Nach dem Sturm vom gestrigen Abend startet der Morgen deutlich freundlicher und beginnt für mich persönlich bei Kaffee und Kippe vor der Tür in der Sonne – und gleich mit dem Ausblick auf ein Ensemble, wie es passender in den USA wohl kaum sein könnte.

Harley & Heavy Duty

Wohl ebenso typisch ist das Ensemble was sich an meinem Nebentisch zum Frühstück einfindet: Eine 7 köpfige Familie. *Oh No!* Vater, Mutter (beide gerade Mal etwa Mitte / Ende 20) und dazu 5! Kinder, die alterstechnisch alle nicht allzu weit auseinander liegen – geschätzt alle irgendwas zwischen 2 und 8 Jahre alt. Meine Fresse – die haben wirklich nichts anbrennen lassen. Mein ganz persönlicher, Mensch gewordener Albtraum – aber ich muss (nicht ganz ohne Erstaunen) zugeben: Die ganze Blase scheint wohlerzogen. Man vernimmt „Bitte“ und „Danke“, das Rührei bleibt auf dem Teller und nicht in der Luft, die Kinder bleiben am Tisch und der Lärmpegel hält sich in Grenzen. Respekt and die Eltern! Der durchaus angeregten Unterhaltung kann ich entnehmen, dass die Familie aus Wyoming kommt. Womit dann auch letztlich meine Frage von Vorgestern beantwortet wäre, was die da in der Einsamkeit den ganzen Winter machen: Kinder!

Ich packe mein Zeug zusammen und verlasse Chadron. Mit der heutigen Etappe steht mir der Zweite der beiden komplett durchfahrenen Tage ins Haus. Eine lange Passage erst einmal längs durch Nebraska – und am Nachmittag dann noch einmal quer durch Colorado. Voraussichtlich irgendwas um die 8-9h reine Fahrzeit. Das war der Preis um den Mt. Rushmore zu sehen. Doch mein Ärger über die Enttäuschung ist längst verraucht, die Kühlbox gut gefüllt, in meinem Cupholder steht ein frisch geknackter Eiskaffee und die Sonne scheint. Kann losgehen – beste Laune inklusive.

Schon auf den ersten Meilen frage ich mich, was genau ich eigentlich im Kopf mit Nebraska verbinde – und komme zu der Erkenntnis: Rein absolut überhaupt gar nichts – abgesehen von den Grasslands (was ich aber auch erst seit Gestern weiß). Und genau Diese breiten sich auch in epischer Länge und Breite erstmal vor meiner Windschutzscheibe aus.

Grass in green
Grass in brown

Dazu gesellen sich auf einem längeren Abschnitt oben im Norden endlose Sonnenblumenfelder. Kilometerweit bin zum Horizont färben sie die Landschaft quietschgelb. Ob Sonnenblumen/Kerne wohl ein Exportschlager aus Nebraska sind?

Sunny Sunflowers

Nachdem der Abschnitt mit den Sonnenblumen schlagartig endet, bietet sich wieder das gewohnte grünbraune Bild. Ich dachte schon, South Dakota und das westliche Ende von Wyoming wären eintönig gewesen – aber dem setzt Nebraska ganz bequem nochmal einen ganz oben drauf. Hier gibt es absolut Nichts – und dahinter noch mehr Nichts. Wiese links. Wiese rechts. Dazu über Stunden ein Strommast nach dem Nächsten. Das Einzige, was es hier für mich zu tun gibt ist, die kleinen Dieselwolken aus den beiden Edelstahlrohren des „Peterbuilt“ vor mir zu beobachten, die immer dann schwer und schwarz in die Atmospäre gepustet werden, wenn es in der Hügellandschaft bergauf geht.

Hier und da gibt es jedoch auch andere Absonderlichkeiten zu sehen. Einmal rollt ein langer Amtrax an mir vorbei. Das an sich ist jetzt hier wirklich keine Seltenheit – nur üblicherweise walzt sich ein nicht enden wollender Wurm aus hunderten, schweren Stahlcontainern, gezogen und geschoben von 6-8 Loks, über die Schienen. Heute aber besteht die erstaunliche Fracht aus Flugzeugrümpfen. (Ist das der korrekt Plural von „Rumpf“?)

Ein wenig später passiere ich einen „Lost Place“. Am Straßenrand verrottet eine alte Tankstelle samt Diner und Motel. Ich mache einen kurzen Stop und ein paar Schritte über das Gelände.

Lost Place
Lost Place with Pick-Up
Spookytown

Die Sonne hat den Bauten ganz schön zugesetzt. Über mir quietschen, wie zur Bestätigung, die alten Schilder im Wind wie in einem schlechten Horrorfilm. Ich habe schon so viele verlassene Gebäude dieser Art gesehen, doch ich frage mich immer wieder, wer sowas einfach so zurücklässt – mitunter sogar inklusive Inventar. Ich setze meine Fahrt fort – nicht ganz ohne ein wenig Gänsehaut.

Ein paar Meilen später beginnt wieder ein sehr trister Abschnitt. Und als wäre das nicht genug, häufen sich hier auch wieder die Junk-Yards. Sie haben alles gemein mit denen in Wyoming. Ich denke wieder an „unsere“ Plattenbauten und die verschlossenen Türen und Waschbetonmauern, die vor neugierigen Blicken schützen – aber eine solch gnädige Anonymität des Elends ist den Menschen hier nicht vergönnt. Die Felder rechts und links des Highways sehen aus wie eine gigantische Auslage menschlichen Scheiterns. Ich überlege erst, ein paar Fotos zu machen – aber irgendwie erscheint es mir falsch – und darüber hinaus auch pietätlos zu sein – und so lasse ich es bleiben. In meinem Kopf begleiten mich die Bilder dennoch für eine ganze Weile.

Gegen Mittag erreiche ich Cheyenne – im nördlichen Großraum Denver. Ich habe Hunger und die Kackstelzen schreien nach etwas Bewegung. Die völlige Abwesenheit jeglicher Sehenswürdigkeiten entlang der Route und der damit flexible Zeitplan gibt mir Gelegenheit für einen kleinen Einkaufsbummel (oder eher Kopfschüttelbummel) im Walmart. Keine Ahnung warum, aber für mich hat das Schlendern durch die Gänge auch nach einer Vielzahl solcher Supermarktbesuche über die Jahre nichts von seiner Faszination eingebüßt.

Die schiere Masse und Auswahl an ebenso überfärbten wie zuckergeschwängerten Insulin-Endgegnern hinterlässt mich immer wieder aufs Neue sprachlos. Hier gibt es Frühstücksflocken in Neonfarben, Schokokekse mit Marshmallow-Füllung und flüssigem Marmeladen-Kern, Marshmallow Waffeln mit Chemie-Frucht-Schaumtopping und sogar Toasttaschen mit Zucker-Frosting und Marmelden-Füllung. Ich kriege schon beim Anblick Zahnschmerzen.

Frühstücksflocken mit Marshmallows
Schokokekse … mit allem in extra-süß
Chemie-Sponge-Schaumkeks
Ich hab doch auch keine Ahnung ….

Gott, was bin ich froh, dass mir derlei Süßkram von Haus aus weitestgehend (bis auf wenige Ausnahmen) am Arsch vorbei geht! Soviel Sport könnte ich gar nicht machen, dass ich nicht auseinandergehe wie ein Hefeteilchen. Kein Wunder, dass in diesem Land mehrheitlich zierliche Zweitonner durch die Gänge watscheln…. Mir macht man eben mit einem zwiebelbelegten Mettbrötchen oder einem handfesten Stück „Old Amsterdam“ auf die Faust eine viel größere Freude.

Kurz nach dem Mittag passiere ich die Staatsgrenze nach Colorado und beinahe augenblicklich ändert sich die Vegetation. Wo die letzten Stunden Gras die Hügel bis zum Horizont in in allen Schattierungen von Hellbraun bis Lindgrün gekleidet hat, breiten sich nun Sand und Büschelwuchs vor meinen Augen aus. Der plötzliche Wechsel ist merkwürdig – auch die Temperatur sinkt mit jedem Meter um ein Grad Fahrenheit, und das ganz ohne das ich einen Berg hochfahren würde.

Büschelbewuchs

Vor mir kreuzt ein Fuchs ganz ungeniert die Fahrbahn. Endlich mal was Lebendes! (Wie lange noch ist fraglich bei der Gemütlichkeit mit der hier der Highway überquert wird) Streng genommen hab ich heute beinahe mehr Viehzeug gesehen als im Yellowstone Park. Leider alle in Form von „Roadkill“ am Straßenrand. Waschbären, Rehe, Kühe, überfette Eichhörnchen und Hasen – allesamt mal mehr mal weniger am Stück.

Roadkill

Der Tag neigt sich langsam dem Ende. Am Nachmittag geht es noch einmal durch die Berge, vorbei an einem Stausee und kurz darauf erreiche ich mein Tagesziel. Ich muss gestehen: Viel mehr hätte ich heute auch nicht mehr fahren wollen. Ich bin fertig….!

Ob von der Sonne, vom Wind oder doch nur der langen Fahrt vermag ich gerade nicht zu sagen. Aber klar ist: Ich muss mich noch ein bisschen bewegen. Ich überlege ins Gym zu gehen, entscheide mich heute angesichts des vorherrschenden lauen Abendlüftchens aber für die „Outdoor-Variante“ und drehe noch ein herrliche Laufrunde durch die Hügel hinter dem Hotel – Sundowner inklusive.

Eveningrun

Den Tag beende ich dann mit einer heißen Dusche und (mal wieder) einem selbst geschmierten Cream-Cheese Bagel aus der Proviantbox. Irgendwie ist es wie verhext. Ist jetzt der 5. Tag an dem ich kein Steak kriege. Aber ich hab beim Laufen die Zeit vergessen, es ist somit schon spät und nach der Dusche ist das letzte wozu ich Bock habe, nochmal in den Truck zu steigen um mir ein Restaurant zu suchen. Ich beende diesen Tag lieber gemütlich im Bett – mit XXL-Shirt, Dosenbier und meiner Nase in einem Buch.

Dann eben Morgen endlich Steak….!

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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  1. Avatar von wilhelmlessmann

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