Später am Tag braucht es ein Weilchen, bis ich nach dem Endorphin-Schub vom Vormittag wieder einigermaßen zu Verstand gekommen bin. Der wird auch dringend benötigt, denn es brauen sich bereits die nächsten Schwierigkeiten zusammen.
Tim muss sich wegen privater Verpflichtungen leider schon am frühen Nachmittag samt Fahrzeug ausklinken – und ich muss mich umgekehrt in die organisatorischen Komplikationen des Rücktransports für mein Fahrzeug einklinken. Wie sich rausstellt ein Vorhaben für Fortgeschrittene.
Heimfahrt auf eigener Achse fällt ja aus. Hier teilen sich die Expertisen zwar zunächst in zwei Lager (geht / geht nicht), aber das Risiko auf halber Strecke an der Autobahn, in der Nacht, im großflächig angesagten schweren Gewitter und dann mit einer heiß gelaufenen oder infolgedessen sogar gerissenen Antriebswelle (samt Folgekosten) komplett liegenzubleiben, ist mir dann doch einfach zu groß. Wie befürchtet fällt mein gedanklicher Rettungsanker, der Truck des Rennteams, leider ebenfalls aus – es ist schlicht kein Platz mehr frei. Bleibt also wirklich nur noch der ADAC… Dieser wird dann auch umgehend verständigt und verspricht, bald da zu sein um das Auto zu verladen und nach München zu transportieren. Die Angabe zur Wartezeit beträgt in diesem Moment schlicht „Bald – so in etwa 30 Minuten“. Da heißt es jetzt wohl „Abwarten und Tee trinken“….
Dieses „bald“ soll sich schlussendlich als eine sehr optimistische oder gar völlig realitätsfremde Schätzung entpuppen. Der Nachmittag zieht ereignislos vorbei. Mittlerweile sind knapp 3h vergangen, jedoch ohne, dass ein Abschlepper auf den Hof gefahren wäre. Ein erneuter Anruf bringt wenig Erbauliches, dafür aber eine große Hand voll schlechter News (genau DAS brauch ich ja dringend *NICHT*): Es gäbe keine Kapazitäten mehr für einen Transport nach München – nicht heute und absehbar nicht in den nächsten *festhalten* 4-5 Wochen (!). Das Auto müsse vorerst hier in einem (offenen) Zwischenlager bleiben. Ohne abschließbare Box. Ohne Überdachung. Ohne mich. Dafür aber mit der für mich wenig erbaulichen Aussicht darauf, dass irgendein mir unbekannter Schrottschubser das Auto dann irgendwann bewegen und verladen muss. Überflüssig zu sagen, dass ich zum zweiten Mal an diesem Tag meinen Ohren nicht traue und spontane Schnappatmung bekomme – nur eben keine von der guten Sorte. Ich bemühe mich, nicht zu hyperventilieren, aber mein dezent verzweifeltes „das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein“ wird mit nicht mehr quittiert als einem kurzen, emotionsbefreiten, einsilbigen und finalem „Sorry“.
Zum zweiten Mal innerhalb von 36 Stunden rutscht meine Laune ungebremst ins 3. UG. In Ermangelung irgendeiner Alternative verbleibe ich mit dem Herrn am Telefon wenigstens so, dass ich den Wagen selbst noch ins Zwischenlager bringe. Das ist nur eine handvoll km entfernt und so spare ich mir wenigstens einen Ver- und Abladevorgang durch einen Fremden. Mit hängendem Kopf begebe ich mich zum Parkplatz, knibble traurig die Start-Nummer von meinem eingesauten Totalversager, mache noch gefühlte 100 Bilder aus allen Perspektiven, um bei eventuellen Transportschäden wenigstens gewappnet zu sein und mache mich auf zum Zwischenlagerplatz.
Hier erwartet mich bereits ein sehr freundlicher Mitarbeiter, dem mein Fall während seiner Rufbereitschaft zugetragen wurde. Ich nehme 2 dezent in die Höhe gezogene Augenbrauen war, als ich auf den Hof fahre. Offensichtlich hat man ihm nicht gesagt, was für ein Auto er zu erwarten hat. Die Augenbrauen rutschen sogar noch ein wenig mehr in Richtung Stirn, als ich mich aus dem Auto schäle (Wie immer etwas ungelenk durch den eher knapp bemessenen Raum zwischen Lenkrad und Schalensitz). Neben der offensichtlichen Verwunderung meine ich aber auch so etwas wie ein Lächeln und ein kurzes, anerkennendes Kopfnicken zu erhaschen. Aha..! Ganz offensichtlich haben wir es hier mit einem Liebhaber für Sportwagen aus dem Zuffenhausener Traumwerk zu tun. Was soll ich sagen – wenn ich eine Chance wittere, dann versuche ich sie auch zu ergreifen….
Es folgt eine kurze, aber überraschend herzliche Begrüßung bevor wir das Auto im Zwischenlager verstauen. Der nette Herr zögert nicht, mir einen Platz im abgeschlossenen Bereich zuzuweisen. Doch trotz dieser kleinen Maßnahme zur Erhöhung der Sicherheit kann ich den kleinen mulmigen Klumpen in meiner Magengegend deutlich spüren, was (neben meinem unübersehbar sehr trüben Gesichtsausdruck) dem Herrn vom ADAC offensichtlich nicht verborgen bleibt. Wir begeben uns ins Büro, um den Papierkram fertig zu machen. Auf meine Nachfrage, wie es jetzt weitergeht bekomme ich einmal mehr die wenig erbauliche Antwort, dass ein Großtransport nach München wohl noch etwas auf sich warten lassen wird. Auch hier stehen wieder die 4-5 Wochen Wartezeit im Raum. Aber ich bin einfach noch nicht geneigt aufzugeben. Von wegen Chancen und so….
Wenngleich ich diese Karte ebenso ungerne wie selten spiele und daher etwas ungeübt bin, setze ich meinen allerbesten Dackelblick auf bei der Frage, ob man hier nicht irgendetwas tun könne, um den Transport nach München zu beschleunigen. Ich habe wenig Hoffnung und umso erstaunter bin ich, als der Herr mich eine Weile schweigend ansieht, kurz nachdenkt und sich dann mit den Worten „Lassen sie mich kurz ein paar Anrufe machen“ entschuldigt. Als er das Büro wenige Minuten später wieder betritt, schöpfe ich Hoffnung – angesichts des breiten Grinsens, diesmal auf seinem Gesicht. Ich täusche mich nicht und werde belohnt: Er hätte Glück gehabt und einen Einzeltransport für meinen Wagen organisieren können – und diesen sogar schon in 3 Tagen. Ich muss mich zusammenreißen, nicht durchs Büro zu hüpfen oder ihm gleich um den Hals zu fallen. Stattdessen räuspere ich mich und bedanke mich herzlich. Mein Strahlen reicht vom linken zum rechten Ohr und mir fällt ein riesen Stein vom Herzen. Auch der unnachgiebige Klumpen Sorgen in meinem Magen beginnt sich aufzulösen. Diese absolut echte Erleichterung bleibt meinem Gegenüber nicht verborgen – und auch er strahlt. Draußen hupt mein Rückfahrticket in Gestalt eines Mechanikers im Werkstatt-Transporter – keine Minute zu früh. Der Händedruck zur Verabschiedung fällt sehr viel herzlicher aus als üblich und ich verlasse das Büro – zum zweiten Mal an einem Tag mehr als erstaunt über die Hilfsbereitschaft eines Fremden.
Zurück an der Rennstrecke konstatiere ich: Das Auto ist aufgeräumt – aber was ist mit mir? Ich selbst habe ja auch noch keinen Schleudersitz für meine Wenigkeit klar gemacht. Wird allerhöchste Eisenbahn, denn es ist bereits spät am Nachmittag, die Temperaturen unerträglich drückend sodass Fahrer und Autos mitunter bereits die weiße Flagge gehisst haben.

Viele meiner Club-Kameraden sind bereits abgereist und die, die noch da sind, verstauen ihr Hab und Gut in den durchaus überschaubaren Gepäck-Kapazitäten Ihrer Fahrzeuge. Das bringt mich ganz nebenbei zu der Erkenntnis, dass meine Ausrüstung, mein Koffer und ich voraussichtlich getrennte Heimwege nehmen werden. Denn selbst wenn jemand Platz für mich in einem der verbleibenden 11er hat – Mein Zeug wird er nicht mehr unterbringen. Die Lösung dieses Problems nimmt jedoch nicht besonders viel Zeit in Anspruch, denn ein Plätzchen für mein Gepäck ist schnell organisiert – dafür ist noch ausreichend Platz im Truck.
Auto erledigt. Gepäck erledigt. Bleibe also nur noch ich selbst, um die ich mich kümmern muss. Aber bevor ich das tue, brauche ich erstmal ein Bier! Der Tag war lang, aufregend, herausfordernd und absolut anstrengend, die begleitenden Temperaturen könnte man ohne Übertreibung als „tropisch“ bezeichnen und ich kann nicht umhin zuzugeben, dass ich absolut und komplett fertig bin.
Entsprechend herzhaft lange ich in die Kühltruhe, überlege kurz nach der alkoholfreien Varianten der Hopfenkaltschale zu greifen, entscheide mich dann aber doch für die Ausbaustufe mit Umdrehungen. Fahren muss ich ja heute wohl eher nicht mehr – und verdient habe ich mir das nach der heutigen Achterbahnfahrt, emotional wie körperlich, allemal. Der erste, eiskalte Schluck ist einfach nur göttlich und es dauert nicht lange bis sich meine Lebensgeister wieder zu Wort melden.
Neben mir steht auf einmal – ebenfalls mit einem Bier bewaffnet – Frank*, ein unerschütterlicher Haudegen, Rennfahrer im Ruhestand und außerdem einer meiner liebsten Clubkameraden. Sein Tracktool wird soeben in den Team-LKW verladen und sein – nennen wir es – „Alltags-Gefährt“ wartet gerade geduldig darauf, dass der Weg aus der Box frei gemacht wird. Aktuell steht hier noch ein anderes Fahrzeug beim Räderwechsel im Weg. Die Zwangspause nutzend, schwatzen wir ein wenig über den Tag und mein Unglück bevor Frank mir ohne jedes Zögern anbietet, mich mit nach Hause zu nehmen. Somit hat mein „Notfallplan“ auf einmal bemerkenswert wenig mit „Not“ zu tun als sich rausstellt, dass mein heutiges Taxi nichts weniger sein wird als ein Porsche 911 GT3! In Frank-typischem Feuerrot scheint er beinahe ungeduldig darauf zu warten, auf der Autobahn das Ende der Nahrungskette markieren zu dürfen.

Trotz meiner körperlichen bestenfalls noch fragwürdigen Konstitution macht mein Herz Freudenstolperer, als ich mich in die skeletthafte Sitzschale aus Voll-Carbon sinken lasse, wo ich mich kurz mit dem 6 Punkt-Gurtsystem um etwas Platz zum Atmen streite, bevor Frank die 6 Zylinder flutet und wir den Lausitzring verlassen.
Die Fahrt lässt sich erwartungsgemäß freudvoll an. Leider hält dieser Zustand nur eine knappe Stunde bevor wir gezwungen sind uns, noch vor Chemnitz, hinten an einem Stau anzustellen. Hier verbringen wir mangels Ausweichroute alternativlos die nächsten gut Anderthalb Stunden, während sich das Tageslicht langsam hinter den Hügeln verabschiedet. Als wir das Nadelöhr (in Form eines Massenchrashs) endlich passiert haben, sind uns nur wenige Minuten freier Fahrt vergönnt, bevor der Himmel seine Pforten öffnet und sich das angesagte, schwere Gewitter über uns ergießt. Üblicherweise kein allzu großes Hindernis für einen mehr als geübten Kutscher wie Frank – aber mit ostdeutschen Spurrillen und Track-Reifen (aka Semi-Slicks) durchaus etwas, mit dem nicht zu scherzen ist. Da hat der Spaß ganz schnell ein Loch, wenn man das Gaspedal nur ein wenig schief anschaut. Ergo: Wieder nichts mit dem ersehnten Tiefflug. Der Regen weicht uns bis Bayreuth nicht von der Seite und so langsam haben Fahrer & Beifahrer nach zwei weiteren Stunden Schleichfahrt die Schnauze gestrichen voll. DAS ist ECHT keine artgerechte Haltung eines solchen Gefährts. Aber bei Pegnitz zeigt Petrus endlich erbarmen, der Regen verzieht sich, die Straße trocknet ab und Franks rechter Fuß kann endlich das tun, womit er lange Zeit für Frank die Brötchen verdient hat: Tanzen mit dem Gaspedal.
In einer röhrenden Symphonie explodiert die Freude über den griffigen Straßenbelag aus den sperrangelweit offenen Klappen der guten Akrapovic, als die 510PS des hungrig und frei ansaugenden 4-Liter-Herzens ungestüm durchs weit hochgezogene Drehzahlband hämmern. Völlig ungehemmt werden mir hier mit weniger als 11 Sekunden von 0 auf 200km/h die traurigen Anteile des Tages aus dem Gedächtnis geföhnt. Zurück bleibt nichts als absolute Glückseligkeit. Nur das ortsansässige Federvieh tut mir ein wenig leid. Hier werden sicher ein paar Vögel Morgen mit einer leichten Desorientierung zu kämpfen haben, nachdem sie zu dieser unchristlichen Zeit in derart akustischer Formvollendung aus dem Nest trompetet werden.
Aller Freude zum Trotz fordert der Tag langsam seinen Tribut und mir werden, eingelullt ins gleichbleibend herrlich sonore Getröte und festgehalten von der Vielzahl der Gurtstrippen, die Lider schwer. Es dauert nicht lange bis ich hinabgesackt bin in ein friedliches Kurzzeit-Schläfchen. Frank traut seinen Augen nicht. Scheint in diesem Gefährt und bei den vorherrschenden Dezibel nicht allzu oft vorzukommen, dass der Beifahrer ein entspanntes Nickerchen macht. Konstant lächelnd noch dazu, wie mir hinterher berichtet wird. Aber hey – alles eine Frage des Blickwinkels: Was dem Einen die nächtliche Ruhestörung in finaler Ausbaustufe sein mag, gereicht dem Anderen als durchaus brauchbares Schlummerlied.
Es ist weit nach Mitternacht, als ich meine Wohnungstür aufschließe. In dieser Nacht bin ich zu absolut nichts mehr zu gebrauchen. Dusche? Sicher nötig – aber ebenso sicher nicht mehr heute, und wenn ich die Bettwäsche Morgen verbrennen muss. Zahnbürste? Drauf geschissen.
Ich schaffe es gerade noch, mich quasi im Laufen auszuziehen und meine Klamotten im Flur zu verteilen, bevor mein Gesicht das Kissen berührt. Das Verkehrsrauschen vor dem offenen Fenster ist zwar ein nur bedingt brauchbarer Ersatz für die Klangkulisse der letzten Stunden, doch Elses Beschwerden darüber höre ich nichtmal mehr.
What a remarkable weekend…! Nicht unbedingt in jeder Hinsicht schön, aber absolut und 100% #MEMORABLE
* Name natürlich wieder von der „Redaktion“ geändert.