Nach dem heißen Bad gestern Abend schlafe ich in der Nacht wie ein Stein und erwache kurz vor dem Wecker, weil mir der Sonnenaufgang über den Bergen quasi direkt aufs Kopfkissen scheint. Schöner kann – für mich persönlich – ein Tag ja nicht starten. Ich koche mir schnell einen Kaffee und verziehe mich für mein Morgenritual auf die kleine Terrasse hoch über dem See. Mit dieser Aussicht schmecken Kaffee & Kippe gleich doppelt so gut.

Die Staatsgrenze Nevada / Kalifornien teilt den Lake Tahoe quasi einmal längs in 2 Seiten. Schon witzig, vor allem weil so oben in den „Cabins in the wood“ mitunter für zwei Nachbarn unterschiedliche Gesetze gelten. Der eine darf kiffen – der andere darf zocken. Nur dürfen sie beides nicht zusammen. Schade eigentlich. Ich selbst bin ja gestern und heute gleich mehrmals über die Grenze gefahren, da ich aber auf der Nevada Seite genächtigt habe, passiere ich heute, gleich am Morgen abermals und letzmalig zugleich die Grenze nach Kalifronien, nicht ohne im Grenzgebiet über augenfällige Deko am Wegesrand zu staunen.

Danach geht hinauf in die Sierra Nevada. Eine atembraubend schöne Strecke, die mich wieder einmal staunen lässt angesichts des perfekten Asphalt-Zustands.

Meile um Meile geht es immer höher und weiter in und durch den Wald, mitunter durch ein noch recht frisches Waldbrand-Gebiet. Hier sind es nur noch verkohlte Nacktfrösche, die Ihre knorrigen Überreste in den blauen Himmel recken. Wie ein Mahnmal ziehen sich die unübersehbare Spur der Vernichtung über mehrere Hektar.


Ein paar Kreuze am Wegesrand lassen vermuten, dass hier nicht nur Bäume sondern auch Feuerwehrmänner den Flammen zum Opfer gefallen sind.

Den gesamten Vormittag verbringe ich in der Sierra. Hier und da steige ich aus, gehe ein paar Schritte, genieße die Aussicht, den Wald oder einfach nur die herrliche Luft. Ich finde noch einen Tannezapfen bei dem der Vergleich mit einer Ananas nicht mehr ausreicht – aber nach meinem kleinen Klebe Fauxpas von gestern bin ich heute so schlau, ihn nicht mehr anzufassen.

Bald ist es Mittag und ich muss weiter. Und kaum, dass ich aus den Bergen der Sierra Nevada wieder auf den Highway in Richtung Sacramento komme, ist nicht mehr zu übersehen, dass man sich jetzt wirklich in Kalifornien befindet. Jedes Dritte Auto ist ein Tesla oder ein Rivian. Dazwischen viele andere Elektro-Möhren und ebensoviele Cabriolets und Sportwagen. Trucks und SUV sieht man so gut wie gar keine. Und wenn doch mal einer dabei ist, dann hat er zumeist kein örtliches Kennzeichen.
Auch in den Fahrzeugen und abseits der Straße lassen die wahrnehmbar veränderten Verhältnisse keinen Zweifel daran aufkommen, wo man sich gerade befindet. Um mich herum glitzern Strass besetzte Lenkradbezüge und auf Hochglanz poliertes unverbeultes Chrom. In den gepflegten, grünen Vorgärten wachsen zahlreiche Palmen und auf den Straßen gibt es zahllose Jogger, alle in perfekt aufeinander abgestimmter Sportklamotte samt dem passenden sportlichen Körper. Ich finde soagr einen „Bitcoin“ Geldautomaten.

Das alles erinnert mich umgehend, an den „Showmaster“ beim Rodeo in Cody, oben in Wyoming. Am Anfang hat er in die Arena gefragt, wer von wo kommt und ob Leute aus Kalifornien zu Gast wären. Den paar verstohlen in die Höhe gereckten Händen rief er ein lachendes „Welcome to the real America!“ zu – was im restlichen Publikum zu reichlich Belustigung geführt hat. Und just in dem Moment, als ich so durch Sacramento fahre, verstehe ich zu 100% was der gute Mann gemeint hat.
Mir persönlich geht dieses Kalifornien einfach mal sofort auf den Sack. Der Verkehr ist ein Chaos – selbst im Einzugsgebiet von Sacramanto ist der Highway durch die Stadt 6 spurig (der Highway! Ich rede nicht von der Interstate!), nirgendwo kann man hier abbiegen. Alles ist baulich getrennt oder sonstwie mit Verbotsschildern zugepflastert – was mich daran hindert zu der Tankstelle zu fahren, zu der ich eigentlich noch kurz zum Pieseln wollte. Nach 10 verschwendeten Minuten und ebenso vielen Versuchen zu wenden gebe ich entnervt auf. Dann eben ohne Pipi – ich werd schon in der Stadt eine Toilette finden.
Wenig später parke ich den Wagen (natürlich muss man hier ein Ticket ziehen – umsonst parken ist jetzt ausverkauft nehme ich an) und gehe den „Old Lamplighters Walk“ in Richtung Old Sacramento, vorbei an der altehrwürdigen „Tower Bridge“.

Auch hier war ich 2016 schonmal. Es ist ein wunderschöner alter Stadtkern an einer früher sehr wichtigen Eisenbahnstation. Diese „Pacific Railway History“ wird hier nach wie vor stark gelebt – man könnte auch sagen „touristisch ausgeschlachtet“ .. aber heute stört es mich wenig.

Ich lasse mich vom regen Treiben in den Straßen ein wenig mitreißen, werfe einen Blick in den alten Lokschuppen und stöbere ziellos durch ein paar Geschäfte. Bin ich halt eben auch mal für eine Stunde ein blöder Touri.


Ich erwache aus dieser Blase, als ich den Fehler mache, einem Schild mit der Aufschrift „Frozen Yoghurt“ in einen Laden entlang der Rennmeile zu folgen. Ich bestelle einen „Natural Frozen Yoghurt“ in der Geschmacksrichtung „Wild Strawberry“, die einzige Sorte bei dem es den Hinweis gibt, dass kein zusätzlicher Zucker enthalten wäre, also wähne ich es nicht so süß. Ich bestelle als Topping noch in paar dunkle Schokoladensplitter. Das ich hier (natürlich!) in eine Touri Falle getappt bin, sehe ich schon, als mir einen Becher quietschpinkes Eis (mehr Softeis als Frozen Yoghurt) mit einer Handvoll ordinärer Schokodrops darauf gereicht wird. Der Geschmack hat mit „wilden Erdbeeren“ ungefähr genausoviel zu tun wie Nutella mit Caprisonne. Bappsüß ist es obendrein. Von wegen „no added sugar“. Einzig die Tatsache, dass wenigstens das „Frozen“ nicht gelogen war und es draußen 35 Grad hat rettet das Eis vor dem Spontantod durch Mülltonne.
Ich verlasse Sacramento in Richtung Napa Valley. Das ist zwar nicht der direkte Weg zu meinem Nachtquartier, aber diesen Loop wollte ich unbedingt noch mitnehmen, weil ich mich daran erinnerte, wie schön die Straßen durch die Weinberge damals waren. Und meine Erinnerung trügt mich nicht: Hier Pinot Noir, dort Zinfandel und dahinter Sauvignon Blanc. Es gibt keine Rebsorte, sich nicht die Hänge hochwälzt bis zu den herrlichen Prachtbauten der Weingüter, von denen eins schöner ist als das nächste.

Wie gerne würde ich dort einkehren, und mir bei einer Weinprobe so richtig schön die Dachrinne verzinken. Überflüssig zu sagen, dass sich das nur schlecht mit meiner Fahraufgabe vereinbaren ließe. „Übernachtung auf Weingut im Napa Valley“ Kommt also auch auf den Zettel für Clyde und fürs nächste Mal….
Vom Ende des Old Sonoma Highways ist es nicht mehr weit zu meinem Hotel in Corte Madera, knapp nördlich von San Franciso. Das viertel bzw. Das ganze Umland hier sind eine recht belebte und darüber hinaus stark befahrene Gegend. Hier und da prangt ein „Park & Ride“ Schild. Hello California! So ein Schild sollten die mal den Cowboys oben in Wyoming oder Nebraska präsentieren. Ich bin sicher, die schauen sich erst ratlos an und fallen dann vor Lachen vom Pferd.
Die letzten Stunde des Nachmittags verbringe ich ausnahmsweise mal mit süßem Nichtstun. Das Hotel verfügt über einen sehr großen Pool. Ich wälz mich erst ein wenig in der Sonne, bevor ich noch ein paar lange Bahnen schimme, während die schon recht tief stehende Sonne mir ins Gesicht scheint. Das wiederum ist mein Stichwort, denn ich muss nochmal los. Ich habe mir fest vorgenommen, die Golden Gate Bridge im Sonnenuntergang zu fotografieren. Da San Francisco nicht zu meiner Reise gehört, kann ich das nicht auf dem Weg erledigen, sondern musste hierfür einen gesonderten Tagesordnungspunkt schaffen.
Denn: Im Leben fahr ich nicht mehr nach SFC. Früher eine wunderschöne Stadt – heute nur noch ein ausgelaugter Moloch und seit etwas über einem Jahr Brutstätte für fürchterliche Straßenkriminilitöt. Raubüberfalle, besonders auf Touristen und deren Fahrzeuge (mitunter sogar im Straßenverkehr), gehören hier mittlerweile leider ebenso zum Stadtbild wie Alcatraz oder die Fisherman´s Wharf. Selbst die Bevölkerung verschließt Ihre Fahrzeuge am Abend nicht mehr, damit keiner die Scheiben einschlagen muss, wenn er einen Blick reinwerfen will. Grauenvoll! Die Polizei ist, dank einiger undurchdachten Gesetzesänderungen – absolut machtlos, sodass diese schändliche Blase ungehindert wachsen kann. Ich selbst habe das große Glück gehabt, die Stadt noch vor dieser Zeit erleben zu dürfen. Ich brauche es heute nicht mehr.
Die Fahrzeit bis zur Golden Gate beträgt gerade mal 20 Minuten und ich habe mir reichlich Puffer für den zu erwartenden Stau eingeplant. Somit habe ich noch kurz Zeit zu duschen, bevor ich dann wieder im Truck sitze und die letzten Meilen Richtung SFC nehme. Ich bin noch nichtmal an der Abfahrt, da kriegt meine Vorfreude erste Risse. Schon von weitem kann ich sehen, wie sich dichtester Nebel vom Meer her über die Küste schiebt. Wie eine dicke weiße Wand wälzt sich die dicken Schwaden über die Berge. Es sieht gespenstisch aus.

Erste Warnungen vor Sturm und nicht vorhandener Sicht flimmern über das Verkehrsleitsystem. Oh No! Ob das was wird mit dem Bild? Ich habe so meine Zweifel.
Und die erhärten sich massiv, als ich die Autobahn verlasse um zum Vista-Point in den Hügeln abzubiegen. Nicht nur, dass ich natürlich nicht die Einzige bin, mit der Idee von wegen Brücke und Sundowner und so – Nein: Der Nebel wird immer dichter, es ist eiskalt und kräftige Windböen reißen am Lenkrad. Nur noch lausige 55° Fahrenheit stehen auf dem Themometer, den Sturm nicht eingerechnet. Wie gut, dass ich den Kampf gegen das Chaos im Auto schon vor etwa einer Woche verloren habe, und daher auf der Rückbank ausreichend Pullover und eine Jacke verteilt liegen. In Shorts und Tanktop wäre ich da oben vermutlich schon beim Aussteigen erforen. Abgesehen davon säumen die ersten Warnschilder vor Fahrzeugein- und Aufbrüchen den Weg. Wahnsinn – es hat sich sogar bis hier hin ausgebreitet.

Am Vistapoint stehen hunderte Autos. Ich kann nur noch ziemlich weit hinten in der Reihe entlang der Straße parken und sehe mich somit mit einem ordentlichen Fußmarsch konfrontiert. Ich werfe mir gleich zwei Pullover über, verschließe den Wagen (nicht ohne mulmiges Gefühl) und stapfe los. Schon nach den ersten Minuten fallen mir beinahe die Ohren ab. Ich ziehe den Kopf in den flauschigen Stehkragen meines Fleece-Pullis und vergrabe die Hände in den Taschen. Trotzdem friert es mich bis ins Mark – da hilft auch der kleine Gewaltmarsch nicht.

Obendrein ist Letzterer völlig für die Katz, denn endlich am Aussichtspunkt angekommen bestätigt sich: Da wo ein wunderschönes Brückenpanorama sein sollte, sieht man nichts weiter als eine weiße Wand. Nur hier und da lugt mal ein Stück von einem Pfeiler durch die schnell ziehenden Schwaden. Ich hoffe dennoch, mit der Kamera ein kleines Nebelloch zu finden, gebe aber nach wenigen Minuten bibbernd auf. Das wird nix. Aber Hey – ist jetzt auch kein Weltuntergang. Eventuell habe ich Morgen nochmal die Gelegenheit. Dann halt nur eben ohne Sundowner.

Zügigen Schrittes bewege ich mich zum Auto und bin sehr erleichert, denn das steht noch am Stück und mit 6 intakten Scheiben am Abstellort. Die 20 Minuten Fahrt vergehen zügig und alsbald kann ich zum ersten Mal einer weiteren großen Freude von mir fröhnen: Abendliches Sitzen an einem großen Firepit.

Diesmal sogar unter Palmen. Ich knacke mir ein Dosenbier und starre den restlichen Abend ebenso dumm wie selig in die Flammen.
Let´s call it a day.