Kollege Whiskey, sonst eher Freund als Feind, beschert mir diesmal eine etwas unruhige Nacht. Ich hatte den Wecker in entsprechender Vorahnung bereits auf eine luxuriöse Stunde mehr Schlaf eingestellt als üblich, aber dennoch scheint mir wieder so ein kleiner irischer Kobold mit einem Presslufthammer ein vierblättriges Kleeblatt in die Großhirnrinde stanzen zu wollen. Aber da hat er die Rechnung ohne die Medikamentenreste von der Rüsselpest gemacht. Es dauert trotzdem etwa 30 Minuten, 2 Aspirin, 2 Zigaretten und einen halben Liter Kaffee bis mein Kadaver wieder einigermaßen auf Betriebstemperatur läuft und ich gefahrlos unter die Dusche steigen kann.
Der Blick in den Spiegel danach ist dennoch alles andere als erbaulich und ich lege meine ganze Hoffnung in das Werbeversprechen der „Illuminating Eye-Cream“. Und was die nicht schafft, erledigen eine große Portion Rührei samt 4 Sausages, ein Cream-Cheese Bagel und eine Schale Porridge. Mein sonst Morgens durch Abwesenheit glänzender Appetit reicht heute locker für 2 Personen, denn bei der Schilderung des gestrigen Abend hatte ich vergessen zu erwähnen, dass mein Gelüst nach einem Steak ein weiteres Mal pulverisiert wurde. Das einzig essbare, was der Saloon zu bieten hatte waren Chips – und die habe ich nicht angerührt. Hätte ich mal sollen. Selbst eine Hand voll fettiger, köstlicher Kohlehydrate hätten dem Whiskey vielleicht mehr entgegenzusetzen gehabt als nur Schall und Rauch.
Nach dem Frühstück fühle ich mich endlich wieder wie ein Mensch und bin bereit meinen Tag zu starten. Dieser führt mich heute durch South Dakota. Über Sturgis, Rapid City und den Mount Rushmore geht es dann am Abend noch über die Grenze nach Nebraska.
Schon nach einer kurzen Fahrt durch die Prärie erreiche ich die Staatsgrenze nach South Dakota und verlasse Wyoming. Definitiv ein bemerkenswerter Staat voller Gegensätze. So unfassbar schöne Landschaft – und so derart triste Abschnitte.


Vorerst ist es in South Dakota allerdings wenig anders. Ich freue mich auf einen Stop in Sturgis – sagenumwobener Treffpunkt für Harley Fans. Aus der Nähe betrachtet leider winzig, nichtssagend und kaum mehr als ein paar Tankstellen. Ohne Halt lasse ich den Ort hinter mir. Nicht ganz ohne etwas Enttäuschung. Das gleiche Bild und die gleiche Enttäuschung – in etwas größerem Maßstab – bietet sich mir in Rapid City. Hier muss ich jedoch halten. Die Blase drückt und der Truck hat mal wieder Durst. Der Stop wird jedoch auf ein Minimum reduziert. Hier gibts es absolut nichts, was ich meiner Neugier auf den Mount Rushmore vorziehen würde. Also verschwinden auch die Dächer von Rapid City recht schnell in meinem Rückspiegel.
An einer Abzweigung lese ich alsbald den Hinweis auf das Städtchen „Keystone“ – quasi das Portal zum Monument. Ich setze den Blinker und erreiche in den nächsten Minuten eine mehrspurige, sehr steile und sehr kurvige Autobahn, die sich durchs Gebirge windet. Das hier scheint irgendwie sowas wie das US-Äquivalent der Eifel zu sein. Der Verkehr nimmt zu – und mit ihm zum allerersten Mal die Dichte an Sportwagen. Auch Motorradfahrer sind hier in ganzen Schwärmen unterwegs.
Hier mischt sich sonores V8-Geblubber mit deutlich ambitionierterem V8 Geröhre, dazu allerhand hochdrehendes Turbo-Gekreische japanischer Sportwagenfabrikate und natürlich endlose Salven lauter Pops & Bangs aus ganzen Hundertschaften von Harleys. Alles wieder und wieder zurückgeworfen von den steilen Felswänden, die hier die Straßen umschließen. Ein wahres Mekka für die Freunde mobiler Fortbewegung. Ich bin guter Dinge und mische mich mit meinem (etwas schwerfälligen) Boliden ins Getümmel.
Bald schon verkündet ein Schild den Ortseingang von „Keystone“ – doch schon bei der Anfahrt schwant mir Böses. Die ganze Stadt gleicht einer einzigen Kirmes. Was bitte ist denn HIER los…?
Ich fahre durch eine endlose Aneinanderreihung von Fressbuden, Fotobuden, Arcade-Spielhöllen und Souvenirshops. Hier ein Adventure Park, da eine Seilbahn, dort ein Bergrutschenpark. Alles in dezentem quietschbunt gehalten. Aus jeder einzelnen der gefühlt 500 Touri-Fallen dringt andere Musik und durch mein geöffnetes Fenster weht eine feine Melange aus Popcorn, Sonnencreme und Bier.



Ich bin entsetzt angesichts dieser touristischen Totalausschlachtung und darüber hinaus sehr froh, dass das Navi noch 2 weitere Meilen voraussagt, bevor ich mein Ziel – das eigentliche Monument – erreiche. Doch der Irrsinn geht weiter.
Hinter den nächsten Kurven folgt zweispuriges Abbiegen in ein dorfgroßes Parkhaus inkl. Fahrspur-Einweiser für die Drive-Through-Ticketschalter, für die sogar mein Auto zu klein ist. Ich muss mich bis zum Rippenbogen aus dem Fenster lehnen um den Knopf zu erreichen und dann reißt mir doch glatt eine Windboeh das 10-Dollar-Ticket vom Automaten, bevor ich es greifen kann. Na toll..! Ich quetsche mich zwischen Autotür und Automat hindurch und renne dem ollen Fetzen hinterher. Zurück am Wagen gebe ich den hinter mir wartenden ein Handzeichen der Entschuldigung, klettere maximal gestresst wieder hinters Lenkrad – und bin ehrlich gesagt genau in diesem Moment schon völlig bedient. Wenn jetzt einer hupt fliegt ne Wasserflasche. Safe!
Ich parke den Wagen auf Ebene 6 und laufe zum Eingang. Auch hier herrscht der absolut maximale Merchandise Wahnsinn, welcher mich im Bruchteil einer Nanosekunde in einen absolut finalen Zustand maximaler Gereiztheit katapultiert. Ich mag sowas generell nicht – aber nach der friedlichen Einsamkeit und Beschaulichkeit der vergangenen Tage ist das hier ein ziemlicher Overkill und verursacht mir einen ordentlichen Synapsenbrand. Die hätten den Scheiß Berg umbenennen sollen in Mount Merchandise..!
Was sich hier an Menschenmassen aus aller Herrenländer inkl. deren Klischees tummelt ist unfassbar. Dicke Amerikaner, die selbst auf den paar Metern die bereitgestellten Bänke besetzen, haufenweise Inder die in voll besetzten Bussen hier hingekarrt werden, ein paar Europäer und sehr viele Mexikaner. Den Rest geben mir allerdings die allzeit rumrotzenden Chinesen. Ständig wird irgendwo hingespuckt oder die Nase geräuschvoll hochgezogen. Mir reichts! IST DAS GRAUENHAFT! Ich beschleunige meinen Schritt und mache dieses EINE Foto.

Danach verzupfe ich mich schleunigst wieder zu meinem Wagen. Als die Autotür hinter mir ins Schloss fällt kann ich mir einen lang gezogenen Seufzer nicht verkneifen. Nicht nur die Atmosphäre – Nein! Auch der Berg selbst. Den hatte ich mir (trotz entsprechender Vorwarnung von einem guten Freund) sehr viel gigantischer vorgestellt. Die in den Berg gemeißelten Visagen sind nicht mal ansatzweise so groß, wie ich sie mir vorgestellt habe. Was für eine bodenlose Enttäuschung! Noch dazu, weil ich quasi nur dafür einen Umweg über 2 Tage und 3 Bundesstaaten genommen habe.
Aber wenn ich schon hier bin, dann geb ich‘s mir auch komplett. Es gibt noch einen anderen Aussichtspunkt, von dem aus man die eine Nase im Profil sehen kann. Hier wartet ein wenig Versöhnung auf mich. Auch dieser Ausblick ist enttäuschend – aber wenigstens ist hier nichts und niemand, abgesehen von im Wind rauschenden Baumkronen.

Dennoch setze ich meine Fahrt schnell fort. Das hier oben muss man wirklich nicht länger ausdehnen als nötig. Vor Allem nicht, weil ich noch ein weiteres Zwischenziel habe, bevor ich mein Nachtquartier nehmen will: Ich möchte mir die alte „Spokane Mine School“ anschauen. Irgendein verlassenes Haus im Wald, was google für sehenswert erachtet hat. Und damit lag es (?) absolut richtig.
Das Ding ist so derart unscheinbar, dass ich glatt den Haltepunkt verpasse und umständlich auf einer engen Straße wenden muss. Ich parke den Wagen. Der Weg zur Mine führt (nur zu Fuß) weit in den Wald hinein.


Es ist absolut niemand hier. Die Ruhe umschließt mich wie ein heißes Entspannungsbad. Der Krach von Keystone ist hier weit entfernt. Hier hört man … absolut gar nichts außer ein paar Grillen und den Wind, der die Baumkronen zum flüstern bringt.

Hinter einer Wegbiegung sehe ich die ersten losen Latten des zerfallenden Hauses. Auch hier rascheln die Birken ein beinahe gespenstisches Lied.

Das Gelände ist größer als erwartet und ich erspähe weitere „Dinge“ auf verschiedenen Lichtungen. Zu meiner Freude finde ich beim herantreten eine Art kleinen „Auto-Friedhof“ vor. Ich streife eine Weile durchs Gelände und mache einige Bilder. Was für eine tolle Fundstelle! So unendlich viel besser als dieser furchtbare Mt. Rushmore.





Ich beginne mich zu fragen, wer das hier alles so zurückgelassen hat – und vor allem warum…? Gleichzeitig bin ich nicht sicher, ob ich die Antowort überhaupt wissen will. Wie zur Bestätigung frischt der Wind etwas auf und das Rauschen in den Baumkronen ist angesichts der Umstände beinahe etwas … gespenstisch (Sonnenschein hin oder her).
Zurück am Truck geht es an die letzte Etappe. Ich passiere am späten Nachmittag die Staatsgrenze nach Nebraska. Weite Teile der Straße sind nur geschottert und so bekomme ich tatsächlich noch etwas von meinen geliebten „Backroads“ zu sehen. Staubwolke beim Befahren inklusive.


Danach zu meiner Rechten und Linken nur noch Gras und hügelige Wiesen bis zum Horizont. Der Landstrich heißt „Oglala National Grasslands“ – und ich kann mir keinen treffenderen Namen vorstellen.

Am Abend erreiche ich mein Hotel in Chadron. Wieder so eine nichtssagende Stadt für den Langstrecken-Durchgangsverkehr. Aber ich bin ganz froh, dass es nichts gibt, was heute hier noch auf mich warten würde. Der Wind hat weiter zugenommen und es ist, wenngleich immernoch warm, einigermaßen ungemütlich. Daher bin ich sehr erfreut, dass gleich neben dem Hotel ein kleines, schmuckloses Diner zu finden ist. Erst als ich mich niederlasse, fällt mir auf, dass meine letzte warme Mahlzeit (abgesehen vom morgendlichen Rührei) die „Mac & Cheese mit Blumenkohl“ im Flieger waren. Das ist jetzt 5 Tage her. Seit dem gabs quasi immer nur Picknick oder Cream-Cheese-Bagels. Irgendwie ist mir immer was dazwischen gekommen. Ein Rodeo. Ein Saloon. You Name it.
Ich bestelle einen Korb frittierte Beef-Tenders, einen Salat mit kandierten Pecan-Nüssen und lasse den Tag bei einem Glas ungefährlichem Eistee ausklingen. Die letzten Meter zu meiner Zimmertür bescheren mir – vielleicht als kleine Entschuldigung für den Wind – noch einen wunderschönen Post-Sundowner.
Let´s call it a day.

Offensichtlich ist good old Amerika doch nicht ganz so gut… Sehr schöne Schilderung der Zustände 👍♥️♥️
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Na ja – Come On..! Bislang EIN blöder Ort. 😎
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