Der heitere Morgen versucht sich als Vorbote eines phantastischen Tages. Leider der Letzte, denn Morgen geht es wieder nach Hause. Aber daran wollen wir jetzt noch nicht denken.

Für den Moment genieße ich einmal mehr die Sonne, die ihre Strahlen mehr als großzügig über meinem Kopfkissen ausschüttet und mir damit schon gleich beim Aufwachen eine Extradosis Dopamin in die Blutbahn pumpt. Herrlich…! So schwingt man doch gerne die Beine aus dem Bett. Wenige Minuten später blubbert auch die Kaffeemaschine fröhlich vor sich hin und ich drehe bestens gelaunt eine Runde durchs Bad. Und während ich beim Zähneputzen noch denke „das wird mein Tag!“ hat mir der Zahnpasta-Vogel schon aufs T-Shirt geschissen. Doch bevor ich über meiner schaumverschmierten Schnute mit den Augen rollen kann, erinnert Else mich daran, dass es das olle Schlaf-Shirt ist – somit im wahrsten Sinne des Wortes „Drauf geschissen“ – DAS wird mir definitiv nicht die Laune versauen. 

Etwas mehr Potential zu Letzterem hat da durchaus der Blick in den Himmel. Während ich mit meinem Kaffee auf der Terrasse mein allmorgendliches Ritual samt einer Kippe durchziehe, hat sich irgendwie die Sonne verzupft und ein Grauschleier hat sich weitläufig über das eben noch so helle Blau gelegt. Am Horizont zeigen sich erste Wolken. Aber ich bin ja mittlerweile erprobt: Die Chance auf Überraschungen angesichts fortwährender Wetterumschwünge hat hier oben am Meer die Tendenz früh zu verschwinden. Da machen sich schon nicht mal mehr meine Mundwinkel auf den Weg nach unten, weiß ich doch, dass es in 2 Stunden eh wieder anders aussieht. Bis dahin muss ich nichts anderes tun, als mir eine windfeste Jacke für den geplanten langen Spaziergang rauszuholen.

Als ich gestern zum Hafen gelaufen bin habe ich oben in den Dünen einen Trampelpfad entdeckt nebst einem Schild, auf dem etwas von „Bunker Museum“ stand. Genau diese Route habe ich schon gestern als Halbtagswerk für den Vormittag auserkoren.

Wenige Minuten später stapfe ich wieder vorne zum Ausgang des Camps. Die anderen Bewohner sitzen wie üblich zahlreich bei Kaffee und Zeitung im Außen-Lounge-Bereich der Tagesbar und denken sicher, ich hätte irgendeinen schweren Schatten, so oft wie ich da vorne rausmarschiere um entweder zum Strand oder – wie gestern – zum Hafen zu laufen. Ein kurzes Nicken, ein fröhliches „Guten Morgen“ und ein paar schnelle Schritte später lasse ich den Parkplatz hinter mir und stehe alsbald am Eingang des Bunker Museums – vor meiner Nase ein großes Schild: Closed. Na wunderbar! Als ich gerade ein leises „Shit“ vor mich hinmurmeln will stelle ich jedoch fest, dass sich die Schließzeit nur und ausschließlich auf die Ausstellung innerhalb des Bunkers bezieht. Ergo: Das Museum selbst hat zwar zu, aber die „Bunker Route“ die sich einmal entlang der Dünen im Außenbereich befindet, ist offen und für Spaziergänger und Neugierige quasi immer zugänglich. Perfekt! Das interessiert mich sowieso mehr als das Museum selbst.

Ich stakse eine steile Treppe rauf, werfe einen Blick in einen vergitterten Korridor am Rand des Geländes. Ich hab keine Ahnung wo der hinführt – aber allein beim Anblick beschleicht mich schon ein mulmiges Gefühl.

Ich biege kurz dahinter auf einen Trampelpfad ein. Sofort umgibt mich lautstarkes Gemaule. Hier scheinen sich offenbar Heerscharen von Grillen durch meine Anwesenheit gestört zu fühlen. Das Zirpkonzert wirkt um diese Uhrzeit zwar etwas merkwürdig, lässt mich jedoch umgehend vergessen, dass ich eben erst von einer Straße hier eingebogen bin.

Der ausgetretene, sandige Weg führt leicht hügelaufwärts, zwischen dichten Grasbüscheln, hoch und hinein in die Dünenlandschaft. Außer mir scheint niemand hier zu sein. Es soll jedoch nicht lange dauern, bis dieses herrliche Gefühl von Ruhe abzurutschen droht in etwas weit weniger Schönes.

Ich hatte erwartet, hier, hoch oben über dem Meer, im absoluten Niemandsland auf ein oder zwei Quadratkilometern mit etwas Glück eine oder vielleicht zwei Ruinen vorzufinden – doch damit lag ich weit daneben. Kaum habe ich die ersten 50 Meter samt der ersten Anhöhe hinter mir gelassen, bleibe ich wie vom Donner gerührt stehen. Vor meinen Augen und Füßen erstreckt sich ein gänzlich unerwartetes Bild: Bunker! Nicht einer – sondern Viele. Und keine Ruinen – sondern alle weitestgehend intakt. Gekleidet in kaltes, schmuckloses Grauschwarz liegen die alten Stahlbeton-Kolosse inmitten von jeder Menge Gras und Grün. Wie in Lauerstellung kauern sie hier in den Hügeln, den Blick frei auf die Küste und den Strand. Der Kontrast von Weite und Enge könnte kaum größer sein.

Allein der Anblick strahlt sofort Dunkelheit und Kälte aus. Man hat fast den Eindruck, als würde schon der Beton allein alle Farben aus der Umgebung saugen. Das Grau des Himmels unterstreicht diesen Gedanken auf eindrucksvolle Weise. Beinahe augenblicklich beschlagen meine Unterarme in der Jacke (!) mit Gänsehaut. WAS für eine Szenerie.

Ich lasse mir einen Moment Zeit, den Anblick auf mich wirken zu lassen, in der Hoffnung, Gänsehaut und Störgefühl würden verschwinden. Sie tun es nicht. Also setze ich mich in Bewegung um den ersten Bunker etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Die meterdicken Wände und das große Loch an der Vorderseite lassen erahnen, dass hier in grauer Vorzeit einmal eine mindestens 30cm dicke Stahltür in den Angeln hing. Aus dem schwarzen Inneren dringt eine merkwürdige, muffige Kälte zu mir an die Schwelle. Sie mag zwar vielleicht nur Einbildung sein…aber hinein traue ich mich dennoch irgendwie nicht. Ich setze meinen Weg fort – immer höher in die Dünen. Ein weiterer Bunker duckt sich hinter wildes Gestrüpp.

Auch hier wieder: Stahl. Stein. Kälte. Dunkelheit. Es scheint fast, als würde das Gemäuer Licht ebenso absorbieren wie jedes Grad Wärme. Mir scheint auf den letzten Metern etwas Mut gewachsen zu sein, denn ich traue mich ein paar Schritte ins Innere. Graffitis und ein paar liegen gelassene Decken geben dem Gemäuer etwas merkwürdig zeitgenössisches, können jedoch nicht gänzlich darüber hinwegtäuschen, was das hier einmal war: Hide & Seek …. In der FSK 18 Version.

Am anderen Ende des Raumes: Ein weiterer gähnend leerer Türrahmen. Dahinter: Ein Gang – tiefes Schwarz. Davor: Eine Art Falltür. Gott weiß, was darin alles „gefallen“ ist. Um weiter in den Bauch der Bestie vorzustoßen fehlt mir nach wie vor der Mut. Ich habe das merkwürdige Gefühl hier nichts zu suchen zu haben. Im Eingang heult der Wind und pfeift meinen Hintern schleunigst wieder vor die Tür. Ich gehe rückwärts wieder hinaus und verlasse den Raum so wie ich ihn betreten habe – randvoll mit Beklemmung und einem Rauschen in den Ohren.

Gierig sauge ich draußen den Wind in meine Nase. Ich will eigentlich weiter, entdecke an der Seite aber einen weiteren, kleinen Pfad um den Bunker herum. Auf der Rückseite stelle ich fest: Hier kann ich aufs Dach klettern – was ich mir natürlich nicht entgehen lasse, bemüht mir nicht den Haxen oder schlimmeres zu brechen.

Oben angekommen bietet sich mir ein atemberaubender Blick weit über das Land, die Küste und den Strand. Wenn ich es könnte, würde ich durch die Zähne pfeifen. Zu meinen Füßen entdecke ich eine kreisförmige Betonplatte. Einkerbungen – zweifelsohne Haltepunkte für schweres Gerät – verzieren die Oberfläche. Sicher hat sie in grauer Vorzeit einmal ein großes, drehbares Geschütz getragen. Bei aller Traurigkeit der Installation – der Standort ist auf seine eigene, perfide Art und Weise perfekt. Die Sicht auf den Strand ist von hier oben absolut frei. Die armen Seelen auf und in den Landungsbooten hatten sicher nicht den Hauch einer Chance gegen diese tonnenschwere, todbringende Maschinerie. Auch das ist hier oben noch beinahe greifbar. Und obwohl sich mittlerweile wieder einzelne Sonnenstrahlen durch die Wolken kämpfen, wird mir immer kälter. Die Gänsehaut hat mittlerweile meinen ganzen Körper befallen.  

Während ich mich aufmache, das Dach, den Bunker und diesen ganzen, gruseligen Ort zu verlassen kreisen meine Gedanken um die längst vergangenen Tage, in denen diese Bunker einem ganz bestimmten, tödlichen Zweck gewidmet waren. In meinem Kopf dröhnen Sperrfeuer und andere Teile der Geräuschkulisse aus Schrecken, Schrei und Blutrausch, vor meinen Augen zucken die Blitze der Mündungsfeuer und in meinem Ohr ertönen die Stimmen meiner Großväter. Mittlerweile friert es mich bis in die Knochen. Ich muss dringend ein paar Schritte zwischen mich und diesen Betonklotz bringen. 

Ein paar Minuten und ein paar hundert Meter später ist der ganze Spuk vorbei. Die Dächer der Bunker verschwinden hinter der letzten Anhöhe, in meinem Kopf kehrt Ruhe ein und mein Blut nimmt wieder gesündere Temperaturen und Fließgeschwindigkeiten an. Sogar Else kommt – etwas bleich – aus ihrer hintersten Ecke wieder hervorgekrochen.

Der Weg zum Strand hinunter schlängelt sich sandig durch die Konturen der Düne. Um mich herum blühen die Hecken in weiß und knalligem Pink. Es ist warm geworden. Die Wolken haben sich verzogen und mit Ihnen der schwere, schwarze Schleier dieser letzten, so merkwürdigen Stunde.

Jetzt, wo ich wieder ein Stückchen mehr bei mir selbst bin, verspüre ich einen ordentlichen Durst. Da kommt mir die Beach-Bar da vorne mehr als Recht und so läute ich alsbald mit den Füßen im Sand und einem eiskalten Corona vor der Nase eine kleine Mittagspause ein.

Während ich da so sitze und vor mich hinstarre wird mein Interesse von reger Betriebsamkeit am Strand geweckt. Ein paar Trucks samt Anhänger fahren hin und her. Auf den Ladeflächen türmen sich allerhand Spielzeuge für Erwachsene: Sowas wie GoKarts mit großen Segeln. Zu dutzenden werden die gerade zusammengesteckt, in Reih und Glied aufgestellt und es dauert nicht lange bis die Ersten Teilnehmer damit über den Strand sausen. Geil! DAS sieht mal nach Spaß aus – Das will ich auch! Und während Else noch irgendwas von „Pause“ und „Genug für heute“ schwadroniert, habe ich mich bereits in Bewegung gesetzt und steuere zielstrebig auf das Event zu. Zu meiner bodenlosen Enttäuschung bekomme ich am Ziel jedoch mitgeteilt, dass alle Slots bereits vergeben sind. Ausgebucht. Erst Morgen wieder. Mist verdammter..!! Hatte ich mich doch schon kreischend und breit grinsend in diesen stark beschleunigten Rohrrahmengestellen mit Sitzgelegenheit über den Strand hämmern sehen. Aber was soll´s – dann eben nächstes Jahr.

Wo ich aber jetzt schonmal den Weg hierher gemacht habe, beschieße ich, nicht wieder zur Strandbude zurückzugehen, sondern einfach den angefangenen Spaziergang vom Vormittag jetzt und hier im Sand fortzusetzen. Ein Ziel habe ich ebenso wenig wie ein Zeitgefühl und so erinnert mich erst eine zum Bersten gefüllte Blase irgendwann daran, dass ich seit dem Morgen – und somit schon stundenlang – unterwegs bin. Ein Blick nach Links – einer nach Rechts, beide mit gleichem Ergebnis. Zivilisation: Endlos weit weg. Eine Toilette: Fehlanzeige. Da bleibt mir also nichts anderes übrig als wildpinkeln. Dünen gibt’s ja genug und so verkrieche ich mich hinter den erstbesten Grasbüschel, wissend, dass mein schneeweißer Hinter sicher kilometerweit zu sehen sein muss. Ich hoffe, trotz aller Einsamkeit, nicht gleich auf einen verirrten Spaziergänger oder eine entrüstete Möwe zu treffen. Doch nichts von beidem ist in der Nähe und so kann ich unentdeckt ein kleines, formschönes Rinnsal im Sand hinterlassen. Den Versuch eine Figur oder wenigstens ein ordentliches Pimmelbild in den Sand zu pinkeln verkneife ich mir mit Rücksicht auf meine Schuhe.

Der Rest des letzten Nachmittags vergeht gänzlich unaufgeregt am Strand. Das schöne Wetter und die Brandung müssen ausgekostet werden bis zur letzten Minute und erst mit einer tief stehenden Sonne kehre ich zurück nach Ijmuiden.

Als ich den Strand verlasse, drehe ich mich noch einmal um und schaue ein letztes Mal auf den Horizont über den Wellen.

Was waren das doch für schöne Tage. Dem ein oder anderen würden sie sicher langweilig vorkommen – aber sie waren genau das, was ich gebraucht habe. Ich lasse das Erlebte hier oben noch einmal Revue passieren. Ich bin mit einer Aufgabe hergekommen – oder wenigstens einem Ziel: Aufräumen…! Irgendwie das abzuschließen, was mir in den letzten Wochen den Schlaf ebenso geraubt hat wie die mir sonst so ureigene, ständige Lebensfreude. Das hinter mir zu lassen, was ich nicht mit in die Zukunft nehmen konnte und das zu umarmen was vor mir liegt. Irgendwie aus dem Scherbenhaufen wieder ein Gefäß zu formen, dass darauf wartet gefüllt zu werden, mit neuen Erinnerungen, neuen Herausforderungen, neuen Eindrücken und neuen Begegnungen.

Und genau jetzt, genau in diesem Moment, hier zwischen Salz, Sand und Sonnenuntergang fühlt es sich so an, als würde irgendwie diese eine letzte Scherbe in das Puzzle zurück gesetzt werden. Das letzte Teil – schlussendlich wieder an seinem Platz.

Ist es so wie vorher? Sicher nicht. 

Aber ….. ist es ganz?

THE.

FUCK.

YES!!!!

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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