Auf dem Tagesprogramm stehen heute erstmal die beiden „Points of Interest“ am nordöstlichen Ufer des Great Salt Lake, die ich gestern, dank der unfassbaren Ausmaße des Sees, nicht mehr geschafft habe. Beim Blick in die Karte freue ich mich, sie in relativer Nähe zueinander und sogar auf der gleichen Straße zu finden. Und da ich mich gestern Abend bereits über die 8-spurige Interstate durch Rushhour, Baustellen und Stau einmal längs durch den Moloch Salt Lake City zu meinem Hotel in Ogden durchgekämpft habe, sieht die Anfahrt heute Morgen auch nicht wirklich nach einem Problem aus.
Es vergehen ein kleines Stück Interstate und ein paar Meilen Highway, bevor die entsprechende Beschilderung zum Abbiegen auffordert. Wenig später erreiche ich die erste Station, den „Golden Spike National Historical Park“ – Überreste einer alten Pacific Railway Station, heute Museum, inkl. alter Dampfloks.
Ich parke den Wagen vor dem Gebäude und steige aus. Umgehend fühle ich mich in den wilden Westen zurückversetzt. Nicht nur, dass ich mal wieder mitten in der Pampa stehe und auf ein paar alte Bahnschwellen schaue – Nein! – die ganze Luft ist auf einmal erfüllt von lautem Gesumme. Herrje – warum sind denn hier so viele Fliegen…?
Ich wedle mir die Plagegeister gerade noch aus dem Gesicht, als mich auch schon ein anderes Drecksvieh in die Wade beißt. Ein lautes Klatschen später stellt sich raus: War eine Monster-Mücke deren Überreste nun als großer Blutfleck auf meinem Bein kleben. Das Ding war also randvoll! Bäh.
Ein lauter Pfiff reißt mich aus meinem Gefluche. Ich drehe mich um und kann mein Glück kaum fassen, denn ausgerechnet in den paar Minuten wo ich hier stehe gibt es wohl einen Lok-Wechsel im Freilichtmuseum. Langsam und begleitet von einem lauten „Tschuht-Tschuht“ rumpelt „Golden Spike“ pfeifend an mir vorbei.

Angetrieben von echter amerikanischer Kohle – wie in grauer Vorzeit. Ich fühle mich wie in einer Szene aus „Spiel mir das Lied vom Tod“. Kaum zu glauben, dass man einst mit so einem Monster die unfassbaren Weiten dieses Landes durchquert hat. Ich mache noch ein paar Schritte über das Gelände und Bilder von der Schwesterlok.

Dann treiben mich allerdings die immernoch allgegenwärtigen Fliegen wieder zurück zum Auto und weiter zur zweiten (eigentlich interessanteren) Station: Zum „Spiral Jetty“, einer Gesteinsformation im Salz-See. Von einem Ranger bekomme ich noch eine kleine Karte und den Hinweis, weite Teile der Straße seien „Rough“ und „Bumpy“. Yieppieh…! Wieder ne staubige Buckelpiste!

Die Freude währt nur kurz. Es sind zwar nur 15 Meilen bis zum Ziel – für die brauche ich aber geschlagene 45 Minuten. Der Ranger hat nämlich nicht gelogen: Die ganze Piste ist wieder so ein Bierdosen-Detonations-Risiko-Strip und verlangt nach einer äußerst moderaten Geschwindigkeit.

Endlich am Ziel angekommen werde ich für das Geschaukel allerdings mehr als reichlich belohnt. Die Aussicht auf den See, den „Strand“ (wohl ein ausgetrockneter Teil des Sees) und die Spiral Jetty sind einfach nur gigantisch. Zwischen größeren Geröllbrocken gibt es einen Parkplatz. Ich stelle den Wagen ab. Kaum das ich die Autotür aufmache: Wieder so viele Fliegen. Was ist denn hier los..? Das gab es doch die letzten Tage auch nicht..?! Angewidert versuche ich der brummenden Meute zu entfliehen – leider nur mit bedingtem Erfolg.
Jedoch braucht es nicht lange, bis ich die Plage nicht mehr wahrnehme, als mein Blick über den Strand wandert – oder besser gesagt ein ausgetrocknetes Teilstück des Sees. Vor mir liegt, weit unten, unterhalb eines Hangs aus großen Gesteinsbrocken, unverkennbar die „Spiral Jetty“ Gesteinsformation in Sand, Salz und Staub.

Der Anblick ist atemberaubend und hat auch irgendwie etwas unwirkliches. Ich muss, zusätzlich zu meiner Sonnenbrille, die Hand über die Augen legen, so hell taucht die Sonne die ganze Szene in gleißend weißes Licht. Es ist beinahe etwas unwirklich.
Die Hitze ist schier unerträglich – und dennoch: Ich muss da runter! Einen Weg gibt es nicht, also bleibt mir nichts anderes übrig, als mir einen durch die Felsen zu suchen.
Gute 10 Minuten später stapfe ich durch die große Spirale. Hier ist es windig – und damit fliegenfrei. Ein paar Minuten versuche ich, das alles in mich aufzusaugen. Dann erst fällt mein Blick weit in Richtung Horizont und ich kann die Wasserkante erkennen. Die Luft über dem Sand flirrt wie bei einer Fatamorgana. Es ist unmöglich, bei diesem Licht und in Abwesenheit eines jeden Maßstabs eine Entfernung abzuschätzen, aber es dauert keine 2 Sekunden, bis ich mich entschieden habe, dorthin zu gehen. Hitze hin oder her.
Der Weg ist weit, das ausgetrocknete Becken gefühlt endlos. Es dauert nicht lange, bis sich eine solide, zentimeterdicke Salzkruste unter meinen Sohlen gebildet hat und das Gehen zusätzlich erschwert.


Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Ich bin allein. Bis zum Horizont. Nur ein paar tote Tiere säumen den Weg: Erst handtellergroße Heuschrecken – und schließlich sogar ein Pelikan.


Irgendwann erreiche ich die Wasserkante und betrete in diesem Augenblick den mit Abstand surrealsten Ort, an dem ich je gewesen bin. Irgendwie fühlt es sich an, als sei ich vom Rand der Erde gefallen und in einer Parallelwelt wieder erwacht.


Ich stehe direkt an der Wasser- bzw. Salzkante. Eine merkwürdige Stille umgibt mich. Der Wind ist noch da – ich kann fühlen, wie er mir die Haare zerzaust. Aber hören kann ich ihn nicht mehr. Es scheint beinahe, als habe er sein Heulen verloren. Das einzige, kaum wahrnehmbare Geräusch rührt vom See selbst. Es ist ein eigentümliches, stetiges Glucksen und Gurgeln zu meinen Füßen. Ich heben den Blick. In einem atemberaubenden Farbenspiel breitet sich der See diffus bis in den staubigen Horizont aus. Das Wasser zu meinen Füßen ist rosa. Weiter vorne wird es grünlich. Der Himmel weit oben über der noch immer gegenwärtigen Staubglocke ist blau. Und alles dazwischen verwischt in sämtlichen Tönen des Farbspektrums.

Ich fühle mich wie in einem Traum. Das ich wirklich mutterseelenallein hier stehe, verstärkt die Absurdität dieses Ortes noch ein Stückchen mehr. Es mag komisch klingen – aber irgendwie habe ich mir genau so den Übergang zwischen Leben und Tod vorgestellt. Trotz der Hitze breitet sich eine Gänsehaut an meinem ganzen Körper aus. Das alles hier sind, ganz ohne Zweifel, die merkwürdigsten Momente meines Lebens.
Ich weiß nicht, wie lange ich still und staunend in dieser Magie verweilt und über das Wasser gestarrt habe. Es muss lange gewesen sein. Jeder Zentimeter meines Körpers ist schweißgebadet, langsam habe ich das Gefühl schneeblind zu werden und ich bekomme Durst. So ungerne ich mich auch von diesem Ort und aus der Surrealität verabschieden mag – ich muss zurück. Und in diesem Moment will ich nichts mehr, als irgendwann genau hier hin zurückzukehren.
Zurück auf der Schotterpiste stelle ich einmal mehr fest: Das hier war wieder ein Dead-End. Der Großraum um den See geht mir mit dieser Eigentümlichkeit langsam auf den Sack.
Egal wo sonst in den Staaten eine Sehenswürdigkeit bestaunt werden kann, wird eine Straße daran vorbei gebaut. „Daran vorbei“ – nicht: „Dahin“. Ein kleiner aber feiner Unterschied, der in der Regel irgendwas zwischen 90 und 120 Minuten, zumeist unkomfortabler, Fahrzeit ausmacht.
Später zurück auf der Interstate verarbeite ich immer noch die Eindrücke der letzten Stunden. Ich werde in Gedanken wohl noch oft an diesen Ort zurückkehren…. Jetzt aber kehre ich erstmal wieder zurück zum ursprünglichen Plan. Und der hält für den Nachmittag noch eins meiner ganz persönlichen Highlights parat. Dank des Dead-End-Dramas wird mir nur leider nicht ganz so viel Zeit dafür bleiben wie ich gehofft hatte.
Ich trete das Gaspedal etwas mehr durch als sonst und passiere bald die Staatsgrenze nach Idaho. Jetzt ist es nicht mehr weit zu „L&L Classic Auto“ – dem wohl atemberaubendsten Schrottplatz, den ich mir vorstellen kann. Schon vor Ewigkeiten online via Satellit gefunden, will ich mir dieses sagenhafte Gelände mit eigenen Augen ansehen.
Schon aus der Ferne kann ich die Überreste tausender Karossen in den Hügeln glitzern sehen. Wenige Minuten später bringe ich den Truck in einer Staubwolke vor einem erwartungsgemäß abgeranzten Holzschuppen zum Stehen. Die Scheiben sind so schmutzig, dass ich nicht hineinsehen kann, aber es sollte noch etwa eine Stunde geöffnet sein und ich will mich wenigstens anmelden.
Ich drehe am Türknauf, den ich daraufhin beinahe samt Schloß in der Hand habe und schiebe die quietschende Tür auf. Der Innenraum des – nennen wir es mangels treffenderen Begriffs einfach mal – Büros ist dunkel. Der einfache, schlicht festgetretene Sandboden und die schiefen Wände sind übersäht mit Autoteilen, Blechschildern und Müll. Noch beim Eintreten umgeben mich Muff und Mief aus 50 Jahren Schrotthandel samt schlechter Belüftung und zum zweiten Mal heute fühle ich mich in eine Parallelwelt katapultiert.
Hinter einem verdreckten Tresen schaut mich ein Typ fragend an. Er könnte selbst dann nicht besser in diese Umgebung passen, wenn ihn jemand gezeichnet hätte. Dezentes Übergewicht. Fleckiges, löchriges Shirt. Dreckige Finger. Fettige Haare unter einem vergilbten Base-Cap. Und 4 fehlende Schneidezähne. Du liebe Güte! Wo bin ich hier? Andererseits …. habe ich an einem Ort wie diesem wirklich was (oder wen) anderes erwartet?
Ich stelle mich kurz vor, erkläre mein Anliegen und frage, ob ich mich etwas auf dem Gelände umsehen darf. Das wandelnde Klischee mir gegenüber ist wenig beeindruckt, aber nicht unfreundlich, stellt sich selbst wiederum als Jesse vor und lässt mich ein klebriges Formular mit 3 Eselsohren ausfüllen. Ist wohl sowas wie eine „Sicherungsabtretungserklärung“. „Falls Du Dir da draußen ein Bein brichst komme ich Dich vielleicht im Krankenhaus besuchen, aber am Ende ist das nicht mein Problem“ – sehr nett. Aber Hey – wenn ich er wäre, dann würde ich´s genauso machen.
Jesse zeigt mir eine Karte des Geländes, erklärt welches des älteste Teil des Schrottplatzes ist, gibt mir (ebenso wie mein Papa heute Morgen am Telefon) noch eine Warnung vor Klapperschlangen in den Wracks an die Hand (Bin einmal mehr dankbar über mein solides Schuhwerk) und dann stehe ich auch schon wieder draußen in der Gluthitze. Na dann mal los.
Schon nach der ersten Kurve klappt mir die Kinnlade runter. Ich habe das Gelände virtuell schon vom All aus betrachtet und mich seit Monaten darauf gefreut hier durch zu spazieren. Aber das hier wirklich live zu sehen schlägt dem Fass einfach den Boden aus.

Hier liegen auf etlichen Hektar tausende und abertausende Autoleichen zwischen Steinen, Staub und Sträuchern. Ich mache an unterschiedlichen Stellen ein paar „Weitaufnahmen“ vom Gelände. Es ist schier unfassbar.
Hügel um Hügel streife ich durch beinahe ein Jahrhundert amerkanischer, automobiler Tradition. Zu tausenden liegen sie hier und flüstern ihre Geschichten aus vergangenen Zeiten.

Klassische Straßenkreuzer, Muscle-Cars, Trucks und sogar wahre Gangsterkarren aus den Zeiten um Al Capone und der Prohibition. Einer sogar durchlöchert wie ein schweizer Käse.

Buick. Plymouth. Cadillac. Oldsmobile. Pontiac. Mercury. Ford. Studebaker. Chrysler. Dodge. Lincoln. Chevrolet. Alle sind sie da. Und all der Ranz und Rost kann nicht über Ihre absolut unvergängliche Schönheit hinwegtäuschen.








Ich bin nicht ganz sicher, ob mir bei diesem Anblick das Herz bricht oder aufgeht. Ich denke wohl ein bisschen von beidem.
Sicher ist: Ich bin maximal ergriffen und spreche noch vor Ort meinem ältesten Freund Stefan eine Nachricht auf. Vor etwa 24 Jahren haben wir Beide jede Woche stundenlang in einem American Diner gesessen. Die Nasen vergraben in die neueste Ausgabe der „Chrom & Flammen“. In unseren Händen ein paar Milchshakes und in unseren Herzen ganz viele Träume in Chrom und Schleiflack.

Stefan würde heulen, könnte er heute hier stehen und diese ganzen wunderschönen alten Ladies sehen. Und auch ich muss eine Träne aus meinem Augenwinkel blinzeln, bevor sie eine verräterisch saubere Spur in meinem ansonsten staubigen Gesicht hinterlassen kann.
Der Alarm meines Handys reißt mich jäh aus meiner Melancholie. Ich hatte ihn gestellt um rechtzeitig zum Ladenschluss zurück am Büro zu sein. Ich will Jesse nicht von seinem Feierabend abhalten. Also mache ich mich auf den Rückweg.
Als ich pünktlich, breit grinsend und obendrein verletzungsfrei wieder bei Jesse im „Büro“ aufschlage ist dieser ebenso überrascht wie zugänglich. Wir fangen an zu reden. Ich habe grob geschätzt 256 Fragen zu den Autos, zum Gelände, zum Business. Wir quatschen noch eine ganze Weile über Autos, verlorene Schneidezähne (natürlich – was auch sonst – ne whiskeygeschwängerte Schlägerei aufm Jahrmarkt um ein „man-made“ geschwängertes Mädchen) und verblasste Träume, bevor ich mich schlussendlich verabschiede – nicht ohne beinahe noch 4 (!) Autos gekauft zu haben.
Einen Buick Riviera, einen alten F150, einen El Camino und einen 944er Porsche. Alles Traumwagen für mich. Zustand: Joah – Okay. Preispunkt: 1.200 Dollar – ja genau: Für ALLE zusammen. Autos werden hier im Paket gehandelt. Quasi nach dem Motto „Im Dutzend billiger“.
Ich muss jetzt ganz schnell weg, damit ich nicht mit 4 Paar Schlüsseln und nem Stapel klebriger Papiere hier auf dem Hof stehe und dann zu Hause anrufen muss, um meinem Papa zu erklären, dass wir jetzt bitte 4 Seecontainer brauchen.
Um diesen Tag würdig zu krönen, schaffe ich es am Abend sogar endlich zu meinem lang ersehnten Steak. Der Urlaubsfluch ist endlich gebrochen!
Und während ich die gewünscht halbrohe Kuh sehr genüßlich zwischen meinen Kauleisten hin und her schiebe und mit einem Schluck eiskaltem IPA runterspüle, schleichen sich meine Gedanken wieder zurück zu diesen absolut surrealen Erlebnissen dieses Tages.
Bucketlisting DeLuxe! Und zwar: By far – the most MEMORABLE ever!
