Irgendwie kann ich die Dusche an diesem Morgen nicht dazu überreden, den Wasserstrahl dahin zu lenken wo er auch was bringen würde. Über derlei „Unwegbarkeiten“ rege ich mich seit meinem Roadtrip durch Florida und dem letzten Tango mit einer Dusche nicht mehr auf. Ich gebe also schnell – und immernoch staubtrocken – auf und bemühe stattdessen den Waschlappen. Was soll’s – ich sitz heute wieder mehrheitlich nur auf dem Schleudersitz, und das bekanntlich alleine.

Als ich den Truck belade scheint gerade Aufbruchs-Prime-Time zu sein. Der ganze Hof des Motels ist voll mit Menschen und Autos. Interessanterweise stelle ich fest, dass sich hier ähnliche Stereotype beobachten lassen wie daheim: Die Weißkopfseeadler packen ihre polierten Harleys, der Spießer mit Capri-Short und Trecking-Sandalen besteigt die kleine Hyundai Limousine, eine handvoll Halbwüchsiger stopft sich in einen einen Tesla (Kennzeichen aus Kalifornien) … und dann der ganze Rest (mich eingeschlossen), der sein Zeug in die überdimensionierten Pick-Ups und Suburbans wuchtet.

Und dann geht es auch schon los. Meine Route führt mich heute 300 Meilen weit von West nach Ost einmal quer durch Wyoming. Mein Tagesziel ist „Hulett“ – ein winziges Nest oben beim „Devils Tower National Monument“. Streckenauswahl im Sinne von Highway oder Backroads gibt es nicht. Es gibt eigentlich überhaupt nur eine Straße – und jede Menge „Nichts“ drum herum.

Somewhere in Wyoming
See..? Wyoming!
Front Porch in Wyoming

Irgendwann fange ich an, mir die wenigen Autos zu beschauen, die ich passiere. Hier sind sogar die Pfertrailer allerschönste Silverliner. Und schnell stelle ich fest: Mit meinem Gefährt ist man hier zwar nicht unbedingt untermotorisiert aber bei den „Großen“ könnte man jetzt auch nicht unbedingt mitspielen. Alles – aber auch wirklich ALLES – was hier rumfährt ist ein Pick-Up. Die Meisten mit Double-Cab, ein großer Teil sogar mit Zwillingsbereifung. Jeder zieht irgendwas irgendwo hin. Pferdetrailer. Viehtrailer. Wohnwägen. Werkzeug.

Ein Gespann soll mir später besonders in Erinnerung bleiben (leider kam es mir entgegen, weswegen ich die Kamera nicht schnell genug im Anschlag hatte). Das Zugfahrzeug: Ein GMC Truck mit Zwillingsreifen und Schwerlast-Anhängerkupplung. An Selbiger hängt: Ein RV – mit ausfahrbaren Seiten versteht sich. Daran wiederum hängt: Ein Trailer mit einem Boot drauf. Und daran wiederum befestigt: Ein Kleiner SUV. Und auf dessen Anhängerkupplung noch 2 Fahrräder. Das ganze Gespann ist länger als der Triple-FedEx von Tag 1. Ich nicke anerkennend. Der Fahrer muss beim Anhängerführerschein besonders gut aufgepasst haben. Respekt, wenn der DAS Ding irgendwo knitterfrei hinrangiert bekommt.

Allerdings: Wo ich hier so durch die Gras gewordene Einsamkeit fahre und nur alle paar Minuten an einem Haus oder Hof vorbeikomme, wird mir schon auch irgendwie klar, warum die Amis alle so Monster-Kühlschränke haben, die bei uns locker als Kleiderschränke durchgehen würden (für eine 3 köpfige Familie versteht sich), Autos fahren die bei uns eine Kleintransporter-Zulassung brauchen und Cerealien in Säcken kaufen, in denen bei uns Blumenerde vertrieben wird.

Wenn Du halt wirklich hier am Arsch der Heide wohnst, wo sich Fuchs und Hase wahrscheinlich das ganze Jahr nicht begegnen, der nächste größere Supermarkt mindestens 90 Min. Fahrt weit weg ist – dann machste Deine Einkäufe wahrscheinlich eher Monatsweise statt Wochenweise….

Irgendwann, ziemlich zu Beginn der Fahrt durchquere ich einen Ort Namens „Otto“. Er ist ebenso nichtssagend wie die 5 Orte davor und die 3 danach – nur bleibt mein Blick hier am Ortseingang kurz hängen. Es ist wohl Usus, ein Schild aufzustellen, dass sowohl die Anzahl der Bewohner als auch die Höhe über dem Meeresspiegel angibt. Derlei habe ich die letzten Tage schon viele gesehen. Aber heute staune ich angesichts der Zahl, die neben „Population“ steht. 50..?! Ernsthaft? WOW!

Ich fange an mich zu fragen, was man den ganzen Tag tut, wenn man hier wohnt – und um einen rum nur 49 Andere…?

Ich meine – gut und schön: Im Sommer n bisschen Farmarbeit, in der Sonne auf der Veranda sitzen und in die Berge schauen, n bisschen fischen gehen, vielleicht reiten – oder jagen. Whatever. Aber…. Im WINTER? Dunkel. Tonnenweise Schnee. Eine durchaus störanfällige Stromversorgung (Überland). Im Umkreis von 50 Meilen kein Pub. Kein Laden. Kein GAR NICHTS!!! Ich glaube hier kann man echt nur hinziehen, wenn man sich vom Rest der Welt absolut final und endgültig nur noch am Arsch lecken lassen will.

Gegen Mittag führt die Strecke durch den BigHorn National Forest. Hier gibt es dann doch wieder einiges auf die Augen. Immer höher schraubt sich die Straße ins Gebirge – mal entlang von senkrechten Steinformationen, dann wieder über lange, bewaldete Plateaus.

Big Horn National Forest
Big Horn National Forest with Pick-Up

Die Gegend ist malerisch – und sehr abwechslungsreich. Ebenso wie Ihre Warnbeschilderung. Alle Nase etwas Neues, auf das ich Acht geben soll. Erst Elche. Dann Büffel. Dann Rehe. Dann Bären. Und dann warnt ein Schild sehr eindrücklich vor Rowdies auf Schneemobilen.

Ich verbringe eine schnelle Mittagspause in „Buffalo“ bevor es auf der zweiten Streckenhälfte zum ersten Mal etwas sehr trist wird.

Buffalo Bill
Tristesse – mit Schuhen.

Die Stunden ziehen sich wie Kaugummi, die Landschaft ist mehr als eintönig und irgendwann wird sogar MIR einmal langweilig. Das soll sich auf dem letzten Drittel der Strecke allerdings nochmal ändern. Zunächst einmal in die wenig positive Richtung, denn hinter einer Ortschaft Namens „Gilette“ wohnt die Armut.

Auf den Hügeln zu beiden Seiten: Runtergerockte Trailer und endlose Junk-Yards soweit das Auge reicht. Hunderte. In jedem „Vorgarten“ die gleiche traurige Mischung aus längst geschlachteten und vergessenen Schrott-Karossen, zerbrochenen Plastikmöbeln, wehenden Planen und säckeweise Müll, den vermutlich nie jemand wegbringen wird.

Es fällt mir schwer, das überhaupt noch als Behausungen zu bezeichnen. Eigentlich sind es nicht mehr als Müllhalden mit Schlafgelegenheit. Wie kann man so leben? Es ist schon erstaunlich, was Langeweile, der Mangel an Geld & Hoffnung und vielleicht ein bisschen Meth (nur geraten) aus einem Leben und einem Vorgarten machen können. Wobei…. Vielleicht ist das bei uns auch so? Nur fällt das womöglich hinter den geschlossenen Türen von Platten- und Sozialbauten weniger auf als unter freiem Himmel auf etlichen Hektar Land.

Die Gedanken beschäftigen mich so lange, bis hinter einer lang gezogenen Rechtskurve endlich das „Devils Tower Monument“ vor mir empor ragt.

Devils Tower National Monument

Gleich dahinter liegt mein Ziel: Hulett. Ein winziges Nest in dem die Uhren irgendwie vor langer Zeit stehen geblieben sind. Ich bringe schnell die Koffer ins Hotel und nehme den wirklich winzigen Ort bei einer Freiluft-Jogging-Runde in Augenschein. Das hier ist eindeutig irgendwas zwischen gruselig und malerisch zugleich.

Hulett
Hulett
Hulett

Man darf nicht vergessen: Die haben das nicht nur als schöne Kulisse aufgebaut weil ich hier heute nächtige… Nein..! Die. Wohnen. Hier. So. Und zwar: IMMER!

Hulett

Den Abend verbringe ich heute mal „draussen“. Ich habe auf meiner Erkundungstour einen Saloon entdeckt. Und den will ich heute Abend mal näher in Augenschein nehmen. Ich stehe – etwas hin und hergerissen – draußen vor der Tür und beschaue mir den Laden. In meinem Kopf sind sie wieder da – die bärtigen Cowboys in knackigen Jeans, mit Flanellhemd, Bart und frischem Aftershave. Da fällt mir auch direkt mein Gedanke von Vorgestern mit dem Chevy und dem Durchbrennen wieder ein…

Jedoch – Bei genauerem Hinsehen muss ich leider feststellen: Sowas runtergekommenes wie die Fassade dieses Ladens hab ich lange nicht gesehen.

The Saloon

Zusammen der abblätternden Farbe und dem runtergekippten „O“ im „Saloon“ macht sich auch der Gedanke an die Cowboys aus dem Staub (Else macht dazu ein Geräusch, als würde Luft aus einem Luftballon entweichen). Ich zögere einen Moment ob ich da überhaupt reingehen soll. Das Ding sah aus der Ferne irgendwie besser aus… Aber tun wir das nicht alle?

An der Tür fällt mein Blick auf ein Schild. Es verspricht: „Drinks, colder then your Ex´s heart.“ Mit dem Humor haben sie mich und ich betrete die Bar. Noch im Türrahmen schlägt mir die angenehm miefig dunkle Atmosphäre entgegen, die solchen Etablissements immer so herrlich eigen ist. Eine Handvoll Köpfe an der Bar dreht sich neugierig zu mir um – leider keine Cowboys. Ich grüße in die Runde, klettere auf den erstbesten Barhocker, bestelle ein Bier und komme nur kurz dazu, die Atmosphäre in mich aufzusaugen bis ich bereits vom anderen Ende des Tresens mit Fragen bombardiert werde. Zumindest bis der Barkeeper scherzhaft für Ordnung sorgt. Es sind alles Einheimische hier (Die Touries gehen wenn überhaupt wohl eher oben in den Golf Club). Man kennt sich untereinander, sowohl beim Namen als auch bei den Trinkgewohnheiten.

Die Unterhaltungen sind gut, das Bier eiskalt, der Whiskey lange gereift, man darf sogar drinnen rauchen und es gibt gute Live Musik. Mehr kann man aus einem Abend am Ende der Welt eindeutig nicht machen!

Catch of the Day: Whiskey. Warmhearted.

Später werde ich noch von einem der älteren Farmer zum Tanzen aufgefordert. Ich liebe diese Kleinstädte. Gute Bars. Gute Live Musik. Man findet unfassbar schnell Anschluss. und kein Local würde Dich jemals für Deine Drinks selbst bezahlen lassen. Im Gegenteil – man muss die Jungs echt bremsen.

Und so wanke ich später sehr glücklich, mit einem halben ATÜ und 2 Whiskey zuviel auf dem Kessel die 200 Meter zurück ins Hotel. Was für ein wunderbar warmherziger Abend..!

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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