Eigentlich hatte ich ja nie Probleme mit dem Phänomen Jetlag. Ich hab immer nur erstaunt gelauscht wenn meine Kollegen auf Dienstreisen von Ihren Seichtschlaf-Wach-Eskapaden erzählt haben. Nun…. der Luxus, dass dieser Kelch immer an mir vorüber gegangen ist, scheint der Vergangenheit anzugehören. Entweder werde ich einfach nur alt oder das gestrige Ensemble aus Schlaf-Stress-Flug-Schlaf-immernochFlug-Stress-Autofahrt-Schlaf-9h Zeitverschiebung war vielleicht doch ein wenig zu viel – sogar für meine üblicherweise durch nichts zu beeindruckende innere Uhr.
Nachdem ich kurz nach 21 Uhr das Kissen geküsst habe sitze ich um 01:00 zum ersten Mal hellwach im Bett. Aber es gelingt mir mich nochmal auf die andere Seite zu wälzen und einzuschlafen. Leicht zerknittert erwache ich wenig später in dem bitteren Irrglauben, es wäre nun der Morgen angebrochen. Eine Sekunde später fällt mein Blick auf den Drecksack von Digitaluhr der mir unbeeindruckt und leuchtend eine Zeit von 03:08 anzeigt.
Chancenlos gegen das endgültige Erwachen gebe ich nach, schwinge die Beine aus dem Bett und mache erstmal Kaffee. Ich bin hin und hergerissen was ich nun mit den extra Stunden anfangen soll, vertage die Entscheidung aber auf draußen beim obligatorischen Morgenritual „Kaffee/Kippe“.
Die Luft ist herrlich warm, ganz weit hinter dem Horizont zeigt sich das erste tiefe dunkelrot des nahenden Sonnenaufgangs, ein paar Grillen spielen noch die Ausläufer ihres gestrigen Konzerts (oder die haben auch Jetlag – man weiß es nicht) und hier und da krabbelt ein dicker Käfer über den Asphalt.
Im Morgendunst dieser Wüstenromantik tue ich zunächst einmal … gar nichts. Ich süppel meinen Kaffee und schaue verzückt in den Himmel. Doch alsbald tut mir der Hintern weh. In Kalifornien ist Körperkult trumpf und rauchen maximal verpönt. Daher befindet sich die „Smokers Zone“ immer am Arsch der Welt und ist überdies selten mit dem Komfort einer Sitzgelegenheit ausgestattet. Somit heißt es hier: Schneidersitz auf dem Asphalt ist das neue Loungesofa. Ich trolle mich vorerst und gebe meinem Allerwertesten einen Moment des Aufatmens.
Wenig später und nach einer Runde im Gym plane ich bei Kaffee und Rührei mit Bacon meinen Tag. Auf der Liste für heute: Ein paar Einkäufe und eine Verabredung zum Lunch in einem sehr schönen Lokal in Venice.
Für den Weg zurück nach LA wähle ich die gleiche Route wie gestern – durch die Berge. Bei Tageslicht betrachtet sind An- und Ausblick noch sehr viel beeindruckender als gestern Abend. (Kunststück 😂)


Der Verkehr ist ordentlich. Ganze Hundertschaften an Sportwagen und Mopeten knallen laut brüllend die Bergstraße rauf und runter. Und sogar hier oben in der gleißenden Sonne finden sich haufenweise von diesen Knalltüten, die meinen, mit dem Rennrad bergauf keuchend und pfeifend die halbe Fahrspur verstopfen zu müssen. Allerdings machen sie der heranrauschenden Schrankwand bereitwillig Platz.
Schlussendlich nehme ich die Abzweigung Richtung Santa Monica – und lande mitten in Beverly Hills, wo ich aus dem Staunen nicht mehr rauskomme. Hier erinnert nur wenig an den schmutzigen Rest von L.A. und an das Elend in diesem Moloch, der mir noch nie wirklich gefallen hat. Hier im sagenumwobenen Viertel der Schönen und Reichen ist alles auf Hochglanz poliert. Ich war zwar 2016 schon einmal hier, aber dennoch hinterlassen Häuser und vor selbigen geparkte fahrbare Untersätze (selten einzeln) meinen Mund sperrangelweit offen. Was sich in und auf den Vorgärten und Gehwegen abspielt ist das reinste Klischee: Geschäftige mexikanische Gärtner, verzweifelt an einem Dutzend Hunde hängende „Dogwalker“ und haufenweise braungebrannte Joggerinnen mittleren in allzu knapper Sportbekleidung. Müssen wohl die Hausherrinnen der anliegenden Villen sein – arbeiten müssen die sicher schon lange nicht mehr.
Das Navi reißt mich aus meinen Gedanken und erinnert mich ans Abbiegen. Ich verlasse Beverly Hills und komme alsbald nach Venice wo ich mich in der Nähe des Lokals, nur wenige Meter entfernt vom berühmt berüchtigten Venice Beach, mit der Aufgabe konfrontiert sehe für meinen überdimensionierten Truck in den engen Straßen einen Plätzchen zum Abstellen zu finden. Einparken für Fortgeschrittene würde ich sagen.

Ich hab noch etwas Zeit und so mache ich einen kurzen Spaziergang am Venice Beach. Ein merkwürdiger Ort ist das (und war es auch damals schon). Alles ist so fröhlich und bunt – und gleichzeitig so zwielichtig und dreckig.


Wie im ganzen Rest von Kalifornien ist auch hier der Geruch von Marihuana allgegenwärtig. Man ist stoned. Alle. 24h lang. Und wer nicht selbst mit ner Tüte durch die Gegend rennt wirds schlicht vom Einatmen. 😂 Vielleicht fällt deswegen niemandem auf, wie es hier wirklich aussieht…

Der frühe Nachmittag vergeht wie im Flug in einem tollen Restaurant bei einem sehr guten Essen in herrlich erfrischender Gesellschaft. Das absolute Tages-Highlight: Eine Runde in einem 1957er Ford Thunderbird Cabriolet durch Santa Monica. 😍

Am späten Nachmittag mache ich mich wieder auf gen Norden – zurück ins Hotel. Diesmal wähle ich den schnelleren Weg über die Interstate. Und sogar die hat landschaftlich ne Menge Ausblick zu bieten…!

Gegen 19:00 bin ich wieder im Hotel und verstaue noch die Einkäufe. Nachdem ich jedoch seit 03:00 Morgens auf den Beinen bin ich todmüde und folge schon um nichtmal 20:00 dem süßen Lockruf meines Bettes.
Das war mal ein fulminanter und ereignisreicher Auftakt!
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