Bevor es an diesem Morgen Richtung Nevada überhaupt richtig losgeht, mache ich, quasi in Spuckweite vom Hotel, einen kurzen Stop bei den „Shoshone falls“ – Einer kleinen Parkanlage mit einem Badesee, ein paar Liegewiesen und einem gigantischen Stausee, samt Canyon und ein paar Wasserfällen. Das Getöse letzterer kann ich schon hören, als ich aus dem Wagen steige.

Der Morgen ist noch jung, die Luft herrlich frisch und ich freue mich über diesen frühen Spaziergang. Der Park ist sehr gepflegt – ein schöner Start in den Tag. Ein Schild weist den Weg zu einer kleinen Aussichtsplattform. Dort angekommen genießt man einen phatastischen Blick über den recht eindrucksvollen Canyon und natürlich über die Staumauer und die Wasserfälle.

Shoshone Canyon Bridge
Shoshone Canyon
Shoshone Falls

Selbst hier oben – einige hundert Meter weit weg – ist das Rauschen des in die Tiefe stürzenden Wassers noch so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen könnte (wenn es denn was zu reden gäbe).

Ich mache noch einen kleinen Abstecher zum Badesee, an dem zu dieser Uhrzeit noch kein Mensch zu sehen ist. Dementsprechend verschlafen schaukeln die Pontons auf dem Wasser.

Dierkes Lake

Schade eigentlich – zu einer späteren Stunde und / oder mit etwas mehr Zeit hätte ich mich hier gerne niedergelassen um eine Runde Schimmen zu gehen. Aber ich muss weiter, denn der wirklich letzte Tag mit längerer Strecke ruft. Heute geht es von Idaho in knapp 5h Fahrzeit einmal quer durch Nevada nach „Lovelock“ – eine kleine Ortschaft, die nur als Zwischenstop auf dem Weg zum Lake Tahoe dient.

Auf diesem Abschnitt gibt es leider keine großen Sehenswürdigkeiten entlang der Route und ich erwarte eine (vergleichsweise) langweilige Fahrt. Daher habe ich – in weiser Voraussicht – bereits gestern im Hotel ein weiteres Hörbuch runtergeladen. Wenn sich meine Gedanken an einer Geschichte festsaugen können, vergeht die Zeit immer wie im Flug. Genau das richtige für heute. Bei der Auswahl habe ich nach Genre, Cover und Titel entschieden und bin so bei „30 Tage“ gelandet. Thriller. Petzold. Dramatisches Cover – Wird schon passen. Irgendwas mit Mord und Totschlag. Dachte ich…

Die erste Stunde gucke ich mit dennoch erstmal wieder verzückt das Panorama an, genieße meinen Eiskaffee und rolle einfach so dahin.

Desert Romantic

Ich passiere ein großes Billboard, auf dem in mannshohen Lettern für eine nahegelegene Ski-Area gewroebn wird. Erstaunt schaue ich mich um: Wir sind immernoch in Idaho. Bereits am Vormittag ist es so heiß, dass ich Sorge habe, dass mir die Dichtung von der Frontscheibe schmilzt. Es gibt weit und breit keinen einzigen Hügel, dafür aber rechts und links vom Highway reichlich verbrannte Steppe …. WO BITTE WOLLEN DIE HIER SKI FAHREN? Aber auch andere Beschilderungen hinterlassen ein Fragezeichen auf meinem Gesicht.

Ich bin sicher, das war woanders…

Ich grüble noch, da passiere ich auch schon die Staatsgrenze nach Nevada. Die ist auch nicht zu übersehen, denn kaum 200 Meter weiter hat irgendwer natürlich sofort die ersten fetten Hotels und Casinos in die Wüste gezimmert. 3 Stück. Ich fasse es nicht. Es glitzert und blinkt bis zum Get No. Große, beleuchtete Werbetafeln locken mit allem: Free Drinks. Big Wins. Cold Beer. Girls. Souvernirs. Da bleibt sicher kein Trucker- oder Touri Auge trocken… und dennoch frage ich mich, wer hier wohl einkehrt…?

Unbeirrt fahre ich weiter. Irgendwann siegt dann aber doch die Eintönigkeit. Ich schalte das Hörbuch ein. Bereits in den ersten Kapiteln wird schnell deutlich: Da habe ich nicht ganz das erwischt, was ich wollte. Nicht, dass es schlecht wäre; Ganz im Gegenteil! Aber statt eines guten Krimis in dem der Gärtner die Dame des Hauses geschwängert hat und der Ehemann den Gärtner umlegt, lausche ich einem extrem düsteren Endzeit-Szenario. Anbahnung und Beginn des dritten Weltkriegs. Nukleares Endzeitalter, eine Atombombe löscht (neben diversen anderen Städten) München aus und 4 junge Leute kämpfen sich, mit nichts als ein paar Flaschen Wasser und verstrahlter Kleidung am Leib nach Süden. Kriegsrecht, Plünderungen, Mord, Selektion, Strahlenkrankheit – alles dabei. Die Erzählung ist unfassbar düster und zieht mich so in Ihren Bann, dass ich gar nicht merke, wie die Meilen durch den digitalen Tacho spulen.

Irgendwann passiere ich mitten in der vorherrschenden Tristesse eine freie Tankstelle, die einsam und verlassen neben dem Highway liegt wie eine Filmkulisse von Quentin Tarantino. Das Gebäude an sich ist jetzt nicht so aufregend – eben ein weiterer „Lost Place“. Was meine Aufmerksamkeit erregt hat, ist das Schild, dass nicht den Namen einer Kette verkündet, sondern ganz einfach „Fuel & Food“ in großen Lettern präsentiert. Ich möchte dem Besitzer rückwirkend einen Orden verleihen für Schlichtheit des Namens, der treffender die primären Grundbedürfnisse in dieser Einöde nicht zusammenfassen könnte.

In genau dieser Einöde bin ich mittlerweile 3h gefahren, ohne es wirklich zu merken (dank meines Hörbuch-Tunnels). Hätte das Navi nicht dazwischen gequakt – ich wäre glatt an der Ausfahrt vorbeigefahren. Es ist noch früh am Nachmittag und ich freue mich eigentlich, einmal etwas mehr Zeit zu haben, als nur zum Sport, Duschen und Essen. Vielleicht ein Spaziergang durch den Ort? Das letzte Wort dieses Gedankens verebbt jedoch quasi in dem Moment wo es gedacht wird. Oh je! Wo bin ich denn hier hingeraten?

Der Ort ist nichtmal besonders klein – eine lange, zentrale Durchgangsstraße die zu beiden Seiten von allerlei Geschäften,Werkstätten, Läden Coffee Shops und weiteren kleinen Tankstellen gesäumt wird. Nur – haben die fast alle zu. Manche sind sogar komplett verlassen.

Lost Places.

Hier ist keine Menschenseele. Wirklich absolut NIEMAND. Die Haupt- und auch die Nebenstraßen liegen komplett verwaist da. Dabei ist es erst knapp 4 Uhr Nachmittags…?! Komisch.

Mein Hotel finde ich ohne langes Suchen – es liegt ganz am Ende der Durchgangsstraße und ist Dank seines blinkenden „Hotel Casino“ Schilds auch absolut nicht zu übersehen. Casino? Oh No! Davon stand in der Buchung aber Nix! Das bedeutet meistens nichts Gutes – was sich später leider auch bewahrheiten soll.

Sag, dass Du in Nevada bist ohne zu sagen, dass…

Das Hotelzimmer ist tatsächlich nur so semi sensationell. Zwar finde ich ein großes Bett mit frischen Laken vor, aber alles andere ist ein Alptraum. Licht: Geht nicht. Steckdose: Geht nur jede Zweite. Föhn: Im Arsch (Stelle ich aber erst später fest, nachdem ich 10 Minuten lang mit tropfnassen Haaren überhaupt erstmal das Kabel entknotet habe) Das Waschbecken ist sauber, aber in der Dusche finde ich eine benutzte Seife und einen guten Querschnitt durch die Sekundärbehaarung des gemeinen Nordamerikaners. (SEHR ungewöhnlich für ein Best Western btw – die sind eigentlich IMMER ne Bank, weswegen ich auch jede! Nacht in einem verbringe) Das mit Abstand Schlimmste ist jedoch: Es gibt kein Wi-Fi im Zimmer. „Nur in der Lobby – Sorry“ tönt der ungepflegte Teen hinter dem Rezeptionstresen.

Das ist doch zum Mäuse melken! Da hat man einmal wirklich Zeit und ausgerechnet dann landest Du in so einer Gruselbude. Kein Gym. Kein Pool. Keine Geschäfte. Nichts zum Anschauen. Was mach ich denn jetzt?

Ich entscheide mich für eine Laufrunde Outdoor und schmeiße mich schwungvoll in meine Sport-Klamotten. Als ich jedoch die Tür öffne, rinnt mir meine Motivation sogleich flüssig den Rücken runter, denn es hat immernoch etwa 35 Grad. Aber das Schicksal hat ein Einsehen und schiebt, genau in dem Moment als ich los will eine Dicke Wolke vor die Sonne. Das gibt mir nicht nur die Gelegenheit, unverbrannt von der Runde zurückzukehren sondern ermöglicht obendrein auch später noch ein recht spektakuläres Bild vom heraufziehenden Abend.

Eveningrun

Ich bin eine ganze Weile unterwegs, bekomme von den feinsandigen Feldwegen beinahe eine Staublunge und schwitze grob 2 Liter Wasser aus bevor ich völlig fertig aber ausgepowert und versöhnt in meine Bude zurückkehre.

Auf der Suche nach Nahrung erfahre ich am Abend, dass es nur 2 Restaurants im Ort gibt, die überhaupt auf haben. Eines davon ist das „Hotelrestaurant“ im Casino. Ich entscheide mich umgehend für das Andere: Einen Mexikaner am anderen Ende der Durchgangsstraße. Also wieder ins Auto…

Der Ort ist nach wie vor völlig ausgestorben. Toter als tod. Um es mit den Worten eines sehr guten Freundes zu sagen: Der ist quasi so tod – der stinkt nichtmal mehr. Immernoch kein Mensch auf der Straße – nichtmal ne verdammte Katze. Hier bewegt sich nichts. Nur die am Kabel schaukelnden Straßenlaternen. Sogar die beiden kleinen Tankstellen haben zu. Entschuldigung..? Tankstellen..? Zu..? Das ist A-M-E-R-I-K-A..?!

In dieser Tristesse ist das leuchtende „OPEN“ an der kleinen „Mexican Cantina“ quasi schon vom Ortseingang aus zu sehen. Ich parke den Wagen, betrete den Laden und bereue augenblicklich, meine Sonnenbrille nicht mitgenommen zu haben.

Der Dekorateur hat sich sehr viel Mühe gegeben, dem Laden eine einzigartige Atmosphäre zu verleihen…. Nur, war er dabei entweder auf LSD oder hat von Haus aus einen enorm eigenwillig-exzentrischen Geschmack. Vielleicht wars aber auch einfach nur Omma in ihrem zweiten Frühling. Anyway: Die Farbexplosion an und auf Tischen, Wänden, Stühlen und überhaupt jeder Fläche ist nichts für schwache Nerven.

You want Color..? Here we go..!!!

Aus ein paar alten Lautsprechern scheppert sehr hektische, mexikanische Blechbläsermusik. Es perforiert mir schon in den ersten 5 Minuten das Trommelfell während ich die Karte studiere. Ich brauche nicht lange um mich zu entscheiden. Ceviche, Carne Asada und mein persönliches Highlight des Tages: Eine Michelada…!!! Diese herrlich bescheuerte Mischung aus Bier, Tomatensaft, Tabasco und Limette, gereicht in einem Glas, dessen Rand mit Salz und reichlich Chiliflocken beklebt ist.

[Mi • tschäh • la • da]

Seit ich das Zeug in Palm Springs das erste Mal getrunken habe, nachdem ein Kollege es mir aufgeschwatzt hat, geht es mir nicht mehr von der Zunge. Und diese hier – die ist wirklich ausnehmend vorzüglich…! Auch das Essen ist gut und ich rolle wenig später durch die Totenstadt zurück ins Hotel.

Mehr konnte man aus diesem Abend jetzt wirklich nicht mehr rausholen. So – Let´s call it a day.

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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