Das Unwetter ist glimpflich abgegangen. Zwar gab es Nachts ein wenig Blitz und Donner und ich bin gelegentlich aufgewacht – aber der Truck steht noch (und zwar im Ganzen) da wo ich ihn abgestellt hab. Die dicken, schwarzen Wolken sind ebenso Geschichte wie der Regen und der Himmel erstrahlt in … ich weiß nicht genau. Blau ist das nicht. Wolken sind das aber auch nicht…?! Es ist mehr eine Art gigantische Staubwolke die über Springville und Salt Lake City hängt wie eine gelblich schimmernde, undurchsichtige Käseglocke.

Die Sicht in die Berge liegt bei Null. Präzise kann man die Berge von hier aus nicht mal sehen – und das konnte man gestern noch ganz gut. Das ist jetzt mal GANZ beschissenes Timing, denn ich hatte mir für den „Great Salt Lake“ und die Gegend extra einen kompletten Tag rausgeschnitzt in der Hoffnung auf ganz viel Panorama. Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf und versuche erstmal, Richtung Süden aus der Glocke rauszufahren und mit dem „Utah Lake“ zu starten. Das klappt nur so bedingt. Die Sicht ist hier unten zwar 1A, aber die Pfütze ist erheblich größer als gedacht.

Utah Lake

Die geplante Umrundung werde ich nicht schaffen, wenn ich den Nachmittagsplan nicht gefährden will. Also genieße ich nur ein wenig das ungetrübte Panorama bevor ich umkehre und mich wieder Richtung Stadt bewege. Das sah auf der Karte alles so nah beieinander aus – sind aber trotzdem wieder 40 Meilen zurück und dazu einmal durch Springville.

Springville ist – seit ich in Seattle gelandet bin – die größte Stadt in der ich weile. Und kaum, dass ich einmal quer durch muss, steh ich im Stau. Eine Ampel nach der anderen nehme ich Stoßstange an Stoßstange mit der Blechlawine vor mir. Ich hoffe wirklich, meine Mittagslocation ist das wert.Lange vor der Reise bin ich online über den Laden gestolpert und habe entschieden: Da muss ich hin.

Das das örtlich ebenso so schlecht in den Plan passt wie essenszeitlich lassen wir mal dahin gestellt. Immerhin hab ich heute Morgen genau deswegen das Frühstück bei Seite gelassen. Und dementsprechend hungrig laufe ich dann auch kurz vor Mittag im „Garage Grill“ ein. Das Internet hat nicht zu viel versprochen. Der Laden ist eine Ode an den Motorsport und Futter-Mekka für alle, die irgendwie einen kleinen Automobilen Dachschaden haben – so wie ich. Gespeist wird hier zwischen Autos. Und Autoteilen. Und Formel-1-Karossen. Und Fahrer-Equipment. Die Theke der Küche ziert ein Motor, die Bar wird flankiert von einer Steele mit signierten Formel-1 Helmen. Der Laden gefällt mir! Und ein gutes „Brisket“ machen sie auch noch. Eindeutig: Worth the Hype!

Garage Grill.

Nach dem Essen mache ich mich endlich auf den Weg zum „Great Salt Lake“. Neben Salt Lake City fühlt sich das eben noch für groß befundene Springville rückblickend an, wie die kleine Schwester. Ich muss zwar vorerst nur kurz ein paar Meilen über die Interstate, quer durch das südlich Ende der Stadt – aber alleine das grenzt schon wieder an den Overkill von Mt. Merchandise. 8 Spuren Autobahn, endloser Verkehr – alle fahren wie die Irren. Standrechtlich vermisse ich mein einsames dahingetuckere auf den kleinen einsamen Highways.

Was aber viel schlimmer ist: Über der Stadt hängt nach wie vor die Käseglocke – und sie wird mit jedem Meter immer dichter. Ich fürchte „Panorama“ wird heute schwierig. Selbst die Berge gleich neben dem Highway liegen im Nebel.

Foggy Fail.

Ich erreicht das südliche Ende des Sees und bin erstmal … baff. Zu meiner Linken: Die Berge – durchzogen von dorfgroßen Fabriken und einer Art gigantischem Pipeline-Netzwerk.

Pipelines @ Great Salt Lake

Zu meiner Rechten: Nebel. Das Navi ruft zum Abbiegen auf, also fahre ich Richtung See und damit immer tiefer in die Suppe. Da wo ich, bzw. der romantische Teil meines Geistes, eine Uferstraße wähnte, befindet sich stattdessen eine weitere Ansammlung Schwerindustrie: Pipelines, Silos, Förderbänder wohin man auch schaut.

Für den Moment verstehe ich einfach gar nichts. Was machen die hier? Saugen die hier Kubiktonnenweise das Salz aus dem See? Ist der dann nicht irgendwann mal leer? Oder wächst das nach…? Ich lese ja bekanntlich aus Überzeugung keine Reiseführer, deswegen bin ich für den Moment hier gerade etwas …blank. Ein Hochhaus-hoher Haufen Salz neben ein paar Silos am Horizont stützt meine Theorie aber vorerst.

What you see is salt.

Das Navi piept mich wieder aus meinen Gedanken. Als erstes Zwischenziel habe ich „Stansbury Island“ eingegeben – eine kleine Halbinsel im See, noch ganz im Süden, also am Anfang. Die einzige Zufahrt erreicht man über eine kleine Straße, die quasi „durch“ den See verläuft. Und genau hier beginnt das zweifelsohne surrealste Stück Straße, das ich je mit einem Auto befahren habe.

Die Straße ist – für amerikanische Verhältnisse – sehr schmal. Noch dazu recht „hemdsärmelig aufgeschüttet, sodass sie zu beiden Seiten etwas abfällt, wodurch sie noch schmaler wirkt. Rechts und Links .. erstmal nur Sand – so eine Art ausgetrocknete Zone.

Narrow

Erst viel später bekommt man Wasser zu sehen. Dann aber gleich in einem Zustand, der sich gewaschen hat. Ich muss anhalten, denn sowas sieht man nicht alle Tage. Durch den hohen Salzgehalt, den Mangel an Lebewesen im Wasser oder was weiß ich was scheint die Wasseroberfläche irgendwie „glatter“ zu sein. Der Anblick der sich mir bietet ist absolut atemberaubend – und der ihm innewohnende Zauber wird durch diese Merkwürdige Licht noch erheblich verstärkt.

Stansbury Island – Times two

Die Magie kann allerdings nicht so ganz ungestört wirken, weil hinter mir (auf der kleinen schmalen Straße) im 10-Sekunden Takt schwere Sattelzüge mit z.T. Mehreren Schüttgutanhängern an mir vorbei donnern – in beide Richtungen wohlgemerkt. Schnell ist klar: Die holen und bringen irgendwas. Und zwar im Dauerzustand.

Ich fahre erstmal weiter – nur um kurz danach schon wieder anzuhalten und auszusteigen. Die Szenerie die sich mir nun bietet ist gänzlich anders, lässt mir die Kinnlade aber noch weiter runter sacken als die Letzte. Das Wasser ist verschwunden. Statt dessen – Salz. Pur! Schneeweiß breitet es sich auf der gesamten Fläche aus und bildet kleine Schollen, die aussehen wie Eis.

Salt – not Ice.
Still – Not Ice..!

Vorsichtig versuche ich einen Fuß auf die Oberfläche zu stellen und zu belasten. Die Kruste hält! Ich traue mich den zweiten Fuß hinterherzuziehen. Hält immernoch. Und dann gehe ich ein paar Schritte auf den See hinaus. Zuerst etwas wacklig, aber mit jedem Schritt mutiger.

Das ist mit Abstand, das surrealste, was ich je erlebt habe!! Das fühlt sich an wie ein Traum. Von oben knallt die Sonne durch die Staubglocke. Das Licht ist diffus aber gleißend hell, wie auf einem Gletscher. Meine Füße stehen auf einer knirschenden weißen Kruste, die mein Oberstübchen aus seinem Erfahrungsschatz nur als „Eis“ identifizieren kann – aber es hat geschätze 35 Grad im nicht vorhandenen Schatten. Meine Hirnanhangdrüse schrubbt sich einen Wolf an der Frage, ob jetz nu Winter oder Sommer ist – weil erlebt wird gerade beides. Gleichzeitig.

Surreal

Ich kann mich wirklich nur schwer aus dieser Szenerie losreißen, möchte aber noch etwas weiter auf die Insel. Hier bietet sich ein ähnliches Bild wie am Südufer. Alles „Private Properties“ – überall stehen Schürfanlagen. Und da wo kein Salz geschürft, gekratzt oder gesaugt wird, da wird Stein aus den Bergen gekloppt und in dicken Brocken abtransportiert. Und in einer Tour knallen die Sattelschlepper hier durch. Immerhin – alle grüßen mich freundlich mit Handzeichen – ein paar sogar mit einer fröhlichen Hupe.

Ich habe noch nichtmal 10% von der Insel gesehen, und diese wiederum macht nichtmal 10% vom See aus. Herrje – dabei ist es bereits nach 14 Uhr. Eigenltlich wollte ich den See umrunden – aber da hab ich Naivchen diesmal die Rechnung ohne den Google Maßstab gemacht. Dieses Gewässer ist so unfassbar groß, dass das schlicht nicht möglich ist, zumindest nicht an einem Tag. Das hier in seiner vollen Dimension ist quasi sowas wie ein gewonnenes Armdrücken gegen die menschliche Vorstellungskraft. Oder zumindest gegen Meine…..

Zwei Haltepunkte oben im Norden schiebe ich gedanklich schon auf Morgen bevor ich wieder ins Auto steige. Ich muss Morgen eh in diese Richtung – da passt das. Aber einen am Westufer, den muss ich heute noch machen. Da geht kein Weg dran vorbei. Eine alte Dependence der „Southern Pacific Railroad“ – ein langer Steindamm mit Schienen, der einmal quer über den See geht. Den will ich nicht verpassen – und so weit in den Westen schaffe ich es Morgen nicht mehr. Also los!

Die Anfahrt ist etwas merkwürdig. Erst über die Interstate, dann abbiegen auf den Highway – und dann wieder eine ganz kleine Straße mitten durchs Nichts. Mir schwant, ich hab es hier wieder mit einem Dead-End zu tun. Mit welchem Kaliber allerdings … soll ich erst später rausfinden.

Das Ding hier zieht sich etwas bis irgendwann am Horizont eine Ansammlung von Bauten, Zelten und Hangars erkennbar wird. Unschwer zu erkennen, dass sich hier ein Basisstützpunkt der US Airforce befindet. Ein paar Meter weiter macht ein erstes Schild es auch deutlich. Ich fühle mich von der Aufschrift nicht angesprochen und fahre weiter.

Stage 1: Military

Es soll nicht lange dauern, bis sich ein zweites Schild anschließt. Aus diesem wird darauf hingewiesen, dass hier Munitionstests durchgeführt werden und das Verlassen der Fahrbahnoberfläche verboten ist. Got it!

Stage 2: Munition Testing

Kurz darauf ist die Straße mal wieder nicht mehr mehr, als eine Schotterpiste. Schild Nummer 3 taucht auf und warnt vor „Explosive Operation in Progress“ – Alles klar. Die scheinen es Ernst zu meinen. Ein wenig mulmig wird mir schon.

Stage 3: Explosive Operation

Darüber hinaus fühle ich mich an Cape Canaveral vor 3 Jahren erinnert. Wer dieses Roadbook noch in Erinnerung hat weiß: Damals bin ich – ebenfalls auf der Suche nach einer bestimmten Sehenswürdigkeit – versehentlich auf militärisches Sperrgebiet der NASA gefahren, bis mich der Sheriff angehalten und mir den Pass abgenommen hat…

Ehrlichgesagt brauch ich so ne Nummer nicht nochmal – aber das Tor vor mir ist eindeutig offen. Also fahre ich auch durch.

Natürlich lässt das nächste Schild nicht lange auf sich warten. Hier wird zum ersten Mal deutlich, welche Art von Munition hier getestet wird: Minen…?! Na zauberhaft! Müssen die das unbedingt hier machen?

Stage 4: Mines ahead.

Aber auch diese Warnung gereicht mir noch nicht zum Umdrehen. In mir regt sich mein mir nur allzu gut bekanntes „Hold my beer“ Gefühl. Jetzt will ich auch wissen a) wie viele Schilder es noch gibt, b) was da drauf steht und c) ob man jetzt zu der Railroad kommt oder nicht. Sollen se mir doch wieder den Pass abnehmen. Hab ihn ja letztes Mal auch zurück bekommen. Also Fuß aufs Gas und weiter.

Schild Nummer 5 kommt ein paar Minuten später in Sicht. Wieder die Rede von Minen und diesmal die Anweisung zum nächsten Schild zu fahren und den Instruktionen dort zu folgen.

Stage 5: Mines! We mean it..!

Auf das nächste Schild muss ich dann nicht mehr lange warten. Es besagt wieder Minen-Aktivität, dass ich im Wagen bleiben und mich beim Superintendend melden soll. Würde ich ja glatt machen – wenn denn hier Einer wäre. Ich schaue mich eine ganze Weile wirklich gründlich um und konstatiere: Hier ist keine alte Sau! (Präzise hab ich seit etwa 2 Stunden keine Menschenseele mehr gesehen) Und selbst wenn – Mr. Superintendend wird das Staubwölkchen von meinem Truck schon sehen und sich melden wenn er was will. Kann er mir gleich n paar Fragen beantworten, der Gute.

Stage 6: Last Warning.

So ganz ungerührt lassen mich die Hinweise jedoch nicht – aber ich versuche es mit meiner eigenen Logik: Die werde die Höllen-Dinger hier wohl kaum unter oder gleich neben der Fahrbahn verbuddelt haben. Noch dazu sind vor mir gänzlich ununterbrochene Reifenspuren – also so ganz ohne jeglichen Detonationskrater. Ergo: Wenn ich einfach auf diesen Spuren bleibe, dann bin ich safe. Safe!

Mir bleibt eh wenig anderes übrig. Google hat sich mittlerweile mitsamt der Route verabschiedet. Da wo sonst Empfangsbalken leuchten (oder auch nicht) blinkt jetzt nur ein kleines weiße Satelliten-Symbol. Da ist jetzt nix mehr mit Navigation. Jetzt kann ich nur noch „nach der Nase“ fahren. Oder eben nach fremden Reifenspuren.

Diesen folgend tucker ich über ein altes Industriegebiet. Unverkennbar irgendwas mit Eisenbahnbezug. Alte Bahnschwellen, Schienenstücke, kaputte Waggons. Wunderbar! Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Aufgeregt biege um die nächste langezogene Rechtskurve – und sehe mich mit dem schlussendlich ECHTEN Ende dieser Fahrt konfrontiert. Hier geht es tatsächlich nichtmehr weiter. Ein großer Wendehammer. Das befürchtete Dead-End. Fuck! Die einzige Ausfahrt mit einem „No Trespassing“ versperrt. In mir macht sich maßlose Enttäuschung breit.

Ein kleines Trostpflaster klebt allerdings der Rest vom Gelände auf den Unmut. Denn hier findet sich ein kompletter Zug. Steht einfach völlig verlassen in der staubigen Gegend rum.

The Nowhere-Train

Ich will gerade schon aus dem Auto steigen um Bilder zu machen, als mir Schild Nr. 6 wieder einfällt. Besser ich zieh schnell die Füße wieder rein und mach die Bilder vom Auto aus. Mit „Appem Bein“ woll mer ja nich unbedingt nach Hause.

Ich mache die letzten Schüsse, ärgere mich kurz, nicht zum Damm vorgedrungen zu sein und begebe mich dann an die letzte, mindestens 2-Stündige Fahraufgabe des Nachmittags:

Alles wieder zurück bis Salt Lake City – dann einmal quer von Süd nach Nord durch den Moloch (im fiesesten Feierabendverkehr) und dann endlich ne heiße Dusche.

Ich bin völlig durchgeschwitzt. Ob jetzt rein von der Hitze oder vielleicht auch von ein wenig Aufregung und Nervenkitzel ob der Munitions- und Mienengeschichte weiß ich gerade selbst nicht so genau.

Anyway – Let´s call it a day!

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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  1. Avatar von wilhelmlessmann

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