Die erste Nacht im Tiny House vergeht genüsslich und endet mit einem herrlichen, weckerfreien Erwachen bei Sonne und leichter Meeresbrise, die durchs offene Fenster hineinweht.
Gestern Abend musste ich noch feststellen, dass (Dank der Lage im satten Grün und in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem See) allerhand Viehzeug am Start ist, welches – dank meiner im Sonnenuntergang sperrangelweit geöffneten Tür – nicht gänzlich draußen geblieben ist.

Es sei gesagt: Bei allem Getier, was mehr Extremitäten vorzuweisen hat als ich, bekomme ich standrechtlich ordentliche Störgefühle, gelegentlich gepaart mit leichter Paranoia und einem Anflug von Ekel. Zwei Spinnen konnte ich gestern Abend noch im Bad erlegen, mehrere große Schnaken fanden in verschiedenen Teilen des Häuschens ein jähes Ende und eine Vielzahl größerer Käfer wurde ins Freie eskortiert. Trotz dieser „Säuberungsaktion“ fühle ich mich an diesem Morgen berufen, zunächst einmal meine Gliedmaßen auf Vollständigkeit zu überprüfen. Das Ergebnis: Bin über Nacht weder angeknabbert noch aufgefressen worden und kann somit erleichtert und versöhnt die Beine aus dem Bett schwingen. Erste Amtshandlung: Alle Fenster und Türen auf! Der Morgen ist einfach herrlich.
Obwohl es erst kurz nach 8 Uhr ist, ist der Himmel schon strahlend blau und die Wärme der ersten Sonnenstrahlen bereits ausreichend, um dem allgegenwärtigen Meereslüftchen die Schärfe zu nehmen. Über dem gesamten Basecamp liegt noch eine etwas schläfrige Stille – einzig der Wasserkocher blubbert im Hintergrund und kurz darauf erfüllt der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee mein Häuschen. Ich mache mir einen großen Becher zurecht und verziehe mich nach Hinten auf die Terrasse.

Die Beine ausgestreckt auf dem Sofa, vor meiner Nase ein gutes Buch und die Sonne im Gesicht lasse ich die erste Morgenstunde an mir vorüberziehen – zwei weitere Kaffee inklusive. In diesem Überfluss an Freiheit und Pflichtlosigkeit packt mich jedoch alsbald die Lust nach etwas Bewegung und ich schäle mich in meine Laufklamotten. Zeitlich perfekt getimed, denn just in dem Moment als ich mir die Schuhe binde, öffnet sich die Terrassentür des Nachbarhäuschens und heraus platzen 2 ausgeschlafene, übereifrige Kinder, die diese herrliche Morgenruhe umgehend zu Grabe tragen.
Ich entscheide mich, genau jenen Weg zum Leuchtturm zu vollenden, der mir gestern durch das einsetzende Unwetter verwehrt geblieben ist. Sonne passt. Strecke passt, Motivation passt – los geht´s. Ich verlasse das Basecamp, umrunde das kleine Hafenbecken mit seinen vielen Segelbooten und erreiche den Deich. Die nächste halbe Stunde vergeht in gleichmäßigem Trott mit gänzlich abgeschaltetem Hirn auf der Deichmauer entlang des Nordseekanals bis ich den Leuchtturm an der Kanaleinfahrt erreiche. Der Kamerad entpuppt sich jedoch aus der Nähe und bei genauer Betrachtung dann doch eher als „Türmchen“.

Ich beobachte noch 2 Minuten die großen Containerschiffe, die – noch weit entfernt am Horizont – auch eher aussehen wie Miniaturspielzeuge. Auf dem Rückweg geht mir der Trott, etwas angeschwitzt und dank Gegenwind nicht mehr ganz so leicht von der Hand (oder besser gesagt vom Fuß), weswegen ich dankbar bin, als sich mir nach ein paar Minuten ein interessanter Anblick bietet: Ich hatte ja schon die merkwürdige Eigentümlichkeit dieses Ortes hingewiesen (Stichwort: Schwerindustrie vs. Urlaubsörtchen). Besser als in dem vor mir liegenden Blickwinkel kann man das einfach nicht zusammenfassen. Zu meiner Linken: Der Nordseekanal aka Hässlichkeit de Luxe. Schornsteine, Rauch, Windräder, trübes Wasser. Rechts: Strand, Wellen, Kitesurfer, Beachbars. Alles so nah beieinander – und doch so weit voneinander entfernt.

Ich bemühe mich, das vor mir Liegende bestmöglich in einem Panorama-Bild einzufangen und kämpfe mich danach schnaufend durch den Gegenwind zurück zum Haus.
Dort angekommen warten diverse Annehmlichkeiten auf mich: Abschwitzen in der Sonne, eine ausgiebige, heiße Dusche gefolgt von einem frühen Mittagessen. Bewegung an der frischen Luft macht ja bekanntlich hungrig – und der große Bruder davon ist eine lange Joggingrunde im Gegenwind. Dementsprechend gierig verschlinge ich Spiegeleier, ein weiteres von Mutters Schnitzeln & einen Rest Tomatensalat. Den Abschluss des ebenso einfachen wie köstlichen Mahls bildet ein Stück von Mamas Rhabarberkuchen. Ich muss irgendwo im Himmel sein.
Derart satt und vollgefressen lasse ich mich zunächst in meinem Stuhl zurückfallen und gebe mich wehrlos dem post-fressalen, komatösen Zustand hin. Als ich jedoch gerade die Augen schließen will, fällt mein letzter Blick auf die Hängematte vor dem Haus. Grandios! An die hab ich gar nicht gedacht. Mit letzter Kraft raffe ich mich auf, diese zu entern. Etwas wackelig – aber alsbald hab ich eine bequeme Liegeposition gefunden. Die Sonne scheint, ein leichter Wind streift mein Gesicht, irgendwo zwitschern zwei Vögel und die Nachbarskinder sind am Strand. So dauert es nicht lange bis mir die Augen zufallen.

An sich ist so ein sehr ausgedehntes Monster-Mittagsschläfchen in völliger Abwesenheit jeglicher Pflichten ja etwas ganz und gar Wunderbares – wäre man nicht mit einer Haut im Farbton „Weizenmehl Typ 405“ geboren und hätte (dank des temperatur-dämpfenden Windes) den Sunblocker vergessen. *seufz* Als ich erwache, kann ich das typische Pritzeln schon auf den Wangen spüren – doch die sind nicht mal das größte Opfer. Der heutige Trostpreis für den ersten Platz von hinten geht eindeutig an die Innenseite meiner Knie und Unterschenkel. Um die Schaukel-Moves der Hängematte bestmöglich auszugleichen und nicht mit der erstbesten, schläfrigen Bewegung bäuchlings auf dem Boden zu landen hatte ich zum Einschlafen meine Beine in bester Froschmanier drapiert. Ein ebenso folgenschwerer wie schmerzhafter Fehler wie sich nun herausstellt. Meine Fresse – hab´ ich mir die Gräten verbrannt! Und das gleich am ersten Tag. Das kann ja ein Spaß werden – wollen wir hoffen, dass ich nicht allzu schnell wieder eine lange Hose anziehen muss. Das könnt n bisschen Aua machen.
Ich raffe mich also auf, flüchte erstmal in den Schatten meines Wohnzimmers und koche Kaffee. Wer schonmal unsanft aus den Untiefen eines solchen Schläfchens aufgewacht ist, der weiß vielleicht, dass es da ein paar Minuten braucht, bis man wieder zur Besinnung kommt. Aber in diesem Fall muss ich nicht allzu lange warten: Zügig haben das unschlagbare Duo aus Kaffee und einem weiteren Stück vom Rhabarberkuchen die Lebensgeister reanimiert und ich überlege wie ich den Rest vom Nachmitttag verbringen möchte. Eigentlich wollte ich gleich wieder zum Strand – aber das immer lauter werdende Klagelied meiner Unterschenkel zwingt mich zum Umdenken. Hier ist erste Hilfe angesagt, was so viel bedeutet wie: Ab ins Auto und zum Supermarkt – Quark und Aloe Vera besorgen.
Der Ausflug gibt jetzt nicht viel her. Wie das meiste hier drumrum ist auch der Ortskern und das kleine Einkaufszentrum eher beschaulich bis unschön. Mag sein, dass der Ort an sich noch mehr zu bieten hat – aber danach suche ich heute nicht. Hinfahren – Parkhaus – Einkauf – Fertig. Frisch bestückt mit Omas Hausmitteln und ein paar wenigen neuen Vorräten hocke ich eine Stunde später wieder auf meiner Veranda, meine Knie eingekleistert mit einer dicken Schicht Quark-Aloe-Gemisch. Nicht unbedingt ein optisches Highlight, aber durchaus heilsam.
Bis die klebrige Masse eingetrocknet und abwaschbereit ist, setze ich mich auf einen Kaffee an die Tagesbar im Camp und versuche ein paar Zeilen zu schreiben (Das grandiose WE in Amsterdam wartet noch auf Veröffentlichung).

Derart vertieft vergesse ich den Schmerz ebenso wie die Zeit und mein Umfeld. Ich schaue erst verwundert vom Bildschirm auf, als eine ordentliche Windbö mir meine Haare ins Gesicht weht. Wo kommt denn das auf einmal her…? Else protestiert lautstark, als ich sie aus Ihrem Tunnel reiße und will gerade ansetzen um mir ein genervtes „Herrje – was ist denn nun schon wieder los?“ an den Kopf zu werfen, verstummt jedoch beim Blick in den Himmel augenblicklich: Über uns türmen sich schwere, pechschwarze Wolken zu bedrohlichen Gebirgen, die Lampion-Ketten trudeln im plötzlich stark aufgefrischten Wind. Weiter hinten weht ein verlorenes, vermutlich von einer Wäscheleine gerissenes, Kleidungsstück durchs Camp.

In einer perfiden Mischung aus Faszination und leichtem Unwohlsein würde ich mir das Schauspiel irgendwie gerne noch weiter anschauen, erinnere mich jedoch daran, dass im Haus alle Fenster offen sind und darüber hinaus auf meiner Terrasse noch die Polster auf dem Sofa liegen. Da ich vermeiden möchte, dass diese sich selbständig machen und als sturmgepeitschte Wurfgeschossen am Ende noch die Vögel vom Himmel holen oder irgendwelche armen Viecher am Strand erschlagen, spurte ich die paar Meter zurück zum Haus. Hektisch und einigermaßen ungelenk stopfe die sperrigen Kissen in die dafür vorgesehene, wetterdichte Box. Dabei klatschen mir schon die ersten dicken Tropfen auf den Kopf.
Schnell rein in die gute Stube! Keine Sekunde zu früh schließe ich – nicht ohne ein kurzes Gerangel mit dem Wind – das letzte Fenster. Das Einzige, was ich jetzt noch tun kann, ist zu hoffen, dass der zuständige Baumeister die kleine, nicht unterkellerte Bude mit ordentlichen Dübeln im Boden verankert hat. Aber ich vertraue irgendwie darauf, dass die hier oben wissen, wie man sowas macht – schließlich haben die ja sicher öfter mit derartigen Nordsee-Wetter-Kapriolen zu kämpfen.
Und so bleibt mir an diesem frühen Abend nichts anderes zu tun, als mich mit meinem Buch und einer Flasche Rotwein auf die Couch zu verziehen und der Welt vor dem großen Panoramafenster beim Untergang zuzusehen während der Regen eine gleichmäßige Melodie auf mein kleines Spitzdach trommelt. Meine Knie sind dankbar für die UV-Befeuerungsunterbrechung und auch Ich selbst könnte nicht mal behaupten, dass nicht auch diesem, vordergründig trüben, Abschnitt eine gewisse Art von Ruhe und Romantik innewohnt.
Let´s call it a day.