Erst spät in der Nacht aus Amsterdam zurückgekehrt, erinnert mich nach nur ein paar Stunden Schlaf der Wecker unerbittlich daran, dass die neue Woche beginnt und es somit ab heute wieder heißt „Ab anne Schüppe“.
Montag Morgen: Schon aus Prinzip und immer unschön. Montag Morgen nach einer so herrlichen Auszeit: Einfach nur zum Abgewöhnen. Bekanntes Problem – aber heute stört es mich wenig, denn kaum aus Amsterdam zurück gekehrt, drängelt sich in die paar Arbeitstage schon die fröhliche Aussicht auf den nächsten Kurztrip. Es geht wieder los. Wieder nach Holland. Diesmal etwas länger: Eine Woche, flankiert von 2 Wochenenden in der Heimat. Mit derlei froher Aussicht vor der Nase kämpfe ich mich durch die Woche.
Irgendwann ist dann auch Freitag, und damit Abfahrt in Richtung Düsseldorf. Erstmal ein sonniges WE in der Heimat. Family Time samt Bruderherzens Geburtstag und ein herrlicher Chilli-Vanilli-Sonntag, an dem ich nichts anderes tun muss, als zu faulenzen und mich mit Mutters deliziösem Essen vollzustopfen.
Am Montag-Morgen bin ich aber dann bereits wach, bevor das übliche Gebrüll der Vögel vor dem Fenster eine Chance hat mich dem Traumland zu entreißen. Die Laune ist bombe – immerhin geht es heute ans Meer, und wer mich besser kennt weiß, dass mir absolut rein gar nichts ein solches Leuchten ins Gemüt zaubert, wie eben genau diese Aussicht. Unten in der Küche wartet bereits ein großer Becher voll mit dampfend heißem Kaffee. Mama ist einfach die Beste – ganz im Gegensatz zum Wetter. Das zeigt sich heute nicht unbedingt von seiner besten Seite. Klassisches, monotones Grau begleitet die Morgenroutine aus Kaffee, Kippe und Klönen. Doch das soll mir heute die Laune nicht verderben.
Nicht viel später lade ich den Koffer ins Auto und mache mich auf den Weg. Das Navi meldet auf den knapp 260km absolut freie Fahrt und so gibt es – außer dem nervtötenden 100er Tempolimit jenseits der niederländischen Grenze – keine weiteren Störungen. So befinde ich mich bereits in der Mittagszeit im Landeanflug auf meinen Zielort: Ijmuiden aan Zee – nur wenige Kilometer nordwestlich von Amsterdam. Es ist ein merkwürdiges Fleckchen Erde. Den Wenigen unter Euch, denen Ijmuiden überhaupt irgendwas sagt, kommt es sicher nicht als Urlaubsort in den Sinn. Und das auch völlig zu Recht: Entlang des Nordseekanals führt die Ortszufahrt durch altes Hafengebiet. Hier herrscht der „Industrial Style“ – allerdings in der Ausprägung längst vergangener Tage, die geprägt waren von Schiffs- und Schwerindustrie.
Ganz und gar unchic streiten sich auf der anderen Seite des Kanals die alten Hochöfen der Stahlwerke mit Last- und Portalkränen um den hässlichsten Fingerabdruck in der wenig romantischen Skyline am Horizont. Die etwas morbide Szenerie wird heute passend eingerahmt vom düster anmutenden Ensemble aus tiefhängenden, grauen Wolken und Wasserdampf aus einem guten Dutzend monströser Kühltürme. Beinahe meint man, das dumpfe Hämmern der alten Stahlpressen über den Kanal wehen zu hören (was natürlich nur Einbildung ist – oder Angeberei von Else).

Der ein oder andere geneigte Leser mag sich jetzt möglicherweise fragen, warum ich ausgerechnet in einer solchen Gegend einen kleinen Urlaub verbringen möchte. Aber genau hier, zwischen dem ganzen rostigen Schwerindustrie-Firlefanz, hat sich eine kleine Perle versteckt: Das „Basecamp“.

Hinter diesem zugegeben wenig romantisch anmutenden Namen verbirgt sich jedoch ein ungeahnt schnuckeliges Feriendomizil. Dicht geduckt hinter den Dünen entlang des Deichs und somit in Spuckweite zu einem langen Strand und meiner geliebten Nordsee liegt eine, auf den ersten Blick etwas chaotisch anmutende, Ansammlung moderner Tiny-Häuschen in den abenteuerlichsten Formen und Farben
In dieser idyllischen Enklave war ich letztes Jahr schon einmal. Kleine Auszeit mit der ganzen Family. Ich gebe zu: Der Charme dieser Anlage hat sich nicht allen Familienmitgliedern erschlossen – aber mir war damals schon klar: ICH würde wiederkommen.
Ein ordentlich bassiges „Bwuuuut“ von einem der Containerschiffe im Hafen reißt mich aus meinen Gedanken. Gerade noch rechtzeitig, denn um ein Haar hätte ich die Einfahrt in die kleine, unscheinbare Seitenstraße entlang der Hafen-Docks verpasst, in der sich der letzte Stop vor Ankunft gut versteckt hält: Einer der unzähligen Fischhändler in den Docks. Mittagsimbiss für die Hafenarbeiter mit angeschlossenem Restaurant für andere Gäste. Überflüssig zu sagen, dass mein Stop dem Erwerb meiner persönlichen Nordseedroge gewidmet ist: 2 Heringsbrötchen mit Zwiebeln werden wenige Minuten später stolz zum Auto geschleppt.
Nach weiteren 500 Metern bin ich dann am Ziel, biege auf den Schotterparkplatz ein und muss wie immer grinsen, als ich das Hauptgebäude (Und wahrscheinlich auch Markenzeichen) erspähe: Mehrere Container wurden hier zu einer Form gestapelt, in die man auch mit aller Mühe nichts anderes hineininterpretieren könnte, als 2 Roboter, die es fröhlich pfeifend im Doggy-Style miteinander treiben. Genau MEIN Humor!

Da sich auch das schlechte Wetter langsam vom Acker macht hebt sich meine Laune schlagartig, als die Dame an der Rezeption freudstrahlend verkündet, dass mein Häuschen bereits gereinigt und bezugsfertig sei. Wunderbar! So kann ich gleich einziehen und hab noch richtig was vom Tag!
Kaum, das ich die Koffer unter Zuhilfenahme der bereit gestellten Bollerwagen einmal quer übers Gelände und hinein in meine zuckersüße Butze geschliffen habe, kann ich mich – wie üblich – nicht entscheiden, was um Himmels Willen ich nun zuerst machen soll: Auspacken? Ein bisschen rumlaufen? Kaffee trinken? Gleich zum Strand? Oder doch erstmal ein Bierchen zischen? In dem Moment fallen mir die Fischbrötchen wieder ein und erleichtern die Entscheidung erheblich. Ausgestattet mit Bier und Brötchen verziehe ich mich auf die großzügig bemessene Terrasse und wuchte die dicken Polster auf das ebenso großzügig bemessene Garten-Sofa. Die nächste Stunde schlummere ich zufrieden vor mich hin – in der einen Hand ein Dosenbier, in der anderen was zu Futtern. So kann der Urlaub beginnen.

Da die Terrasse gerade im Windschatten liegt wird es mir alsbald – ich kann es selbst kaum glauben – zu warm. Und so raffe ich mich auf, würdige die scheinbar um Entleerung bettelnden Koffer keines Blickes und trolle mich in Richtung Strand. Dieser ist unendlich breit und erstreckt sich zu meiner Linken bis zum Horizont. Zu meiner Rechten liegt, in einem weiten Bogen gekrümmt, die Ausfahrt des Nordseekanals. Ich entschließe mich für diesen Weg und wollte eigentlich bis zum kleinen Leuchtturm am Ende spazieren, doch es soll mir nicht gelingen, denn ich habe die Rechnung ohne die hiesigen, schnellen Wetterumschwünge gemacht.

Kaum habe ich den Strand hinter mir gelassen, ziehen – recht spontan – dunkle Wolken über mir auf. Uiuiui – das sieht nicht gut aus. Da mach ich mich mal besser auf den Rückweg. Das zügige Auffrischen des Windes und die ersten Tropfen beschleunigen meinen Schritt. Kaum 50 Meter weiter, als mir die ersten wirklich dicken Tropfen ganz unverblümt und eiskalt in den Nacken klatschen fange ich an zu Rennen. Keine Sekunde zu spät: Gerade in dem Moment als der Himmel endgültig seine Schleusen aufreißt und ein ordentlicher Guss niedergeht erreiche ich die erstbeste Beachbar. Überflüssig zu sagen, dass der schöne Außenbereich heute nicht mein Ziel ist und so spurte ich über die Terrasse in den deutlich kleiner bemssenen Innenraum. Als ich mich an einem der wenigen, winzigen Tische niederlasse bildet sich recht schnell ein kleine Wasserlache um meine Füße – aber was soll´s..?! Dann eben Alkohol statt Bewegung. Scheint mir mangels Alternativen auch ein recht brauchbarer Tausch zu sein. Der Maitre bringt ein Glas Wein und ich schaue verträumt aus dem Fenster und dem Regen dabei zu, wie er dem heutigen Strandtag einfach mal einen Tritt in den A**** verpasst.
Aber hey – umso gemütlicher wird´s gleich mit einem guten Buch auf der Couch. Dachte ich … Doch auch hier soll ich mich wieder irren – der nächste grobe Wetterumschwung war nur ne Stunde entfernt. Zum Abend hin klart es *unfassbar* nochmal richtig auf und beschert mir einen sehr schönen Sonnenuntergang, den ich im Sessel vor meinem Häuschen genieße. Eingemummelt in einen dicken Oversize-Hoodie, der jedem Figur-Fetischisten Tränen der Verzweiflung in die Augen treiben würde, neben mir ein Glas guter Rotwein und eins von Mamas köstlichen Proviant-Schnitzeln aus der Kühlbox in der Schnute. Wir sind hier zwar nicht am Nordkap – aber es dauert dennoch unerwartet lange bis die Sonne endgültig versunken ist und die Dunkelheit Besitz vom Firnament ergriffen hat. Im Camp gehen die Lichter an – und mit Ihnen hält eine wundervolle Stille Einzug.

Let´s call it a day.