Ab heute geht Jeder nochmal ein paar Tage seiner eigenen Wege. Nicht zuletzt weil mein Rückflug ab L.A. gebucht ist, der meiner Eltern ab San Francisco. Mama und Papa werden also noch ein paar Meilen nach Norden zurücklegen und dann zum Abschluss noch 3 Tage in San Francisco verbringen – Mamas absolutem Sehnsuchtsziel. Cable Car fahren, Chinatown besuchen, Lombard Street bestaunen und ein Tagesausflug nach Sacramento – auf meine Empfehlung hin – ist auch geplant. Mich hingegen zieht es zurück in die südlicheren Gefilde. Nicht nur wegen der Strände und des wärmeren Wetters – sondern auch, weil ich Morgen noch einen Besuch bei Freunden geplant habe, die dieses Jahr aus München für zwei Jahre ins Temecula Valley gezogen sind.
Somit startet der Morgen zwar wie zuletzt gewohnt mit blauem Himmel und den ersten Strahlen einer aufgehenden Sonne – Mit unseren (oder zumindest meinen) Gefühlen sieht es da jedoch etwas anders aus: Heute ist Abschied nehmen angesagt. Bin ich ja bekanntlich echt nicht so gut drin. Und dementsprechend liegt mir das auch schon beim Aufwachen wie ein Stein im Magen. Auschecken – Einladen – alles heute sehr freudlos. Ich muss gegen die Tränen kämpfen, als ich meine Eltern in der örtlichen AVIS-Mietwagenbude absetze, wo sie für die kommenden Tage Ihr eigenes Vehikel gebucht haben. Umladen. Handy am Karren einrichten. Eine letzte gemeinsame Zigarette. Und dann gib es keine Ausreden mehr…. Als die Beiden winkend vom Hof fahren sitze ich erstmal ein paar Minuten ebenso reglos wie traurig hinterm Steuer.
Sicher, die letzten Tage waren mitunter auch mal anstrengend und hin und wieder gab es Anzeichen eines Vorboten von einem Lagerkoller. Aber am Ende überwiegt einfach tausendfach das Schöne und vor allem das Lustige. Es waren denkwürdige, herrliche Tage und eine absolut einmalige Erfahrung. Die Erinnerung an jeden einzelnen Tag werde ich mitnehmen. Für immer..!
Für den Moment bleibt mir aber nichts anderes übrig als diesen dicken fetten Kloß aus Stahl in meinem Hals hinunter zu schlucken, mir diese blöde verirrte Träne aus dem Augenwinkel zu blinzeln und meinen Weg alleine fortzusetzen.
Bevor ich Morgen Abend mit meinem ganzen Prött bei meinen Freunden aufschlagen werde erwartet mich noch eine Zwischenübernachtung in Cambria. Die Strecke im Ganzen wäre einfach zu weit gewesen. Da der Highway nach wie vor gesperrt ist und ich wenig bis gar keine Lust verspüre, die gleiche Umleitung wie auf dem Hinweg zu nehmen, einscheide ich mich heute für die (wie so oft schöneren) Backroads. Morgen habe ich viel Strecke zu machen, aber nicht heute – und so habe ich mehr als ausreichend Zeit, ganz gemächlich durchs Hinterland zu tuckern.

Die Straßen sind wie erwartet wunderschön und folgen dem stetigen, sanften Auf und Ab der umliegenden Hügel. Von der Sonne verbranntes Gras schmiegt sich an die Anhöhen, dazwischen säumen schier endlose Zaunreihen den Weg. Hier und da sonnt sich eine Rinderherde. Alle paar Meilen lugt das Dach einer Scheune hinter einem Hügel hervor, daneben zumeist ein kleines Haus. „Unsere kleine Farm“ scheint hier bei der Besiedelung wahrhaftig Volkssport gewesen zu sein. Die meisten Dächer sind rostig, die Fassaden von der Sonne völlig ausgeblichen, die Einfahrten sind staubig. Es ist genau soviel Klischee, wie man sich hier wünscht: Country-Romantik vom Allerfeinsten und zwar: Soweit das Auge reicht.

Gedanklich schweife ich irgendwann ab. Ich erinnere mich – besonders bei dieser Szenerie – daran, wie Papa immer wieder ungläubig darüber gesprochen hat, wie die Siedler das alles hier damals mit dem Planwagen zurückgelegt haben. Ungefedert, ohne Kühlbox und immer mit dem Risiko, Ihren Skalp hinter dem nächsten Kaktus zu verlieren. Ich vermisse diese sonst so allgegenwärtigen Kommentare im Auto gerade schmerzlich…
Alsbald habe ich jedoch keine Zeit mehr für Trübsinn: Meine Konzentration wird verlangt. Ich fahre nämlich gerade offensichtlich durch „Potholehausen“. Meine Fresse – hat das hier Schlaglöcher…! Um keinen Achsbruch zu erleiden bin ich gezwungen, hier und da Schlangenlinien zu fahren. Erschwert wird das Ganze natürlich durch die nicht vorhandene Fahrwerks-Kompetenz meines Boliden – und natürlich durch die entgegenkommenden Fahrzeuge, die ihrerseits auch Slalom fahren. Uiuiui! Wenn die anderen Straßen vorher auch so ausgesehen habe, dann verstehe ich, warum uns alle Nase lang eine Sperrung mit dem semi-humorigen Kommentar „Your Tax Dollars at work“ begegnet ist.
Kurz bevor mir die Arme abfallen erreiche ich dankenswerterweise mein Tagesziel: Cambria! Ein winziger Küstenort wie aus dem Bilderbuch. Mein Hotel liegt direkt am Strand. Es ist windig und ziemlich kalt, aber ich kann nicht umhin noch einen ausgiebigen Spaziergang zu unternehmen – Sundowner über der Felsenküste inklusive. Das Schauspiel ist wirklich sehenswert.



Nachdem die Sonne untergegangen und die Dunkelheit heraufgezogen ist überlege ich, wie ich meinen Abend gestalten soll. Essen aufs Zimmer odern oder ausgehen? Ich entscheide mich für letzteres, besteige nochmal den Truck und fahre ein kurzes Stück nach „Downtown“ – was hier soviel heißt wie eine einzige kleine Straße, auf der die Uhren wohl vor Jahren stehen geblieben sind. Ich hin durchaus angetan!
Ich wähle einen kleinen, sehr kuschelig anmutenden Pub mit Butzenfenstern. Als ich die Tür öffne, werde ich sogleich sehr herzlich begrüßt. Zu meinem großen Glück ist gleich neben dem Fenster ein kleiner Tisch frei, an dem ich mich nur allzu gerne niederlasse. Meine Appetit ist nach dem Sturm-Spazierganz ähnlich groß wie meine Freude, als ich auf der Karte eines meiner Lieblingsgerichte erspähe: Southern Style Cajun Pasta – Nudeln, Shrimps, Räucherwurst und scharfe Tomaten-Hummer-soße. Dazu ein Salat. Bis dato ist mir gar nicht aufgefallen, wie mir der Magen knurrt. Mit reichlich Speichelfluß gebe ich also meine Bestellung auf und sehe mich ein wenig in dem sehr urigen Laden um.
Hinter der Theke eine Frau mittleren Alters – Typ: Dolly Parton. Ein absolutes Original und offensichtlich die geborene Bartenderin. Sie schmeißt sie den ganzen Laden – und das wohl schon eine ganze Weile. Ihr Mann steht in der Küche. Aus den Lautsprechern tönen Oldies. Ich erkenne jeden einzelnen Song sofort, summe bei den Schnulzen der Drifters mit und nippe hier und da an meinem Bier. Über mir flackert die Leuchtreklame, vor mir verbreitet die schon leicht weihnachtliche Lichterkettendekoration des Fensters eine äußerst gemütliche Atmosphäre. Kleinststadt-Romantik wie aus dem Bilderbuch. Ist DAS schön…!

Draußen pfeifft der Wind und vor mir dampft alsbald mein Essen. Es ist absolut köstlich, das hausgemachte Ranch Dressing gehört zu den Besten die ich je hatte und die fein austarierte Schärfe der Shrimps ist genau das, was es an einem so kalten, dunklen Abend braucht.
Ich bin absolut schockverliebt und könnte ewig hier sitzen bleiben, doch die Müdigkeit und das Fresskoma treiben mich alsbald in mein Bett.
Morgen wird ein langer Tag.
So, let´s call it a #MEMORABLE day….