Am Morgen schaue ich, dass ich mein merkwürdiges Nachtquartier schnellmöglich verlasse und mich den etwas erfreulicheren Aussichten des Tages widme. Somit bin ich schon früh auf dem Weg und kann mir meine morgendliche Dosis Panorama abholen.

Die Route führt mich heute von Nevada weiter nach Westen über die östlichen Teile der Sierra Nevada zum Lake Tahoe. Der erste Teil der Route geht weitestgehend geradeaus über die Interstate, was mir wieder Gelegenheit gibt, nebenher mein Endzeit-Hörbuch weiterlaufen zu lassen (Atomkrieg, Flucht, Anarchie, Strahlenkrankheit und so….) Kaum, dass die ersten 10 Minuten durchgelaufen sind, traue ich meinen Augen nicht, als sich neben mir auf einmal ein Atomkraftwerk ins Blickfeld schiebt. Der Moment könnte nicht (un)passender oder bemerkenswerter sein, bin ich doch jetzt immerhin schon über 3.000 Meilen unterwegs. Eine kleine Gänsehaut beiseite wischend geht es weiter.

Ich passiere Carson City und Reno. Wieder zwei so Mega-Städte, die quasi ohne Vorwarnung aus dem Nichts der Wüste einfach so vor einem auftauchen. Sofort gewinnt die Interstate 2 Spuren dazu und ist dennoch beinahe augenblicklich verstopft. Die Blechlawine gibt mir Zeit, mir die hoch aufragenden, gläsernen Bauten entlang der Autobahn anzuschauen. Die meisten sind komplett verglast und verspiegelt (Ich nehme an, weil jede Klimaanlage sonst nach 10 Tagen in der Gluthitze von Nevada die Grätsche machen würde). Ausnahmslos an Allen leuchten und blinken Reklametafeln, die für große Gewinne, jede Menge Spaß und eiskalte Getränke werben. Ja genau – Alles Casinos. Little Vegas könnte man meinen.
Endlich tönt aus dem Navi die Aufforderung, die Interstate zu verlassen und sich jetzt auf der deutliche kleineren 431 mit der Anfahrt in die Sierra Nevada zu beschäftigen. Aber „kleiner“ ist gut! Ich bin immer wieder überrascht, was für Straßen die Amis hier in die Berge gezimmert haben. Da, wo bei uns ein löchriges, kaum 3-4 Meter breites Sträßchen über den ein oder anderen Alpenpass führen, sind es hier frisch und pillegerade planierte Luxus-Meilen, die sich den Berg entlang in die Höhe schrauben. Panorama und zahllose Aussichtsbuchten eingeschlossen. Man weiß hier offensichtlich, was der gemeine Touri so wünscht und braucht.


Ich war zwar 2016 schon einmal hier in der Gegend, aber ich hatte vergessen, wie dicht dieses Gebiet bebaut ist. Zwar sind es ausnahmslos die kleine, romantischen Holz-Hütten, aber die sind hier so stark vertreten, das jedes Fleckchen belegt ist. Alles ist etwas beengt und Parkplätze sucht man mitunter vergeblich. Kein Wunder! Hier brummt das ganze Jahr der Tourismus. Es ist DAS Ziel für Urlauber und Wochenend-Stadt-Flüchtlinge, und zwar ganzjährig. Im Sommer ein beliebtes Wander- und Wassersportgebiet, im Winter ein Skiparadies.
Es ist Sonntag – und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass alle Ortschaften entlang des Ufers heute aus allen Nähten platzen. Eine farbenfrohe Mischung aus Touristen aber auch Einheimischen, überwiegend in Badebekleidung, schiebt sich durch die nicht enden wollenden Amusement-Meilen, bestehend aus Eisdielen, Souvenirläden, Bootsvermietungen und Sportausrüstrern aller Art.
Eigentlich wollte auch ich hier am Kings-Beach, kurz hinter (oder besser gesagt genau AUF der Grenze Kaliforniens) ein Päuschen machen und mir einen schönen Eiskaffee an einem der zahlreichen Strände gönnen, aber es ist einfach zu voll. Ich beschließe, mein Glück ein paar Meilen weiter südwestlich zu versuchen. Groß genug isser ja, der Lake Tahoe.

Knappe 20 Minuten Fahrt später wird meine Geduld belohnt. Ein Schild weist einen „Beach-Access“ aus. Es ist nichts los und es gibt sogar einen kleinen, schattigen Parkplatz. Perfekt! Einen Eiskaffee bekomme ich hier zwar weit und breit nicht – aber in meiner Kühlbox ist noch einer. Den schmeiße ich zusammen mit Strandlaken, Cap und Bikini in eine Tasche. Ich schließe den Wagen ab und suche mir den Weg durch den recht eindrucksvollen Wald. Als ich einen Tannenzapfen von der Größe einer handelsüblichen Ananas auf dem Boden liegen sehe, kann ich nicht widerstehen ihn aufzuheben.

Ich hätte besser mal mein Hirn einschalten sollen, aber das ist im Urlaubsmodus und hat daher versäumt, mich daran zu erinnern, dass diese Dinger harzen wie die Sau. Schnell schmeiße ich den Giganto-Zapfen wieder auf den Weg, aber das Malheur ist schon passiert. Meine komplette linke Hand ist besetzt mit kleinen, gelben Tropfen, die besser kleben als eine Mischung aus Honig und Pattex. Unverzüglich habe ich die Szene aus „Fröhliche Weihnachten“ im Kopf: Die in der Chevy Chase – alias Clark Griswald – nach dem eigenhändigen Fällen des Weihnachtsbaum Abends im Bett liegt, und sein Magazin vor lauter Harz an den Fingern nicht mehr umblättern kann, ohne die Seiten rausreißen. Same Here: Reiben hilft nicht, ablecken kann ich´s nicht und Waschbenzin ist auch keins in der Nähe. Verdammt! Leßmann ey! Warum musst Du auch immer alles anfassen?!
Meine Rettung naht in Gestalt von Public Restrooms an einem kleinen Picknickplatz. Hier gibt es reichlich Seife und nach ein paar Minuten sind meine Hände zwar etwas geschunden, dafür aber wieder haftfrei. Und da gleich hinter mir der Abgang zum Strand ist, habe ich diese Episode auch schnell wieder vergessen.
Jetzt ist erstmal Beach-Time. Das Wasser glitzert türkis in der Sonne, der Strand ist weitestgehend leer. Grandios! Hier kann ich ungestört ein kleines Nickerchen machen – wenn nur dieser stramme Wind nicht wäre! Bergsee halt… Dank der steifen Brise dauert es ein paar Minuten und mehrere frustrierend erfolglose Versuche, bis ich mein Laken ausgebreitet habe und kaum, dass ich mich seufzend niederlasse weht mir auch schon die erste Ladung Sand ins Gesicht. *kurzes tiefes durchatmen* Ich nehme – im wahrsten Sinne des Wortes zähneknirschend – das kostenlose Peeling einfach hin, tausche Shorts gegen Bikini und lege mich ab.

Ich muss eingeschlafen sein, denn ich erwache etwas desorientiert. Der Eiskaffee ist mittlerweile warm, komplett paniert bin ich auch – aber die halbe Stunde Schlaf hat unfassbar gut getan. Ich packe meine Sachen und trolle mich Richtung Auto. Dabei passiere ich am Aufgang zum Wald noch den Endgegner aller Aufblas-Abstrusitäten: Ein 6-Personen Flamingo-Gummi-Floß steht verwaist am Strand. Ich überlege kurz ihn mitzunehmen – aber nichtmal meine Ladefläche wäre groß genug für dieses Biest.

Der Weg zurück wird gesäumt von einigen sehr schönen Exemplaren der Gattung „Cabin in the Woods“ – zugegeben: In sowas würd ich auch gerne mal ein paar Tage Urlaub machen. Noch so ein Vorschlag, den ich „New-Clyde“ wohl irgendwann mal präsentieren muss.

Die restliche Fahrt einmal rund um den See vergeht überwiegend staunend und mit Blick auf phantastisches Panorama.

Da mein Hotel aber etwas weiter südöstlich (an einem anderen kleinen See) liegt, verlasse ich den Lake Tahoe alsbald, passiere einmal mehr die Staatsgrenze (zurück nach Nevada für 15 Meilen) und erreiche am späten Nachmittag mein Hotel.
Sehr zu meiner Freude erwartet mich ein Zimmer-Upgrade. Ich hatte zwar ohnehin eins mit Seeblick gebucht, bekomme aber statt des normalen „King-Bedrooms“ eine Suite. Präzise: Die Elvis-Suite. Als ich die Schlüsselkarte durch den Schlitz ziehe und die Tür aufstoße krieg ich den Mund nicht mehr zu. Die Bude ist größer als jedes Münchner Gutverdiener-Appartement, ausgestattet mit Panoramafenstern zum See hin, einer Sitzecke, einem Riesenbett und … einem Whirlpool. Im Wohnzimmer! Wie geil ist das denn bitte…?
Aber dieses Vergnügen muss noch etwas warten, denn mir knurrt der Magen. Da auch dieser Ort hier nicht allzu groß ist, gibt es nur ein Restaurant. Im – Ich ahne es – Casino. Stimmt! Bin ja von Kalifornien wieder nach Nevada gefahren. Schon witzig, diese beiden Staaten nebeneinander. In dem einen ist Glücksspiel legal – in dem anderen Marihuana. Aber bitte nicht beides gleichzeitig. Ich gebe mich geschlagen. Dann ist heute eben Casino-Abend. Auf der kurzen Anfahrt bestaune ich noch eine abenteuerliche Himmelsfärbung. Scheint mir jemand Glück zu wünschen da oben. Ich hab auch schnell einen Verdacht, wer das sein könnte.

Bevor ich mich in der Spielhölle vergnüge, muss ich aber erstmal was essen. Ich wähle eine große Schüssel vom Salatbuffet und eine kleine vom hausgemachten Chilli con Carne. Hätt ich sein lassen sollen. Das Zeug ist so unfassbar scharf, dass ich nicht nur das Ranch-Dressing mehrheitlich da rein kippen muss um es zu essen, sondern hinterher auch vorsichtig meinen Gaumen nach Brandblasen und Lochfraß abtaste. Soweit ist zwar alles heil, aber ich befürchte, das könnte Morgen ein Nachspiel haben.
Zurück im Casino suche ich mir die einzig wahre Maschine: Ein einarmiger Bandit muss es sein. Ich bestelle ein Bier, zünde eine Zigarette an (Ja-Haaa! Hier darf man beim Zocken rauchen. Herrlich!!!) schiebe eine 20-Dollar-Note in den Schlitz und betätige den Hebel. Wenn das stimmt was man über Pech in der Liebe und Glück im Spiel sagt, dann müsste das ja jetzt hier laufen wie am Schnürchen. Es dauert keine 5 Minuten bis ich mich kurz meinem Bier verschlucke als plötzlich…
Ich traue meinen Augen kaum. Die Maßeinheit hier sind Cent – aber Hey! Ich gewinne noch zwei weitere Male und schicke in Gedanken nochmal ganz viel Liebe und einen Kuss Richtung Abendrot, denn jetzt bin ich absolut sicher, wer mir da Glück gebracht hat.
Eine Stunde und zwei Bier später verlasse ich das Casino. Reingegangen bin ich mit 20 Dollar; Rausgekommen mit 30. Dazwischen ne Stunde gezockt. Kein schlechter Abend…! Kleiner Maßstab – aber 50% Gewinn in 60 Minuten…? Dass musste in der freien Wirtschaft erstmal schaffen. Gefeiert wird das im Hotel dann noch mit einer ausgiebigen Runde im Whirlpool.

Zum allerersten Mal seit 10 Tagen ertappe ich mich just in diesem Moment bei dem Gedanken, dass die Nummer hier vielleicht zu Zweit ein ganz kleines bisschen schöner wäre als allein…!? Muss das Bier sein. Ist sicher Morgen wieder vorbei.
Ich hocke in der Blubberbrause bis zum Beginn der Totalverschrumpelung und falle dann quasi nahtlos und frisch frottiert vom heißen Bad in das übergroße Bett. Das Fenster ist offen und ein herrlich kühler Lufthauch streicht über mein aufgeheiztes Gesicht. Draußen erzählen sich die Grillen lautstark den letzten Gossip. Ich lausche noch eine Weile bevor mir entspannt und sehr zufrieden die Augen zufallen.