Am frühen Morgen, zu einer völlig gottlosen Uhrzeit, wird die Luft vor meinem Fenster plötzlich von gefühlten 128dB erfüllt. Dieser überaus unerfreuliche Lautstärkepegel scheint mir das akustische Abfallprodukt einer offensichtlich äußerst hitzigen Diskussion zweier Möwen zu sein.
Ob die Viecher sich – natürlich unmittelbar vor meinem Fenster – über die Aufteilung eines Nahrungsmittels streiten oder die nicht vorhandene Paarungswilligkeit eines Gesprächsteilnehmers macht mich zwar neugierig, aber nicht neugierig genug um aufzustehen, nachzuschauen und das Fenster zu schließen. Derart unsanft und obendrein völlig überflüssig aus dem Schlaf gerissen, knurre ich ein genervtes „Geht gefälligst wo anders stören!!“ in mein Kissen und wälze mich – durchaus etwas schwerfällig – auf die andere Seite.
Irgendwie muss sich der gestrige Abend über meinem Buch und unter der Kuscheldecke bei Regenprasseln und Rotwein doch etwas mehr in die Länge gezogen haben als ursprünglich geplant. Somit konnte zumindest diese Nacht nicht dazu beitragen, die ein oder andere entgangene Mütze voll Schlaf aus den letzten Monaten nachzuholen. Ist aber jetzt auch kein Drama, denn Petrus scheint bei diesem unfreiwilligen Tagesanbruch eh noch schwer damit beschäftigt zu sein, die letzten Spuren der durchregneten Nacht vom eher schmuddeligen Firmament zu pusten. Somit steht nicht zu befürchten, dass ich da draußen etwas verpassen werde und ich kann mich nochmal – gänzlich ohne Gewissensbisse – in ein weniger graues Paralleluniversum schnarchen.
Die Taktik, mir auf diese durchaus nicht unattraktive Art etwas Zeit – und somit vielleicht etwas mehr Sonne – zu erkaufen, geht leider nicht auf. Eine gute Stunde später bin ich zwar ausgeschlafen, aber das Bild vor meinem Fenster hat sich kaum verändert. Immerhin: Die Möwen haben sich einen anderen Austragungsort für Ihr Palawer gesucht, aber schöner ist es deswegen nicht geworden.
Ungemütliche Temperaturen samt Restfeuchte erahnend, lege ich eine extra Schicht Klamotten auf und verziehe mich wie üblich mit meinem Kaffee nach draußen. Der Himmel mag zwar trüb und grau sein – aber die Luft ist unfassbar klar, frisch und überraschend warm. Mit Ihr weht mir sofort ein Hauch von Salz, Regen, und nassem Gras um die Nase. Ich ziehe mir den Stuhl herbei, genieße mit der Nase im Kaffeebecher einmal mehr die Stille am Morgen und überlege, was ich mit dem Vormittag anstellen möchte. Dabei fällt mir ein, dass ich schon letztes Jahr gerne einmal einen Spaziergang durch die Hafenanlagen und durch die Docks machen wollte. Da gibt’s bestimmt ne Menge zu sehen.
Wenig später bin ich wind- und wasserdicht verpackt (man weiß ja nie, welcher Guss noch kommt) und verlasse das Camp. Die erste halbe Stunde Fußweg vergeht einigermaßen gelangweilt, denn ich muss erstmal raus aus der Enklave, und das geht nur entlang einer schmuck- und schnörkellosen Straße. Hier gibt es absolut nix zu sehen, außer jeder Menge Unkraut, dass sich (bestimmt gut befeuert vom Dauerschlagabtausch zwischen Sonne und Regen) in dicken Büscheln durch die Fugen der Gehwegplatten gearbeitet hat. Auch die endlose Hecke zu meiner Linken ist durchzogen von beinahe meterhohem Stängeln, die da eindeutig nicht hingehören. Hier könnte echt mal wieder ein Gärtner vorbeikommen! Aber während ich noch überlege, wie lange der arme Mann hier wohl beschäftigt wäre erreiche ich auch schon das Ende des öden Abschnitts.
Hinter der nächsten langegezogenen Kurve beginnen die Ausläufer der Hallen und Wellblechgebäude, die den Speckgürtel des Hafens markieren. Gleich der erste Block hält schon einen Gemütsaufheller bereit. Vor mir erstreckt sich über etliche Meter ein durchaus sehenswertes Stück Street Art. Das Ding ist so lang, dass ich mich abmühen muss, um eine Perspektive zu finden, die dem Kunstwerk einigermaßen gerecht wird.

Nachdem ich das erledigt habe, locken mich auch schon die nächsten Fotomotive in eine kleine Seitenstraße. Ein paar ältere Fortbewegungsmittel verraten mir, dass es wohl auch im Land der härtesten CO2-Besteuerungsgesetze ein paar unverbesserliche „Die-Hard-Petrol-Heads“ gibt, denen die horrenden Spritpreise offensichtlich ebenso am Arsch vorbei gehen wie gesellschaftliche Häme. Sehr sympathisch das – und auch wenn die Besitzer nirgends zu sehen sind, fühle ich (quasi im Geiste) die warme Umarmung von mental Gleichgestörten und muss unweigerlich schmunzeln.


Ich setze meinen Weg fort. Jetzt heißt es nur noch „der Nase nach“, denn in der Luft finden sich bereits erste Moleküle des typischen Hafen-Odeurs. Treffsicher biege ich um die nächste Ecke und stehe an einem der Verladedocks. Hier mischt sich der schwere Geruch von Schiffsdiesel, Öl und rostigem Schwermetall mit einer deutlichen Note von Fisch- und Vogelscheiße. Auch das muffige Brackwasser aus gefühlt 3 Tonnen Fischernetzen, die sich in mannshohen Bergen vor mir auftürmen, leistet zuverlässig seinen Beitrag. Diese exquisite Melange treibt mir aus der Nähe nicht nur Tränen in die Augen sondern auch gleich einen Pelz auf die Zunge. Da muss ich erstmal 2-3 Züge zur Eingewöhnung nehmen, bevor mein Nervensystem es mir erlaubt meinen Weg schwindelfrei fortzusetzen.

Ich schleiche noch eine gute Stunde, begleitet vom Hämmern der Maschinen und Gekreische der Möwen, ziellos durch das Netz der kleinen Straßen und Gassen, bestaune allerlei rostiges Zeug und finde sogar noch einen kleinen Leuchtturm.


Langsam wird mir warm. Die letzten Wolken haben sich verzogen, die Sonne lacht vom blauen Himmel. Jacke und Mütze habe ich längst ausgezogen. Dennoch fordert der Schlecht-Wetter-Zwiebellook langsam aber unaufhaltbar seinen Tribut in Form eines durchgeschwitzten T-Shirts, durch das ein vernehmliches Knurren zu mir nach oben dringt. Das wohlbekannte Geräusch lässt mich einen Blick auf die Uhr werfen. Schockschwerenot! Es ist bereits weit nach Mittag und damit kein Wunder, dass das Klagelied meines Magens nun mit jedem Meter an Lautstärke zunimmt. Zeit für eine Mittagspause. Überflüssig zu sagen, wo und wie die stattfinden wird, denn nur 2 Straßen weiter befindet sich der herrliche Fischladen vom Anfahrtstag, der kurz darauf gestürmt wird.
Meine heutige Wahl fällt nach einer kurzen Bedenkzeit angesichts der prall gefüllten Theke auf Fischbrötchen, Krabbencocktail und Algensalat – Dazu ein eiskaltes Bier. In der Kühlung kommt mir nichts bekannt vor und so greife ich nach der Flasche mit dem schönsten Etikett (ich liebe Leuchttürme..!) Ich kann den Speichelfluss gerade noch die paar Schritte bis zur Terrasse zurückhalten, lasse mich nieder und verspeise heißhungrig meine Beute.

Leise rülpsend sinke ich danach in meinem Stuhl zurück und genieße die Sonne und die einsetzende Sättigung. Letzteres ist allerdings nicht das Einzige was einsetzt, denn ich spüre plötzliche einen leisen Anflug von Suff. Kurz verwundert, schiebe ich es auf den Overkill an Fisch- und Frischluft, allerdings nur, bis beim nächsten Schluck mein Blick einmal mehr an dem ach so hübschen Etikett hängen bleibt. Quasi im Kleingedruckten versteckt sich der Grund für meine leichte Dizzyness: Ich habe mal wieder versehentlich ein Starkbier erwischt. Na wunderbar! Was bin ich froh, dass ich nicht mit dem Auto da bin und den Heimweg zu Fuß, minimal außerhalb der Spur und vertieft in das ein oder andere Gespräch mit Else verbringen kann.
Nach einem weiteren seligen Mittagsschläfchen in Sonne und Hängematte (diesmal eingecremt und in weniger brandgefährlicher Pose) beschließe ich, den Rest des Tages bei einem ausgiebigen Spaziergang am Strand zu verbringen. Keine 20 Minuten später platsche ich mit den Füßen durchs Wasser. Heute zur Abwechslung mal in die andere Richtung, also die, an der der Strand kein Ende hat, was dazu führt, dass ich schon nach wenigen Schritten die Zeit und jegliche Entfernung komplett vergessen habe.
Mein Blick gehört den Wellen und den Kitesurfern, meine Lungen ziehen literweise von der salzigen Luft und hier und da bücke ich mich nach einer hübschen Muschel (Wird man eigentlich jemals so erwachsen, dass man damit aufhört?). Allerhand totes Getier liegt im Sand – sicher alles Opfer des gestrigen Unwetters.
Aber auch weniger ortsübliche Fundstücke sind zu bestaunen: Angeschwemmte Blumen. Ich weiß zwar nicht, wo genau die herkommen, aber hier am Strand machen sie einen sehr deplatzierten und traurigen Eindruck. Ganz besonders eine etwas abseits liegende, langstielige Rose. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch sie vielleicht ein Opfer ist. Symbol einer Liebe – irgendwo verloren gegangen und zum Sterben zurückgelassen. Bei Ihrem Anblick überrascht mich ein spitzer Stich im Brustkorb. Ich muss scharf einatmen und eine Träne aus dem Augenwinkel blinzeln während Else leise flüstert „So ganz ist es wohl doch noch nicht vorbei….“

Erst Stunden später kehre ich zu meinem Haus zurück. Müde, mit Sand an den Füßen, Salz auf der Haut und den ersten Sommersprossen auf meiner Nase. Es dämmert schon und so bleibt mir nichts anderes mehr zu tun, als mir meinen Stuhl auf der Veranda zurecht zu rücken um bei einem Glas Rotwein noch ein wenig meinen Gedanken nachzuhängen. Mich beschleicht das Gefühl, mit diesem Tag noch nicht ganz fertig zu sein.
Dem unerwartet spitzen Schmerz konnte ich am Strand zwar nicht gänzlich davonlaufen, aber immerhin den Großteil der Melancholie und ein paar Tränen habe ich der Brandung übergeben. Else hatte Recht: Es war noch nicht vorbei ….
Ich sitze noch eine ganze Weile draußen, schaue der Sonne beim Versinken zu und beobachte, wie dunkle Schatten mehr und mehr die Umgebung verschlucken. Schlussendlich umarmt mich die Nacht – und mit ihr hält auch der Frieden wieder Einzug.
