Es ist Freitag, der 28. Juni. Tagsüber reiht sich ein Meeting an das Nächste. So kommt es, dass sich mein schöner Plan vom frühen Feierabend bereits am Vormittag schneller in Luft aufgelöst hat, als ich *piep* sagen kann. Dabei hätte ich die Extra-Zeit am Nachmittag wirklich gut gebrauchen können ….

Auf der gestopft vollen ToDo Liste finden sich neben den Freitäglichen Standards wie Einkaufen etc. heute nämlich noch ein paar weniger übliche Kandidaten, denn Morgen geht es übers Wochenende an den Lausitzring.

Es ist Trackday Time!!! Dazu kommt flankierend das Sommerfest unseres Porsche Clübchens vor Ort. Heißt in der Zusammenfassung: Boliden, Bier und Bratwurst! Meine Vorfreude ist entsprechend groß und kaum zu bremsen.

Damit da aber ein formschöner Schuh draus wird, wollen nicht nur Overall, Helm, Hans und Co eingepackt werden – sondern das entsprechende Transport-Gerät auch noch hergerichtet werden. Quasi Waschen / Föhnen  / Legen für meinen Brüllkäfer. Wenn wir schon nicht mit Wert oder Performance der Anderen mithalten können, wollen wir wenigstens ein brauchbares Bild abgeben. Frei nach dem Motto „Gut aussehen muss nur, wer sonst nix kann“ 😊 Somit stehen also noch ein wenig Fahrzeugpflege und kleine Wartungsarbeiten auf dem Programm: Handwäsche, Scheiben putzen, Wischwasser auffüllen, Ölstand & Reifendruck optimieren, GoPro ausrichten – son Zeug halt.

Und da Gut Ding eben Weile haben will, ist es schon spät, als ich mein Gefährt frisch gewaschen und glänzend in der Garage abstelle. Leider kann man letzteres von mir an diesem Abend nicht mehr unbedingt behaupten. 

Das graue T-Shirt klebt fleckig durchgeschwitzt an meinem Körper. Mein Haargummi müht sich verzweifelt, den kümmerlichen Rest meiner Haare zusammenzuhalten, der mir nicht in wirren Strähnen quasi senkrecht vom Kopf absteht.

Ein schwarzgraues Gemisch aus Bremsstaub, Scheibenreiniger, Öl und anfermentierten Insektenleichen verziert in schwarzen Spritzern und Striemen unterschiedlicher Breite alles, was nicht von Shirt & Short verdeckt wurde  – Gesicht inklusive (nur mischen sich hier noch kleine Schweiß-Rinnsale in das ohnehin schon bemerkenswerte Fleckwerk). Kurzum: Ich sehe aus wie eine Sau – und zwar im Endstadium.

Herrje! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich zuletzt so sehr auf eine Dusche gefreut habe! Das Wohlgefühl, als ich später frisch frottiert ins Bett falle, ist mit Worten kaum zu beschreiben.

Der nächste Morgen startet bombastisch: Die Sonne scheint und ich mache mich bestens gelaunt auf in Richtung Norden, in der Hand einen eiskalten RedBull – auf den Ohren eine Symphonie aus Indie-Rock und herrlichem Boxer-Geröhre. Die ersten Stunden und Kilometer fliegen nur so an meinem Fenster vorbei. Es herrscht wenig Verkehr und die linke Spur erlaubt das gelegentliche Durchtreten des Gaspedals in Richtung Bodenblech, was jedes Mal umgehend und lautstark aus den sperrangelweit geöffneten Klappen meiner Sport-Abgasanlage quittiert wird und mir ein breites Grinsen ins Konterfei zeichnet.

Kurz vor Chemnitz verlasse ich auf Ansage des Navis die Autobahn um einen kleinen, minimal kürzeren, ländlichen Bypass zu nehmen. Hier ist jetzt deutlich zu spüren, dass der Soli noch nicht alle Gebiete der neuen Bundesländer erreicht und saniert hat. In den winzigen, zumeist menschenleeren Ortschaften sind Häuser, Höfe und Straßenbelag gleichermaßen verwittert. Schlaglöcher in der Größe von Wagenrädern bewegen mich zu einem leichten Dauer-Slalom. Dazu kommen Hundertschaften von keinen Teerflecken die, mal mehr mal weniger, hoch auf dem Asphalt aufbauen – Wohl ein ebenso kläglicher wie verschämter Versuch, aus dem Lochfraß wieder sowas wie eine Straße zu basteln. Es sei gesagt: Wenn das das Ziel war, wurde es weit verfehlt.

Mein Fahrwerk leistet Schwerstarbeit bei dem Versuch, den tiefliegenden Unterboden am Aufsetzen zu hindern. Um Ähnliches bemüht sich auch mein BH – leider weit weniger erfolgreich. Jetzt bin ich obenrum nun schon echt überschaubar ausgestattet – aber sogar das bisschen Oberweite, das ich zu bieten habe (und das eigentlich stramm unter den Hosenträgergurten festgezurrt ist) wobbelt sich ordentlich einen zurecht.

Als ich ein paar km später meine Reifen wieder auf die Bundesautobahn setze, muss ich (neben sofort besserem Bodenbelag) feststellen, dass sich Gestalt und Füllgrad der anderen Fahrzeuge um mich herum stark verändert haben. Ein Meer von Dachboxen und Fahrradträgern schiebt sich über die Autobahn. Die Dichte an Kombis, Bullys und kleinformatigen „People Movern“ hat deutlich zugenommen. An die Fensterscheiben drücken sich von innen – neben zumeist quengeligen Kindergesichtern – Koffer, Kissen, IKEA Taschen und aufblasbare Absonderlichkeiten aller Art. Aus beinahe jedem Fahrzeug scheint ein lautloser Hilfeschrei „Sind wir bald daaaa?“  zu entweichen und es ist nicht zu übersehen: Um mich herum rollt die erste Reisewelle der Sommerferien – und mit Ihr ein Haufen ungeübter Kutscher.

Kaum hat mein Hirn die Situation vollumfänglich erfasst, muss ich auch schon mitten in einem schönen Tiefflug das erste Mal herzhaft in die Eisen steigen, als so ein Sonntagsfahrer mit seiner ebenso untermotorisierten wie überladenen Urlaubsmühle auf einem der langen, 2 spurigen Abschnitte ungelenk hinter einem LKW ausschert – die Heckscheibe (und damit die Sicht nach Hinten – auf MICH) zugepflastert mit Luftmatratze und Bettzeug.

In dem Moment bin ich heilfroh, schon vor einer Weile auf die große Bremsanlage umgerüstet zu haben. Die 2×6 Kolben an der Vorderachse beißen zwar gewohnt herzhaft zu, aber die Verzögerung fühlt sich merkwürdig an. Mein Hobel reißt einmal am Lenkrad, ruckt kurz aber kräftig zur Seite und hinterlässt mich für einen Augenblick sehr verwundert. Die nächsten km achte ich also mehr als genau darauf, ob sich weitere heimliche Seitwärtsbewegungen einschleichen, aus denen ich einen Reifenschaden ableiten könnte – aber es ist nichts festzustellen. Und so schiebe ich das merkwürdige Benehmen meines fahrbaren Untersatzes für den Moment auf die nach wie vor überschaubare Beschaffenheit des Untergrundes – muss ne Spurrille oder sowas gewesen sein. Wie sehr ich mit dieser Einschätzung daneben liege, soll sich mir erst Stunden später offenbaren……

Der Rest der Fahrt vergeht unaufgeregt und am frühen Nachmittag erreiche ich mein Ziel: Den DEKRA Lausitzring. Die Sonne brennt mittlerweile sehr ungnädig vom Himmel, für den Check-In im Hotel ist es noch viel zu früh – und so beschließe ich kurzerhand, mir noch die P9 Challenge auf dem Ring anzuschauen.

Ein paar meiner Clubkameraden sind auch schon etwas früher angereist und so dauert es nicht lange, bis wir – ausgestattet mit VIP Tickets vom Veranstalter – auf dem Grid und in der Startaufstellung umhermarschieren. Wie üblich durchflutet mich jedes nur erdenkliche Glückshormon, was der Blutkreislauf mobilisieren kann und wie ebenso üblich bekomme ich die Kinnlade kaum noch nach oben. Was sich hier an Fahrzeugen in Aufstellung befindet, ist von jeher dazu geeignet, mir Freudentränen in die Augen (und Ohren) zu treiben.

Den Start verfolgen wir aus der Boxengasse und trollen uns in Richtung Restaurant-Terrasse um den Rest des Rennens bei ein paar Kaltgetränken zu verfolgen. Das Maß an absoluter Zufriedenheit steigt proportional mit dem dB-Pegel zwischen den Tribünen. Was für ein herrlicher Nachmittag…!

Wenig später ist es Zeit für den Check-In im Hotel und so mache ich mich vom Infield wieder auf in Richtung Parkplatz. Der Planet brennt mittlerweile allerdings so derart vom Himmel, dass ich Sorge habe, mein Auto könnte in den letzten 2 Stunden zu einer kleinen schwarzen Pfütze zusammenschmolzen sein. Meine Sorge erweist sich als unbegründet: Ich finde meinen Boliden noch in feststofflicher Gestalt vor – allerdings sind Blechkleid und Innenraum so unfassbar heiß, dass ich ihn weder anfassen, geschweige denn mich hineinsetzen kann. Sogar 10 Minuten später verbrenne ich mir immer noch ordentlich den linken Zeigefinger beim Griff am Chromverschluss der Gurtzunge. Den Alu-Schaltknauf bediene ich in Folge dessen mit etwas mehr Umsicht und bin froh, dass die Fahrt zum Hotel nicht allzu lange dauert.

Der unscheinbare, aber durchaus neuwertige und moderne, Kasten in dem ich mich für einen lachhaften Preis einquartiert habe, erwartet mich am toten Rand eines – wie es scheint – noch toteren Industriegebietes. Warum zur Hölle hat man hier so ein neues Hotel hingebaut? Größenwahn oder in der Erwartung einer industriellen Revolution? Anyway – Ich parke in bester US-Manier direkt vor meinem Zimmer, tippe den Code, der mir pünktlich und automatisch vorher per SMS geschickt wurde, ins elektronische Türschloss und stehe Sekunden später in Mitten eines flammneuen, großen Zimmers.

Breites Bett, raumbreite und  bodentiefe Fenster, Blick ins Grüne, eine kleine Küchenzeile, ein riesengroßer Kühlschrank und ein Tageslicht-Bad mit Regendusche, in der man ohne Probleme zu viert Tango tanzen könnte. Alter – ist DAS ein geiles Zimmer! Und das für einen lächerlichen Obolus von 50€ pro Nacht. Ich ärgere mich ganz kurz, dass ich im vergangenen Jahr mehr als das Dreifache für eine völlig abgewohnte Gruselbude 3 Ortschaften weiter ausgegeben habe, aber da das jetzt nicht mehr zu ändern ist verfliegt der Ärger auch genauso schnell wie er aufgebrandet ist. Ich weiß auf jeden Fall, wo ich ab jetzt immer einchecken werde, wenn ich in der Gegend bin.

Zu meiner großen Freude entdecke ich einen Wasserkocher und setze erstmal Kaffee auf. Eine kleine Pause, 2 Zigaretten und 2 Tassen Kaffee später stelle ich beim Blick auf die Uhr fest, dass ich langsam unter die Dusche muss, wenn ich nicht zu spät zu unserem Abendevent aka Sommerfest erscheinen will – und das will ich natürlich nicht. Also löse ich meinen durchgeschwitzten Kadaver vom Fensterbrett (ich bilde mir ein, dabei ein leicht feuchtes Schmatzgeräusch zu vernehmen) und begebe mich in Richtung Nasszelle. Draußen hat es 35 Grad, im Zimmer – dank der großen Fensterfront – auch nicht signifikant weniger, und so ist der kühle Strahl aus der Dusche ein absoluter Defibrillator für meine eben noch so trägen Lebensgeister. Da hier nicht mein Wasserzähler läuft, gerät das Ganze etwas außer Kontrolle und wird ein mehr als ausgedehntes Unterfangen, an dessen Ende ich frisch abgekühlt und hochmotiviert in meine Klamotten steige.

Im Auto bin ich so schlau, mir nicht wieder die Finger zu verbrennen und die kurze Fahrt zurück zur Rennstrecke vergeht ohne weitere Brandblasen. Ich stelle den Wagen direkt hinter der Boxengasse ab – von Weitem winken schon die Jungs, aus den Trucks des Rennteams tönt Musik und der Grill läuft bereits auf Hochtouren. Die Stimmung ist mehr als ausgelassen. Ich atme tief ein, dankbar darüber hier zu sein. Ich schließe meinen Wagen ab, überquere breit grinsend den Parkplatz, auf dem sich schon zahlreiche Traumwagen tummeln, die es sich Morgen samt Fahrer auf der Strecke ein wenig besorgen werden, schnappe mir ein Getränk und mische mich unter meine Leute.

Hier ein Ratsch, da ein Schwätzchen und dort eine Fahrzeugbegutachtung. Wenn ich das könnte, würde ich die ganze Zeit durch die Zähne pfeifen – kann ich aber nicht – und beschränke mich so auf beinahe stetes raunen. Viele der hier stehenden Autos sind so etwas wie die in Blech gepressten Träume meiner schlaflosen Nächte – bei denen ich mir immer denke „Wenn ich mal groß bin…“, wohl wissend, dass ich seit gut 24 Jahren voll ausgewachsen bin.

Nach dem Essen machen sich Einige ans Aufräumen, die Techniker beginnen mit dem Aufbau von Leinwand und Beamer (heute Abend spielt Deutschland in der EM) und wieder andere (darunter auch meine Wenigkeit) müssen noch zum Meldecounter für Fahrer- und Fahrzeug-Check In. Nachdem ich allerlei Dokumente unterschrieben habe, halte ich einen Satz Sticker mit meiner Startnummer in der Hand.

Ich beschließe sie umgehend anzubringen – dann muss ich das nicht auch noch Morgen früh machen. Ich schnappe mir Lappen, Reiniger und Rakel, mache mich auf den Weg zurück zum Auto und mühe mich, die großflächigen Aufkleber möglichst gerade und ohne Lifteinschlüsse aufzubringen. Es gelingt mir nicht so Recht – die Dinger kleben wie Sau, ich hab zu wenig Hände um alle Kanten gleichmäßig zu verstreichen, der Rakel ist machtlos gegen die zahlreichen Blasen und ich will gerade anfangen zu fluchen als mein Blick auf mein linkes Vorderrad fällt und dort erschrocken hängen bleibt. Es dauert den Bruchteil einer Nanosekunde bis ich begreife, was ich da sehe…..

Auf dem frisch polierten Goldton meiner Felge ist ein Meer von dunklen Flecken zu sehen – manche mit Schlieren, wie von Regentropfen, die an einer Seitenscheibe langlaufen. Nur … gab es auf der Herfahrt keinen Regen. Nichtmal einen Tropfen. Wenn da also eine Sache nicht auf der Felge sein sollte, dann wäre das? Genau! Flüssigkeit.

Meine Alarmglocken beginnen hektisch zu schrillen, in meinem Kopf stöhnt Else ein leises aber äußerst gequältes „THE FUCK – NO!!“ und ich ahne, dass dieser Tag nicht annähernd so schön zu Ende gehen wird, wie er angefangen hat…..

*to be continued*

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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  1. Avatar von wilhelmlessmann

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