Als der Wecker klingelt bin ich noch nicht so wirklich fit. Trotz des cosy Set-Ups am Abend ist es dich irgendwie später geworden (bin über meinem Buch versumpft) – und da ich mit schlafen irgendwie noch nicht fertig bin gönne ich mir eine kleine Extra Runde. Deswegen heißt es dann später halt zügig die Klamotten packen und los. Die vor mir liegende Etappe geht einmal quer von West nach Ost durch Colorado, endet in Utah und liegt mit 270 Meilen (und damit knappen 5h Fahrzeit) eigentlich noch im entspannten Mittelfeld. Da ich mir jedoch einige Sehenswürdigkeiten entlang der Route markiert habe, schätze ich sie dennoch als tagesfüllend ein. Wie sehr – ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Ich mache mich gut gelaunt auf den Weg zu den „Gates of Lordore“ – einem Canyon oben in den Bergen. Vor meinem Fenster erstmal wieder das gewohnte Bild:

Hügel bis zum Horizont, hier und da ein Peterbilt, der mir entgegenkommt und schlussendlich mal ein Grundstück in der Heide. Ein wirklich putzig anmutende Zeichen menschlichen Lebens in Form eines stationären Trailers wirkt wie ein Behausung gewordener Mittelfinger und scheint förmlich zu schreien „Ihr könnt mich alle am Arsch lecken. Ich hau ab!“

Ich habe mein Hotel und damit die Stadt bereits knappe 40 Meilen hinter mir gelassen, als mich ein energischer Piepton aus meiner verzückten Horizontbeschau reißt. What the fuck….? Ich scanne meine Instrumentenkombi nach Hinweisen auf den Verursacher – und muss nicht lange suchen. Zwischen den zahlreichen anderen Anzeigen blinkt sich die Warnleuchte für den Reifendruck fröhlich in Stimmung.
Hektisch schalte ich umgehend auf den PSI-Monitor, den ich seit Tagen etwa stündlich checke. Ausgefallen. Na Großartig! Ausgerechnet jetzt, wenn man ihn mal wirklich braucht, macht der ein Nickerchen! Also anhalten, aussteigen, gucken. Platt ist noch nix. Zumindest nicht sichtbar. Schonmal gut! Aber ich habe noch allzu gut meinen schleichenden Platten (durch eingefahrenen Nagel) Nachts am Highway in South Carolina im Gedächtnis. Dort konnte ich mit Schleicherei und beinahe ununterbrochenem Luft nachfüllen an jeder Tanke den Wagen über die Nacht bis zur nächsten Mietwagenbude retten.
Wenn ich mich hier allerdings so umschaue, fällt diese Option wohl aus. FUCK! Blick aufs Handy – nächste Stadt suchen. Kein Empfang. DOPPELFUCK! Ich rufe mir die Route bildlich ins Gedächtnis und bin sicher, dass hier absehbar keine Stadt oder Ortschaft mehr kommt. So langsam wird mir klar: Ich werde wohl zurück müssen. Alternativlos. Das Risiko oben in den Bergen zu verrecken, wo dann kein Peterbilt mehr vorbeikommt ist einfach zu groß. TRIPLEFUCK!
Ich drehe und fahre mit angepasster Geschwindigkeit zurück Richtung Startpunkt. Ich erinnere mich, dass gleich neben meinem Hotel ein großer Dodge-Dealer war und der möge jetzt bitte meine Rettung sein. Ist er auch, und zwar in der Gestalt von Craig. Ich bringe kurz mein Anliegen vor, schimpfe was von Rental Car und beschissener Zeitpunkt und darf den Wagen dann gleich in die Service Annahme fahren, wo sich (ich staune!) sofort drum gekümmert wird.

Zu meiner großen Erleichterung stellt sich raus: Alle Reifen in Ordnung. „Nur“ ein Sensor im Steuergerät spinnt. Fehlerspeicher gelöscht. Alles geht – nichts blinkt mehr. Gott sei Dank! Ich hab mich schon meinen Tag hier und danach beim Reifenhändler verbringen sehen….!
Ich mache mich also wieder auf den Weg. Wohlgemerkt: Den gleichen Weg wie heute Morgen. Halt …. Nochmal.
Obwohl die Nummer im Autohaus nur unglaubliche 30 Minuten gedauert (und obendrein nichts gekostet) hat, nimmt der ganze Spaß jetzt mit Hin- Rück- und wieder Hinfahrt jetzt gut 2h in Anspruch. Shit! Dann mal rauf aufs Gaspedal. Wir haben ja schließlich noch was vor.
Ein paar Meilen später steht am Straßenrand ein Schild mit der Information, dass es auf den nächsten 120 Meilen keinerlei „Service“ – also Benzin, Essen oder Hotel – mehr gibt. Ich bin ja schon durch viele einsame Ärsche der Welt gefahren, aber SO ein Schild begegnet mir hier das erste Mal. In diesem Moment bin ich zum ersten Mal wirklich froh, am Vormittag nochmal zurückgefahren zu sein. Da jetzt alle Warnlampen aus sind setze ich den Blinker und verlasse den Highway 40 um auf die (deutlich kleinere) 318 abzubiegen. Hier nehmen Einsamkeit und Kuriositäten am Wegesrand auch gleich wieder zu.

Ich bin erst wenige Meilen unterwegs, als mir rechts ein gelbes Schild eine „4WD Only“-Route ankündigt.

Ein kleiner „Loop“ quer durch Steppe und das Gebirge, auf dem man angeblich Wildpferde beobachten können soll und der später wieder zurück auf die 318 führt. Kurzer Blick auf die Uhr: Zeit hammer keine. Aber bei „4WD Only“ hatten sie mich. Wer mich kennt weiß: Ich KANN einfach nicht anders. Auf den Zeitplan ist heute eh schon geschissen und jetzt bin ich zum zweiten Mal wirklich froh, die Reifen kontrolliert haben zu lassen.
Breit grinsend schalte ich den 4WD zu – noch ohne Untersetzung – und produziere beim Abbiegen ein fröhliches Staubwölkchen. Der Knick im Fahrplan wird auf dem nun folgenden Abschnitt mehr als großzügig entschädigt. Ist das eine Aussicht! Ist das eine Straße! Wahnsinn. Hier und da ein paar Auswaschungen, Geröll, weniger dezente Steigungen o.ä. an denen ich kurz die Untersetzung zuschalte, hier und da n bisschen mehr Puls – aber am Ende macht das Herz wieder Purzelbäume.

Nur Else (im Schaffner-Kostüm) meckert, denn der „kleine Loop“ bringt eine weitere, volle Stunde, Verspätung bis wir zurück auf der 318 sind. Aber er war jede Sekunde davon mehr als wert. Unfassbares Panorama, blühende Steppe und jede Menge Schotter zum drin Rumwühlen. Herrlich! Nur ein Wildpferd – das hat sich nicht blicken lassen.


Irgendwann beantragt das Navi ein weiteres Abbiegen und jetzt ist dann auch der Asphalt zu Ende. Eine lange rote Schotterstraße, die „County 10“, windet sich den Berg hinauf. Also wieder Allrad an und ab dafür. Das geht mitunter sogar recht zügig – die Piste ist breiter als der Highway. Und schöne Staubwolken macht das obendrein.
Allerdings hat das freudenspendende Geheitze bald ein Ende. Es geht recht steil bergab und wird noch dazu so ruckelig, dass mehr als Standgas schlicht nicht drin ist, wenn ich nicht will, dass die Bierdosen in der Kühlbox detonieren. Somit ziehen sich diese letzten 5 Meilen dann auch wieder bis zum Get-No. Ein erneutes „FUCK“ spare ich mir jetzt – zum Umdrehen ist es eh zu spät.
Was mir mehr Sorgen macht, ist die Tatsache, dass ich auf ein Dead-End zusteuere. Wie jetzt? Ich dachte man könne bis zum Canyon fahren…?? Sehen kann ich ihn schon – aber eben noch recht weit weg. Ich parke den Wagen, gehe zum aufgestellten Hinweisschild und lerne, dass ich die letzte Meile laufen muss. Oder eher „klettern“. Ein sehr schmaler, ebenso steiler und noch steinigerer Trampelpfad windet sich den Berg hoch. Auch DAS noch! Aber zum Umdrehen ist es immernoch zu spät und der Zeitplan ist immernoch eh beim Teufel. Ich schließe den Wagen ab, stecke eine Wasserflasche in die Cargo-Tasche meiner Shorts, schnüre meine Stiefel fester und stapfe los.

In brüllender Nachmittagshitze klettere ich zwischen Fliegen, Kakteen, und Geröll dem Canyon entgegen. Der Weg ist echt scheiß schmal. Aber immerhin war man so gnädig, hier Fußgänger-Serpentinen zu bauen. Dennoch dauert es nicht lange, bis ich den eigenen Saft knietief in der Kimme stehen habe. Hinter jeder Kurve vermute bze. erhoffe ich den Canyon. Es gibt kleine Hilfsschilder mit Abschnitts-Zahlen drauf. Nur blöd, dass ich mir nicht gemerkt habe, bis zu welcher Nummer hoch gezählt wird. Also weiter im Wundertüten-Wanderland.

Irgendwann isser dann da – der Canyon. Absolut majestätisch geben die beiden Gebirgsrücken den Blick frei in die Schlucht und den Fluß. Der absolute Wahnsinn!

Ich genieße für ein paar Minuten den Ausblick während ich vergeblich hoffe, dass die Sturzbäche, die meinen Rück rutnerlaufen endlich aufhören mögen. Ich leere meine Wasserflasche und will mich gerade zum Gehen wenden, als der Ausblick in die andere Richtung mich mitten in der Bewegung erstarren lässt. Jetzt weiß ich auch, warum die Luft so drückt. Am anderen Ende vom Tal hat sich ein kleiner Wetterumschwung angeschlichen. Diesmal kann ich mir ein weiteres „FUCK“ nicht verkneifen, als ich mich an das Steilstück und den Hinweis von wegen „unpassierbar wenn nass“ erinnere.
Ganz unten am Parkplatz kann ich winzig klein mein Auto ausmachen. Ich glaube so weit wie jetzt war ich seit der Ankunft von der Karre noch nicht weg. Perfekts Timing. NICHT! Da heißt es jetzt, die Beine in die Hand und ab dafür. Erstmal können vor Lachen – bei dem Untergrund. Tatsächlich schaffe ich es zum Auto ohne mich aufzumaulen oder mir das Genick zu brechen, aber um mich selbst zu beglückwünschen fehlt mir die Zeit. Ich starte den Wagen und schaue, dass ich mich schleunigst aus derm Staub mache, bevor Selbiger zur matschigen Falle wird. Keine Minute zu früh wie sich rausstellt.
Als ich wenig später das staubige Steilstück hinter mir gelassen habe und die 10 wieder breit, waagerecht und somit sicher vor mir liegt, mache ich erstmal eine verspätete Mittags-Pause. Ich mampfe friedlich Bagel und Kaffee während mir der Regen mit ordentlich Getöse auf die Windschutzscheibe klatscht.

Den einen Empfangsbalken nutze ich, um meine Route einzugeben. Die anderen Sehenswürdigkeiten kann ich knicken – das weiß ich auch ohne Google. Was ich allerdings nicht wusste: Nicht nur die Schotterstraße war ein Dead-End, sondern auch die 318 geht von hier aus in die völlig falsche Richtung weiter. Ergo: Ich muss die ganze 10 UND die ganze 318 wieder zurück bis zum Highway 40. Das, was mir in diesem Moment aus dem Gesicht fällt, ist das finale Tages-Endgegner „FUCK!!!“. Es ist bereits 17 Uhr – und das Navi veranschlagt – dank des erneuten Rückwegs – weitere 4,5h wo ich gedanklich nur noch 2 eingeplant habe. Ich fasse es nicht!
Der restliche, späte Nachmittag und der Abend vergehen auf dem Fahrersitz. Ich hab schon beim Losfahren keinen Bock mehr. Eigentlich wollte ich jetzt praktisch schon da sein, duschen und endlich ein Steak essen. Überflüssig zu sagen, dass das heute wieder nichts wird. Das schient sich irgendwie zu meinem täglichen Urlaubs-Zonk auszuwachsen.
Meine Rettung über die nächsten Stunden ist ein sehr lustiges Hörbuch, dass ich mir – einer cleveren Eingebung folgend – vor dem Urlaub runtergeladen habe. So vergeht selbst diese Fahrt recht kurzweilig. Auch die Landschaft zeigt sich versöhnlich – und noch vor Sonnenuntergang passiere ich die „Gates to Utah“, einen weiteren Stausee und sogar die „Whiskey Springs“. In der Tat – DIE könnte ich jetzt auch vertragen…!



Am Abend laufe ich dann in Springville ein. Auch hier wieder überflüssig zu sagen, dass sich jeglicher Abendplan in Wohlgefallen aufgelöst hat. Was sich leider nicht aufgelöst hat ist das Gewitter vom Nachmittag. Mit Sturmböen und vielen Blitzen kriecht es langsam aber unaufhaltbar über die Berge und bringt die Stromversorgung im Bezirk wohl etwas ins Wanken.
Höchste Zeit, sich ins Bett zu verkrümeln.
What a day!