Als der Morgen langsam durch die Holzlamellen vor meinem Fenster kriecht und das äußerst ungnädige Gebimmel meines Weckers mich aus dem Schlaf reisst, bin ich gerade noch so gar nicht bereit für den Tag. Todesmüde hieve ich den Kadaver natürlich trotzdem ins Bad – man hat ja schließlich Pläne. Reichlich sogar. Denn heute startet die erste richtige Etappe des Roadtrips im eigentlichen Sinn.

Die Route führt uns durch die Mojave Wüste, über einen langen Abschnitt der historischen Route 66 bis hoch ins Gebirge zum Big Bear Lake. Keine Zeit also für Müdigkeit.

Bevor es losgehen kann muss allerdings erst das ganze Gepäck zum und in den Truck – und meine Passagiere wollen ja auch noch eingesammelt werden. Als ich mit unserem Reisebus die Hotelvorfahrt erklimme, sitzen die Beiden schon gutgelaunt inmitten Ihres Gepäcks in der Sonne. Dann kann es ja losgehen und wenig später verlassen wir die Stadt in Richtung Süden.

Eine knappe Stunde später erreichen wir Nipton – und damit den Punkt an dem wir die öde Interstate endlich verlassen um in die Tiefen der Mojave Wüste abzubiegen – dachten wir zumindest. Doch leider macht uns ein ordentlicher ZONK einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. An der Abfahrt erwarten uns nämlich an Stelle von Steinen und Kakteen zwei Herren in Bauarbeiterhelmen, die ein „Road Closed“-Schild in schillerndem Orange vor sich hertragen wie eine Standarte.

Mir schwant Böses, aber ich will nicht gleich gänzlich kampflos aufgeben und lasse mein Fenster runter. Doch noch bevor ich überhaupt Luft geholt, geschweige denn eine Frage formuliert habe wird uns bereits mitgeteilt, dass diese Straße unpassierbar ist. Meine naive Nachfrage, wie lange dieser Zustand anhalten würde (ich hoffte auf 1-2 Stunden) lautete die alles vernichtende Antwort „5-6 Monate“. Derlei abgeschmettert pulverisiert sich der gesamte Tagesplan innerhalb von 3 Sekunden. Eine Ausweichroute gibt es nicht. Die Umfahrung zum geplanten, westlichen Teilstück der Route 66 dauert zu lange und die beiden Jungs einfach über den Haufen zu fahren ist ja auch keine Option. Schöner Scheißdreck. So bleibt mir also nichts anderes übrig, als missmutig zu wenden und wieder auf die Interstate zu fahren. Dann halte eben so nach Barstow – und dann von Osten her an den markierten Ziel-Punkt auf der Route 66.

Die nächsten Meilen vergehen (meinerseits) schmollend und schweigend. In Barstow angekommen ist der Kaffeedurst groß und wir machen einen Stop, suchen uns ein Lokal und bestellen 3 Coffee To Go. Die optische Anmutung der Plörre, nach grob geschätzt 4 Stunden auf der Warmhalteplatte, hat eher was von Teer als von Kaffee. Und genauso schmeckt das Zeug auch, was meiner allgemeinen Stimmungsverbesserung jetzt wenig zuträglich ist. Aber auch das ist nicht zu ändern und so klettern alle Mann jetzt wieder in den Truck.

Die Route 66 wartet – leider zwangsläufig von der falschen Seite angefahren, was der Schönheit der Straße an sich erstmal keinen Abbruch tut. Sanft schmiegt sich der Asphalt in einem ständigen Auf und Ab an den staubigen und hügeligen Untergrund. Zu unserer Linken verlaufen die Schienen für die Amtrak-Giganto-Containerzüge. Jeder einzelne von denen kilometerlang – und alle 5 Minuten taucht einer am Horizont auf. Einen davon können wir uns genauer ansehen, als wir an einem Bahnübergang auf dessen Vorbeifahrt warten müssen. Das kann dauern – das Ende der Wagenreihe liegt nichtmal in Sichtweite.

Was leider auch nicht in Sichtweite liegt ist die besondere „historische Straßenmarkierung“ die ich im Vorfeld zum Objekt der fotografischen Begierde auserkoren habe. Also – irgendwo ist die sicher, aber leider nicht da, wo Google sie auf der Landkarte markiert hat. Ich suche per Sattelitenbild die Umgebung ab und werde alsbald auch fündig – leider 30 Meilen weiter. Verdammter Mist blöder. Leider fehlt die Zeit um da auch noch hinzufahren. Also muss ich mich wohl mit einem anderen, weniger auffälligen begnügen.

da unser Hotel in der entgegengesetzten Richtung liegt und es bis dahin auch noch ein gutes Stück zu fahren ist. Besonders bitter: Auf der ursprünglichen Route wären wir eh dran vorbei gekommen.

Ich bin frustriert. Da ist ja essen von Haus aus immer eine gute Idee – und Mittag ist eh lange vorbei. Ich lenke den Truck in einen Turnout. Unsere Mägen knurren und verlangen nach dem am Morgen noch eingekauften Picknick, was auch in Windeseile in den hungrigen Mäulern verschwindet. Eigentlich ganz romantisch son Wüstenpicknick – vollklimatisiert im schattigen Auto und mit Aussicht.

An Aussicht soll es uns auch später nicht mangeln. Auf dem Weg in Richtung Big Bear Lake führt die Route über eine wirklich atemberaubende Bergstraße. Die Aussicht ist einfach nur gigantisch. Gleiches gilt für den Big Bear Lake selbst.

Am Tagesziel angekommen könnte der Kontrast zu Wüste und Vegas nicht größer sein – und das nicht nur in Bezug auf die Ruhe und das saftige Grün der Bäume, sondern vor Allem in Bezug auf die Temperaturen. Bei 35 Grad weggefahren, und hier oben hat es gerade noch 13. Voraussage für die Nacht: Magere 9. Unsere Gänsehaut beim Aussteigen könnte glatt ohne uns zum Check-In gehen.

Als wir das – heute gemeinsame – Zimmer beziehen, schaue ich in bange Gesichter angesichts der dünnen Laken auf den Betten. Ne ordentliche Winterdaune wäre hier sicher etwas angebrachter als diese ömmeligen Wolldecken. Da wird heute Nacht wohl mal die eiserne Regel „keine Socken im Bett“ gebrochen werden müssen.

Wir lassen diesen überraschungsreichen Tag im wirklich schönen, urigen örtlichen Pub bei heißer Suppe und kaltem Bier ausklingen. Als wir schließlich zu unserer Lodge zurückkehren, gefriert sogar der Atem schon in der eiskalten Luft.

Schlussendlich endet dieser Tag also genau so, wie er angefangen hat:

Nichts für Anfänger, aber definitiv #MEMORABLE.

Veröffentlicht von neckimessergabel

*underconstruction*

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