullover ausziehen. Versöhnt setze ich meine Fahrt fort.

Die letzten 30 Meilen zum Redwood Park nehme ich parallel zum Highway, auf einer kleinen Landstraße mit dem klangvollen Namen „Avenue of the Giants“, und der könnte treffender nicht sein. Da braucht es beinahe gar keine Statepark: Das was hier einfach am Straßenrand wächst wie Unkraut genügt, um dem durchschnittlichen Touristen die Kinnlade nach unten sacken zu lassen. Meine Fresse, stehen hier Brummer!

Avenue of the Giants

Eine halbe Stunde später habe ich den Wagen abgestellt und befinde mich auf dem „Nature Trail“ durch den Wald. Der Boden ist weich und von vielen Schichten Nadeln und Blättern bedeckt. Die Luft duftet nach Holz und Rindenmulch. Es ist totenstill und der Wald strahlt darüber hinaus so etwas wie eine ganz eigene, erhabene Ruhe aus. Man fühlt sich ziemlich winzig, vergänglich und unbedeutend zwischen all diesen Kolossen. Ich genieße den recht ausgedehnten Spaziergang sehr.

Beim größten Bewohner mache ich ein paar Experimente mit dem Selbstauslöser meiner Kamera. Eigentlich bin ich kein Fan vom eigenen Abbild auf Urlaubsfotos – aber hier MUSS ich eine Ausnahme machen, da es nicht möglich ist, die Dimensionen dieses Giganten auch nur annähernd adäquat zu beschreiben.

The Monster & Me

Es beginnt wieder zu tröpfeln, da ich aber eh auf dem Rückweg war ist das jetzt kein Beinbruch. Kaum, dass ich jedoch aus dem Wald heraustrete bemerke ich, dass es recht starker Regen ist, der da vom Himmel fällt. Da merkt man mal, was diese Brummer hier abhalten.

Abermals nass klettere ich hinters Steuer. Im selben Moment beschließe ich, jetzt den direkten Weg zum Hotel zu wählen. Bei dem Wetter steht mir einfach nicht der Sinn danach, den zweiten geplanten Leuchtturm, (samt einer erneuten Dead-End Befahrung von ca. 90 Minuten) auch noch aufzusuchen. Ich werde eh nichts sehen.

Auf etwa halbe Strecke kommt die Sonne wieder kurz raus. Dann fängt es wieder an zu regnen. Was gestern mein Jacke aus / Jacke an war ist heute das Scheibenwischer aus / Scheibenwischer Stufe 3. Das hin und her beim Wetter fängt an, mich nachhaltig zu nerven. Ja okay – wenn keine Sonne, dann keine Sonne, aber dann auch bitte ganz wegbleiben und nich alle 5 Minuten durch die wolken gucken damit man wieder Hoffnung schöpft, die dann wieder enttäuscht wird.

Am Nachmittag erreiche ich Eureka, und damit mein Tagesziel. Ich checke ein, beziehe mein Zimmer mit (diesmal gebuchtem) Whirlpool, drehe noch eine kleine Runde durch die benachbarte Mall und absolviere meinen abendlichen Lauf bevor ich mich zum Essen begebe. Gleich nebenan ist ein Steakhouse. War zwar nicht unbedingt die Empfehlung vom Portier, aber es liegt mit 20 Schritten Entfernung am Nächsten. Ich habe keine Lust nochmal los zu fahren. Eureka – zumindest die Ecke in der ich gelandet bin – ist wirklich nicht besonders schön. Viel Schwer-Industrie. Alles sehr heruntergekommen. Zahlreiche Obdachlose. Alles ziemlich schäbig und „shady“ – da muss man weder Bilder von irgendwas machen, noch sich länger draußen aufhalten, als absolut unbedingt nötig (zumal drinnen der Whirlpool ruft).

Das Steakhouse macht von draußen gar keinen schlechten Eindruck. Jedoch ist das Essen – ebenso wie Eureka selbst – eine Katastrophe. Der Salat ist nicht mehr unbedingt taufrisch, das Gemüse verkocht, der Fleischspieß völlig verbrannt.

Wenigstens gibt es dazu reichlich Ranch-Dressing. Das ist für mich ja sowas wie das WD-40 unter den Soßen – Damit schmecken zur Not auch Tischbeine.

Schnell zahlen – und ab in den Whirlpool. Let´s call it a day.

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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