Eigentlich wäre gestern am späten Nachmittag ja noch der „17 Mile Drive“ auf der Liste gestanden. Da wir aber ja nu Dank des ZONK zusätzliche Zeit für die Umleitung aufwenden mussten, wurde dieser Tagesordnungspunkt auf heute verschoben. Somit erwartet uns an unserem letzten gemeinsamen Reisetag ein recht sportliches Programm: 17 Mile Drive, Redwood State Park und am Abend der Broadwalk in Santa Cruz. Und so stehen wir in aller Früh schon beim Morgenritual draußen, während die ersten Sonnenstrahlen uns noch müde entgegengähnen.
Wenig später sind die Hausstände verladen und wir brechen auf. Der 17 Mile Drive ist eine schön angelegte Route durch einen kleinen Küstenzipfel bei Pebble Beach. Rechts und links der Straße finden sich verschiedene, kleine Sehenswürdigkeiten wie Panoramen, Felsformationen, Wildlife, Klippen und beachtenswerte Vegetation. Alles liebevoll angelegt zwischen den schönsten Grundstücken und Immobilien, die sich das wunder Oberstübchen überhaupt hätte ausmalen können.

Mit dem verschmerzbaren Eintritt erwirbt man nicht nur das Recht zur Durchfahrt, sondern bekommt obendrein eine Karte, auf der die relevanten Stops & Spots durchnummeriert und eingezeichnet sind. Derlei ausgestattet kann man somit eine Art „Sightseeing-Schatzsuche“ starten.
Am ersten Stop ist der Morgennebel gerade erst dabei, die kleine Felsküste und den angrenzenden Wald aus seinem Griff zu entlassen. Wie faule Geister liegen hier noch die Reste der weißen, nächtlichen Kälte auf den Bäumen und saugen gierig die ersten Sonnenstrahlen in sich auf. Ein Anblick wie aus einer Fabel. Einfach nur traumhaft schön – und friedlich.


In den nächsten eineinhalb Stunden kriegen wir des öfteren die Kinnlade nicht mehr nach oben. Die haben sich hier echt nicht lumpen lassen..! 10 Mal würden nicht reichen um zu zählen, wie oft wir uns sagen, dass man wohl irgendwie alles richtig gemacht hat, wenn man hier wohnt.

Irre auch, welche Haus gewordene Unglaublichkeit sich manche Menschen hier in den Fels gebaut haben. Wir kommen aus dem Bauklötze staunen nicht mehr heraus. Insbesondere nicht, als wir den wohl bekanntesten Stop erreichen: „The Lone Cypress“. Ich hatte schon Sorge, auch sie könnte „Hillary“ zum Opfer gefallen sein. Aber das zähe Gewächs empfängt uns genau so, wie ich sie 2016 dort zurückgelassen habe: Einsam und majestätisch thront der Baum auf seiner Klippe, trotz den Gezeiten und offensichtlich auch allen Wetterkapriolen. Good Girl!

Andächtig stehen wir noch eine Weile am Aussichtspunkt bevor wir uns auf den Weg machen, den 17 Mile Drive zu verlassen. Unsere heutige Route wird uns am Ende des Tages nach Santa Cruz führen – aber vorher nehme ich meine Passagiere noch mit in den „Redwood State Park“, eine Ansammlung der wohl beeindruckendsten Bäume auf dem Planeten. Hier stehen verschiedene Wanderrouten zur Auswahl. Von „ich will nur mal kurz gucken“ bis hin zu „ich hab den ganzen Tag Zeit und die stabilen Wanderschuhe an“ ist alles dabei. Erfreulicherweise haben die hier den kleinen Loop, eine Meile lang für die Eiligen und Anfänger, gleich durch das Gebiet mit den größten Bäumen gelegt. Sehr clever – der Ami an sich ist ja bekanntlich eher Fußfaul.
Gleich zu Beginn begrüßt uns eine ausgestellte Scheibe eines Redwood-Trees. Beeindruckend: Hier hat man die großen Weltereignisse an die entsprechenden Ringe des Koloss geheftet. Und mit „große Ereignisse“ meine ich jetzt wirklich sowas wie „Jesus Christus wurde geboren“ … So bekommt man einen doch sehr plakativen Eindruck davon, wie man das Alter der Bäume einsortieren muss.

Ein paar Meter später begegnen uns dann auch gleich die ersten Riesentrümmer. Meine Fresse – ich hatte wirklich vergessen, wie unfassbar monströs groß diese Dinger sind.


Ich bin ja sonst kein Fan von Selfies oder meinem eigenen Kadaver auf irgendwelchen Bildern – aber hier MUSS ich einfach eine Ausnahme machen.

Als wir hier dachten, wir hätten alles gesehen kommt aber tatsächlich ein Parkranger und setzt noch einen oben drauf: Er bittet er uns ihm zu folgen. Eigentlich waren wir schon auf dem Rückweg, aber der Stolz in seiner Stimme macht es uns unmöglich ihm diese Bitte abzuschlagen. Und so enden wir wenig später in der unglaublichsten Umgebung in der zumindest ich mich jemals befunden habe: Im INNEREN eines knapp 4.000 Jahre alten Baums. Der Eingang, ein Loch zwischen den Wurzeln, war etwas niedrig und eng – aber im Inneren hätten locker 20 Mann oder das Münchner 20qm Standard-Appartment zu 1.500€ Kaltmiete Platz gehabt. Es ist einfach nur unglaublich…!


Der Eindruck und die Sprachlosigkeit hallen lange nach – beinahe bis wir unser letztes gemeinsames Tagesziel erreichen. Santa Cruz. Ein merkwürdiges Fleckchen. Glanz und Gloria sind längst vorüber, die Hochzeit der Abwrackung gewichen. Zwielichtig bis ins Mark und mit einer Kriminalitätsrate jenseits von Gut und Böse ist man auch hier immer mit einem Auge hinter seinem Rücken unterwegs. Aber auch hier gab es etwas, was ich meinen Eltern nicht vorenthalten wollte, wenn man schonmal hier in der Ecke ist – dazu später. Sehr tröstlich: Das County hat den örtlichen Missstand durchaus erkannt und man versucht sich an der Wiederbelebung des Ortes. Angefangen damit, dass hier gleich am Ufer wirklich tolle neue Hotels entstanden sind. Ein Bombenteil- aber das ist auch das einzig Schöne hier.
Sogar der Broadwalk, der bekannte Freizeitpark mit seinen Achterbahnen gleich an der Strandpromenade, hat geschlossen. Auf unserem Weg zum Pier passieren wir ausgestorbene Zuckerwattebuden, Loopings ohne Wagen und quietschend im Wind schaukelnde Sessel hoch oben an einem Drahtseil. Trotz aller Sonne: Ich bekomme eine Gänsehaut angesichts dieses gespentischen Ortes. Ein echter Lost Place … zumindest unter der Woche. Glaubt man den Plakaten, dann soll es am Wochenende hier immer noch rund gehen.


Wir lassen die Zwielichtigkeit schnell hinter uns und betreten das Fishing Pier. Kaum 10 Meter hinter dem Eingang ist bereits nicht mehr zu überhören weswegen wir eigentlich hier sind: Seelöwen! Ein Getöse sondersgleichen. Zu hunderten liegen die ebenso fetten wie süßen Viecher faul unten auf dem Gebälk des Piers, balgen sich um die besten Plätze, wehren nur allzu aufdringliche Paarungsangebote ab oder erzählen sich wohl einfach den letzten Gossip. Die Jungtiere spielen nachschwimmen. Lange hängen wir über dem Geländer und beobachten dieses Schauspiel bevor es uns zum Essen und zurück ins Hotel zieht.
Dort lassen wir den letzten gemeinsame Abend in dicken Polstersesseln am hauseigenen Firepit auf der hübschen Hotel-Terrasse ausklingen. Morgen werden sich unsere Wege trennen – doch für den Moment können wir einfach noch nicht aufhören, in den gemeinsamen, wundervollen Erinnerungen der letzten Tage zu schwelgen.
What an extraordinary day!
This is what I call #MEMORABLE