Am nächsten Morgen herrscht Totensonntag – zumindest, was meine Stimmung betrifft.    

Das Ende des gestrigen Tages hat nämlich nicht nur ausgereicht, um selbigen retrospektiv vollumfänglich zu ruinieren, sondern den Heutigen (und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch die Kommenden) gleich mit.

Nach der Entdeckung der schwarzen Flecken mache ich mich erstmal auf die Suche nach einer Taschenlampe. Eine Solche ist schnell gefunden und wird, samt zwei Mechanikern, postwendend wieder zum Auto geschleppt. Bei der Sichtprüfung von außen bestätigt sich mein Verdacht: „Jepp – das sollte so nicht sein“ konstatiert einer der Beiden, während der Andere schon – gekrümmt wie ein Erdnussflip – unter meinem Auto liegt, den Kopf hinter mein Rad geschoben. Als er wenige Augenblicke später wieder zum Vorschein kommt und sich aus der unbequemen Betonpose aufrichtet, kann ich das Ergebnis der schnellen Untersuchung bereits sehen, bevor das erste Wort seinen Mund verlässt: Eine pechschwarz verölte Hand ziert das Ende seines Arms – und markiert gleichzeitig das jähe Ende des gesamten Wochenendes, noch bevor es eigentlich richtig angefangen hat.

Die schnelle Diagnose: Die Manschette der vorderen, linken Antriebswelle ist gerissen und hat Ihren schmierigen Inhalt schamlos auf die Innenseite meines Vorderrads, die Bremsanlage und den Unterboden verteilt. Schadensursache: Vorerst unbekannt, aber wir tippen auf Altersschwäche des Gummis. Schadenszeitpunkt: Fraglich – aber in dem Moment bin ich sicher, dass der Moment, in dem mein Auto bei dem Bremsmanöver auf der Autobahn so stark verzogen hat, der gewesen sein muss, in dem das Öl auf der linken Bremsscheibe gelandet ist. Das macht es zwar keineswegs besser, aber so lässt sich der Unglückszeitpunkt immerhin soweit eingrenzen, dass es max. vor 200km passiert sein kann. Mit etwas Glück ist die Welle also nicht komplett heiß gelaufen und nachhaltig beschädigt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Wagen nicht mehr bewegt werden kann. Weder in Richtung Heimat – geschweige denn Morgen auf der Rennstrecke.

Ich schließe die Augen. Daumen und Zeigefinder greifen wie im Affekt meine Nasenwurzel und hinter den geschlossenen Lidern rasseln umgehend Folge-Probleme, jede Menge Aufwand und noch mehr €-Zeichen leichtend rot wie die Buchstaben in der Matrix über den schwarzen Vorhang. Ich muss mich kurz zusammenreißen, um nicht das Heulen anzufangen. Was für eine Riesen-Scheiße..!!!! Ich schlage die Augen wieder auf, suche irgendetwas aufmunterndes – finde aber so rein gar nichts. Stattdessen glänzt die ölige, schwarze Masse auf der Hand des Mechanikers verräterisch im Schein der Flutlichtanlage.  

All das ist heute Morgen unverzüglich schon in der Sekunde des Aufwachens umgehend wieder präsent in meinem Kopf. Entsprechend niedergeschlagen stehe ich auf. Eigentlich weiß ich gerade nicht mal warum. Die Fahrerbesprechung um 8 Uhr hat ja nun für mich keine Relevanz mehr.

Der Kaffee schmeckt fad, die Zigarette verglimmt fast ungenutzt und die Dusche lasse ich einfach nur lustlos über mich ergehen. Am liebsten würde ich einfach meine 3 Sachen in den Koffer schmeißen und heimfahren. Aber aus bekannten Gründen geht das ja nun nicht. Ich konnte den Wagen zwar gestern noch die Handvoll Kilometer zum Hotel bewegen – aber nur mit 30 km/h und äußerster Vorsicht. Natürlich begann auch noch genau dabei ein leises Wummern an der Vorderachse zu ertönen. Kurzum: Die Kiste auf eigener Achse über 400km nach München zurückzufahren ist absolut ausgeschlossen. Heißt auch: Aktuell habe ich noch keine Ahnung, wie der Brüllkäfer oder ich die Heimreise antreten sollen. Ich hoffe noch auf einen Platz in den Renntrucks, bin aber wenig optimistisch, denn die waren ausgebucht. Damit das ein Szenario werden könnte, müsste jemand anderes sich bereiterklären mit seinem hochpreisigen und brettharten Spielzeug auf Achse heimzufahren und den Platz im LKW zu räumen. Unwahrscheinlich. Für den Moment muss ich den Wagen erstmal wieder zurück zur Rennstrecke bringen, damit man sich da um alles weitere kümmern kann.

Ich verlasse mein Zimmer. Irgendwo ist der Ruf eines Kuckucks zu hören – es ist ja sehr ländlich hier. Normalerweise freue ich mich über derlei Kleinigkeiten – aber heute scheint an dieser Front Hopfen und Malz verloren zu sein. Missmutig stapfe ich zum Auto. Über Nacht scheint hier ein ordentliches Unwetter über die Liegenschaft gezogen zu sein. Die Luft ist frisch – aber alles ist patschenass. Der Schotter ist durchzogen von großen Pfützen und als ich mich meinem Auto nähere trifft mich gleich der nächste Schlag: Das schöne, aufwendig gesäuberte, glänzende Schwarz ist komplett unter einer gelben Matsch-Kruste verschwunden. Entweder hat es so geplästert, dass das Zeug einen Meter hoch gespritzt ist, oder es kam gleich a la Sahara-Sand mit vom Himmel. Das Bild ist so unfassbar traurig – aber auch irgendwie so unfassbar passend: Da steht er nun, mein brauner, vollverdreckter Arbeitsverweigerer. Ich kann nicht anders, als in einen Lachflash auszubrechen. 

 

Eine weitere Fahrt wie auf rohen Eiern später bin ich um 07:30 wieder an der Rennstrecke. Ich habe beschlossen, die Fahrer- und Sicherheitsbesprechung nachher doch mitzumachen. Trotz der frühen Stunde herrscht bereits rege Betriebsamkeit in den Boxen. Um mich rum werden Autos startklar gemacht, Helme poliert und Bändchen ausgegeben. Die Stimmung ist erwartungsvoll, fröhlich und wie immer auch ein wenig angespannt. Ich selbst sitze beim Kaffee inmitten des frühmorgendlichen Trubels. Ich habe beschlossen: Wenn ich hier schon festgenagelt bin, kann ich auch einfach das Beste draus machen, mein Trübsal runterschlucken und vorübergehend in die Rolle des Boxenluders schlüpfen. Soweit zumindest mein Plan …. Doch auch Dieser soll wieder nicht aufgehen.

Auf einmal steht Stefan*, unser Sprotwart, vor mir – im Gepäck einen Fremden, der sich als Tim* vorstellt und eine mehr als große Überraschung vor mir ausbreitet: Tim ist ein alter Freund von Stefan und würde mir – bis dato absolut unbekannterweise – sein Auto zur Verfügung stellen. Er hat gehört, was mit meinem Wagen passiert ist, gestern noch mein trauriges Gesicht und die hängenden Schultern gesehen und möchte mir „einfach etwas Gutes tun“. Ich traue meinen Ohren nicht, halte das zunächst für einen Scherz und starre die Beide mit großen Augen und offenem Mund an.

Bei dem mir angebotenen Sportgerät handelt es sich um nicht weniger als ein Porsche 992 Turbo S Cabriolet. 650 PS. Von 0 auf 100 in 2,8 Sekunden. Leichtmetall-Schmiederäder mit Zentralverschluss. Bremsscheiben aus kohlefaserverstärktem Siliciumcarbid. Der Basispreis dieses Nobel-Hobels liegt weit jenseits der vollends absurden Marke einer Viertelmilliion Euro. Schon allein bei dem Gedanken daran, so ein Fahrzeug über den Track bewegen zu dürfen, bekomme ich spontanes Glücksstottern, Gänsehaut und Tränen in den Augen.

In meinem Kopf kreischen alle durcheinander. Else macht mal wieder einen auf schizophren. Einem ersten Impuls folgend lehne ich dieses beinahe unmoralische Angebot jedoch ab. (Ein Teil von mir hält es ohnehin immer noch für einen Scherz). Angesichts des „Nein!“, dass mir wie aus der Pistole geschossen aus dem Gesicht fällt ist es jetzt aber Stefan, der seinen Ohren nicht traut. Ich beginne einen wackeligen Versuch meine (rein Vernunft getriebene) Entscheidung zu begründen. Ich bin nun mal zu alt dafür, meinen Körper zu verkaufen, um die Rechnung zu begleichen, sollte ich das Fahrzeug versehentlich beschädigen oder – nicht auszudenken – gleich am Stück in die Leitplanke stopfen. Von derlei Bedenken wollen die beiden Herren allerdings mal so gar nichts wissen. Der Wagen sei versichert heißt es kurz und knapp – und man würde selbst im Falle eines Totalschadens keine Ansprüche an mich stellen. 

Ich komme nochmals ins Grübeln: Tim hat keinen Startplatz – ich wiederum habe einen, aber dafür kein Auto. Wir würden uns über den Tag und bei den Stints abwechseln – es wäre eine 100%ige „Win-Win-Situation“. Mein Blick schweift in Richtung seines Wagens, der mir enthemmt zuzuwinkern scheint. Der Anblick dieses Geschosses lässt das letzte bisschen Widerstand in Sekundenbruchteilen in sich zusammenschmilzen.

Ich schlage ein, falle Tim um den Hals und kann mein Glück ebenso wenig fassen wie diese absolut unglaublich großzügige Geste eines (mir bis eben noch absolut) Fremden. Die Beiden Jungs wiederum können gar nicht so schnell gucken, wie ich zu meinem Auto hechte, meine Tasche mit der Ausrüstung vom Beifahrersitz reiße, mich in meinen Rennanzug schäle und hastig am Helm nestelnd wieder in die Box stolpere.

Wie gut, dass ich heute Morgen doch an der Fahrerbesprechung teilgenommen habe. Wie Oma schon immer sagte: „Wer weiß, wofür es gut ist!“.

„UND WIE GUT DAS IST“ jauchzt Else, tief vergraben unter Helm und Sturmhaube, als ich wenige Augenblicke später beim Verlassen der Boxengasse zum ersten Mal das Gaspedal in dem brachialen Teilchenbeschleuniger Richtung Boden drücke. Augenblicklich pumpen alle verfügbaren Drüsen literweise Endorphine und Adrenalin in meine Blutbahn.

Dieses Gefühl ist mit Worten einfach nicht zu beschreiben – und ich weiß einmal mehr sehr genau, dass sich genau hier, genau jetzt einer dieser „Take-Away-Momente“ auf meiner inneren Festplatte einbrennt.

Danke Tim! Das werde ich Dir niemals vergessen…!

*to be continued

*Namen von der „Redaktion“ geändert

 

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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