In der Nacht werde ich von einem recht vehementen SOS Signal geweckt – ausgesendet von meinem linken Fuß, der es irgendwie geschafft hat, sich aus der Deckenburg zu mogeln und somit offenbar kurz vor dem Erfrierungs-Exitus steht. In den vergangenen Stunden hat sich die eiskalte Nacht durch den offenen Spalt der Balkontür herein geschlichen und im Zimmer herrschen Temperaturen um den Gefrierpunkt – zumindest gefühlt. Ich überlege kurz ob ich mich auf den Weg mache die Tür zu schließen, entscheide mich aber schlaftrunken dagegen, ziehe den abtrünnigen Fuß wieder in die Wärme und schlafe beinahe umgehend wieder ein.

Als ich ein paar Stunden später die Augen aufschlage, ist der Morgen gerade dabei, klammheimlich ins Zimmer zu kriechen. Die Schwärze der Nacht befindet sich auf dem Rückzug und hinterlässt am blassen Horizont gerade noch einige wenige Nebelschwaden, doch dahinter schimmert bereits das blasse Rosa eines wolkenlosen Tages. Noch herrscht diese wundervolle Stille, die solch frühen Morgenstunden nur allzu eigen ist. Gut gelaunt schwinge ich die Beine aus dem Bett, überprüfe kurz den Überlebensstatus meines nächtlichen Störenfrieds und bemühe die Nespresso-Maschine. Dick eingemummelt sitze ich wenige Minuten später auf dem Balkon während sich am Himmel schon rege Betriebsamkeit breitmacht. Bei Kaffee und Zigarette lausche ich dem Gekreische der Möwen. Die Viecher sind offenbar schon putzmunter und scheinen sich neben Ihrer Morgentoilette schon ganz aufgeregt den neuesten Gossip zu erzählen. Ich folge Ihrem Beispiel, mache mich fertig und auf den Weg ein wunderbares Frühstück zu genießen.

Wenig später bin ich so derart vollgefressen, dass ich einige Mühe habe, die 8 Schichten Klamotten über meinen Kadaver zu ziehen. Aber das Spektakel ist alternativlos, denn der Wetterbericht sagt einen wolkenlosen, sonnigen Tag voraus – allerdings mit reichlich Wind und nicht mehr als 3 lausigen Grad Celsius. Da heißt es mehr als dick einpacken, wenn ich auf meinem geplant tagesfüllenden Strandspaziergang nicht erfrieren will. Ich fühle mich wie ein Michelin-Männchen, als ich kurz darauf das Hotel verlasse: Mehrere Schichten Klamotten, Mütze, Schal und Wintermantel samt Fellgefütterter Kapuze. (Ich ahne da noch nicht, wie dankbar ich später für dieses Outfit sein werde). Für den Moment ziehe ich mir jedenfalls erstmal die Sonnenbrille ins Gesicht und stapfe los Richtung Deich, nicht ohne mir beim Fish-Truck noch ein Heringsbrötchen als Deckschicht aufs gerade mal bestenfalls anverdaute Frühstück zu legen.

Die nächsten Kilometer vergehen ungestört, in absoluter Gleichmäßigkeit, Ruhe und Entspannung. Es gibt einfach nur seeeehr wenig auf der Welt, das mich so umfassend mit Freude und Frieden erfüllt wie in Spaziergang am Strand. Ein paar andere Spaziergänger kreuzen meinen Weg ebenso wie Reiter, Hunde und einiges angeschwemmte Strandgut.

Kilometerweit geht es geradeaus. Nichts als den Horizont vor Augen, den Wind um die Nase und das Rauschen der Brandung in den Ohren. Gut, ich gebe zu: Der Wind heute ist etwas mehr und etwas kälter als es meine übliche Comfort-Zone gern hat, aber in DEM makellosen Sonnenschein und mit der Klamotte will ich mich nicht beschweren.

Knappe 2 Stunden später erreiche ich Katwijk und klettere über den Deich in Richtung Stadtkern. Zwischen den alten Häusern der Fußgängerzone ist es windstill und ich kann zum ersten Mal die Mütze abnehmen. Mein Ziel, einen Platz an der Sonne in einem der zahllosen Cafés zu ergattern, ist schnell erreicht. Eine kleine, windstille Holzbank vor einem kleinen Kaffeeladen lädt zum Verweilen ein. Ich wickle mich aus meinen Schichten, bestelle Kaffee und eine große Flasche Wasser, die beinahe in einem Zug geleert wird. Meine Fresse – so salzige Luft macht echt durstig…! Als die nötigsten Grundbedürfnisse befriedigt sind meldet sich brummelnd mein Magen. Offensichtlich ist Durst nicht das einzige Problem, was von Bewegung an der frischen Luft verursacht wird. Also zahle ich und laufe ein paar Meter weiter zum „Visrestaurant Schuitemaker“, seit ich denken kann DIE Adresse für – Achtung Spoiler – Fisch…!

Die meterlange Auslage biegt sich förmlich unter dem ganzen Getier. Frische, ganze Fische, Fisch-Filets aller Art, Meeresfrüchte, Austern, Krustentiere, Zig Sorten von Fischsalaten und Heringe in jeder nur erdenklichen Form: Gebraten, gepökelt und mariniert warten sie nur darauf, von einem hungrigen Maul zum Verzehr auserkoren zu werden. Mir läuft augenblicklich das Wasser im Mund zusammen. Das Restaurant ist leider zur Mittagszeit wie üblich bis auf den letzten Platz besetzt – aber das stört mich nicht weiter.

Ich stelle mir eine Auswahl „To-Go“ zusammen (wobei ich mich sehr am Riemen reißen muss, nicht meinem üblichen Problem „da sind die Augen größer als der Bauch“ zu erliegen) schlage mein Lager an einem der Stehtische im Foyer auf und genieße Krabbensalat, Hering, eingelegte Meeresfrüchte & Co. Besser als hier kann man Fisch einfach nicht essen und ich wiederum könnte einfach nicht zufriedener sein.

Es ist kurz vor ein Uhr als ich mich auf den Rückweg mache. Eigentlich bin ich voller Vorfreude auf noch mehr Strand – aber diesmal hab ich die Rechnung ohne die Sonne, den Wind und die Gezeiten gemacht. Da, wo auf dem Hinweg bei Ebbe noch ein breiter Streifen fester Sand meine Spur vorgegeben hat, ist jetzt die Flut drübergeschwappt, heißt: Laufen muss ich nu im tiefen, weichen Sand. *hmpf* aber das soll ja bekanntlich n straffen Hintern geben. Derart selbstmotiviert stapfe ich los. Hält leider nicht lange, denn auch der (nach wie vor recht stramme) Wind ist gegen mich. So schön wie er mich auf dem Hinweg geschoben hat, so hindert mich die steife Brise nun am nennenswert Vorankommen.

Ich bin sehr sicher, für die anderen Passanten eine sehr belustigende Figur abzugeben. Gefühlt stapfe ich um 45° gegen den Wind gebeugt über den Strand. Vorne reißt mir der eiskalte Wind die Schnoddertropfen von der Nasenspitze, bevor sie festfrieren können und hinten brennt mir der Planet derart auf den dick vermummten Buckel, dass mir unterm T-Shirt die Soße literweise den Rücken runterläuft.

Zu allem Überfluss plagt mich weiter unten das Gefühl, dass meine Zehen – wären sie etwas gelenkiger und nicht so dick besockt – in den Schuhen kleine Sandburgen bauen könnten. Ich gebe zu: Da hat der Spaß irgendwie ein Loch. Aber nur ein ganz kleines, denn beim Gedanken an mein äußeres Erscheinungsbild bekomme ich selbst einen Lachflash. Der und die Alternativlosigkeit treiben mich am Ende weiter, bis ich kurz vor Noorwijk einen leeren Liegestuhl in der ersten Reihe in meiner Lieblingsstrandbar erspähe.

Schnaufend lasse ich mich fallen. Was für ein Tag bisher….! Ich bin komplett außer Atem und dankbar, dass ich hier im Außenbereich meine Drinks online bestellen kann ohne reden zu müssen. Ich bin sicher bei meinem Gejapse hätte jeder Kellner Mühe mich zu verstehen. Aber so wort- und kontaktlos geordert, stehen bald Kaffee, Wasser und ein großes Glas Sauvignon Blanc vor meiner Nase, geben dem freien Blick aufs Meer den absolut letzten Schliff und krönen den Nachmittag.

Als die Getränke leer sind bin ich zwar muskulär wenig motiviert mich zu erheben – aber so langsam bin ich durchgefroren und die Aussicht auf ein bisschen Sauna und Spa bringt den letzten, erbärmlichen Rest Willenskraft um sich zu erheben ans sich langsam verabschiedende Tageslicht.

Der Weg zum Hotel ist nicht weit, das große Spa wiederum gleich nebenan. So dauert es nicht lange, bis ich im heißen Whirlpool leblos vor mich hintreibe – gefolgt von Dampfbad und Biosauna. Das anschließende Schläfchen auf der Ruheliege ist mit absolut rein gar nichts zu vergleichen und als ich irgendwann aufwache, spüre ich genau DIE Menge Lebensgeister und Hunger in mir, die es braucht um mich auf den Weg zum Abendessen zu machen. Selbiges findet heute im Hoteleigenen Beachclub statt.

Nachdem gestern Fleisch auf der Karte den Ton angegeben hat, ist es heute Fisch. So schwelge ich bei einem weiteren Glas Weißwein und gutem Essen in den Erinnerungen des Tages während draußen vor dem Fenster die Sonne langsam im Meer versinkt.

Dies wird sicher wieder einer dieser „Take Away Moments“ werden. Geplant war das hier alles etwas anders – aber so anders es gekommen ist, so dringend habe ich genau das hier gebraucht und so wundervoll war es auch.

Mehr kann man aus einer kleinen Auszeit einfach nicht machen!

Danke Noordwijk, Du warst einfach nur #MEMORABLE! ♥️

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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